Besser als Christus – oder: moderne Pharisäer unter uns
von Eberhard Heller
Dieser Artikel ist all jenen gewidmet, deren Wissensfortschritte in der theologischen Durchdringung einer sowohl fachlich als auch mental schwierig zu verarbeitenden Materie von ihren geduldigen Mitchristen mit Wohlwollen verfolgt werden, die aber dann, wenn sie selbst eine gewisse Höhe des Wissens erreicht haben, mit Verachtung, ja mit Haß auf die herunterschauen, sie sogar verfolgen, die sich in jenen geistigen Niederrungen befinden, die sie gerade verlassen haben.
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Die Szene bei Johannes 8,1-11 ist bekannt: "Jesus aber ging zum Ölberg. Frühmorgens kam er wieder in den Tempel und das ganze Volk kam zu ihm, und er setzte sich nieder und lehrte sie. Da führten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herbei, die man beim Ehebruch ertappt hatte, stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: "Meister, diese Frau wurde auf frischer Tat ertappt als Ehebrecherin. Im Gesetze hat uns Moses befohlen, solche zu steinigen; was sagst du dazu?' Das sagten sie, um ihn auf die Probe zu stellen, damit sie einen Grund hätten zur Anklage gegen ihn. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Da sie aber nicht nachließen mit ihren Fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen. "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie." Und er bückte sich abermals und schrieb auf die Erde. Da sie aber dies hörten, gingen sie davon, einer nach dem andern, von den Ältesten angefangen bis zu den letzten; und es blieb Jesus allein zurück und die Frau, die in der Mitte stand. Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: "Frau, wo sind sie? Hat dich keiner verurteilt?" Sie sagte: "Keiner, Herr!" Da sprach Jesus zu ihr."Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!"
Die Pharisäer, die um Christi Barmherzigkeit und Milde wußten - speiste er nicht mit "Zöllnern und Sündern"? - wollten ihn, wie so oft, auf die Probe stellen. Denn Moses hatte befohlen, Ehebrecherinnen zu steinigen (3. Moses, 20,10). Würde er sich gegen die Steinigung aussprechen, hätten sie ihn wegen des Verstoßes gegen das mosaische Gesetz und dessen Mißachtung verurteilen können. Doch Christus tut den Pharisäern diesen Gefallen nicht. Denn zwei Fehlhaltungen wirft Christus den Pharisäern vor: die bloß äußerliche Erfüllung der Gesetzesvorschriften ohne die entsprechende innere Intention, also reine Werkgerechtigkeit, und ihren moralischen Hochmut. Er nennt sie "Heuchler".
"Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie." (8,7) Nach dem mosaischen Gesetz (vgl. 5. Moses, 17,7) sollte die Steinigung derjenige beginnen, der den Ehebruch bezeugt hatte. "Und er bückte sich abermals und schrieb auf die Erde" (8,8), nach Hieronymus und Antonius, um die Ankläger auf ihre eigenen Sünden und noch schwerwiegendere Vergehen aufmerksam zu machen. Und dann schleichen sich alle davon, bis Jesus mit der Ehebrecherin allein ist und er zu ihr spricht: "Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!" (8,11)
Das waren noch biblische Zeiten! Selbstgerechte Katholiken, die in ihrer sog. 'Orthopraxie' die Heuchelei der Pharisäer noch überbieten würden, kannte man nicht. Um einen von ihnen näher kennen zu lernen, schreibe ich das Geschehen fort in unsere Zeit.
Bisher von den übrigen unbeachtet, steht er hinter einer Mauerecke versteckt im Hintergrund. Voll Vorfreude auf das zu erwartende blutige Gemetzel - pardon! die gerechte Bestrafung - hatte er sich zunächst hinter dem Mauerwerk still verhalten, aber mit immer größerer Verwunderung wahrgenommen, wie sich ein Jude nach dem anderen davonschleicht, ohne einen einzigen Stein auf die Ehebrecherin zu werfen. Langsam steigt Wut in ihm auf: Sollte diese Frau, die die Ehe gebrochen hatte, ungeschoren davon kommen? Und dann die Worte Jesus, des Gottessohnes, der dereinst zur Rechten Gottes sitzen wird zu "richten die Lebendigen und die Toten"? "Dann will auch ich Dir verzeihen." (8,11)
Unfaßbar! Wie kann Christus so lax sein! Er, der Gerechte, übt keine Gerechtigkeit! Er macht sein Urteil abhängig vom Verhalten der Pharisäer! diesem innerlich verdorbenen Gesindel! Empörung steigt ihn ihm auf: er wird die gerechte Strafe an ihr vollziehen! Hastig sammelt er die umherliegenden Steine, er eilt der Frau nach, die es noch nicht fassen kann, daß sie bei dieser öffentlichen Anklage nicht ihr Leben verloren hat. Unser selbstgerechter Katholik - besser als Christus! - beginnt, auf die Frau zu zielen. Die Anleitung für eine Steinigung hatte er sich für solch eine Hinrich-tung durch die Taliban aus dem Internet heruntergeladen. Ein Stein daneben, der nächste trifft. Die Frau zuckt vor Schmerz zusammen, fällt nieder und wird wieder getroffen. Ihr Schreien ist weithin zu hören.
Erschrocken kehren die Juden um, um zu sehen, was da vor sich geht. Sie sehen die Ehebrecherin am Boden liegend, blutüberströmt, neben ihr in Richterpose unser 'orthopraxer' Christ. Jäh wird er von einem der Ältesten mit kräftiger Hand gepackt, herumgerissen und zu Boden geschleudert. Einer derjenigen, die sich aus Scham zurückgezogen hatten, eilt der Frau zu Hilfe. Erschüttert über das, was er als Zeuge miterlebt hat, fährt der Älteste den katholischen Christen an: "Weißt Du nicht, daß Du den, den Du als Gottessohn anerkennst, durch dessen Kreuzesopfer Du erst überhaupt entsühnt werden kannst von Deinen Sünden, vom Richterstuhl gestoßen hast? Du steinigst Gottes Barmherzigkeit!" |