DER MONAT MARIENS
3. Fortsetzung
von Kardinal John Henry Newmann (*21.2.1801 zu London +11.8.1890 zu Birmingham)
Pforte des Himmels
Durch Maria ist der Herr vom Himmel auf die Erde herabgestiegen; sie bildete das Vermittlungstor. Der Prophet Ezechiel hatte von ihr geweissagt: "Das Tor wird verschlossen sein und nicht geöffnet werden, kein Mensch wird hindurchschreiten können, weil der Herr, der Gott Israels, durch dasselbe eingegangen ist, und es wird geschlossen bleiben, weil der Fürst, der Herrscher selber, sich darin niederlassen wird." (Ez. 44,2 f.).
Diese Weissagung ist in Erfüllung gegangen, nicht nur indem der Herr von Maria Fleisch angenommen hat und ihr Sohn geworden ist, sondern auch weil sie einen Platz in der Heilsökonomie eingenommen hat und nicht bloß mit ihrem Leibe, sondern auch mit ihrem Geist und Willen zur Erlösung beigetragen hat. Eva hatte Teil am Sündenfalle, obwohl Adam unser Repräsentant war und seine Sünde uns zu Sündern machte. Eva begann die Sünde und verführte den Adam: "Das Weib sah, daß die Frucht des Baumes gut war zu essen und schön und lieblich anzuschauen; sie nahm von der Frucht und aß und gab dann ihrem Mann, und der aß auch". Es war darum durchaus angemessen für den barmherzigen Gott, die Erlösung auch beim Weibe beginnen zu lassen, von dem das Verderben ausgegangen war. Wie Eva das Tor zu dem verderblichen Schritte Adams geöffnet hatte, so sollte auch Maria dem großen Erlösungswerk des zweiten Adam, unserem Herrn und Heiland Jesus Christus selber, die Tore öffnen, damit er zur Welt kommen und am Kreuze für uns sterben konnte. Darum wird Maria auch von den hl. Vätern die zweite, bessere Eva genannt, weil sie den ersten Schritt für das Heil der Menschheit getan hat, wie Eva zu ihrem Verderben.
Man hat gefragt, wann und wie Maria den ersten grundlegenden Anteil an der Wiederherstellung der Welt genommen habe. Zunächst natürlich bei der Botschaft des Engels, der ihr die große Mutterwürde Gottes verkündigte. Der hl. Paulus ermahnt uns, Gott unseren Leib durch einen verständigen Dienst zu weihen. Wir dürfen also nicht nur mit den Lippen beten, fasten, äußere Bußwerke verrichten, den Leib keusch und rein bewahren, sondern müssen auch gehorsam und reinen Geistes sein. Die allerseligste Jungfrau nahm die Botschaft Gottes freiwillig an und erfüllte seinen Willen mit voller Klarheit der Erkenntnis, daß sie Mutter des Herrn werden sollte; sie war nicht nur ein einfaches, passives Instrument, dessen Mutterschaft keine besonderen Verdienste einschlösse. Je größer die Gnadengaben, um so schwerer die Aufgaben. Und es hat sich gezeigt, daß es kein Leichtes war, mit dem Erlöser der Menschheit in so innige Verbindung zu treten. Auf seinem Leidenswege mußte sie es erfahren, was es heißt, Mutter des Erlösers zu sein. Darum fragte sie auch den Engel, ehe sie selbst eine Antwort gab, ob sie ein so schweres Amt auch erfüllen und ob die Mutterschaft für sie nicht den Bruch ihres Gelöbnisses steter Jungfräulichkeit nach sich ziehe. Als der Engel ihr darauf erklärte, daß dies nicht zu fürchten sei, gab sie von ganzem Herzen ihre volle Einwilligung in reiner Liebe zu Dem, der sie in ihrer Niedrigkeit auserwählt hatte. "Siehe, ich bin eine Magd des Herrn und mir geschehe nach Deinem Wort". Mit dieser Einwilligung ist sie die Pforte des Himmels geworden.
Mutter des Schöpfers
Diesen Namen sollte man bei einem Geschöpfe für unmöglich halten, denn er scheint einen inneren Widerspruch einzuschließen, indem die Begriffe Schöpfer und Geschöpf, ihres ursprünglichen Sinnes beraubt, willkürlich gegen einander ausgetauscht werden. Ewigkeit und zeitliches Werden, Aseität (d.i. Sein aus sich, Anm.d.Red.) und Kontingenz schließen sich begrifflich aus, und auf den ersten Blick scheint der Name Mutter des Schöpfers eine Unmöglichkeit auszudrücken. Aber andererseits sagt uns eine klare Erwägung, daß wir Maria diesen Ehrentitel nicht verweigern können, ohne die Menschheit des Wortes, die große fundamentale Wahrheit der Offenbarung zu leugnen.
Von den ersten Zeiten der Kirche an ist das klar erkannt worden, und die ersten Christen pflegten die heilige Jungfrau bereits "Mutter Gottes" zu nennen, weil Maria die Mutter Jesu und dieser selbst Gott war. Wenn das Wort des hl. Johannes zu Recht bestand, daß der Logos Mensch geworden ist, dann war es unmöglich, der Mutter dieses Gottmenschen den Ehrentitel Mutter des Schöpfers zu versagen. Es dauerte nicht allzulange, daß diese Wahrheit durch ein ökumenisches Konzil feierlich verkündigt wurde. Bald trat eine Irrlehre auf, die behauptete, der Herr sei nicht wahrhaft und wesentlich Gott, sondern nur ein Mensch gewesen und unterscheide sich von uns bloß dadurch, daß Gott in ihm, wie in allen Heiligen, allerdings in viel vollkommenerem Maße, wohnte, wie auch der Heilige Geist in den Engeln und Propheten wie in einem Tempel, wohne oder wie Jesus Christus selbst auch heute noch im Tabernakel unserer Kirchen weile. Die Bischöfe und das gläubige Volk wußten kein besseres Mittel, um diesem verderblichen Irrtum entgegenzutreten, als die Erklärung, daß Maria die Mutter Gottes, nicht nur die Mutter eines Menschen sei. Seit dieser Zeit ist die Gottesmutterschaft ein Glaubensartikel der Kirche Christi geworden.
Man kann die Frage auswerfen, ob dies eine sonderbare Lehre sei als die der Menschwerdung des Wortes Gottes, ob es geheimnisvoller sei, daß Maria die Mutter Gottes, als daß Gott Mensch geworden sei. Das Letztere ist die grundlegende Wahrheit der christlichen Offenbarung, von der die Propheten, Apostel und Evangelisten in allen Teilen der hl. Schrift Zeugnis gegeben haben. Ist es da nicht unendlich tröstlich und freudenreich, daß wir in Maria auch unsere Mutter erhalten haben und in Jesus Brüder unseres Gottes selbst geworden sind! Wenn wir heilig leben und in seiner Gnade sterben, wird unser fleischgewordener Bruder uns mit sich hinauf in das Land der Engel nehmen und unseren Leib einst aus dem Staube zu ewigem Leben erwecken. Mit Gott selber wird er uns vereinigen, teilnehmen lassen an der göttlichen Natur, und jeden von uns mit Leib und Seele eintauchen lassen in den Abgrund der Herrlichkeit des unendlichen Gottes. Wir werden Ihn schauen und teilnehmen an Seiner Herrlichkeit nach den Worten des Evangeliums: "Wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter". Das alles folgt aus der Mutterschaft des Schöpfers, weil Maria die Mutter dessen geworden ist, der alles ins Dasein gerufen hat und der durch sie unser Bruder werden wollte.
Mutter Christi
Jeder Ehrenname Mariens hat seinen besonderen Sinn und seine besondere Wirkung, der zu eigener Betrachtung Anlaß gibt. Durch den Namen Christi sollen wir daran erinnert werden, daß von Anbeginn der Welt über sie geweissagt worden ist, daß sie die Hoffnung der Menschheit, die Sehnsucht und die Bitten aller Heiligen des Alten Bundes darstellt, daß auf ihr sich die Blicke aller derer vereinigten, die Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten und die Erlösung Israels erwarteten, daß sie die Erfüllung aller Jahrhunderte bedeutet. Der Herr wurde von den Propheten und vom jüdischen Volke der Christus oder der Messias genannt, d. h. der Gesalbte. Nach dem Gesetze gab es drei große Dienste oder Ämter, durch die Gott zu seinem Volke redete: das Priestertum, das Königtum und das Prophetentum. Diejenigen, die zu einem dieser Ämter auserwählt waren, wurden mit heiligem Öl, das die Gnade Gottes bedeuten sollte, gesalbt, um zur Erfüllung ihrer erhabenen Pflichten würdig gemacht zu werden. Der Herr hatte dieses dreifache Amt in höchstem Maße zu erfüllen, er war Priester, weil er sich selber für die Sünden am Kreuze opfern sollte, Prophet, weil er das heilige Gesetz Gottes uns zu offenbaren hatte und König, weil er auf ewig unter uns herrschen soll. Darum ist er auch der einzige und wahre Christus.
In dieser Erwartung des großen Messias lebte das auserwählte jüdische Volk von Jahrhundert zu Jahrhundert. ER sollte alles umgestalten und erneuern, und mit der Frage seiner Ankunft, die alle Geister bewegte, verband sich auch die andere, wer seine Mutter worden sollte. Von Anfang an war gesagt worden, daß er nicht vom Himmel herabsteigen, sondern von einem Weibe geboren werden solle. Bei dem Sündenfalle Adams hatte der Herr erklärt, daß die Nachkommenschaft der Schlange den Kopf zertreten werde. Wer sollte also diese ausgezeichnete Frau aus dem gefallenen Geschlecht sein? Nach vielen Jahrhunderten wurde den Juden durch die Propheten geoffenbart, daß der Messias Christus aus ihrem Geschlechte und zwar aus einem ihrer zwölf Stämme genommen werden sollte. Seit dieser Zeit erhoffte jede Frau dieses Stammes für sich die große Würde, Mutter des Messias zu werden. Denn es war klar, daß die Mutter eines so erhabenen Sohnes groß und glücklich sein werde. Darum war auch neben anderen Gründen bei den Juden die Ehe in so hohem Ansehen. Weil sie nichts von dem Geheimnis von der wunderbaren Empfängnis des Gottessohnes wußten, glaubten sie, daß die Eheschließung die notwendige Vorbedingung für die Mutterschaft des großen Sohnes sein werde.
Wenn Maria den anderen Frauen ähnlich gewesen wäre hätte sie ebenfalls nach einer Verehelichung getrachtet, damit die große Perspektive, der Welt den erhabenen König zu geben, sich vor ihr auftäte. Aber sie war zu demütig und zu rein, um solche Gedanken zu hegen. Sie hatte nur den Wunsch, Gott in möglichst vollkommener Weise zu dienen, und erwählte darum für sich die Jungfräulichkeit, die der allgemeinen Auffassung am wenigsten entsprach. Sie wollte lieber die Braut als die Mutter Gottes werden. Als deshalb der Engel ihr die hohe Botschaft verkündigte, fragte sie zuerst, ob sie ihr Gelöbnis unbefleckter Jungfräulichkeit bewahren könne.
Sie wurde darum nicht in der Weise die Mutter des Messias, wie die frommen Frauen des Volkes seit Jahrhunderten erwartet hatten. Indem sie die Gnade der Mutterschaft für sich abzulehnen oder auszuschließen schien, wurde sie ihr durch eine noch höhere Gnade zuteil. Das ist der volle Sinn der Worte der hl. Elisabeth: "Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes". Darum wird sie auch von der frommen Betrachtung mit einer Krone von zwölf Sternen geschmückt, und wir preisen Gott den Heiligen Geist, daß er ihr die Jungfräulichkeit und Mutterschaft zugleich verliehen hat.
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