Auf den Höhen des Geistes
Gespräche eines russischen Mönches über das Jesus-Gebet
S. N. Bolsakov
übers. von P. Bonifaz Tittel OSB, Wien 1976
5. Fortsetzung: Priestermönch Michail, Neu-Walallm
Mein letztes Gespräch mit Vater Michail war das tiefste und
lehrreichste. Vater Michail war damals schon 80 Jahre alt, aber jung im
Herzen und im Verstand. Ich saß bei ihm im Kellion. Es war August. Die
Sonne wanderte am Ende eines warmen Abends auf die andere Seite des
Sees, über die endlosen Wälder. Tiefe Stille, wie auf dem Bild Levitans
"Ewige Ruhe" beherrschte alles.
"Sagen Sie Vater Michail, worin bestehen die wichtigsten Abschnitte des geistlichen Lebens?"
"Es ist so, wie es Vater Arkadij im Pecersker Kloster erklärt hat:
Niemand wird ohne Demut gerettet. Erinnere Dich, daß Du bis ans
Lebensende in Sünden fallen wirst, schwere und leichte, in Zorn geraten
wirst, Dich in den Mittelpunkt stellen wirst, äußeren Ehren nachjagen
wirst, andere kränken wirst, habsüchtig sein wirst. Das Wissen darum
wird Dich in der Demut halten. Worauf soll man denn stolz sein, wenn
man täglich Sünden begeht und dem Nächsten wehtut? Aber für jede Sünde
gibt es eine Reue. Du hast gesündigt, Du hast bereut, Du hast wieder
gesündigt - dann bereue wieder, handle so bis zu Deinem Ende. Wenn Du
das machst, wirst Du nicht verzweifeln, sondern Schritt für Schritt zum
Frieden kommen. Dazu muß man freilich die Gedanken unter Aufsicht
halten, es gibt gute, gleichgültige und schlechte. Die letzteren lasse
niemals heran. Wenn Dir so ein Ansinnen kommt, dann schlage es sofort
durch das Jesus-Gebet ab. Wenn Du diesen schlechten Vorschlag genauer
betrachtest, dann wird er noch näher zu Dir kommen. Du beginnst Dich
für ihn zu interessieren. Er be zaubert Dich, Du stimmst ihm zu, Du
wirst überlegen, wie Du ihn ausführen kannst, dann tust Du ihn wirklich
- das ist die Sünde.
Es gibt auch Gedanken, die sich ganz harmlos geben, aber schließlich zu
großen Versuchungen und schweren Sünden führen. Man hat mir folgende
Geschichte erzählt: Im Frauenkloster in Ufinsk lebte eine Stariza mit
prophetischem Blick. Der geistliche Leiter dieses Klosters war ein sehr
guter verwitweter Priester von 60 Jahren. Eines Tages, als er sich
schlafen legte, erinnerte er sich an die Zeit vor 30 Jahren, als er
verheiratet war und die Kinder zu Bett brachte. Und er dachte mit
Freude daran. Dann dachte er an seine nun verstorbene Frau und langsam
wanderten seine Gedanken in eine Richtung, in die sie nicht gehörten.
So verbrachte er die ganze Nacht in Gebet und Verbeugungen, so stark
war die Versuchung. Am Morgen rief ihn die Stariza, die weise Frau, zu
sich und fragte: 'Was war denn mit Ihnen los, Vater? Unreine Kräfte
umschwärmten Sie wie Fliegen.' Der Geist-liche erkannte mit reinem
Herzen: Soweit können einen Gedanken führen, die am Anfang gut
ausschauen. Die Psychiater sprechen von Psychoanalyse und verschiedenem
anderen, aber wodurch sollen wir denn wissen, was gut ist oder nicht.
Rufe daher unablässig zum Herrn: 'Herr Jesus Christus, Sohn Gottes,
habe mit mir Sünder Erbarmen'. Beim Apostel Paulus wird gesagt, daß,
wer Christus als Sohn Gottes offen bekennt und zu ihm andauernd ruft,
gerettet wird. Du lieber Serjoschka, übe Dich, so wie Du nur kannst, im
Jesus-Gebet und Schritt für Schritt wirst Du zur Versöhnung kommen, Du
wirst den tiefen Frieden der Seele selbst kennenlernen, die
unbegreifliche Ruhe."
"Was kommt dann, Vater Michail", fragte ich den Starzen.
"Nun es ist so: Es gibt zwei Arten der Stille. Die erste Art ist das
Schweigen. Das ist nicht schlecht, im äußersten Fall wirst Du andere
nicht beleidigen oder kränken. Aber das genügt noch nicht. Die
Wüstenväter sagen, daß ein Einsiedler, der in seiner Höhle sitzt und
niemand sieht, trotzdem einer Schlange gleicht, die in ihrem Versteck
lauert und voll tödlichen Giftes ist, wenn er an erlittene
Beleidigungen zurückdenkt und auf jemand zornig ist. Die zweite Art der
Stille das ist die innere Stille. Darüber erzählen die Väter: Es gibt
Starzen, die von morgens bis abends sprechen und dennoch unablässig in
der Ruhe bleiben, weil sie nichts sagen, was nicht anderen oder ihnen
selbst nützlich wäre. Das ist eigentlich das innere Schweigen. Bemühe
Dich darum, Serjoschenka. Wenn Du es erreicht hast und aufhörst, andere
zu verurteilen, dann stelle Dich vor Gott und danke ihm, daß er Dir
eine solche Barmherzigkeit erwiesen hat. Dann bist Du von der Reinheit
des Herzens nicht mehr weit entfernt. Du weißt ja, daß man nur mit
reinem Herzen Gott schauen kann.
Es gibt noch einen anderen Weg für manche, es ist der Weg der
segensreichen Tränen. Diese Tränen sind nicht dieselben, die alle
vergießen, wenn das Herz vom Verlust eines lieben Menschen erschüttert
wird, oder die beim Lesen von Büchern, beim Erzählen einer rührseligen
Geschichte in die Augen steigen. Die segensreichen Tränen fließen wie
Bäche, vielleicht zwei, drei Jahre unaufhörlich im Herzen. Durch diese
Tränen wird, wie im Feuer, die ganze Unreinheit des Herzens verbrannt
und man kommt zu einem großen Frieden und schaut
Gott."
"Was heißt das, 'Gott schauen, ' Vater Michail. Ist das ein Bild, oder was sonst?"
Forschend schaute Vater Michail mich an und begann nachdenklich zu
sprechen: "Freilich, niemand hat Gott jemals gesehen, der Sohn, der an
der Brust des Vaters sitzt, hat uns von ihm Kunde gebracht. Es heißt
auch noch: 'Die Cherubim und Seraphim, die vor Gott stehen, verbergen
ihr Angesicht.' Gott, das Wesen Gottes, können wir weder sehen noch
verstehen. Aber wir können die Herrlichkeit Gottes sehen, das
ungeschaffene und unaussprechliche Licht vom Tabor, das die drei
auserwählten Apostel am Berg sahen. Dieses Licht sah auch Motovilov,
als er mit dem ehrwürdigen Seraphim sprach. Es ist das Herabsteigen des
Heiligen Geistes, das Reich Gottes, das in Macht gekommen ist. Tichon
von Sadonsk hat es auch gesehen bis zum Bischofsamt. Auch Igumen Anton
Putilov aus Malojaroslavsk wurde gewürdigt, es zu sehen, als er noch
ein Jüngling war. Ich spreche garnicht von den Schauungen des
ehrwürdigen Simeon des Neuen Theologen. Dieses Licht zu sehen wird
allerdings nur überaus wenigen zuteil."
"Vater, gibt es auch heute Asketen, die dieses unzugängliche Licht gesehen haben?"
"Warum nicht? Es gibt solche Asketen, man darf es ruhig sagen. Aber was
soll man weiter danach fragen? Wenn Du glaubst, daß es dieses Licht
gibt, was willst Du dann noch mehr wissen. Selig sind, die nicht sehen,
sondern glauben. Auch Motovilov war die Schau dieses Lichtes zur
Bekräftigung des Glaubens gegeben!"
"Wie ist die Bekräftigung sonst, Vater Michail?"
"Das könnte man am besten mit einer der Erzählungen über den
sibirischen Starzen Daniel Aginskij, die übrigens der ehrwürdige
Serafim von Sarow sehr gut kannte, zeigen: Eine reiche Frau aus
Sibirien, deren Seelenführer der Starze Daniel war, wollte in ein
Kloster eintreten. Nicht wenige Nonnenklöster besuchte sie in Rußland
und Sibirien und noch immer wußte sie nicht, welches sie wählen sollte.
Da fuhr sie zu Vater Daniel und bat ihn, ihr zu zeigen, wo sie
eintreten solle. Er aber antwortete ihr: 'Wenn ich Dir eines zeige, das
Dir dann nicht gefällt, dann sagst Du nachher: Ich wäre niemals da
eingetreten, aber der Starze hat mir's gesagt. Auf mich wirst Du einen
Zorn haben, selbst wirst Du unglücklich sein. Suche selbst noch, und
wenn Du das Richtige gefunden hast, dann wird das Herz in Dir vor
Freude hüpfen und das wird für Dich die Bestätigung sein.' So geschah
es auch, als die Frau in das Jungfrauenkloster in Irkutsk kam. Ihr Herz
sprang vor Freude und sie blieb dort; später wurde sie die Äbtissin
Susanne.
Deine Berufung, Serjoschenka, ist die, wie der ehrwürdige Seraphim dem
Abt Timon Nadejevskij sagte: 'Das gute Wort fiel dorthin auf den Weg,
unter Dickicht, auf Steine, auf gute Erde. Dort ging es auf und brachte
Frucht, sogar hundertfach.' Aber man muß sich bemühen, die Ruhe des
Herzens zu erlangen, denn in einem aufgewühlten Herzen kann nichts
Gutes wachsen. Aber wenn man zur Ruhe gekommen ist, wird man weise und
vermag viel. Ich spreche zu Dir über das innere Schweigen - es ist
eigentlich die wahre Klausur und Einsiedelei. Das Jesus-Gebet, der
unablässige Gottesdienst im Inneren des Herzens, wo das Reich Gottes
ist, wird Dir in allem helfen."
(Das Buch kann bestellt werden im Verlag von Frau Dr. Herta Ranner, A-1070 Wien, Zeismannsbrunngasse 1)
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