"ICH WERDE EUCH NICHT ALS WAISEN ZURÜCKLASSEN!"
von H.H. Pfr. Alois Aßmayr
Als Jesus am Gründonnerstag bei der Feier des Osterlammes den Aposteln mitteilte, daß Er heute das letzte Mal mit ihnen das Osterlamm essen werde, da Er nun die Welt verlassen und zum Vater zurückkehren würde, hat die Apostel begreiflicherweise große Traurigkeit und Mutlosigkeit ergrif-fen. Ohne Jesus, den geliebten Meister, kamen sie sich vor wie Kinder ohne Vater und Mutter, so verlassen und hilflos. Die Apostel wußten vom Haß der religiösen Führung gegen Jesus, und als Freunde Jesu, auch gegen sie, dem sie sich nach dem Weggang Jesu schutzlos ausgeliefert sahen.
Jesus tröstete die Apostel: "Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen." Er werde ihnen einen anderen Tröster schicken, den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit, der immer bei ihnen bleiben, sie führen, lenken und stärken werde. Wohl werden sie gehaßt und verfolgt werden, aber all ihr Leid werde einmal in Freude verwandelt werden.
Wir wissen, daß Jesus den Aposteln noch vor der Himmelfahrt den strengen Auftrag erteilt hat, in die ganze Welt hinaus zu ziehen und allen Völkern Seine Lehre zu verkünden und Zeugen Seiner Gottheit zu sein, von Jerusalem angefangen bis an die Grenzen der Erde. Alle Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, der Erlösung teilhaftig zu werden. Jesus hat aber die Apostel nicht im unklaren gelassen, was sie dabei durchmachen müssen. Der Heilige Geist aber werde sie mit allem ausrüsten, um ihre Aufgabe lösen zu können, was dann am Pfingstfeste auch geschehen ist.
Aber einer in fürchterliche Laster versunkenen Welt die Lehre Jesu zu verkünden, ist eine gewagte und gefährliche Sache, erst recht, eine solche Welt zur Annahme dieser Lehre zu bewegen und nach dieser Lehre zu leben. Ein aussichtsloses Beginnen! Trotzdem haben diese einfachen Männer ohne irgendwelche irdischen Machtmittel die Welt erobert. Wohl hat den Aposteln das Zeugnisablegen für Jesus das Leben gekostet, blieb aber durchaus nicht ohne Wirkung. Gar manche haben durch dieses Zeugnis zu Jesus gefunden, Ihn als Gott anerkannt, daraus auch die Konsequenzen gezogen und wenn nötig, auch willig ihr Leben für Jesus hingegeben. Der felsenfeste Glauben der Apostel und der Christen, ihr sittenreines Leben, ihre Opferbereitschaft, ihre treue Liebe zu Jesus und ihre selbstlose Nächstenliebe hat Eindruck bei den Heiden gemacht und nicht nur ihre Bewunderung hervorgerufen, sondern sie auch bewogen, auch Christen zu werden und zwar in immer größerer Zahl, so daß schließlich die Staatsgewalt vor ihnen kapituliert hat und das Christentum zur Staatsreligion erklärt wurde. Das ist alles Wirkung des Heiligen Geistes Uns heutigen Christen sollte das eine Aufmunterung sein, den Mut und das Vertrauen nicht zu verlieren.
Heute sind wir zu Zeugen für Christus, Seine Lehre und Seine Gottheit aufgerufen. Dieses Zeugnis ablegen ist freilich auch hier im freien Westen keine angenehme, leichte und aussichtsreiche Sache, obwohl sich fast alle Menschen zum Christentum bekennen. Dieses Christentum ist aber weitgehend in Laster verstrickt - so weit schon, daß es sich vom Heidentum, vom Atheismus nicht mehr viel unterscheidet. Solche Menschen haben dann natürlich für die Lehre Christi und ein wirklich christ-liches Leben kaum Verständnis. Ein für Christus Zeugnis abzulegendes Leben scheint bei uns im Westen noch viel aussichtsloser und erfolgloser zu sein als in den kommunistischen Ländern. Mir scheint es so ähnlich zu sein wie zur Zeit der Apostel, da unter den Heiden mehr Erfolge zu erreichen waren als bei den Juden. Das größte Hindernis für das Christentum war ja die religiöse Führung der Juden, der man ja glaubte und vertraute und der man gehorchen zu müssen glaubte. Wie diese Füh-rung das Volk ins Verderben geführt hat, ist ja bekannt.
Da nun unser Christentum in der freien Welt so im argen liegt und unsere Führung einen Kurs ein-geschlagen hat, der einem echten Christentum Hohn spricht, und sehr viele Priester diesen Kurs mitmachen, haben viele noch gläubige Christen den Mut verloren, schwenken halt auch in die neue Richtung ein und entschuldigen sich damit, daß es die Priester und Bischöfe verantworten müssen. Andere tun zwar unwillig mit, da sie ja nicht auffallen, ins Gerede kommen wollen und dann doch auf den (modernistischen) Pfarrer angewiesen sind. Wenige sind es, die den Mut haben, ein kompromißloses Christentum zu vertreten und die unangenehmen Folgen auf sich zu nehmen. Aber auch bei diesen fehlt oft noch die Einmütigkeit, die selbstlose Liebe und zarte Rücksichtnahme. Es ist dann menschlich, wenn dann auch die Besten den Mut verlieren, den Kampf als aussichtslos aufgeben und sich fast verbittert zurückziehen. Aber gerade das wollen die Zerstörer der katholischen Kirche, und diesen Gefallen wollen wir ihnen nicht tun, erst recht dürfen wir das Unserm Herrn nicht antun. Uns zuliebe hat der Herr auch nicht kapituliert, obwohl Seine Sache noch viel trostloser ausgeschaut hat. Wir dürfen nicht aufgeben und brauchen auch nicht aufgeben, genau so wenig wie die Apostel nicht vor den Schwierigkeiten kapituliert haben und Sieger geblieben sind. Auch wir wollen uns der Zeugenaussage wegen der Unannehmlichkeiten dafür nicht entziehen, sondern fest und entschieden zu Christus, zur Wahrheit stehen. Nur so ist unser Zeugnis etwas wert. Uns steht ja auch der Heilige Geist mit Seinen Gnaden und Gaben zur Verfügung. Er gibt auch uns alles, was wir brauchen. Er hat es ja! Je mehr wir Seine Gnaden und Gaben benützen, um so reicher beschenkt Er uns damit. Meist schätzen und benützen wir sie viel zu wenig.
Übrigens ist unser Kampf durchaus nicht so aussichtslos. Es gibt immer Menschen, junge und alte, welche die Hohlheit der heutigen Ideologien durchschauen und von der heutigen Sittenlosigkeit und Charakterlosigkeit sich abgestoßen, dafür von der Lehre Christi angezogen fühlen, auch bei uns. Nur müßten wir oft bessere Vorbilder sein. Gewiß, wir sind auch als Christen nur Menschen, die nicht fehlerfrei sind. Vollkommen ist nur Gott, der Herr. Alle müssen wir täglich an der Bekämpfung unserer Fehler arbeiten und trotzdem werden wir nie fehlerfrei werden. Auch müssen wir täglich uns ernstlich Mühe geben, um an Tugenden zu wachsen und dennoch werden wir es nie zur Vollkommenheit bringen. Sonst hätten wir dann ja nichts mehr zu tun. Auch die ersten Christen waren trotz sichtbaren Empfangens des Heiligen Geistes nicht von allen Fehlern frei. Dennoch fielen sie den Heiden wegen ihrer Liebe zueinander auf: "Seht, wie sie einander lieben!" und bewunderten sie. Ist doch die Liebe, die Gottes- und Nächstenliebe, eine Frucht des Heiligen Geistes - und diese schließt unnötige, kleinliche und lieblose Reibereien, erst recht Gehässigkeiten aus.
Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Die Wahrheit ist einig und unveränderlich. Wenn wir bei der Wahrheit bleiben, soweit wir sie kennen, wenn wir bei der Wahrheit, wie sie die katholische Kirche (seit fast 2000 Jahren verkündet) bis vor wenigen Jahren verkündet hat, bleiben, können wir einig sein und müssen wir einig sein. Alles andere braucht die Einheit nicht zu stören. Diese Wahr-heiten zu verteidigen, ist nicht nur unser Recht, sondern sogar unsere Pflicht.
Das Zeugnisablegen für Christus kann eine sehr gefährliche Sache sein, wenn man dabei Freiheit, Blut und Leben riskieren muß. Es hat im Laufe der Kirchengeschichte viele solche Menschen gegeben und es gibt sie auch heute noch. Dieses Zeugnis hat viele zur katholischen Kirche geführt, auch heute. Der Mut und die Kraft hierzu ist wieder eine Gabe des Heiligen Geistes. Nun, so gefährlich, für Christus Zeugnis abzulegen, ist es bei uns noch nicht. Mir ist nicht bekannt, daß bei uns jemand dafür eingesperrt und verurteilt worden ist. Entlassungen, vielleicht mit Gehalts- oder Pensionsentzug, sind vorgekommen. Verhungern aber hat bis heute noch niemand deswegen brau-chen. Eigentlich müßten wir uns freuen, wenn wir für Christus etwas leiden dürfen, wie Petrus und Johannes, als sie vom Hohen Rat, der höchsten geistlichen Obrigkeit bei den Juden, zur Geißelung verurteilt wurden. "Freuet euch und frohlocket."
Mit Christus und für Christus etwas leiden, besonders wenn es aus Liebe und Dankbarkeit geschieht, macht nicht unglücklich, im Gegenteil! Versucht es, und ihr werdet es selbst sehen. Die Kraft und den Eifer dazu, kann euch der Heilige Geist geben. Bittet Ihn herzlich darum! Ich wünsche allen Lesern recht viel Kraft, Licht, Liebe und Ausdauer vom Heiligen Geist.
Es grüßt alle Leser und segnet sie
Biberwier, 18.4.1977
Alois Aßmayr, Pfarrer,
(EINSICHT, 7. Jahrg. Nr. 1, Mai 1977)
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