DIE GLEICHGÜLTIGKEIT
DAS JA UND DAS NEIN SIND NEBENEINANDER DA
von Ernst Hello
Viele Leute, die nichts wissen, werfen der Wahrheit vor, sie wäre unduldsam. Man muß sich über dieses Wort ausdrücklich verständigen.
Wenn man diese Leute hört, möchte man sagen, die Wahrheit und der Irrtum wären zwei Wesen, die auf gleicher Ebene miteinander verhandeln könnten, zwei Königinnen, die beide einander ebenbürtig wären, die - eine jede in ihrem Reiche - in Frieden leben müßten, zwei Göttinnen, die sich in die Welt teilten, ohne daß die eine das Recht hatte,- der andern ihr Reich zu entreißen. Daher denn die Gleichgültigkeit, die der Sieg Satans ist. Der Haß gefällt ihm, genügt ihm jedoch nicht, er braucht auch noch die Gleichgültigkeit.
Die Gleichgültigkeit ist Haß von einer Gattung für sich, ein kalter und dauerhafter Haß, der sich vor den andern und manchmal auch vor sich selbst hinter der Maske einer duldsamen Miene verbirgt - denn die Gleichgültigkeit ist niemals, was sie zu sein vorgibt. Sie ist mit Lüge überzogener Haß.
Um tagtäglich eine Flut von heftigen Beleidigungen gegen die Wahrheit offensichtlich auszuspeien, müßten die Menschen anders sein, als sie sind.
Die Partei, die sie ergreifen, ist: keine Partei zu ergreifen. Und dennoch ist der laut schreiende Haß, da die Erbsünde einmal gegeben ist, weit eher zu erklären als der schweigende. Nicht setzt mich in Erstaunen, daß ich Lästerung einem menschlichen Munde entfahren höre. Die Erbsünde ist vorhanden, die Freiheit des Menschen ist vorhanden, und so ist die Lästerung erklärt. In ganz und gar nicht auszudrückende Bestürzung dagegen versetzt mich die Scheu, Partei zu ergreifen. Es geht um die Zukunft des Menschen und um die ewige Zukunft alles dessen, was in der Welt die Gabe des Verstandes und der Freiheit hat. Es geht sicherlich und notwendig um dich selbst, wie eben auch um jeden und jedes. Wenn du also weder für dich, noch für irgend jemand, noch für irgend etwas Gefühl aufbringst, so geht es doch sicherlich und notwendig um ein geheiligtes Gefühl für dein eigenes Ich. Wenn du lebendig bist, so erwecke das Leben in dir! Nimm deine Seele und bringe sie ins Handgemenge! Nimm dein Sehnen, nimm dein Denken, dein Gebet, deine Liebe! Nimm die Werkzeuge zur Hand, die du zu gebrauchen verstehst, und wirf dich ganz in die Waagschale, auf der alles und jedes Gewicht hat. Wenn du schläfst, so erwache! Wenn du tot bist, stehe auf von den Toten! Suche die besten deiner Erinnerungen in deinem vergangenen, deinem erloschenen Leben! Gedenke des Morgenduftes der Rosen von einst, du mußt ihn doch einmal genossen haben, und sieh zu, ob du die Kraft hast zu sagen: »Was macht das schon aus!«
Da man zwischen die Feuerlinie derer, die lieben, und derer, die hassen, gestellt ist, muß man den einen oder den andern Waffenhilfe leisten. Du sollst es wissen! Nicht an den Menschen im allgemeinen ergeht der Ruf, sondern an dich ganz persönlich. Denn alle sittlichen, geistigen und stofflichen Kräfte, über die du verfügst, sind Waffen, die Gott dir in die Hand gegeben hat zugleich mit der Freiheit, die für ihn oder wider ihn zu benutzen. Du mußt dich schlagen, und notwendig schlägst du dich auch. Nur die Wahl des Kampfplatzes ist dir überlassen.
Als Christus in die Welt kam, hat er alles von den Menschen gefordert, da er sich arm gemacht hatte, viel ärmer als die Ärmsten. Er hat einen Platz gefordert, da er geboren werde. Man hat ihm den Platz versagt. Die Herbergen waren überfüllt, ein Stall hat sich ihm geöffnet. Er hat einen Platz gefordert, da er lebe. Man hat ihm den Platz versagt. Des Menschen Sohn hat nichts gehabt, wo er sein Haupt hinlege. Und als es zum Sterben kam, hat er nicht fünf Fuß Erde gehabt, um sich auszustrecken. Die Erde hat ihn von sich gewiesen zwischen den Himmel und sie selbst: ans Kreuz.
Der gefordert hat, er fordert nun immer noch. Er fordert einen Platz, da er geboren werde: die Leute, die die Herbergen füllten und sich nicht stören ließen, die Jesus fortgeschickt haben, daß er geboren werde zwischen einem Ochsen und einem Esel, sie verkörpern in vorbildlicher Weise die unfaßliche Bedeutungslosigkeit der langweiligen Zerstreuungen, um derentwillen die Menschen sich in einem unaussprechlichen Brandopfer verzehren.
Ein Mensch, der ein Buch schreibt, der eine Druckerei zu seinen Diensten hat, verfügt über eine unberechenbare Macht. Niemand hat je die innerlichen und äußerlichen Wirktaten ermessen, die er hervorruft oder verhindert, und niemand wird sie je ermessen. Nun frage man einen Fremden, einen Reisenden, der mit den Gewohnheiten der Erde nicht vertraut ist und nicht die Stumpfsinnigkeit der Menschen kennt, welchen Gebrauch die, die so das Wort in die Welt tragen, gewöhnlich von der Macht machen, die ihnen in die Hände gegeben ist.
Man stelle sich seine Antwort vor und sein Erstaunen, falls er zufällig ein Buch oder eine Zeitung öffnen sollte. Aber was für Ausmaße nähme dies Erstaunen erst an, wenn der Verfasser dieses geöffneten Buches hinzufügte: »Es ist wahr, ich habe gesprochen, um nichts zu sagen; das geschah aber in der Absicht, meine Leser zu unterhalten! Wir sind nämlich alle davon überzeugt, daß allein die bedeutungslosen Dinge, die weder Gott noch den Menschen angehn, Gefühl in der Leserschaft erwecken und daß die Wahrheit langweilig ist.«
Von allen Narrheiten, die der Teufel eingibt, ist diese seiner am würdigsten. »Die Wahrheit ist langweilig.« Die Wahrheit! Aber das ist doch die Seligkeit! Die Wahrheit! Aber das ist doch der Urgrund der Verzückungen! Das ist doch das, was alle je gekannten Herrlichkeiten sich bemühen, sinnbildlich zu umschreiben, das ist doch das, was noch im fernsten Aufleuchten unerhörtes Entzücken hervorruft!
Die Wahrheit war es doch, die mitten in der Wüste den glanzvollen Geist des verbannten heiligen Athanasius in Seligkeit fast gehn ließ, während unterdessen in ihren Palästen die sich zu Tode langweilten, die ihn zur Strafe in die Wüste verbannt hatten.
Die Seele des Menschen ist für die göttliche Nahrung geschaffen, in der Zeitlichkeit wie in der Ewigkeit. Es gibt nicht zwei Quellen des Glücks, es gibt nur eine; diese aber wird niemals versiegen, und alle können aus ihr trinken. Liebst du also die Langeweile - dann wende dich an das Nichts. Liebst du das Leben, liebst du das Glück, liebst du die Liebe - dann wende dich an das Sein!
Will man mir noch von der Gleichgültigkeit reden, auf die nur der Irrtum Anrecht hat Was würde man von einem Arzte sagen, der, ans Bett einer kranken Frau gerufen, sich weigern würde, sie zu behandeln aus Rücksicht auf die Krankheit, die die gute Behandlung der Gleichgültigkeit verlange »Ja«, würde der Arzt sagen, »ich bin unparteiisch, gegenüber der Krankheit so gut wie gegenüber der Gesundheit. Ich höre beide Teile an. Warum soll denn die Krankheit nicht genau soviel wert sein wie die Gesundheit. Durch die Cholera könnte man z. B. Krämpfe kennenlernen, die ohne sie unbekannt blieben. Man muß von allem kosten, alles zulassen, alles versuchen. Warum sollte man es nicht auch einmal mit der Cholera versuchen. Sie wird auf Grund fremder Autorität beurteilt; das ist unwissenschaftlich!
Man muß ihren Wert selbst erproben, um ihn vernünftig einzuschätzen. Die Bräune kann die Kehle mit Wucherungen zieren, wie sie einem die Gesundheit vorenthält. Das bedeutet Vielfalt und Fortschritt. Diese Wucherung ist allerdings nur halb berechtigt, aber hieße es nicht ein wenig zu weit gehn, wenn man sie verdammen wollte? Das hieße doch wohl ein wenig in Unduldsamkeit verfallen.«
Man wird sich dieses Schrecklichen und Lächerlichen bewußt, sobald es sich um Greifbares handelt.
Man mache sich doch klar, daß die Krankheit, die Wucherungen des menschlichen Körpers, Myome, Krebs und anderes, die Folge jener unsichtbaren Schrecknisse sind, die der Apostel die überschüssigen Erzeugnisse der Sünde nennt. Man bedenke, daß körperliches Übel, dessen Schrecknis man nicht leugnen kann, eine Folge, eine Spiegelung, ein Merkmal des Irrtums und des unsichtbaren Übels ist.
Was ist nun der Irrtum, da er solche Kinder zeugt! Und dann bilde man sich gefälligst ein Urteil über die Gleichgültigkeit, die doch verlangt, der Irrtum solle sein.
Der Teufel ist der Fürst des Überdrusses, der Verzweiflung und jeglichen Schmerzes.
Gott ist der Herr der Freude. So soll die Gleichgültigkeit auf sich selbst schauen und sich ihr Urteil sprechen!
Das wäre nun die rein geistige und die göttlichen Dinge angehende Gleichgültigkeit. Die angewandte dagegen spricht etwa die folgende Sprache: »Ich habe die Pest. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Pest die Folge des Irrtums und des Übels ist. Man sagt es, und ich leugne es nicht. Daß ich auf dem Wege zum Tode bin, ist gewiß; möglich ist, daß ich auf dem Wege zur Hölle bin und daß all dies vom Irrtum kommt. Es ist wahr: alles ist mir zum Überdruß geworden; mit dem Alter stumpfen sich die Eindrücke ab, und der Tod wird kommen. Das ist ein unangenehmer Gedanke. Wenn Gott mir aber vorschlüge, für einen Augenblick diese langweiligen, eintönigen, lügenhaften, sterbenden und tödlichen Dinge zu verlassen, die mich zu der gegenwärtigen Verzweiflung und zur ewigen hinführen, und wenn er mir vorschlüge, ich solle sie gegen das Leben, die Freude und die Seligkeit eintauschen, so würde ich es ablehnen. Ich würde ihn überhaupt nicht anhören. Ich würde meine Langweile weiterspielen und ihm sagen: "Mach dich fort, Herr der Verzückung und Fürst der Freude! Mach dich fort, Sonne, die sich erhebt aus Fluten von Purpur und Gold! Fort, Majestät! Fort, Glanz! Mach dich fort, der du blutigen Schweiß vergossen hast im Garten am Ölberg! Fort du, der verklärt ward auf Tabor! Fort, ich gehe ins Wirtshaus, wo ich mich langweile."«
»Und warum gehst du dorthin?«
»Weil ich es so gewohnt bin.«
(aus: Ernst Hello "Untugenden", Köln und Olten 1957, S. 33ff.) |