DA VERLIESSEN IHN ALLE JÜNGER UND FLOHEN.
(Matth. 26,56; Mk. 14,51)
von Ambros Kocher
Mit diesen Worten werden unsere Probleme ausgedrückt: Wir fliehen vor allem, was unsere Natur in irgendeiner Weise bedrängen könnte und unsern bequemen Alltag zu stören vermöchte. Die Jünger verlassen Jesu nicht etwa deshalb, weil sie ihn nicht lieben. Doch solche Liebe verliert an Kraft und Wirksamkeit, sobald Gefahr droht, mitsamt dem Geliebten Leiden und Qualen erleiden zu müssen. Schon der Gedanke daran, Unannehmlichkeiten entgegen zu gehen, für ein paar Stunden eingesteckt zu werden, sich Verhören unterziehen zu müssen Verachtung oder Verspottung zu erleiden, bewog die Jünger dazu, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Und das sind, wohlverstanden, die Erstlinge der hl. Kirche.
Erträglich und angenehm war es schon, Jesus als Wundertäter und gefeierten Propheten begleiten zu dürfen und in seinem Schatten zu verweilen. Hier aber sich einzumischen und sich vorzudrängen, das wäre zuviel verlangt. Vor allem die eigene Haut sichern. So bleibt der Erlöser verlassen und alleine. Wie rasch zerfiel doch der Glaube, obwohl der Meister des öfteren erklärt hatte, daß man nur durch Leiden zur Herrlichkeit gelangen könnte. Diese unsere Jünger waren gewiß gutwillige, hilfreiche (bis zu einem gewissen Grade) brave Menschen, wie etwa heute wir guten Katholiken. Jene geschult von Christus selber, diese durch Katechese, katholische Erziehung und von vorbildlichen Priestern geleitete und gestaltete Katholiken.
Wovor flohen sie denn eigentlich, jene Jünger, nachdem sie jahrelang den Wundertaten Jesu beigewohnt und seine Lehren vernommen hatten? Petrus und seine Kollegen fürchteten die Gemeinschaft jenes, der gesagt hat: Ich bin die Wahrheit. Bis an gewisse Grenzen mag man die Wahrheit annehmen und ertragen. Sie ist aber derart scharf, unnachgiebig und intolerant, daß sie Anstoß erregen muß und bei unserer gefallenen Natur notwendigerweise zum Leiden führen muß. Die Wahrheit birgt in sich bedingungslose Autorität, Diskussionslosigkeit, fordert zu Widerspruch und Verfolgung heraus. Die guten nahmen die Wahrheit bis jetzt entgegen, nun aber hieß es: "Genug": Weiter gehen wir nicht, für die Wahrheit stirbt man nicht. So liefen Petrus und seine Kollegen davon und überließen die Wahrheit ihrem Schicksale.
In solchem feigen Verhalten finden wir zu allen Zeiten den Grund dafür, daß nur ein ganz kleiner Teil der Menschen, lies Katholiken, sich dazu bereit erklären, die Wahrheit mit Leiden zu bezeugen. Das weiß auch die heutige Kirche: Deshalb schaltet man dieses Problem aus und macht den Völkern weis, die Rettung könne auch sonst vollzogen werden. So läuft auch heute ein anderer Petrus mitsamt seinen Kollogen davon. Man will die Wahrheit = Christus nicht mehr verteidigen, um nicht Unzukömmlichkeiten ertragen und große Teile des Volkes verlieren zu müssen. Mit der Aufgabe des Zwanges der Wahrheit und ihres Schutzes und wegen der Scheu vor den Folgen der Wahrheitstreue geht selbstredend jegliche Autorität auf den Hund! Klage man doch nicht so kindisch über den Schwund der .päpstlichen Autorität!
So wird Christus selber, die ewige und absolute Wahrheit und Autorität im Stiche gelassen, sie wird verraten in der Dienstbarkeit einer flexiblen Natur der Welt. Darob freut sich der Lügner von Anbeginn. Es besteht zwischen Wahrheit einerseits und Lüge und Tod andererseits kein Mittelding, keine Neutralität, keinen Mittelweg. Man kann nicht zwei Herrn dienen, Wahrheit und Lüge, Christus und Satan. Für uns Menschen gibt es hier keine andere Wahl, die Entscheidung fällt hier und heute. Wer behauptet, er besitze Glauben und Wahrheit, ist aber nicht bereit, dafür zu sterben, der dient dem Bösen. So lästert heute die Kirche den Allmächtigen in besonderer Weise, indem sie Christus, der ewigen und unbedingten Wahrheit, aus dem Wege geht, ihn verrät, und damit die Seelen der Gläubigen in den Abgrund führt.
Was heute in einer neuen "Messe" gesprochen wird, ist nicht Wahrheit; wenn es sich auch bloß um Zweideutigkeiten handeln sollte, so bedeutete sie eine Lästerung der Wahrheit, eine Lästerung gegenüber Christus. Petrus und seine Kollegen wurden sich ihres Verrates bewußt und sühnten mit dem Tode, was sie an der ewigen Wahrheit verraten hatten. Und der andere Petrus und die anderen, seine Kollegen? Wann gehen sie in sich, wann kommen die Reuetränen? Sind sie bereit, für die Wahrheit in den Tod zu gehen, deren absolute Autorität sie gar nicht mehr anerkennen, noch viel weniger verteidigen? Bisher sind sie dem Beispiele Petri nicht gefolgt, haben noch keine Tränen der Reue, außer etwa solcher der Krokodile vergossen. Wo ist jener, der die Wahrheit lehren und verteidigen sollte? Wer es trotz seiner Amtspflicht nicht tut, macht sich des Verrates schuldig. Judas wirkte durch seinen Verrat als Werkzeug der Erlösung. Wer aber unter Mißachtung der Amtspflicht die Wahrheit nicht schützt und die Häresien nicht steuert, der verrät Christus und seine Kirche. Auch diese Feststellung gehört in den Bereich der Wahrheit.
Petrus und seine Kollegen verließen den Herrn, den Weg nämlich jenen, der zum Heile führt. Sie sahen bald ihren Irrweg ein und kehrten zum einzigen gangbaren Weg zurück und beschritten ihn bis zum Tode, genau so wie ihn Christus, der der Weg ist, bis zu seinem Tode verfolgt hat. Wie solcher Weg beschaffen ist, das hat unser Erlöser selber erklärt: Er ist schmal und die Pforte ist eng. Wenige sind es, die ihn beschreiten.
Ein anderer Petrus hat mitsamt seinen Kollegen diesen beschwerlichen Weg verlassen; sie beschreiten nun die bequeme Straße an der Spitze des Gottesvolkes, wie Leithammel an der Spitze der Schafherden, sie behaupten, sie auf saftige Gefilde zu führen, gehen aber allesamt in den Abgrund. Wahrheit und Weg, wie es der Herr selber ist, führen zum ewigen Leben. Die Realität dieses ewigen Lebens ist aber für unsere Hirten eine fragwürdige Angelegenheit geworden. Ihre Wahrheit und ihr Weg führen in die "saftigen Gefilde" des Diesseits, voll Freude und Genuß, in eine bessere Zukunft, wo Friede und Gerechtigkeit herrschen, keine Rassendiskriminierung, kurz alle Menschenrechte herrschen werden. So ungefähr tönt es immer wieder aus Rom und seinen Filialen.
Was tut das in die Irre geleitete und verführte Volk? Nur allzugerne und willig folgt es in Gehorsam, dem Beispiele und der Lehre der Hirten. Diese glauben ja, das Volk dadurch in einer neuen Kirche sammeln zu können, indem sie dem Triebleben, den "Rechten" der Natur freien Lauf lassen und Belehrungen darüber erteilen, wie man Unebenheiten aus dem Wege schafft und das unzeitgemäße Leiden vermeidet. Um solches Ziel zu erreichen, bedarf es der Leugnung einer absoluten Wahrheit und einer bindenden Autorität. Entscheiden wird der neue Gott, der Mensch. Sonst aber bedarf es nicht besonderer Anstrengung, denn die Natur führt uns schon so auf den breiten Weg, durch das weite Tor. So war es von jeher und so wird es bleiben. Die Mehrzahl geht den Weg des Verderbens, weil sie Leiden und Entsagung nicht erträgt.
In diese menschliche Tiefe ist auch die offizielle Kirche abgerutscht. Das Leben soll angenehm, lebenswert, gesichert und störungsfrei gestaltet werden. Der Kampf gilt dem Leiden: Was tun wir nicht alles in diesen Belangen! Ferien, Bäderbesuch, Sauna, Erholung, Ruhe, Ent- und Ausspannung. Nein, kein Leiden mehr. Darum lassen wir uns nur ungern an einen Kreuzweg Christi erinnern. Das Leiden ist in den Augen der heutigen Menschheit das Übel an sich. Nur kein Kreuz! So dachte wohl auch ein Simon von Cyrene als man ihm das Kreuz Christi auf den Buckel zwang. Die Frauen am Rande des Kreuzweges bedauerten und beweinten Jesu um seines Leidens wegen, von natürlichem Mitleid dazu getrieben. Tiefer mochte ihr Verstand wohl kaum eindringen. Wir alle bedauern jene, die auf der Welt Hunger und Not leiden; und wir hoffen, es möchte uns nichts Ähnliches widerfahren. Wir sind bestrebt, das uns aufgehalste Leid abzuwälzen, wenn es nicht anders geht, auf den Rücken des Nächsten.
Der Schrecken, der uns ob dem Leiden anderer befällt bewegt uns dazu, uns in Zukunft vor ähnlichem zu bewahren: Dazu dienen Versicherungen, Krankenkassen, Ersparnisse, Vorräte, Körpertraining, häufige Arztvisiten usw. Auch sonst sucht man sich das tägliche Leben reibungslos zu gestalten: Sport, Tanz, Hausbar, Television, automatische Heizung, Wäscheeinrichtung, Spülapparat, bequeme und zweckmäßige Kleider, Haarpflege, Modetorheiten, Körperpflege nach allen Richtungen, Pflege sinnlicher Genüsse u.a.m. So befinden wir uns allesamt fein säuberlich auf dem breiten Wege (nicht dem Wege Christi), den alle zu gehen bereit sind: Die Tunnels und Pforten, die wir passieren, sind breit, bequem, gepflastert, beleuchtet. Die Wegränder sind geschmückt, Balsamdüfte und solche anderer Herkunft steigen aus den Massen empor.
Das ist der Weg, von dem der Herr gesprochen. So sollen es, wie die Kirche es ausdrücklich will, auch die Unterentwickelten haben. Dafür unsere Missions-opfer und -Tätigkeit. Das ungute Gefühl, das uns in unserem Wohlstande beschleicht (ein Rest atavistischen Gewissens), soll auf mancherlei Weise, wie wir von oben belehrt werden, beruhigt werden: Fastenopfer (selbstverständlich in blanken Moneten), Brot für die Brüder, Opfer für fragwürdige Schulen und Professoren, Unterstützung der Maffia in der Kirche. Von obersten kirchlichen Kreisen hören wir immer wieder von einer besseren Zukunft, vom kommenden Frieden, welche nur die UNO garantieren kann (nicht etwa Christus), von Zusammenarbeit, Koexistenz, Dialogisieren, Gerechtigkeit, kurz von einem Paradies auf Erden, wie es die Marxisten schon lange lehren; einer Irrlehre, die in der Kirche sich breit macht und zu einem der obersten Lehrsätzen geworden ist. Eine gewaltige Illusion.
Sie beruht auf der praktischen und theoretischen Leugnung der Erbsünde. Die ewige Wahrheit, unser Erlöser, lehrt es uns ganz klar an zahllosen Stellen. Was sie uns lehrt, ist indiskutabel. Krieg, Unfrieden, Armut und Leiden wird es auf Erden stets geben. Wer anderes lehrt - und wäre es ein hoher kirchlicher Würdenträger - ist ein Lügner. Was von hoher kirchlicher Warte aus gelehrt bzw. verzapft wird, ist antichristlich verbrecherisch, weil das Volk dadurch um die Früchte des Leidens betrogen wird.
Die Lehre Christi ist klar. Ohne Kreuztragen, und zwar in der Gesinnung Christi, gibt es kein Heil. In cruce salus! Ohne Leiden keine Verherrlichung. So verstehen wir die Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt. Das Leiden, in Gemeinschaft mit jenem unseres Herrn geduldig hingenommenen, macht uns teilhaftig an der Krone des Auferstandenen. Einen andern Weg zur Rettung als jenen des Leidens gibt es nicht. Das Christentum bedeutet wesentlich Leiden und Kreuz. So lassen sich die Begriffe Wahrheit, Weg und das Leben als Frucht des Leidens nicht trennen. Wahrheit, Weg und Leben sind eins, Christus identifiziert sie mit sich selber. Es gibt hierin keine Trennung, keine Unterscheidungen. Wer die Wahrheit will und liebt, dem bleibt nichts anderes übrig, als den leidensvollen schmalen Weg zu beschreiten. Nur so gewinnt or das Leben. Der Satan selber vermöchte es nicht besser, uns um die Früchte des Leidens und der ewigen Tragik zu bringen, als es heute eine entartete Amtskirche tut. Sie verläßt Jesus, die Wahrheit, beraubt sie ihres Schutzes und bedeutet ihren "Gläubigen", ein Gleiches zu tun.
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