DER MONAT MARIENS
2. Fortsetzung
von Kardinal John Henry Newmann (*21.2.1801 zu London +11.8.1870 zu Birmingham)
Mystische Rose
Warum wird Maria mystische Rose, auserwählte, duftige Blume der geistigen Schöpfung genannt? Sie ist unter Palmen aufgewachsen, geboren und genährt in dem mystischen Garten göttlichen Paradieses. Nachdem der Engel mit dem Flammenschwert das Paradies für uns immer verloren machte, ist er in ihrem Vaterhause und in ihrer geistigen Welt wieder vom Himmel herabgestiegen. Die Schrift spricht öfters von einem Garten, wenn sie den Himmel und seine Heiligen schildern will. Ein Garten ist ein abgeschlossener, gepflegter und für Pflanzen und Bäume, für Zierblumen und Nutzgewächse eigens bebauter Raum. Dementsprechend müssen wir auch in geistigem Sinne unter einem Garten die Wohnung glückseliger Geister und heiliger Seelen verstehen, die Blüten und Früchte zugleicn an sich tragen, Blüten und Früchte der Gnade, die schöner sind und herrlicher duften, als die höchsten Wundergärten dieser Erde, und die erlesener munden, als irdische Pflege sie zu reifen vermag.
Alles was Gott gemacht hat, verkündet den Schöpfer: Die Berge sprechen von seiner Ewigkeit, die Sonne und Stürme von seiner Allmacht und Unermeßlichkeit, die Blumen und Früchte von seiner Heiligkeit, Liebe und Vorsehung. Beide müssen der Art des Gartens entsprechen, aus der sie stammen. Man findet keine herrlichen Blumen auf nackten Felsen und keine wohlschmeckenden Früchte in der Wüste. Wenn also in mystischer Deutung Blumen und Früchte Gnadengaben des heiligen Geistes sind, dann muß unter dem Garten, der sie hervorgebracht hat, ein Ort geistiger Ruhe und Stille, des Friedens und seliger Freuden verstanden werden.
So waren unsere Stammeltern in einem Garten der Wonne, im Schatten wunderbarer Bäume, deren Früchte unsagbar mundeten. Der Baum des Lebens stand in der Mitte des Gartens, und ein Fluß bewässerte ihn. Von der Höhe des Kreuzes sprach der Herr zu dem reumütigen Schächer, daß er bald bei ihm im Paradies, also im Garten der Wonne, sein werde. Darum spricht auch der heilige Johannes in der Apokalypse vom Himmel und vom Hause Gottes als von einem Garten oder einem Paradies, in dem der Baum des Lebens beständig neue Früchte spendet.
In diesem Garten ist die unbefleckte Jungfrau, die mystische Rose aufgewachsen und gepflegt worden, um die Mutter des Allerheiligsten zu werden; Heiligkeit war ihre Nahrung von der Geburt bis zur Verlobung mit dem heiligen Joseph. Drei Jahre lebte sie in den Armen ihrer heiligen Mutter Anna, dann verlebte sie zehn weitere im Tempel des Herrn. In diesen geheiligten Gärten lebte sie gewissermaßen allein, nur ständig bewässert von dem Tau der Gnade und wie eine himmlische Blume gedeihend, bis sie die vollkommene Wohnung wurde, um den Heiligen der Heiligen würdig zu empfangen. Das war das Resultat ihrer unbefleckten Empfängnis. Die schönsten Rosen des Paradieses waren dem Froste und Rauhreif, den Raupen und Insekten preisgegeben und sind früh gewelkt. Nur Maria war von Anfang an vollkommen unantastbar in ihrer süßen Schönheit, und als der Engel Gabriel zu ihr kam, fand er sie "voll der Gnade", nämlich jener Gnade, die seit dem ersten Augenblick ihres Daseins durch heiligen Gebrauch sich vermehrt hatte, bis sie nicht mehr übertroffen werden konnte.
Verehrungswürdige Jungfrau
Verehrungswürdig nennen wir gewöhnlich das Alte, weil meist nur das Alter die Eigenschaften besitzt, die Ehrfurcht oder Verehrung erwecken.
Eine große Vergangenheit, ein vornehmer Charakter, reife Tugend, Güte, Erfahrung wecken Respekt; aber diese Eigenschaften kommen gewöhnlich nicht der Jugend zu. Nur bei den Heiligen ist dies anders. Für sie ist ein kurzes Leben oft ein langes. In der heiligen Schrift heißt es deswegen: "Ein verehrungswürdiges Alter ist nicht das der Zeit und bemißt sich nicht nach der Zahl der Jahre; die Einsicht eines Menschen wiegt graue Haare auf, und ein makelloses Leben ist hohes Alter. Wenn der Gerechte durch einen frühen Tod dahingerafft wird, so ist er in Frieden; früh vollendet, hat er viele Jahre erfüllt." (Weish. 4,7 f). Ein heidnischer Schriftsteller, der nichts von den Heiligen wußte, meinte, man müsse Kindern große Ehrfurcht entgegenbringen, weil sie noch unschuldig seien. Diese Ansicht ist allgemein verbreitet und vielfach ausgedrückt worden. Der Anblick sündenloser Menschen, d.h. der Anblick von Kindern, die noch nicht sündigen konnten, und der Zauber ihres unschuldigen Lächelns hat bisweilen genügt, um Bösewichter aufzuschrecken und in ihrem dunklen Vorhaben aufzuhalten, weil der unbefleckten Unschuld eine Majestät innewohnt, die kein äußeres Machtwort auszuüben vermag.
Wenn wir nun von dieser armen Erde zum Allerhöchsten emporsteigen und unsere Beobachtungen in gesteigerter Form auf ihn anwenden, so müssen wir sagen: Weil er ewig ist, ist er alt und jung zugleich, ohne Anfang und ohne Änderung, mit allen Vollkommenheiten der Jugend und des Alters. Er ist jetzt genau dasselbe, was er vor Millionen von Jahren war. Er ist in Wahrheit, wie die Schrift sagt: "Der Alte der Tage", und darum unendlich verehrungswürdig; gleichwohl bedarf er nicht des Alters, um verehrungswürdig zu sein, und besitzt auch nicht die menschlichen Eigenschaften, welche die heiligen Schriftsteller ihm zuschreiben, um tiefe Verehrung und heilige Ehrfurcht vor ihm in uns zu erwecken. Jugend und Alter sind bei ihm dasselbe, und seine Verehrung entspringt beiden.
Ähnlich ist es auch mit der Muttergottes, soweit überhaupt ein Geschöpf dem Schöpfer verglichen werden kann. Ihre unaussprechliche Reinheit und völlige Unversehrtheit von dem leisesten Schatten der Sünde, ihre unbefleckte Empfängnis, ihre unberührte Jungfräulichkeit, all ihre hohen Vorzüge, die sie trotz ihrer großen Jugend bei dem Gruß des Engels besaß, lassen uns tief vor ihr verneigen und mit einer Mischung von Freude und Furcht mit den prophetischen Worten der Schrift uns ausrufen: "Du bist Jerusalems Ruhm, Israels Freude und die Ehre unseres Volkes, denn der Herr hat Dich gestärkt und Dich gesegnet auf immer".
Heilige Maria
Gott allein kann das Attribut der Heiligkeit für sich in Anspruch nehmen. Darum heißt es von Ihm: "Du allein bist heilig". Unter Heiligkeit verstehen wir zunächst die völlige Freiheit von allem was eine vernünftige Natur befleckt oder herabsetzt, den äußersten Gegensatz zu aller Sünde und allen Mängeln.
Wir sagen, Gott allein sei heilig, obwohl er in Wahrheit alle seine Eigenschaften in unendlichem Maße besitzt, so daß sie, streng genommen, nur von Ihm gelten. So sagt z. B. der Herr zu dem jungen Manne: "Niemand ist gut als Gott allein". Gott allein ist allerdings auch die Allmacht, die Weisheit, die Vorsehung, Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit; gleichwohl ist seine Heiligkeit sein ganz besonderer Vorzug, weil sie nicht nur mehr als andere Attribute seine Erhabenheit über alle Geschöpfe, sondern auch zugleich mit der Verbindung den tiefen Unterschied kennzeichnet. So lesen wir im Buche Job: "Kann der Mensch gerechtfertigt erscheinen, wenn er sich mit Gott vergleicht? Kann der vom Weibe Geborene rein sein? Siehe, der Mond leuchtet nicht vor ihm, und die Sterne sind nicht rein in seinen Augen. Keiner seiner Heiligen ist unveränderlich, und sogar die Himmel haben vor ihm ihre Schatten."
Das müssen wir zunächst festhalten und zu verstehen suchen. Dann begreifen wir erst die Barmherzigkeit Gottes, daß er uns vor der Mitteilung aller anderen großen Attribute die Heiligkeit als die nötigste zuerst verliehen hat. So war Adam vom Augenblick seiner Erschaffung und über seine Natur hinaus mit der Gnade Gottes ausgestattet. Sie war ihm gegeben, um ihn unmittelbar mit seinem Schöpfer zu vereinigen und heilig zu machen. Darum wird sie auch heilige oder heiligmachende Gnade genannt, weil sie die Verbindung zwischen Gott und den Menschen herstellt. Der Mensch konnte im irdischen Paradiese Verstand, Talente, viele Tugenden besitzen, aber keine von ihnen vereinigte ihn mit dem Schöpfer. Nur die Heiligkeit vermochte das, wie der Apostel Paulus sagt: "Ohne Heiligkeit kann niemand zu Gott kommen." Als der gefallene Mensch diese Heiligungsgnade verloren hatte, behielt er noch verschiedene Gaben, er konnte in gewissem Grade noch wahrhaft, barmherzig, liebevoll und gerecht sein. Aber diese Tugenden vereinigten ihn nicht mit Gott. Es fehlte ihm die Gerechtigkeit, und darum war der erste Akt der göttlichen Güte gegen uns der, daß er uns durch das Sakrament der Taufe wieder zur Heiligkeit zurückführte und durch seine Gnade wieder die Verbindung der Seele mit ihrem Gott herstellte.
Darin liegt die Bedeutung des Ehrennamens "heilige Maria", den wir unserer Lieben Frau geben. Als Gott seinem Sohne eine menschliche Mutter bereiten wollte, schuf er sie unbefleckt in ihrer Empfängnis. Er verlieh ihr darum zuerst nicht die Gabe der Liebe, der Wahrhaftigkeit, der Demut, Bescheidenheit, Frömmigkeit, eines trauten, lieben Wesens; all diese Vorzüge wurden ihr mit der Heiligkeit gegeben und haben in ihr den Wurzelgrund. Vor ihrer Geburt, ehe sie denken, reden, handeln konnte, wurde sie als Heilige erschaffen und bekam, obwohl ein Kind dieser Erde, sofort ein Recht auf den Himmel. "Ganz schön bist Du Maria", keine Makel der Sünde war je an Dir. Darin unterscheidest Du Dich von allen Heiligen. Es gab große Missionare, Bischöfe, Bekenner, Lehrer und Hirten in der Kirche, die gewaltige Werke vollbracht und unzählige Seelen mit sich in den Himmel eingeführt haben, sie haben Unsagbares gelitten und überreiche Verdienste sich erworben. Aber wie ihr göttlicher Sohn durch seine Heiligkeit alle Kreaturen überragt, weil sie eigenen Wesens ist, so ist auch Maria durch die Eigenart ihrer Heiligkeit über alle Engel und Heiligen erhaben.
DIE VERKÜNDIGUNG
Königin der Engel Dieser grandiose Titel kann auf die Mutterschaft Mariens, d.h. auf die Herabkunft des Heiligen Geistes in Nazareth gemäß Verkündigung des Engels und auch auf die Geburt des Herrn in Bethlehem bezogen werden. Als Mutter des Herrn und seine Gebärerin stand sie ihm näher als die Seraphim, die ihn umgeben und ohne Unterlaß "heilig, heilig, heilig" singen.
Die beiden Erzengel die im Evangelium einen besonderen Dienst bei der Menschwerdung zu erfüllen hatten, waren Michael und Gabriel: Gabriel bei der Herabkunft des heiligen Geistes und Michael bei der Geburt des göttlichen Kindes. Gabriel grüßte sie mit den Worten "voll der Gnade, gebenedeit unter den Weibern" und verkündigte ihr, daß der Gottesgeist sie überschatten und der Sohn des Allerhöchsten durch sie zur Welt kommen werde. Über den Dienst des hl. Michael berichtet uns Johannes in der Apokalypse: Der Herr war vom Himmel herabgekommen, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Aber schon bei seiner Geburt erhoben sich die Mächte dieser Welt, um es im Keim zu ersticken, und machten den ersten Ansturm auf seinen Stifter. Herodes trachtete dem Kinde nach dem Leben, aber der hl. Joseph vereitelte den Plan, indem er das Kind mit Maria, seiner Mutter, nach Ägypten führte. Der Hüter und Führer des Kindes bei diesen gefahrvollen Anschlägen war, wie die Apokalypse berichtet, Michael mit seinen Engeln.
Ferner sah der Apostel am Himmel ein großes Zeichen (der Himmel, war die Kirche oder das Reich Gottes) und ein Weib, bekleidet mit der Sonne, den Mond unter den Füßen und eine Krone von zwölf Sternen auf dem Haupte, und als die Frau ein Kind zur Welt bringen wollte, erhob sich ein roter Drache, der Geist des Bösen, um den Sohn zu verschlingen. Dieser wurde aber durch seine göttliche Kraft davor bewahrt, und da wandte sich der Geist gegen die Frau; Michael und sein Anhang aber kamen ihr zur Hilfe und erfochten den Sieg. Es war ein schwerer Kampf, erzählt der hl. Schriftsteller, Michael und seine Engel stritten gegen den Teufel und seinen Anhang, bis der große Drache in die Tiefe gestürzt wurde, und nun ist die alte Schlange am Orte ihrer ewigen Niederlage. Jetzt wie damals hat die allerseligste Jungfrau Chöre der Engel zu ihrem Dienst und wird von ihnen verehrt als ihre Königin.
Spiegel der Gerechtigkeit Zunächst müssen wir den Begriff der Gerechtigkeit in der Kirchensprache feststellen; sie versteht nicht darunter den juristischen Sinn, sondern die Geradheit, Aufrichtigkeit das nach allen Seiten hin gleichmäßig sich äußernde Wohlwollen, kurz: die sittliche Vollkommenheit als Zusammenfassung aller Tugenden einer wahrhaft christlich vollkommenen Seele, so daß die Gerechtigkeit in diesem Sinne fast gleichbedeutend ist mit Heiligkeit. So versteht die Kirche es, wenn sie Maria den Spiegel der Gerechtigkeit nennt und meint also damit Spiegel der Heiligkeit, Vollkommenheit und übernatürlichen Güte. Der Spiegel ist eine der Lichtstrahlen zurückwerfende Fläche, wie unbewegliches Wasser, geschliffenes Glas oder eine glatte Eisfläche. Spiegel der Gerechtigkeit bedeutet also in der Sprache der Kirche, daß Maria den Herrn, die unendliche Heiligkeit, wiederspiegelt, so weit ein Geschöpf die Gottnatur wiederzuspiegeln oder in ihren gebrochenen Strahlen zu reflektieren vermag.
Diese Spiegelung rührt in erster Linie von ihrem intimen Verkehr mit dem Gottessohne her. Wir wissen aus dem täglichen Leben, wie diejenigen einander immer ähnlicher werden, die zusammenleben und sich lieben. Wenn solche zusammen sind, die sich nicht lieben, wie die Glieder einer uneinigen Familie, dann läßt der ständige Verkehr die Verschiedenheit desto mehr hervortreten. Aber wenn man sich liebt, wie Braut und Bräutigam, die Eltern und Kinder, wie Brüder und Schwestern oder wie wahre Freunde, dann zeigt sich im Lauf der Zeit eine ganz auffallende Verähnlichung. Man kann sich jeden Tag davon überzeugen, wie Gesichtszüge, Stimme, Gang, Sprache, selbst die Schrift einander zu gleichen oder ähnlich zu werden beginnen, und noch mehr der Geist, dessen Meinungen, Geschmack, Ziele und Strebungen immer mehr sich einander angleichen und zusammenschließen. So ist es ohne Zweifel auch in der unsichtbaren Welt der Seelen, im Guten wie im Bösen, daß die Umformung und Verähnlichung sich allmählich aber sicher vollzieht.
Nun hat Maria sicher ihren göttlichen Sohn mit einer unaussprechlichen Liebe dreißig Jahre lang geliebt und seine Wesensvollkommenheiten immer mehr in sich aufgenommen. Wenn sie vor ihrer Empfängnis des göttlichen Sohnes voll der Gnade genannt wurde, dann muß sie in dem ständigen intimen Verkehr mit ihrem göttlichen Sohne eine unfaßbare Heiligkeit und Gerechtigkeit erlangt haben, eine Heiligkeit himmlischer Art, welche die göttlichen Eigenschaften in solcher Vollkommenheit und Fülle wiederspiegelte wie kein Engel des Himmels und kein Heiliger dieser Erde, wie überhaupt keine Idee der göttlichen Natur hienieden gefaßt oder dargestellt werden kann. Darum kann sie in Wahrheit Spiegel der Gerechtigkeit, Reflex der göttlichen Vollkommenheit genannt werden.
Sitz der Weisheit Die Litanei verleiht ihr diesen Ehrentitel, weil das ewige Wort, die Weisheit Gottes, in ihr wohnt, von ihr geboren wurde, in ihren Armen ruhte und auf ihrem Schoße gesessen hat. Sie war darum in Wirklichkeit der menschliche Thron dessen, der Himmel und Erde regiert und buchstäblich der Sitz der Weisheit. Darum ruft der Dichter ihr zu: "0 reinste Mutter, Dein gesegneter Schoß ist sein erhabener Thron; wenn etwas im Himmel und auf Erden, dann ist dieser Thron des makellosen Gotteskindes würdig." Aber Maria hatte ihren Sohn nicht nur während der Jugendjahre, er gehorchte ihr auch und war ihr volle 30 Jahre untertan bis zum Beginn seines öffentlichen Lebens. Das legt uns eine ähnliche Erwägung nahe wie der Lobpreis "Spiegel der Gerechtigkeit"! Wenn der intime Verkehr mit ihrem Sohne in Maria eine unfaßbare Heiligkeit erzeugt hat, dann muß auch die Erkenntnis der göttlichen Dinge, die sie im Verkehr und in der Unterhaltung mit ihrem Sohne während all der Jahre erlangt hat, unendlich groß, tief und vollkommen gewesen sein. Wenn sie auch arm und ohne hohe Menschengüter war, so übertraf sie doch mit der Kenntnis der Schöpfung und ihrer Grundlagen die größten Philosophen, in ihrer theologischen Wissenschaft die größten Gelehrten und in ihrer Vorausschau die erleuchtesten Propheten.
Das große Thema ihrer Unterhaltung war immer wieder die Natur, die Eigenschaften, die Werte und die Vorsehung des Vaters. Der Herr verherrlichte beständig den Vater, der Ihn gesandt hatte, und enthüllte seiner hl. Mutter die ewigen Ratschlüsse und Zwecke des göttlichen Willens. Immer mehr führte er sie ein in die Tiefen seiner Lehren und erklärte ihr Punkt für Punkt die Glaubenssätze, die von den Tagen der Apostel bis auf unsere und bis zum Ende der Zeiten zunächst geprüft und gesprochen und dann als Dogmen definiert worden sind und noch bis zum Ende der Zeiten erklärt werden. Alles, was in der Offenbarung dunkel und Stückwerk ist, wurde ihr mit aller Klarheit und Ganzheit, so weit menschliche Wissenschaft sie zu selbstverständlichen Sicherheit, die dem göttlichen Lichte eigen ist, vorgestellt und vermittelt.
Ähnlich wurde sie auch über die Ereignisse der Zukunft unterrichtet. Gott gab den Propheten ihre Gesichte über das, was da kommen sollte, und die hl. Schriften berichten über diese Offenbarungen. Aber er sprach bloß in Bildern und Gleichnisscn zu ihnen. Nur einer, Moses, ist gewürdigt worden, Aug in Auge mit ihm zu sprechen. "Wenn es unter euch einen Propheten des Herrn gibt, so will ich ihm erscheinen in einer Vision und im Traume zu ihm sprechen. Nicht aber so mit meinem Diener Moses; denn ich will von Mund zu Mund mit ihm reden, und klar, ohne Rätsel und Bilder, wird er den Herrn schauen". Das war der große Vorzug des inspirierten Gesetzgebers der Juden, aber um wieviel geringer ist er gegenüber dem Mariens. Moses hatte diesen Vorzug nur in Zwischenräumen, von Zeit zu Zeit, während Maria während 30 Jahren ununterbrochen den Herrn sah und hörte, von Angesicht zu Angesicht mit ihm sprechen, ihn frei über alles fragen konnte, was sie nicht verstand oder was sie wissen wollte, u.z. mit der klaren Überzeugung, daß die Antworten, die sie erhielt, von dem ewigen Gotte herstammten, der weder lügen noch irren kann.
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