Worte der Ermahnung
vom
hl. Franziskus
Im Namen des Vaters und Sohnes und Heiligen Geistes. Dies sind Worte
hehrer Ermahnung unseres ehrwürdigen Vaters, des heiligen Franziskus,
an alle Brüder.
Es sprach der Herr Jesus zu seinen Jüngern: »Ich bin der Weg, die
Wahrheit und das Leben. Nie-mand kommt zum Vater denn durch mich.
Hättet ihr mich erkannt, ihr hättet gewiß auch meinen Vater erkannt,
und fortab werdet ihr ihn erkennen und habt ihn gesehen.« Spricht zu
ihm Philippus: »Herr, zeig uns den Vater, und es ist uns genug.«
Spricht zu ihm Jesus: »So lange Zeit bin ich bei euch, und ihr habt
mich nicht erkannt? Philipp, wer mich sieht, sieht auch meinen
Vater.« Der Vater bewohnt das unnahbare Licht, und Geist ist
Gott, und Gott hat keiner je gesehen. Weil Gott Geist ist, deshalb kann
er einzig von Geist gesehen werden; denn der Geist ist's, der lebendig
macht, das Fleisch ist nichts nütze. Doch auch der Sohn wird darin, daß
er dem Vater gleich ist, von keinem anders gesehen als der Vater,
anders als der Heilige Geist: und alle, die den Herrn Jesus Christ nach
der Menschheit sahen, und nach dem Geist und der Gottheit nicht sahen
noch glaubten, er sei Gottes wahrer Sohn, sind verdammt. So auch jetzt:
alle, die das Sakrament des Leibes Christi sehen, das durch die Worte
des Herrn auf dem Altar von der Hand des Priesters in Form von Brot und
Wein geweiht wird, und nach dem Geist und der Gottheit nicht sehen noch
glauben, dies sei wahrhaftig der heiligste Leib und das Blut unsres
Herrn Jesus Christ, sind verdammt nach dem Zeugnis des Höchsten selbst.
Der spricht: »Dies ist mein Leib und mein Blut des Neuen Testaments« -
und: »Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.«
Der Geist des Herrn, der in seinen Getreuen wohnt, der ist es also, der
den heiligsten Leib und das Blut des Herrn empfängt. Alle anderen, die
von diesem Geist nichts haben und sich vermessen, ihn zu empfangen,
essen und trinken sich das Gericht. Darum, ihr Menschenkinder, bis wann
schweren Herzens? Warum erkennt ihr nicht die Wahrheit und glaubet an
Gottes Sohn? Seht, täglich demütigt er sich wie damals, als er von den
Königssitzen in den Schoß der Jungfrau trat: täglich kommt zu uns er
selbst, demütig anzusehen; täglich steigt er vom Busen des Vaters
hernieder auf den Altar in die Hände des Priesters. Und wie den
heiligen Aposteln im wahren Fleisch, so zeigt er sich jetzt auch uns im
geweihten Brot. Und wie sie mit dem Blick ihres Fleisches nur ein
Fleisch ersahen, aber mit geistigen Augen schauend glaubten, er sei
Gott der Herr, so auch wir: sehen wir Brot und Wein mit Körperaugen, so
laßt uns sehen und fest glauben, sein heiligster Leib und Blut sei
lebendig und wahr. Und solcher Art ist der Herr immer bei seinen
Getreuen, wie er selber sagt: »Sieh, ich bin bei euch bis zur Erfüllung
der Zeit.«
(aus: "Franz von Assisi - Fioretti • Gebete •
Ordensregeln • Testament • Briefe" übers. von Wolfram von den Steinen
und Max Kirschstein, Zürich 1979, S. 55) |