Leere Kirchen
von
Rolf Stolz
Die christlichen Kirchen in Deutschland leeren sich - die evangelischen
noch schneller als die katholischen. Immerhin 16 Prozent der
Katholiken, aber kaum vier Prozent der Protestanten besuchen den
Sonntagsgottesdienst. Um fast drei Millionen Menschen sank seit 1991
die Mitgliederzahl der evangelischen Landeskirchen. An der Spitze liegt
das "fortschrittliche" Nordelbien mit 21.000 Austritten 2002.
All dies freut manche Zeitgenossen: Die Muslime, die Buddhisten, die
Zeugen Jehovas, die Mormonen, die manchmal arg obskuren Neuheiden, die
"Gottlosen" und "Freidenker" jubeln in der Hoffnung darauf, aus der
Herde der verlorenen Schäflein etliche in den eigenen Pferch treiben zu
können. Selbst einige Juden, die den Haß auf alles Christliche
konservieren, reiben sich befriedigt die Hände - obwohl jeder denkende
und aufgeklärte Jude weiß, wie nahe die katholische und orthodoxe
Konfession in Ritual und äußerem Gesetz ihrem Vorgängerglauben und
Vorbild verbunden bleiben.
So wie in der Politik die Verfechter eines anderen und besseren
Deutschland in verschiedensten Parteien und unter den Unorganisierten
zu finden sind, so sind auch die wirklichen Christen in unserem Land
teils kirchlich gebunden, teils - wie der Autor seit über dreißig
Jahren - durch Austritt kirchen-frei geworden. Von den einzelnen
Gläubigen, von den Gemeinden und Gemeinschaften hängt es ab, ob
innerhalb und außerhalb der vielfach moralisch korrumpierten, dem
Zeitungeist verfallenen, verweltlichten und verstaatlichten Großkirchen
sich neue Kräfte bilden und finden. Von der Peripherie des
Christentums, aus Afrika und Lateinamerika, in manchem auch wieder aus
Rußland, kommt jener spirituelle Aufbruch zu uns, der das
westeuropäische Christentum herausfordert und der es aus Erstarrung und
Selbstzerstörung befreien könnte. Bleiben die Herzen und Köpfe der
deutschen Taufschein-Christen so leer, wie sie jetzt sind, dann werden
auch die Kirchen immer leerer werden, bis man sie abreißt oder sie zu
Moscheen umbaut, wie der grüne NRW-Bauminister Michael Vesper unlängst
vorschlug. Nur aus dem lebendigen Glauben an den lebendigen Gottessohn
kann ein neuer Bund, eine Gemeinschaft der Gläubigen entstehen. Nur aus
dem geheilten und geheiligten Geist, der die tiefe Demut des einfachen
Volkes verbindet mit dem inneren Adel einer auf das höchste Ziel
gerichteten Bereitschaft zu Leiden und Kampf, kann eine Kirche wachsen,
die es wert ist, daß sie lebt und überlebt.
Hinweis: Rolf Stolz ist Mitbegründer der "Grünen". Heute lebt er als Publizist in Köln.
(aus: JUNGE FREIHEIT vom 19.9.2003) |