Leserbrief:
Zum Thema:
Wie stark sind die sedisvakantistischen Bataillione?
Brief von Herrn Dr. F.O. an die Redaktion
Rh. den 7.12.01
Sehr geehrter Herr Heller,
als Leser Ihrer Zeitschrift würde mich interessieren, wie hoch die Zahl
der Anhänger der Sedisvakanz in Deutschland und weltweit ist und welche
Gemeinschaften für "Re-Unierungsbemühungen" in Betracht kommen. Ein
Bekannter hat mir erzählt, daß die "Sedisvakantisten" nur
Splittergruppen sind und einige hätten bereits Päpste gewählt: sie
seien Sektierer, die keine Resonanz bei kath. Christen hätten und in
der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden. Für eine gefl. Antwort
wäre ich dankbar.
Mit freundlichen Grüßen in Christo (sig.:) F. O.
* * *
Brief der Redaktion an Herrn Dr. F.O.
Ergertshausen, den 10.3.2003
Sehr geehrter Herr Dr. O.,
haben Sie vielen Dank für Ihre Anfrage vom 7.12.2001, zu deren Beantwortung ich erst jetzt komme.
Sie fragen nach der Zahl der Anhänger des Sedisvakantismus. Wenn man
nur die wirklich konsequenten Vertreter dieser Position zählt, dürfte
diese Gruppe in der Tat nicht all zu groß sein, setzt doch deren
Einnehmen eine durchgehende Reflexion der damit zusammenhängenden
theologischen Probleme voraus. Hier genaue Zahlen anzugeben, dürfte
ausgesprochen schwierig sein, zumal eine ganze Reihe von
Sedisvakantisten sich inzwischen wegen der überaus desolaten Situation
aus der öffentlichen Diskussion und dem Gemeindeleben zurückgezogen
haben. Aber sie sind in Deutsch-land und den meisten europäischen
Ländern sehr virulent vertreten. Anhänger dieser strengen Rich-tung
finden Sie auch in Nord- und Südamerika, Australien, in Indien und
Südafrika. Größere Grup-pen überzeugter Sedisvakantisten aber gibt es
in Mexiko, wo richtige Pfarreien mit intakter Seelsorge und einem
integralen Gemeindeleben entstanden sind. Dort haben die Gläubigen von
sich aus auch eigene Kirchen gebaut. Allein in Guadaljara gibt es fünf
Meßzentren, wie mir berichtet wurde. Der verstorbene Bischof Zamora
sprach einmal von 20 000 Gläubigen, die er zu betreuen hätte. In Mexiko
werden diese Gruppen – im Gegensatz zu Europa, wo nur „Splittergruppen“
bestehen (da hat Ihr Bekannter recht !) auch gesellschaftlich
wahrgenommen. Sie stehen dort auch in einer ganz anderen öffentlichen
Auseinandersetzung mit der sog. 'Amtskirche' wie die Gruppen hier. Auch
in den USA und Argentinien haben sich größere Gemeinden gebildet, die
die Position des Sedisvakan-tismus einnehmen.
Wenn man die Gruppe potentieller Mitstreiter, d.h. diejenigen
betrachtet, die wirklich religiöse Interessen verfolgen, die die
kirchliche Misere intuitiv erfaßt haben, daß nämlich die
‚Konzilskirche‘ nicht mehr dem Willen Christi entspricht, dieses
Unbehagen bzw. diese Ablehnung aber (noch) nicht in seinen theolgischen
Konsequenzen erfaßt und durchdacht haben, dann ist die Zahl derjenigen,
die sich aus diesem Grund konservativen Gruppen zugewandt haben,
wesentlich größer. Viele setzen sich für die Beibehaltung des
tradierten Glaubens energisch ein, den sie als tragend erfahren haben,
d.h. sie opponieren gegen die Amtskirche, ohne jedoch aus ihr
auszutreten. Diese Gläubigen gälte es durch gezielte theologische
Aufklärung und Informationen noch zu gewinnen.
In dieser Gruppe konservativer Gläubiger gibt es viele, die sich den
Econern zugewandt haben, deren Führung seit Jahren die förmliche
Anerkennung der Amtskirche sucht. Doch sind hier die Grenzen fließend.
Eine ganze Reihe von Klerikern und Gläubigen der Priesterbruderschaft
Pius X. sind sogar heimlich Sedisvakantisten, weil sie die offizielle
Devise, wonach Johannes Paul II. rechtmäßiger Papst ist, ablehnen.
In der Zwischenzeit gibt es eine weitere Gruppierung, die man durch
offene Diskussionen und Aufklärung für unsere Position gewinnen könnte.
Bei diesen Gläubigen handelt es sich um einstige Vertreter des
Reformkurses, die mittlerweile auf die inneren Widersprüche der
konziliaren Reformen aufmerksam geworden sind und sich in der
'Konzils-Kirche' als heimatlos sehen. Auf diesen Sachverhalt weist
selbst der als konservativ eingestufte Kard. Scheffczyk, emer.
Professor für Dogmatik an der Universität München, hin, der von der
"Selbstzerstörung der Kirche spricht". Er bescheinigt diesen Gläubigen:
"Man muß realistisch und mit tiefem Mitempfinden zugeben, daß heute
zahlreiche Christen sich verloren, ratlos und sogar enttäuscht fühlen."
("Theologisches", Juli 02)
Unsere Aufgabe wäre es demnach, eine breit angelegte Aufklärungsarbeit
zu beginnen. Doch unser Problem ist es, daß wir zwar durchschlagende
Argumente haben, aber nur wenige, die diese Argumente offensiv
vertreten. Wie ich bereits in den vorletzten "Mitteilungen" schrieb,
fehlen uns "die Kräfte, solche Vorschläge umzusetzen. Und das geht
nicht ohne Kleriker, d.h. die bestellten Diener der Kirche. Die jedoch
verweigern sich. Ich kenne in Europa keinen Priester der jüngeren
Generation, der sich ernsthaft mit dem Problem der Restitution der
Kirche als Heilsinstitution auseinandersetzt, geschweige denn dafür
etwas tut. Keiner von ihnen denkt an den Aufbau von Kirchengemeinden,
von Gotteshäusern oder zumindest von Kapellen." Ganz besonders
gravierend macht sich aber in unseren Kreisen der Mangel an
priesterlichen Führungspersönlichkeiten bemerkbar, die ihre
Glaubensposition offensiv vertreten. Und in der Tat ist es so, daß
zumindest im deutschsprachigen Raum, aber auch in Europa, viele
Gläubige auf einen Zusammenschluß unter einer Autorität gewartet haben,
der bisher leider nicht erfolgt ist. Dieses Versagen geht eindeutig zu
Lasten der Kleriker, die entweder unfähig oder unwillig zur
Zusammenarbeit und zur pastoralen Führung sind.
Den Wille zur Re-Unierung haben allerdings nur diejenigen, die die
Position des Sedisvakantismus stringent einnehmen und eine Restitution
der Kirche als Heilsinstitution anstreben. Hier sind engagierte Laien
die treibenden Kräfte. Was diese Re-Unierungsbemühungen angeht, so
hoffe ich dar-auf, daß Bischof Dávila bei seinen Versuchen, Kontakt zu
den vielen verstreuten (und teilweise - leider! - auch zerstrittenen)
Gruppen aufzunehmen, Erfolg hat. (Wir hier in München werden ihm dabei
jegliche, in unseren Kräften stehende Hilfe zuteil werden lassen.)
Daß einige Übereifrige schon ‚Päpste‘ gewählt haben, kann ich
bestätigen. Sie haben sich damit leider ins kirchliche „Aus“
manövriert, weil sie ihre Aktionen ohne nötige theologische
Sachkenntnis und Transparenz durchgeführt haben. Ich selbst habe zu
diesen sog. ‚Papstwahlen‘ in der EINSICHT ablehnend Stellung bezogen,
wobei ich diese Ablehnung jeweils theologisch begründet habe.
Allerdings liegt es in der Konsequenz des Sedisvakantismus, daß der
„unbesetzte apostolische Stuhl“ wieder besetzt werden soll – im Rahmen
eines umfassenden Wiederaufbaus der Kirche, zu der letztendlich auch
die Wahl eines Papstes gehören würde. Doch die im Zusammenhang mit
diesem Vorhaben aufgetretenen Probleme sind bisher weder theologisch
völlig durchgeklärt worden noch sind die personellen und realen
Voraussetzungen zur Durchführung einer solchen Wahl zur Zeit gegeben.
Daß wir als Sedisvakantisten keine Sektierer sind, dürfte Ihnen bei der
Lektüre unserer Zeitschrift eigentlich klar geworden sein: wir haben
uns nicht in einen Ritenstreit begeben - wie die Econer -, sondern uns
geht es um den Wiederaufbau der zerstörten Gesamt-Kirche. Denken Sie an
das, was der hl. Athanasius seinen geprüften Gläubigen schreibt: "Die
Katholiken, die treu zur Tradition stehen, selbst wenn es nur noch eine
Handvoll ist, diese sind es, die die wahre Kirche Jesu Christi
darstellen." (Übersetzung aus dem Französischen nach "Coll. selecta SS
Eccl. Patrum Caillau et Guilou, t.32, p. 411-412.)
Ich muß Ihnen aber auch mitteilen, daß sich auf Grund der führungslosen
Situation bei einer ganzen Reihe von Gläubigen - Klerikern wie Laien -
sektiererische Züge eingeschlichen haben, indem sie sich auf die bloße
Versorgung bzw. Konsumierung von Sakramenten beschränken, ohne sich um
das Gesamtwohl der Kirche bzw. um deren Restitution noch groß zu
kümmern. Wo sich diese Tendenz dahin gehend verfestigt, daß sich solche
Gruppen von Gläubigen aus dem Prozeß des Aufbaus der Kirche bewußt
ausschließen, muß man allerdings von Sektierern bzw. von Sekten reden.
In der Hoffnung, Ihre Fragen damit beantwortet zu haben, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Ihr Eberhard Heller
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