Auf den Höhen des Geistes
Gespräche eines russischen Mönches über das Jesus-Gebet
S. N. Bolsakov
übers. von P. Bonifaz Tittel OSB
Wien 1976
6. Fortsetzung:
10. Igumen Ioann, Neu Walaam
Ende August unterhielt ich mich einmal mit Igumen Ioann im Garten von
Neu Walaam. Frische Luft kündigte an diesem sonnigen Morgen schon das
Nahen des Herbstes an.
"Vater Ioann, sprechen Sie offen über die Fehlentwicklungen beim Jesus-Gebet. Gibt es sie oder nicht?"
"Warum sollte es sie nicht geben? Der Teufel versucht es auf alle
Weise. Wenn dem Laien ein Dämon zur Versuchung beigestellt wird, dann
dem Mönch zwei, dem wahren Beter aber drei. Haben Sie die 'Sammlung
über das Jesus-Gebet' und 'Gespräche über das Jesus-Gebet' gelesen, die
Igumen Chariton herausgegeben hat?"
"Ich habe es gelesen."
"Dort steht ziemlich viel darüber. Das wesentlichste ist, daß man beim
Jesus-Gebet in tiefer Demut bleiben muß und sich auf keine Weise etwas
einbilden darf. Manche tun es aber. Wozu beten wir denn eigentlich das
Jesus-Gebet? Doch nur, weil wir durch das andauernde Denken an den
Herrn und die Reue über unsere Sünden zum Frieden des Herzens kommen,
die innere Stille erlangen und in der Liebe zu unserem Nächsten und zur
Wahrheit wachsen - dann leben wir wirklich in Gott, denn Gott ist die
Liebe. Aber es gibt Leute, die betrachten dieses Gebet wie irgendeine
Magie, die ihnen die Kunst des Gedankenlesens, Prophetie, die Gabe der
Wundertätigkeit und Heilung verleiht. Ein solcher Zugang zum Gebet ist
äußerst sündhaft. Die so zum Gebet treten, werden von Dämonen
verblendet, die ihnen tatsächlich eine gewisse Macht geben, damit sie
fallen, für immer. Ich war einmal Abt in Pecenga. Das ist sehr weit von
hier, an den Ufern des nördlichen Eismeeres. Im Sommer geht die Sonne
drei Monate nicht unter, im Winter dauert die Nacht drei Monate lang.
Der Ozean ist stürmisch, ringsum gibt es nur die menschenleere,
schwermütige Tundra. Unter diesen Bedingungen, in dieser großen
Einsamkeit, kommt es vor, daß manche Mönche beim Gebet in Ekstase
geraten, Stimmen hören und Gesichter sehen. Ein solcher hörte auf
einmal eine engelsgleiche Stimme in seiner Zelle, die ihm einredete,
daß er eine wunderbare Höhe erreicht hätte. Nun könne er Wunder wirken,
ja sogar wie der Erlöser über Wasser gehen. Die Stimmen überredeten den
Armen, er solle tatsächlich versuchen, über eine dünne Eisscholle zu
gehen. Nun, er ging und stürzte ins Wasser. Auf sein Schreien hin wurde
er herausgezogen, aber er erkrankte durch das kalte Wasser schwer und
starb, nachdem er bereut hatte. Das ist sicher ein Sonderfall, aber
andere betörten die Dämonen eben auf andere Weise. Manche beten und
sehen bei sich einen gewissen Fortschritt, dann fangen sie an, sich zu
brüsten und halten die anderen für unwürdiger als sich, sich selbst
schätzen sie als 'aus-erwähltes Gefäß Gottes'. Solche Beter sitzen
gewöhnlich zu Gericht über andere, sind bei Vorwürfen leicht beleidigt,
befinden sich immer in einer gewissen Unruhe. Wenn auch beim Apostel
Paul steht, daß gerettet wird, wer den Herrn Jesus Christus anruft und
den Sohn Gottes offen bekennt, so hat der Erlöser selbst gelehrt, daß
nicht der, der 'Herr, Herr!' ruft, erhört wird, sondern wer den Willen
des himmlischen Vaters erfüllt. Diese Leute beten wohl, aber ihr Herz
ist weit vom Herrn entfernt. Zum Gebet muß auch das Tun der Gebote
hinzukommen, denn der Glaube ohne Werke ist tot und erst durch das Tun
wird der Glaube vollkommen."
"Wie kann man wissen, an welchen geistlichen Vater man sich um Rat wenden soll?"
"Suche Dir einen ruhigen Starzen, einen guten, demütigen, der im
Frieden des Gewissens und im inneren Schweigen bleibt, das heißt, der
niemanden verurteilt. Solche, die über alle urteilen, die mit allem
unzufrieden sind, ja vielleicht auch ins Geld verliebt sind - vor
diesen fliehe, sonst wirst Du genauso wie sie. Denke auch daran, daß
man wohl beim Starzen auf Zeit leben kann, aber so wie man das Gebet
und die Kontrolle der Gedanken gelernt hat, wozu brauchst Du dann einen
Starzen? Man kann nicht die ganze Zeit Kind bleiben, mit der Zeit wirst
Du selbst für alles verantwortlich. Du kannst sogar selbst Starez
werden, wenn die Zeit gekommen ist."
"Was ist eigentlich ein Starez?"
"Das ist leicht zu sagen: Ein Starez ist ein Mensch reich an
geistlicher Erfahrung, Weisheit und mit einer großen Liebe zu den
Menschen. Starzen können einfache Mönche sein, wie zum Beispiel der
wohlbekannte Zosima Verchovskij, den Dostojewskij als seinen Starez
Zosima in den 'Brüdern Karamasow' beschreibt. Lies einmal das Leben des
Starzen Zosima, dann wirst Du es selbst sehen. So ähnlich waren auch
die Starzen Vasilisk Turinskij, Joann Moldavskij, Erzdiakon
Melchisidech, ein sehr berühmter Starez, der 125 Jahre alt wurde.
Starez Daniil Aginskij in Sibirien dagegen, ein goßer Asket und Lehrer,
wie auch Kuzma Birskij waren einfache Laien, aber zu ihnen kamen nicht
nur Laien und Priester, sondern auch Mönche, Bischöfe und Gelehrte.
Warum soll der Schreiber der 'Erzählungen eines Pilgers' nicht selbst
Starze gewesen sein? In der Korrespondenz des Vaters Amvrosij aus
Optina habe ich gefunden, daß er zwar ein Bauer aus Orel war, die auf
dem Berg Athos in Panteleimonkloster aufgefundene Handschrift aber
dürfte das Original sein. Vermutlich ging der Pilger auf der Heimreise
vom Heiligen Land nach Rußland wie viele andere auch auf den Berg Athos
und erzählte seine Fahrt einem Starzen, dem Priestermönch Ieronim
Solomenzev. Dieser ließ es aufschreiben, vielleicht hat der Pilger es
selbst aufgeschrieben und blieb am Athos? Wer weiß?"
"Ist die Pilgerfahrt eine geistliche Heldentat, Vater Ioann?"
"Das schon, aber die Narrheit in Christus steht höher, ist aber auch
schwerer. Als Narr in Christus zu leben wird nur wenigen gestattet und
das nur unter der Fürhung großer Starzen. Wir können schon wenig Übel
kaum ertragen, warum soll man dann viel suchen. Vom Starzen Leonid aus
Optima erzählt man folgende Geschichte: Ein Mönch bedrängte ihn mit
seinen Bitten, er möge ihn zum Zeichen seiner Demut Ketten tragen
lassen, aber der Starze antwortete ihm: 'Wozu brauchst du Ketten? Das
Mönchtum selbst ist eine schwere Kette, wenn man alles so macht, wie es
sein soll.' Aber der Mönch hörte nicht auf zu betteln. Schließlich
erlaubte es ihm der Starze, rief aber den Klosterschmied zu sich und
sagte ihm: 'Morgen wird ein Mönch Dich bitten, daß Du ihm Ketten
anlegst. Frag ihn: Wozu brauchst Du Ketten? und hau ihm eine kräftige
Ohrfeige herunter.' Am nächsten Tag kam der Mönch ganz erzürnt zum
Starzen gelaufen und sagte ihm, daß er vom Schmied statt Ketten eine
Ohrfeige bekommen hätte. 'Nun,' sagte der Starze, 'eine Ohrfeige
erträgst Du nicht und läufst schon, Dich zu beschweren. Wie willst Du
dann Ketten tragen? Man soll nicht höher greifen, als die Arme lang
sind.'"
"Vater Michail sagte: 'Das gute Wort ist überall, im Gestrüpp, am Weg,
unter Steinen und immer kann es noch irgendwie zu wachsen anfangen und
sogar einmal hundertfältige Frucht bringen.' Was denken Sie darüber,
Vater?"
"Wie Vater Michail Dir sagte: Man muß gehorchen. Dann findest Du das
gute Wort überall, auch auf der Pilgerreise. Es ist aber kein kleiner
Kampf, Bruder."
"Und werde ich ihn aushalten, mein Vater?"
"Nur im Glauben, wie geschrieben steht: Alles kann ich in Jesus, der
mich stärkt. Halte Dich ans Jesus-Gebet, es wird Dich überall
weiterführen."
(Das Buch kann bestellt werden im Verlag von Frau Dr. Herta Ranner, A-1070 Wien, Zeismannsbrunngasse 1) |