DER ÄLTERE BRUDER
von Reinhard Lauth
Als der Vater aus Freude darüber, daß sein verlorengegangener Sohn um- und wiedergekehrt war, das Mastkalb schlachten, ein Freudenmahl bereiten und Musik anstimmen ließ, kam der ältere Sohn von der Feldarbeit nach Hause ärgerte sich, daß das alles für einen solchen Verschwender und Lüstling geschah, und machte dem Vater Vorwürfe.
Dieser ältere Bruder - das wird fast immer übersehen - hatte auch bereits sein Erbe angetreten. Es heißt ausdrücklich, daß der Vater ihnen das Vermögen aufteilte. Sei es nun, daß der jüngere Sohn die Barschaft bekam, sei es, daß das Vermögen gleichmäßig verteilt wurde, der jüngere Sohn seinen Landanteil aber sogleich veräußert hatte - jedenfalls gehört der andere Teil - Haus, Grund und Boden - dem älteren Bruder, der im Hause blieb. Aus dem Vorwurf, den er dem Vater wegen des für seinen Bruder veranstalteten Freudenmahles macht, ersehen wir, daß er offensichtlich trotzdem bis dahin noch nicht über seinen Erbteil verfügt hat: "Niemals hast du mir ein Böcklein gegeben, daß ich es hätte mit meinen Freunden verspeisen können!" Und der Vater sagt in seiner Antwort: "Alles meine ist ja Dein".
Dieser Sohn hat also gewählt, so im Hause des Vaters zu bleiben, daß er auch unter der Autorität des Vaters verblieb. Nicht er, sondern der Vater verfügte weiterhin über sein Eigentum. Er wollte in allem gehorsam sein. Bezeichnend ist, daß der Vater auch diesen Sohn seinem Willen entsprechend behandelt hat, ganz wie den jüngeren. Weil er im Gehorsam bleiben wollte, ordnet er im weiterhin an, was er auf dem Landgut zu tun hat, und der Sohn rühmt sich ja, daß er nie ein Gebot des Vaters übertreten habe.
Aber auch dieser Sohn hat nur scheinbar das rechte Verhältnis zur Autorität des Vaters. Er gehorcht ihm zwar äußerlich, aber innerlich kritisiert er, was der Vater verfügt hat, und aus Anlaß der Freudenfeier für seinen Bruder wird dieser Tadel laut. Auch er hat also die Autorität an sich gerissen. Sicherlich hielt er sich dazu voll berechtigt, nachdem der Vater selbst ihm ja das Familiengut als Erbe zugeteilt hatte. War er nicht vom Vater selbst zum Erben und Herrn eingesetzt, und gab ihm das nicht in Wahrheit die Verfügungsgewalt, auch wenn er sich aus Pietät äußerlich den Befehlen des Vaters unterwarf?
Dieser Sohn bedachte nicht, daß ja nicht er das Gut erarbeitet hatte, sondern der Vater, daß er also doch immer über das vom Vater Erworbene verfügte, wenn er im Hause bestimmte, was zu tun war. Wenn ihn der Vater in sein Erbe eingesetzt hat, so kann er allerdings über dasselbe vorfügen, - nur nicht gegen den Willen des Vater.
Daß er anders denkt, sehen wir aus dem Unwillen, den er über das empfindet, was der Vater angeordnet hat, das Freudenmahl für seinen Bruder, und die Vorwürfe, die er dem Vater macht. Er bezieht sich dabei auf sein Verdienst, daß er nämlich schon so viele Jahre dem Vater diene (obwohl er doch der Eigentümer sei) und immer seinen Anordnungen gefolgt sei, daß er das Beste im Hause für dieses Freudenmahl dahingegeben habe. Also bestimmt er, wenigstens in seinen Gedanken, was der Vater zu tun hat. Auch er verfügt über die Autorität, die rechtens nur dem Vater zukommt.
Jesus hat uns diese Haltung in Stufen vor Augen geführt. Er zeigt uns auch die Pächter, die einen Weinberg gepachtet haben und nun dem wahren Eigentümer keine Pacht mehr zahlen, ja den Weinberg an sich reißen wollen, selbst wenn sie deshalb den Sohn töten müssen.
Was an diesem älteren Sohn gezeigt wird, ist die Revolte von innen, die konservative Revolte, wenn ich es so nennen darf. Man dient, um sich die Autorität über das Ganze anzuverdienen. Man dient um der Usurpation willen. Es ist dies die Versuchung, der zu allen Zeiten die Kinder, die des Hauses treugeblieben, ausgesetzt sind, und der die meisten erliegen. Aus dieser Einstellung resultiert das gesamte Drama, das sich zwischen dem menschgewordenen Gott und seinem auserwählten Volk, insbesondere seinen Priestern abgespielt hat und abspielt "La maison est a moi, c'est à vous d'y sortir!" Das ist der ewige Ruf Tartuffes gegen den rechtmäßigen Herrn, dem er doch alles, was er im Hause ist und hat, verdankt.
Zur Zeit Jesu waren es die Juden, speziell die Gesetzeslehrer, Ältesten und Pharisäer, die diese Haltung bezogen. Sie seien Kinder Abrahams, sagten sie Jesus, sie brauchten keine Befreiung. "Sind wir, die Gesetzeskundigen und Eiferer, etwa blind?", fragten sie Jesus, der ihnen antwortet: "Wäret ihr blind, so wäret ihr ohne Sünde! Nun aber sagt ihr: "Wir sehen!"; darum bleibt eure Sünde." Sie stellen sich über den Sohn Gottes: "Es ist besser, daß dieser Mensch, als daß das ganze Volk zugrunde geht." Jesus sagt ihnen bei der fürchterlichen Auseinandersetzung im Tempel in der Karwoche: Das Reich wird von euch Menschenmördern genommen und ihr werdet aus dem Weinberg hinausgeworfen werden, der Weinberg aber wird anderen gegeben werden, die besser sind als ihr, mögen es auch Zollbeamte und Dirnen sein, die den Weg zurückgefunden haben. Dies aber war nur ein Grund mehr für die Juden, Jesus zu hassen. Dies Eigentum, daß sie nach ihrer Ansicht sich verdient hatten, über das sie voll zu verfügen berechtigt waren, sollte auch denen gehören - den Heiden -, die nur verschwendet und verpraßt hatten? Das sollte nicht geschehen. Mit Eifersucht wachten sie über ihren Ausschließlichkeitsanspruch.
Es gibt ein furchtbares Wort des Herrn über dieses Gottesvolk und diese Priester: daß alles Blut der Gerechten, das vergossen worden ist, von Abel bis zu Zacharias, d.i. vom ersten bis zum letzten im Alten Testament berichteten Falle, über sie kommen werde, weil sie daran die Schuld trügen. Sind denn nicht auch viele Gerechte von Heiden und weltliche Mächten getötet worden? so muß man fragen. Wieso sollen denn die jüdischen Hohepriester und Gesetzeslehrer, Pharisäer und Ältesten ausschließlich daran schuld sein? Die Antwort muß lauten: weil gerade sie, die auserwählt sind, das Kommen Gottes in diese Welt möglich zu machen, es verhindern und damit den weltlich-heidnischen Mächten jede Gewalt verschaffen, die ihnen den Mord der Unschuldigen ermöglicht.
Als Jesus in der Gründonnerstagnacht im Gefängnis des Synedrions in die Gefangenengrube, den "Bauch der Erde", hinabgelassen wurde und dort auf die Verurteilung beim Morgengrauen wartete, woran mag er da gedacht haben? Wodurch war es soweit gekommen? Weil die auserwählten Diener Gottes sich an Seine Stelle gesetzt hatten und über Sein Eigentum verfügten. Die Juden und unter ihnen insbesondere die religiösen Führer waren es, die die Erlösung verrieten. Sie haben das Himmelreich verschlossen, statt es zu öffnen, und verhindern, indem sie selbst nicht eintreten, auch, daß die anderen eintreten können. -
Der ältere Sohn ist der Sohn jenes anderen Gleichnisses, der auf den Befehl des Vaters hin zwar Ja sagt, ihn aber dann doch nicht ausführt.
Diese "konservative Revolution" hat sich in unseren Tagen wiederholt. Diejenigen, die in der Kirche geblieben sind und scheinbar nur wollten, was der Herr angeordnet hat, haben sich über den Herrn gestellt und ihren Willen an die Stelle des göttlichen Willens gestellt. Sie verfügen über Sein Eigentum. Sie setzen fest, was zu glauben ist, sie bestimmen, welche Worte der Herr zu sprechen hatte, als er seine herrlichste Gabe, das allerheiIigste Altarsakrament, einsetzte. Sie ersetzen das göttliche Wort durch ihre Auslegung und machen es so unwirksam. Sie veruntreuen das ihnen zur Verwaltung übergebenen heilige Gut. Und bei alledem gerieren sie sich immer noch als die "treuen Verwalter" ihres Herrn. Sie schlagen ihre Mitknechte, die nicht wie sie ummodeln (reformieren), und umfunktionieren und essen und trinken mit den Betrunkenen dieser Welt, weil sie schon nicht mehr daran glauben, daß der Herr selbst noch kommen wird. Sie haben das wahre Wort um die Ecke gebracht und glauben, daß nun sie die Herren des Weinbergs sind. Sie wollen keine Erlösung mehr.
Gott kommt in Sein Eigentum, und die Seinen nehmen ihn nicht auf, sie verweigern ihm, daß er noch über dies Eigentum zu verfügen hat, sie wollen ihn töten, damit sie endgültig allein mit diesem Eigentume schalten und walten können. "Geh, und komm nie wieder!" sagt Dostojewskis Großinquisitor zu Christus. "Warum bist Du gekommen, uns zu stören?" - genau die Worte der Teufel, die aus den Besessenen reden.
Als die Mutter Gottes Bernadette in Lourdes anwies, täglich die Erde zu küssen den Staub, aus dem wir sind und in den wir wieder zurückkehren werden - zur Sühne für unsere Sünden, da deutete sie auf die wahre katholische Demut, die unumgänglich ist, um nicht in die fortschrittliche oder in die konservative Revolution, in den Geist der Autoritätsanmaßung zu verfallen. Weil die Pharisäer ihre Anordnungen als die wahre religiöse Autorität hinstellen wollen, darum müssen sie die Autorität Christi als von Beelzebub herkommend verlästern. Sie sündigen wider den Heiligen Geist, eine Sünde, die nicht vergeben wird.
Die "konservative Revolte" ist um so gefährlicher, als sie unter der Maske des Gehorsams und der Autorisierung von Gottes Seite erfolgt. Der Antichrist setzt sich in den Tempel Gottes. Indem sie aus dem Heiligen Böses macht, wird ganz eigentlich sie zu den Pforten der Hölle, die die Kirche zu überwältigen drohen. Auch sagt der Herr nichts von einer Umkehr, wie beim jüngeren Bruder. Dieser hatte sein Teil vom Gut des Vaters nur an sich gerissen, umgetauscht und verpraßt. Jener hat es in seinem inneren Wesen verfälscht und das Heilige selbst veruntreut.
Paul VI., die deutschen Bischöfe und Reformpriester, das sind eben jene Usurpatoren, die sich als angebliche "Kirche" die Autorität über das WORT angemaßt haben, bis zur Fälschung des heiligsten Wortes Jesu, des Wandlungswortes, das sein Sühnopfer für uns verwirklicht. Sie sind die treulosen Verwalter, die der Herr in Stücke hauen lassen wird.
Aber wie Hitler nicht das ganze Böse und mit seinem Tode keineswegs das Böse aus der Welt verschwunden war, so sind auch Paul VI. und seine Reformpartei nicht das ganze Böse in der Kirche, und keinesweges wird mit ihrem Verschwinden das ganze Böse aus der Kirche verschwunden sein. Der teuflische Hochmut lauert auf jeden von uns! Katholisch sein, Kind Gottes sein, heißt: demütig bleiben und sich an keiner Autorität, die von Gott ist, vergreifen. Nicht die Zugehörigkeit erst zur Reformpartei macht den Sünder wider den Heiligen Geist Gottes, sondern schon die innere Überhebung, die sich die Rechte des Herrn und Vaters anmaßt. Satan ist überall tätig, aber auch Gottes Geist weht, wo er will, und er ist in denen allein wirksam, die ihn lieben.
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