Die hl. Hildegard als Mahnerin und Theologin
Im Jahre 1141 hatte Gott Hildegard den Auftrag gegeben, alles, was sie
"schaute und hörte im wahrhaftigen Licht" mit offenen Augen und mit
nüchternem, klarem Geist, niederzuschreiben und der Welt zu verkündigen
(Vorwort zum "Sicvias" - "Wisse die Wege"). Kurze Zeit darauf -
1147/1148 - weilte Papst Eugen III. auf einer Synode in Trier, auf der
auch Bernhard von Clairveaux anwesend war. Ihre bis dahin erschienenen
Schriften wurden dieser Versammlung vorgelegt und der Papst forderte
sie auf, alles niederzuschreiben, was sie im Heiligen Geiste schaute.
Sie wird so zur großen Gesandten Gottes, und wie den Propheten im Alten
Bund wird es ihr zur Pflicht, die Wege des Herrn zu weisen - "Sicvias"
-, zu mahnen und zu belehren. E. Heller
* * *
An Papst Anastasius IV.
(Papst Eugen III. war 1153 Papst Anastasius gefolgt, der als 80jähriger
zur Nachgiebigkeit neigte, weswegen Hildegard sich etwa Ende 1153
mahnend an ihn wendet.)
O du leuchtende Wehr, Gipfel der leitenden Gewalt in der herrlichen,
zur Christusbrautschaft bestellten Stadt, höre den, dessen Leben ohne
Anfang ist und nie in Ermattung dahinschwindet. O Mensch, das Auge
deines Erkennens läßt nach, und du bist müde geworden, die stolzen
Prahlereien der Menschen zu zügeln, die deinem Herzen anvertraut sind.
Warum rufst du die Schiffbrüchigen nicht zurück, die sich aus schwerer
Gefahr nur durch deine Hilfe erheben können? Und warum schneidest du
die Wurzel des Bösen nicht ab, die die guten, nützlichen, die
wohlschmeckenden, süßduftenden Kräuter erstickt? Die Königstochter
Gerechtigkeit, die himmlische Braut, die dir anvertraut ward,
vernachlässigst du. Denn du duldest, daß diese Königstochter zu Boden
geworfen wird. Ihr Diadem und der Schmuck ihres Gewandes werden
zerrissen durch die Sittenroheit der Menschen, die wie Hunde bellen und
wie Hühner, welche manchmal in der Nacht zu gackern anfangen, alberne
Töne von sich geben. Heuchler sind sie, die mit ihren Worten einen
trügerischen Frieden zur Schau tragen, innerlich aber im Herzen mit den
Zähnen knirschen, wie der Hund, der die ihm bekannten Freunde mit dem
Schwanz anwedelt, den erprobten Krieger hingegen, der sich für das
Königshaus einsetzt, mit den Zähnen beißt. Warum duldest du die
schlechte Lebensführung der Menschen, die in der Finsternis der Torheit
sind, alles Schädliche an sich ziehen, so wie die Henne, die nachts
schreit, sich selbst Schrecken einjagt ? Die so handeln, wurzeln nicht
im Guten.
Höre also, o Mensch, den, der die scharfe Unterscheidung überaus liebt.
Hat Er doch ein starkes Werkzeug der Geradheit eingesetzt, das wider
das Böse kämpfen soll. Das tust du aber nicht, wenn du das Böse,
welches das Gute ersticken will, nicht mit der Wurzel ausrottest.
Vielmehr duldest du, daß das Böse sich stolz erhebt, und zwar aus
Furcht vor den bösen Nachstellern im nächtlichen Hinterhalt, die das
Geld des Todes mehr lieben als die schöne Königstochter, die
Gerechtigkeit.
Alle Werke aber, die Gott gewirkt, strahlen hellstes Licht aus. Höre, o
Mensch! Bevor die Welt entstand, sprach der himmlische Vater in Seinem
Innern das Wort: "O Mein Sohn!" Und die Weltkugel entstand, da sie den
Klang, der vom Vater ausging, aufnahm. Noch lagen die verschiedenen
Arten der Geschöpfe im Dunkel verborgen. Doch als - wie geschrieben
steht - Gott sprach: "Es werde!", traten die verschiedenen
Geschöpfesarten hervor. So wurden durch das Wort des Vaters und um des
Wortes willen alle Geschöpfe im Willen des Vaters gebildet.
Gott sieht und weiß alles voraus. Das Böse hingegen kann weder beim
Aufstehen noch beim Fallen durch sich etwas tun noch erschaffen noch
wirken, denn es ist nichts. Nur als trügerisches Wunsch- und
aufrührerisches Phantasiegebilde ist es zu werten, so daß der Mensch
Böses tut, wenn er trüge-risch und aufrührerisch handelt.
Gott sandte Seinen Sohn in die Welt, um durch Ihn den Teufel, der das
Böse umfangen, gezeugt und dem Menschen eingeflüstert hatte, zu
überwinden und dadurch den Menschen, der durch das Böse dem Verderben
verfallen war, zu erlösen. Deshalb verabscheut Gott die verkehrten
Werke, wie Unzucht, Mord, Raub, Aufruhr, Tyrannei und die Heucheleien
der Gottlosen. Denn Er hat all dies durch Seinen Sohn zertreten, der
die Beute des höllischen Tyrannen ganz und gar auseinandertrieb.
Daher, o Mensch, der du auf dem päpstlichen Throne sitzest, verachtest
du Gott, wenn du das Böse nicht von dir schleuderst, vielmehr es
küssend umfängst, da du es bei verdorbenen Menschen stillschweigend
duldest. Die ganze Erde ist in Verwirrung infolge der immer neuen
Irrlehren, da der Mensch das liebt, was Gott zunichte gemacht hat. Und
du, o Rom, liegst wie in den letzten Zügen. Du wirst so erschüttert
werden, daß die Kraft deiner Füße, auf denen du bis jetzt gestanden,
dahinschwindet. Denn du liebst die Königstochter, die Gerechtigkeit,
nicht mit glühender Liebe, sondern wie im Schlafestaumel, so daß du sie
von dir treibst. Darum will auch sie von dir fliehen, wenn du sie nicht
zurückrufst. Trotzdem werden die hohen Berge dir noch die Kraft ihrer
Hilfe bieten, dich aufrichten und stützen mit den starken Stämmen ihrer
hohen Bäume, so daß du nicht ganz und gar zusammensinkst in deiner
Ehre, das heißt in der Würde der Christusvermählung. So bleiben dir
wenigstens noch einige Flügel deiner Schönheit, bis der Schnee
mannigfacher Spötteleien kommt, die viel Torheit ausblasen. Hüte dich
also, dich mit dem Brauch der Heiden einzulassen, damit du nicht fällst.
Höre also Ihn, der lebt und nicht aus dem Weg geräumt werden kann: Die
Welt ist jetzt voller Ausschweifung, später wird sie in Traurigkeit
sein, dann so sehr in Schrecken, daß die Menschen sich nichts daraus
machen, getötet zu werden. Bei all dem sind bald Zeiten der
Ausgelassenheit, bald der Zerknirschung, bald Zeiten, wo es blitzt und
donnert von allerlei Bosheiten. Denn das Auge stiehlt, die Nase
wittert, der Mund tötet. Vom Herzen aber geht Heilung aus, wenn das
Morgenrot wie der Glanz eines ersten Aufgangs sichtbar wird. Unsagbar
ist, was dann in neuem Verlangen und neuem Eifer folgt.
Er aber, der ohne Minderung groß ist, hat jetzt ein kleines Zelt
berührt, damit es Wunder schaue, unbekannte Buchstaben bilde und eine
unbekannte Sprache erklingen läßt. Und es ward ihm gesagt: "Das, was du
in der Sprache, die dir von oben her kundgetan wurde, aussagst - nicht
in gewohnter menschlicher Ausdrucksweise, denn diese ward dir nicht
gegeben -, soll der, der die Feile hat, eifrig glätten, damit es für
die Menschen den entsprechenden Klang erhalte."
Du aber, o Mensch, der du zum sichtbaren Hirten bestellt bist, steh
auf, eile schneller zur Gerechtigkeit, so daß du vor dem großen Arzt
nicht angeklagt wirst, du habest Seine Herde nicht vom Schmutz
gereinigt noch sie mit Öl gesalbt. Wenn aber der Wille um die Vergehen
nicht weiß und der Mensch das Begehrte nicht an sich reißt, wird er gar
nicht dem schweren Gerichte verfallen. Die Schuld dieser Unwissenheit
aber wird durch Geißeln gereinigt. Daher, o Mensch, steh auf geradem
Wege, und Gott wird dich retten. In die Hürde des Segens und der
Auserwählung wird er dich zurückführen, und du wirst ewig leben. (Eine
Antwort auf dieses Schreiben ist uns nicht überliefert.) |