AUFERSTEHUNG
Eine Osterpredigt
von Leo dem Großen
Da die Gesamtheit des Menschengeschlechts in den Stammeltern zu Fall gekommen war, wollte der barmherzige Gott dem nach seinem Ebenbild geschaffenen Geschöpfe durch seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus zu Hilfe kommen. Diese Erneuerung unserer Natur sollte mit unserem Wesen in Zusammenhang stehen! Außerdem sollte uns diese zweite Erschaffung mit noch größeren Vorzügen ausstatten, als sie uns durch die eigentliche zuteil geworden waren. Glücklich wäre gewesen, was Gott gebildet hatte, wäre es nicht von Ihm abgefallen. Aber noch glücklicher ist das, was Gott erneuert hat, wenn es in ihm verbleibt. Etwas Großes war es, von Christus die Ebenbildlichkeit empfangen zu haben, aber mehr noch ist es, mit Christus gleichen Wesens zu sein. Hat doch Der unsere Natur zu seiner eigenen gemacht, der das Maß seiner Gaben ganz nach Belieben verteilt und nie dem Wandel der Veränderlichkeit unterworfen ist, der weder unser Wesen in seinem, noch sein ËWesen in unserem aufgehen lassen wollte. Er hat unsere Natur zu seiner eigenen gemacht, der Gottheit und Menschheit so in einer Person miteinander vereinte, daß Schwachheit und Kraft verteilt waren, und weder das Fleisch durch die Gottheit unverletzbar werden konnte, noch die Gottheit durch das Fleisch leidensfähig. Er hat unsere Natur zu der seinen gemacht, der als Sprößling unseres Geschlechts zwar die Art des gemeinsamen Stammes treu bewahrte, aber die Befleckung der auf alle Menschen übergehenden Erbsünde von sich ausschloß. Schwachheit und Sterblichkeit, die nicht selbst Sünde, sondern nur Strafen für die Sünde waren, hat der Erlöser der Welt auf sich genommen, um den Tod erleiden zu können und sie in den Dienst der Sühne zu stellen. Was also bei allen anderen Menschen eine Vererbung des Fluches war, das ist bei Christus eine geheimnisvolle Wirkung seiner Liebe: Frei von Schuld bot er sich dem grausamsten aller Gläubiger dar.1) Er duldete es, daß die dem Satan diestbaren Hände der Ë Juden sein unbefleckt empfangenes Fleisch ans Kreuz schlugen. Gerade deshalb aber wollte es, daß sein Leib bis zu seiner Auterstehung sterblich sein sollte, damit für jene, die an ihn glauben, weder eine Verfolgung unüberwindlich, noch der Tod schrecklich wäre. Sollten sie doch ebensowenig zweifeln an der Gemeinschaft der Herrlichkeit, wie sie nicht zweiIeln sollten an der Gemeinschaft der Natur!
Wenn wir also, Geliebteste, das, was wir mit dem Munde bekennen, auch in unserem Herzen unwandelbar festhalten, dann nehmen wir teil am Krenze, am Tode und am Begräbnis Christi, dann auch an seiner Auferstehung am dritten Tage. In diesem Sinne sagt der Apostel: "Wenn ihr auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus zur Rechten Gottes thront! Auf das, was oben ist, richtet euere Gedanken, nicht auf das, was auf Erden ist! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr mit ihm ersche Ëinen in Herrlichkeit."2) Damit aber die Gläubigen erkennen, wie es ihnen möglich ist, alle irdische Lust zu meiden und sich zu himmlicher Weisheit emporzuschwingen, verheißt uns der Herr seinen Beistand mit den Worten: "Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!"3) Nicht ohne Grund hatte der Heilige Geist durch den Mund des Isaias gesprochen: "Siehe, die Jungfrau wird empfalgen und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emanuel geben, was verdolmetscht heißt: Gott mit uns!" 4) So erfüllt also Jesus ganz, was sein Name sagt. Er, der in den Himmel aufgefahren ist verläßt die nicht, die er an Kindes Statt aufgenommen hat. Und obwohl er zur Rechten des Vaters sitzt, ist er doch auch bei allen, die zu seinem Leibe gehören. Von oben herab stärkt uns der zur Geduld, der uns nach oben zur Herrlichkeit einladet.
Darum sollen wir auch nicht inmitten dieser eitlen Welt zu eitlen Toren werden oder, wenn uns ein Unglück trifft, verzagen; denn auf der einen Seite umschmeichelt Ë uns trügerische Lust und auf der anderen erhebt sich immer drohender Mühe und Sorge! Nein, "da die Erde voll der Huld des Herrn ist", 5) steht uns überall Christus mit seinem Siege zur Seite. So erfüllen sich seine Worte: "Seid getrost: Ich habe die Welt überwunden! 6) Mögen wir also zu kämpfen haben gegen die Liebedienerei der Welt oder gegen die Begierden unseres Fleisches oder gegen die spitzen Pfeile der Irrgläubigen, immer sei das Kreuz des Herrn unsere Waff! Wenn wir "den Sauerteig der alten Bosheit" 7) von uns fernhalten, dann feiern wir beständig Ostern. Inmitten aller Wechselfälle dieses Lebens, die so reich an den verschiedensten Leiden sind, müssen wir uns die Mahnung des Apostels vor Augen halten, der uns mit den Worten unterweist: "Die Gesinnung sollt ihr haben, die auch Christus Jesus hatte, der es, da er in Gottes Gestalt war, nicht für einen Raub hielt? Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte, indem er Knechtsgestalt annahm und so den Menschen gleich wurde und Ë im Äußeren als Mensch befunden ward. Erniedrigt hat er sich selbst, indem er gehorsam war bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen steht, damit in Namen Jesu die Knie aller sich beugen im Himmel, auf Erden und unter der Erde, damit jede Zunge bekenne, daß der Herr Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes, des Vaters, ist." 8) Das heißt: Wenn ihr das Geheimnis der großen Liebe des Herrn richtig erfaßt und euch vergegenwärtigt, was der eingeborene Sohn Gottes für die Erlösung der Menschen getan hat, dann müßt ihr dieselbe Gesinnung haben, von der Christus Jesus erfüllt war, dessen Erniedrigung kein Reicher verachten und kein Vornehmer geringschätzen darf. Vermag sich doch keines Menschen Glück zu solcher Höhe zu erhoben, daß er etwas Beschämendes darin erblicken dürfte, daß es Gott, der stets Gott blieb, nicht unter seiner Würde hielt, zum Knechte zu werden.
Nehmt euch die Taten des Herrn zum Vorbild! Lie Ëbet, was er geliebt hat, und ihr werdet Gottes Gnade in euch finden! Sehet in ihm voll Freude euere eigene Natur! Christus wurde arm, ohne seinen Reichtum einzubüßen. Er erniedrigte sich, ohne seine Herrlichkeit zu verringern, und erlitt den Tod, ohne seine Ewigkeit zu verlieren. Auch ihr müßt darum auf denselben Pfaden wandeln und in dieselben Fußstapfen treten, auch ihr müßt das Irdische verachten, um des Himmelreiches teilheftig zu werden. Wer das Kreuz auf sich nimmt, der muß seine Begierden ertöten, seinen Lastern absterben, alle Eitelkeit meiden und jede falsche Lehre von sich weisen. Wenn auch kein Lüstling, kein Schwelger, kein Hoffärtiger und kein Geiziger das Ostern des Herrn feiern kann, so hat doch niemand weniger Anteil an diesem Feste als ein Irrgläubiger, namentlich jener, der hinsichtlich der Menschwerdung des Wortes einer falschen Meinung huldigt, indem er entweder die göttliche Natur nicht voll und ganz anerkennt oder in dem Fleische nur einen Scheinleib sieht.9) Der ËSohn Gottes ist wahrer Gott, der alles, was dem Uter eigen ist, vom Vater hat. Für ihn gibt es weder Anfang noch Zeit, weder Wechsel noch Veränderlichkeit. Er ist weder von dem "Einen Gott" getrennt noch von dem "Allmächtigen" verschieden. Seit Ewigkeit ist er der eingeborene Sohn seines ewigen Vaters. Darum unterscheidet auch der Christ, der an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist glaubt, in dem Wesen des "Einen Gottes" keine Abstufungen der Einheit, wie er umgekehrt auch nicht die "Dreiheit" zu einer Person verschmelzt. Es genügt aber nicht, an dem Sohn Gottes nur die Wesenheit des Vaters zu erkennen, wenn wir nicht auch daran festhalten, daß er trotz Wahrung seiner Natur unsersgleichen ist. Jene Selbstäußerung, die er sich für die Erlösung der Menschheit auferlegt, war eine Anordnung seiner Barmherzigkeit, nicht aber eine Enteignung der Macht. Da nach dem ewigen Ratschlusse Gottes "kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben ist, um selig werden zu können, 10) nahm Ë der Unsichtbare unsere sichtbare Natur an, und wurde der, für den es keine Zeit gibt, zu einem zeitlichen, und der, für den es keine Leiden gibt, zu einem leidensfähigen Wesen. Dies geschah, nicht um die Kraft des Herrn in unserer Schwäche aufgehen zu lassen, sondern damit sich unsere Schwachheit in unvergängliche Stärke verwandeln könnte.
Deshalb wird auch das Fest, das wir "Pascha" nennen, im Hebräischen mit dem Namen "Phase", das heißt "Übergang" bezeichnet, wie dies der Evangelist in folgenden Worten bestätigt: "Vor dem Osterfeste, da Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, 11) etc." In welch anderer Natur aber als in der unsrigen hätte dieses "Hinübergehen" stattfinden können, da ja der Vater mit dem Sohne und der Sohn mit dem Vater unzertrennlich verbunden war? Weil nun "Wort" und "Fleisch" eine Person bilden, gibt es keine Trennung zwischen dem, der unsere Natur angenommen hat, und dem, was angenommen worden ist. Aus diesem Grunde Ënennt auch der Apostel in seinem bereits angeführten Ausspruche: "Darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen steht, 12) diese ehrenvolle Erhebung (des Fleisches) einen Zuwachs an Ehre für den, der es erhob. Beziehen sich doch die erwähnten Worte auf die Erhebung der angenommenen menschlichen Natur; denn wie die Gottheit vom Leibe während seines Leidens nicht geschieden war, so sollte auch umgekehrt der Leib an der Herrlichkeit Gottes ewig Anteil haben. Allen, die an ihn glauben, hat der Herr selbst den Weg zu diesem unsagbar großen Gnadengeschenk erschlossen, indem er unmittelbar vor seinem Leiden nicht nur für seine Apostel und Jünger, sondern auch für die gesamte Kirchc betete: "Aber nicht für diese allein bitte ich dich, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben, damit alle eins seien, - wie du, Vater, in mir und ich in dir -, damit auch sie in uns eins sind." 13)
An dieser Einheit können die keinen Anteil haben, die an das Oste Ërgeheimnis in seiner vollen Bedeutung nicht glauben, die also dieses heilbringende Geheimnis bekämpfen und dadurch von der Osterfeier ausgeschlossen sind. Da sie im Widerspruch stehen mit dem Evangelium und dem christlichen Glaubensbekenntnisse, können sie dieses Fest nicht mit uns begehen. Und wenn sie sich auch den Namen eines Christen anmaßen, so werden sie doch von allen zurückgewiesen, für die Christus das Oberhaupt ist. Ihr dagegen könnt bei dieser Feier mit Fug und Recht frohlocken und euch frommer Freude weiben, da ihr nichts Falsches in die wahre Lehre eindringen laßt. 14) Ihr zweifelt weder an der Geburt Christi dem Fleische nach, noch an seinem Leiden und Sterben, noch an seiner leiblichen Auferstehung. Ihr glaubt, daß Christus, ohne irgendwie von der Gottheit getrennt zu sein, wahrhaft im Schoße der Jungfrau empfangen wurde und wahrhaft am Stamme des Kreuzes hing. Ihr haltet daran fest, daß sein Leib wahrhaft im Grabe ruhte, daß er wahrhaft in Herrlichkeit auferstand und wa ˝hrhaft zur Rechten des Vaters thront: "Und von diesem Throne erwarten wir auch", wie der Apostel sagt, "den Heiland, unseren Herrn Jesus Christus, der unseren niedrigen Leib umgestalten wird, damit er dem herrlichen Leibe dessen ähnlich werde",15) der mit dem Vater und dem Heiligen Geiste lebt und waltet in Ewigkeit. Amen. _________________________________
Anmerkungen: 1) D.h. dem Satan, der durch den Sündenfall unserer Stammeltern der Gläubiger aller Menschen geworden war. Vgl. Srm. 22, 3. 2) Kol. 3, 1 ff. 3) Matth. 28, 20. 4) Is 7, 14; Matth. 1, 23. 5) Ps. 32 (33), 5. 6) Joh. 16, 33. 7) Vg. 1 Kor. 5, 8. 8) Phil. 2, 5 ff 9) Wie die Arianer und Doketen. 10) Apg. 4,12 11) Joh. 13,1. 12) Phil. 2, 9. 13) Joh. 17, 20 f. 14) Vgl. Röm. 1, 8 und 3, 4. 15) Phil. 3, 20-21.
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