Brief der Redaktion
17. Januar 1974
Liebe Leser,
Einige Leserzuschriften haben zur Tatsache, daß wir den Brief Nr.5 des hochw. Erzbischofs M. Lefèbvre unserer Zeitschrift nicht beigelegt haben, Stellung bezogen. Diese Stellungnahmen reichten vom Vorschlag, diese unsere Maßnahme den ersten Schritt der völligen Abwendung von Ecône sein zu lassen, bis zum gegenteiligen Vorwurf: Wir hätten damit dem Priesterseminar von Ecône großen Schaden zugefügt, obwohl dies doch die einzige Institution sei, die man heute als katholischer Christ vorzüglich und voll unterstützen müsse. Einer unter denjenigen Lesern aber, die in meine diesbezüglichen Worte in Nr.III/8, S.29 nicht mehr und nicht weniger hineingelegt haben, als sie ausdrücken sollten, schrieb folgendes: "Daß Sie den Brief von Mgr. Lefèbvre nicht verteilten, spricht nur für die konsequente Linie der EINSICHT. Möge Gott diesem sonst äußerst treuen Diener tiefste Einsicht und Mut zum Bekenntnis schenken." Wenn wir den Brief des hochw. Erzhischofs wegen einer gravierenden Differenz seiner darin ausgedrückten Ansicht zur bisher von uns eingenommenen Haltung nicht beilegten, so heißt dies nicht, daß wir nicht auch weiterhin den Großteil unserer Hoffnungen auf das Priesterseminar in Econe richten. Es ist dort wahre katholische Kraft am Werk. Dieser Aussage wird jeder beipflichten, der entweder unmittelbar persönlich oder aus Erlebnisberichten nahestehender Freunde den Geist kennengelernt hat, in dem in Ecône gelebt wird. Diesem Fundament kann man sich anvertrauen.
Die Zeiten aber, in denen man sich nicht durch blindes Vertrauen größten Gefahren ausgesetzt hat, sind endgültig vorbei. Das hat wohl jeder erkannt, der in echter Sorge um das eigene Heil und das der ganzen Menschheit lebt. Deshalb haben wir das Recht und die Pflicht, auf Unrichtigkeiten und Zweideutigkeiten hinzuweisen, wenn wir solche Mängel feststellen müssen. Sie stillschweigend übergehen, hieße die Verwirrung unter dem katholisch gebliebenen Volk nur größer zu machen. Aus diesem Grund erfordert auch eine in der Dezember-Nummer des FELS abgedruckte Äußerung des hochw. Erzbischofs M.Lefèbvre eine Stellungnahme. Viele unserer Leser werden diese Ansprache gelesen haben, in der Mgr. Lefèbvre u.a. von der fortgeschrittenen Obrigkeit verlangt, "das Experiment der Tradition machen zu dürfen". Er fordert die Anwendung des in der Reformkirche üblichen Prinzips des 'Pluralismus' auch auf sich und sein Priesterseminar. Und dies gerade "im Größten, im Wichtigsten, im Schönsten, im Vornehmsten, was die Kirche besitzt", nämlich in der Feier des heiligen Meßopfers.
Wer sich auf eine solche Ebene der Argumentation begibt und die Wölfe im Schafspelz mit ihren eigenen Waffen schlagen will, setzt sich massiv der Gefahr aus, von denen mißverstanden zu werden, die auf nichts sehnlicher als auf ein klares Wort warten. Dies um so mehr, als diese Argumentationsweise (alle machen Experimente, wir wollen das Experiment der Tradition machen) die ausschließliche bleibt und anstelle der eindeutigen Feststellung steht, daß es pervers in sich ist, mit dem heiligen Meßopfer, mit dem Kreuzestod Christi "Experimente" zu machen. Außerdem ist allen, die von den Pluralisten Duldung erwarten, deutlich zu sagen, daß sie einer Illusion nachhängen und das Wesen dieses 'Pluralismus' nicht durchschaut haben. Denn die einzige Position, die der Pluralismus in seiner Absicht, alle Positionen zuzulassen, nie zulassen kann, ist die Position der Wahrheit, weil die Wahrheit die eindeutige Entscheidung fordert und den Pluralismus ausschließt.
Es ist sehr fraglich, ob eine Ausbildung, in der nicht zu einem eindeutigen begründeten Urteil über die Frage der Erlaubtheit einer Liturgiereform hingeführt wird, den Priestern, die heute den rechten Weg gehen und führen sollen, alles Wesentliche und Nötige bietet. Wenn das heilige Meßopfer das Größte, Wichtigste und Schönste der Kirche ist, dann lohnt es auch die größten und gewichtigsten Anstrengungen des Geistes, hier zur Lösung zu kommen. Auf jeden Fall aber wäre in diesem Zusammenhang wenigstens darauf hinzuweisèn, daß die eindeutig rechtgläubige, von einem heiligen Papst mit gewichtigen Worten eingeführte Form der Erneuerung des Kreuzesopfers Christi in jedem Fall vorzuziehen oder richtiger allein zu verwenden ist. Dies müßte jeder sagen, dem nur der geringfügigste Zweifel am "novus ordo" gekommen ist, auch wenn er der gewichtigen Gründe noch nicht angesichtig geworden ist, die für die Unerlaubtheit und Heterodoxie dieses neuen Gebildes sprechen.
Eine Stellungnahme ist auch zu folgenden Worten des hochw. Erzbischofs M. Lefebvre nötig: Wir sind "völlig überzeugt davon, daß wir der Hierarchie nicht ungehorsam sind, wenn wir nicht den neuen Meßordo nehmen. Und ich kann noch mehr sagen: Von diesem neuen Ordo werde ich niemals behaupten, er sei häretisch, ich werde niemals sagen, daß er nicht ein hl. Opfer sein kann. Ich nehme an, daß viele Priester - vor allem die Priester, die den alten Ordo gekannt haben - sicher die Messe mit den besten Intentionen lesen. Ich bin weit davon entfernt zu sagen, daß alles im neuen Ordo schlecht ist. Aber ich behaupte, daß der neue Ordo die Tür zu vielen Möglichkeiten und damit zu Spaltungen öffnet."
Da diese Aussage mehrdeutig ist, sind die verschiedenen Möglichkeiten zu untersuchen:
1) Der hochw. Ersbischof könnte sagen wollen, er hätte die positive Einsicht, daß und warum der novus ordo nicht häretisch ist. Deshalb wolle er auch die gegenteilige Aussage "niemals" machen. Der Satz "Ich nehme an" könnte als Begründung für die dieser Weigerung zugrunde liegende Einsicht stehen sollen: Wenn die Priester diesen novus ordo mit "den besten Intentionen" 1esen, dann sei es eine gültige Messe. - Sollte dies gemeint sein, dann ist darauf hinzuweisen, daß nach der Lehre der Kirche die subjektive Intention des Zelebranten allein n i c h t genügt, sondern daß die rechte Materie und die rechte Form für eine gültige Zelebration ebenso notwendig sind. Die Begründung genügte in diesem Fall also nicht. Es wurde schon mehrmals darauf hingewiesen, daß das entscheidende Kriterium jeder Tat, also auch der Ausarbeitung und Promulgierung des novus ordo, die ihr zugrundeliegende - und sie veranlassende Absicht, Intention ist. Nun haben aber die Autoren des novus ordo - und mit seiner Unterschrift auch der Promulgator Paul VI. - einerseits mit der zentralen Fälschung des "per voi e per tutti" in der zu allererst veröffentlichten italienischen Fassung, andererseits mit der offenen Absichtserklärung in der "Definition" dieser ‚Messe’ (Dekret der Ritenkongregation v.6.4.1969, Absatz 7 der Allg. Einführung) ihre häretische Absicht öffentlich und eindeutig zu erkennen gegeben. Damit ist der novus ordo als Ganzes aus einer häretischen Absicht heraus erzeugt und eingesetzt. Als Ausdruck, als Form einer nichtkatholischen Absicht kann er nicht rechte, gültige Form der Erneuerung des Kreuzesopfers Christi sein. Damit fehlt bei jeder Verwendung des novus ordo eines der drei notwendigen Bestandsstücke der heiligen Messe: die rechte Form. (Übrigens erledigt sich mit dem Nachweis der häretischen Absicht, die hinter dem novus ordo steht, auch die Aussage, es sei nicht alles an ihm schlecht. Diese abstrahierende Unterscheidung ist gar nicht mehr möglich.)
Die zitierte Äußerung des hochw. Erzbischofs Lefèbvre läßt sich aber auch noch anders verstehen:
2) Es könnte sein, daß S. E. bis jetzt darüber noch zu keinem sicheren Urteil gekommen ist, ob der novus ordo häretisch ist oder nicht, daß er sich aber davon ganz unabhängig entschlossen hat, "niemals" in der angeführten Weise Stellung zu nehmen. Er könnte aber nicht ausschließen, daß er später einmal zur Klarheit in dieser Frage kommt. Damit nun seine schon jetzt getroffene Entscheidung, "niemals" den novus ordo für häretisch zu erklären, richtig wäre, müßte er schon jetzt die positive Erkenntnis vollzogen haben, daß es für ihn in alle Zukunft keinen gerechtfertigten Grund geben wird, sein Schweigen, in dieser Frage zu brechen, selbst wenn er zur Erkenntnis kommen sollte, daß der novus orlo häretisch ist. Welches sollte der Grund sein? Der Bischof, unter dessen Führung die übrig gebliebenen Katholiken sich stellen sollen, sollte nicht verpflichtet sein, im Größten, Wichtigsten, Schönsten und Vornehmsten, was die Kirche besitzt, seine ihm vertrauenden Gläubigen niemals zur Warhheit zu führen?
Wir können den hochwürdigen Erzbischof deshalb nur inständig bitten, es nicht bei der gegenwärtigen Unsicherheit und Unklarheit zu belassen, sondern sich um eine klare Lösung in dieser Frage zu bemühen und ihr öffentliches Gehör zu verschaffen.
Beten wir um die Errettung aus der gegenwärtigen Prüfung, beten wir um heilige Bischöfe und Priester, besonders in unserer gemeinsamen Gebetsstunde (31.Jan., 19.30 Uhr)
Ihr
Erich Fuchs
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