Zweites Breve Pius‘ VI. an den Bischof von Chiusi und Pienza
PAPST PIUS VI.
Ehrwürdiger Bruder, Gruß und apostolischen Segen. In keiner Weise Unseren Erwartungen entsprochen hat die Antwort, die du auf Unseren Brief gegeben hast, mit dem Wir dich von dem falschen Entschluss abmahnen wollten, in den du durch die Veröffentlichung eines Hirtenbriefes gefallen bist, aus dem Lehren zu entnehmen sind, die der Kirche Ärgernis geben und den Apostolischen Stuhl beleidigen: du verlangst nämlich, dass man dir erkläre, was denn dein Brief an Aussagen enthalte, die mit den Lehrentscheidungen des Apostolischen Stuhles weniger übereinstimmen, wobei du dir gewissermaßen ein Urteil über eben diese Entscheidungen anmaßt, und du verlangst, dass man dir die Gründe angebe, auf die sie sich stützen, und dich nur dann zur Richtigstellung deines Hirtenbriefes bereit erklärst, wenn man dich von diesen Gründen überzeugt. Diese Vorgangsweise kann unmöglich mit der Autorität des Apostolischen Stuhles in Einklang stehen, die du in deinem Brief zu verehren behauptest, und zeigt auch nicht jene Redlichkeit und Weisheit, die deiner Würde entspräche. Da du aber mit Fleiß und Eifer von den Definitionen und Lehren des Apostolischen Stuhles abweichst und vor allem anderen die jansenistische Häresie ein Gespenst und einen leeren Schein nennst, obwohl es niemandem verborgen ist und auch du sehr wohl weißt, dass sie von Innozenz X. mit dem Bannstrahl durchbohrt wurde, dass aber Alexander VII. sie als eine besonders in Frankreich herumschleichende Häresie zu unterdrücken bestrebt war, indem er auf Verlangen des allerchristlichsten Königs sogar eine feste, von den Klerikern zu unterzeichnende Eidesformel festlegte; und obwohl es niemandem verborgen ist, dass Clemens XI, nachdem zwar der Streit schon längst entschieden, der Irrlehre aber noch kein Ende gesetzt worden war, unter seinen vielfältigen Maßnahmen durch die sehr bekannte Konstitution „Vineam Domini“ die Kirche ermahnt hat; wird es offenkundig, dass du nun zu Unrecht Unkenntnis hinsichtlich jener Aussagen vor-täuschst, durch die dein Hirtenbrief den um die Unversehrtheit der Lehre besorgten Apostolischen Stuhl in schwerwiegender Weise verletzt. Und das kann um so weniger behauptet werden, je deutlicher du Bücher anführst und Schriftsteller mit Lob überhäufst, die sich nicht scheuten, sich den Entscheidungen eben dieses Apostolischen Stuhles zu widersetzen und davon abzuweichen, und unter Geringschätzung der gegen ihre Schriften verhängten Zensuren deinen Klerus zum Studium eben dieser Schriften, als ob es sich um unschädliche Quellen der Lehre handelte, ermunterst. Du täuschst dich aber sehr, wenn du mit Argumenten von den vom Apostolischen Stuhl getroffenen Lehrentscheidungen überzeugt werden willst, um ihnen dann deine Zustimmung zu erteilen; das nämlich würde den Ungeist des Privaturteils über Sachen des Glaubens und der Sitten heraufbeschwören, der dem katholischen Dogma ganz und gar widerspricht. Deshalb ziemt es sich für Uns keineswegs, über einmal gefällte Entscheidungen, die ja immer nur nach vorausgegangener überaus strenger Erörterung ergangen sind, Rechenschaft abzulegen; im Gegen-teil, wir müssen uns im Interesse Unseres Amtes und Unserer Würde ganz und gar sorgfältig von neuen Streitigkeiten fernhalten; sonst hätten die Auseinandersetzungen nie ein Ende und würde das Ansehen jener Autorität schwinden, der ein jeder sich selbst unterwerfen muss. Da dies augenscheinlich ist, bedauern wir zutiefst dein Täuschungsmanöver, wodurch du so tust, als würdest du weiter ausholen, und danach strebst, durch Verzögerung Zeit zu gewinnen, um nicht Unsere liebevolle Stimme bereitwillig aufnehmen zu müssen, als ob dir nicht das zur Genüge bekannt wäre, was zwangsläufig nur allzu bekannt ist. Doch Unsere unermessliche Liebe zu dir, die in noch höherem Maße darum besorgt ist, dass der Name der Mitbrüder nicht in Gefahr gerät, zwingt Uns aufgrund Unseres apostolischen Amtes dazu, dich erneut dazu zu drängen, dass du das der Kirche gegebene Ärgernis ohne jeden Verzug in kluger Weise beseitigst, wie Wir es in Unserem vorigen Brief verlangten; und Wir bitten und beschwören deine Brüderlichkeit inständig, dich nicht mehr länger widerspenstig zu zeigen gegenüber jenen Lehren, die von unseren Vorfahren überliefert worden sind, und nicht mehr länger mit verstocktem Herzen jenen Leuten anzuhangen, die nur sich selbst weise dünken und die, wie man erzählt, heute in der Toskana auftreten und entweder mit Verschlagenheit oder Unverschämtheit darauf hinarbeiten, dass das Lehrsystem weniger unversehrt sei. Und Wir erteilen dir, ehrwürdiger Bruder, in herzlichster Liebe den apostolischen Segen.
Geschrieben zu Rom, bei St.Peter, am 2.Februar 1787, im zwölften Jahr Unseres Pontifikats.
CALLISTUS MARINUS
Sekretär für die lateinischen Brief Sr.Heiligkeit
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