Lehrschreiben des hl. Papstes Leo des Großen
über die Menschwerdung Gottes
Bischof Leo
seinem sehr lieben Mitbruder Flavian, Bischof von Konstantinopel
I
Wir haben den zu Unserer Verwunderung sehr spät abgesandten Brief Ew.
Liebden gelesen und von dem beigefügten Synodalbericht Kenntnis
genommen und können Uns so endlich ein Bild machen von dem Ärgernis,
das sich bei Euch in Bezug auf die Unversehrtheit des Glaubens erhoben
hat; zu dem, was Uns zuvor undurchsichtig war, haben Wir nun den
Schlüssel bekommen. Demnach hat sich Eutyches 1), der wegen seines
Priesternamens ehrwürdig erschien, als sehr unklug und unerfahren
erwiesen, so sehr, daß auch von ihm das Wort des Propheten gilt: "Er
wollte nicht einsichtig sein, um gut zu handeln; auf Böses sann er in
seinem Gemach" (Ps. 35, 4). Denn was ist böser, als auf Unfrommes zu
sinnen und sich den Weiseren und Gelehrteren nicht zu fügen? In solche
Unfrommheit fallen diejenigen, die, wenn irgend ein Dunkel sie an der
Erkenntnis der Wahrheit hindert, weder auf die Stimmen der Propheten
zurückgreifen, noch auf die Briefe der Apostel, noch auf die Zeugnisse
der Evangelien, sondern auf sich selbst, und die darum Lehrer des
Irrtums sind, weil sie nicht Jünger der Wahrheit wurden. Welche
Belehrung aber sollte der aus den Seiten des Neuen und Alten
Testamentes schöpfen können, der nicht einmal die Anfangsgründe des
Glaubensbekenntnisses erfaßt hat? Und was über die ganze Welt hin die
Taufschüler mit ihrem Munde bekennen, das hat das Herz jenes alten
Mannes noch nicht aufgenommen.
II
Wenn er also nicht wußte, was er von der Menschwerdung des Wortes
Gottes denken sollte, und wenn er nicht, um sich das Licht der
Erkenntnis zu verdienen, die heiligen Schriften in ihrer ganzen Breite
durcharbeiten wollte, so hätte er wenigstens wachen Ohres jenes
allgemeine und unterschiedslose Bekenntnis aufnehmen sollen, mit dem
die Gesamtheit der Gläubigen bekennt: daß sie glaube an Gott, den
allmächtigen Vater, und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, unsern
Herrn, der geboren ist aus dem Heiligen Geiste und Maria, der Jungfrau.
Durch diese drei Sätze werden die Umtriebe fast aller Irrlehrer
zunichte gemacht. Wenn nämlich der Glaube an Gott auf den Allmächtigen
und auf den Vater geht, so wird damit der Sohn als ihm ebenewig
erwiesen, als in nichts vom Vater sich unterscheidend, da er als Gott
von Gott, als Allmächtiger vom Allmächtigen, als Ebenewiger vom Ewigen
geboren ist; nicht später der Zeit nach, nicht geringer an Macht, nicht
unähnlich an Glorie, nicht geschieden im Wesen. Dieser selbe ewige
Einziggeborene des ewigen Zeugers ist geboren worden aus dem Heiligen
Geiste und Maria, der Jungfrau. Diese seine zeitliche Geburt hat jener
göttlichen und ewigen Geburt nichts genommen und nichts hinzugefügt,
sondern ist einzig und allein auf die Erlösung des betrogenen Menschen
bezogen, damit er den Tod besiege und den Teufel, des Todes Herrscher,
aus eigener Kraft vernichte. Denn wir könnten den Urheber der Sünde und
des Todes nicht überwinden, wenn nicht der unsere Natur annähme und zur
seinigen machte, den weder die Sünde beflecken noch der Tod festhalten
konnte. Und er ist empfangen worden vom Heiligen Geiste im Schoße der
Jungfrau Mutter, die ihn so unversehrter Jungfrauschaft gebar, wie sie
ihn unversehrter Jungfrauschaft empfing.
Aber wenn Eutyches nicht aus diesem reinsten Bronn christlichen
Glaubens lautere Einsicht schöpfen konnte, weil die eigene Verblendung
den Glanz durchschaubarer Wahrheit verdunkelte, hätte er sich der Lehre
des Evangeliums unterwerfen sollen. Und er würde nach der Aussage des
Matthäus: "Buch der (menschlichen) Abstammung Jesu Christi, des Sohnes
David, des Sohnes Abraham" (Matth. 1, 1), wohl auch die Unterweisung
der apostolischen Predigt gesucht und im Brief an die Römer gelesen
haben: "Paulus, Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, erwählt für das
Evangelium Gottes, welches durch seine Propheten in den heiligen
Schriften vorherverkündet wurde und von seinem Sohne handelt, der dem
Fleische nach aus dem Geschlechte Davids stammt" (Röm. 1-3). Und
Eutyches würde seine fromme Sorgfalt den Prophetenschriften haben
zuwenden müssen; und wenn er dabei auf die Verheißung Gottes an Abraham
stieß: "In deinem Samen werden gesegnet werden alle Völker" (Gen. 12,
3;22, 18), hätte er, um nicht im Zweifel zu bleiben, über die
Besonderheit dieses Samens, sich an den Apostel halten müssen, der da
sagt: "Dem Abraham wurden die Verheißungen gegeben und seinem Samen; er
sagt nicht: und den Samen, als handle und es sich um viele, sondern nur
um e i n e n: und deinem Samen. Der ist Christus" (Gal. 3, 16). Und
auch die Predigt des Isaias hätte Eutyches mit innerem Ohr aufgenommen,
der da sagt: "Siehe, die Jungfrau wird im Schoße empfangen und einen
Sohn gebären, und man wird seinen Namen Emanuel nennen, das heißt: Gott
mit uns." (Is. 7, 14; Matth. 1, 23). Er hätte gläubig des gleichen
Propheten Worte, gelesen: "Ein Knabe ist uns geboren, ein Sohn ist uns
geschenkt, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht, und sein Name wird
sein: Bote des großen Ratschlusses, Wunderbarer, Ratgeber, starker
Gott, Fürst des Friedens, Vater der kommenden Weltzeit" (Is. 9, 6). Und
so würde Eutyches nicht mit vergeblichem Reden sagen, das Wort sei
solcherart Fleisch geworden, daß der aus dem Schoße der Jungfrau
hervorgeborene Christus zwar Menschengestalt habe, aber nicht die
Wirklichkeit des mütterlichen Leibes. Oder hat er vielleicht deswegen
geglaubt, unser Herr Jesus Christus sei nicht unserer Natur, weil der
zur seligen, allezeit jungfräulichen Maria gesandte Engel sagte: "Der
Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten
wird dich überschatten; darum auch wird das Heilige, das aus dir wird
geboren werden, Sohn Gottes heißen"? (Luk. 1, 35) So daß, weil die
Empfängnis der Jungfrau Gottes Werk war, das Fleisch des Empfangenen
nicht von der Natur der Empfangenden, gewesen wäre? Doch so ist jene
einzigartig wunderbare und wunderbar einzigartige Geburt nicht zu
verstehen, daß die neue Weise, auf die Gott hier schafft, die Eigenart
des Menschlichen aufhöbe. Denn wohl gab der Heilige Geist der Jungfrau
die Fruchtbarkeit, der wirkliche Leib aber ist vom Leibe (der Mutter)
genommen, und, indem die Weisheit sich ein Haus erbaute (Spr. 9, 1),
ist "das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh. 1, 14);
das heißt: in dem Fleische, welches er vom Menschen annahm und welches
er mit dem Hauch vernunftbegabten Lebens beseelte.
III
Es blieb also die Eigentümlichkeit beider Naturen ohne Abstrich
bestehen, sie gingen in eine Person zusammen, und so wurde von der
Herrlichkeit die Niedrigkeit, von der Kraft die Schwäche, von der
Ewigkeit die Sterblichkeit aufgenommen. Um die Schuld unseres
Menschenstandes zu lösen, ist die unverletzbare Natur mit der
leidensfähigen vereinigt, damit, wie es unsere Rettung erforderte,
"ein" und derselbe "Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch
Jesus Christus" (1 Tim. 2, 5), sowohl einerseits sterben wie
anderseits nicht sterben konnte. In der unversehrten und vollkommenen
Natur eines wahren Menschen ist also der wahre Gott geboren worden,
vollkommen in dem Seinigen und ganz in dem Unsrigen. Unter dem Unsrigen
verstehen Wir hier das, was der Schöpfer von Anbeginn an in uns
begründet hat und was er wiederherzustellen auf sich genommen; denn von
dem, was der Verführer hinbrachte und was der getäuschte Mensch zuließ,
ist an dem Heiland keinerlei Spur. Noch wurde er, weil er in die
Gemeinschaft der menschlichen Schwach-heiten eintrat, deshalb auch
Teilhaber an unsern Sünden. Er nahm Knechtsgestalt an, ohne den Schmutz
der Sünde, erhöhte das Menschliche, ohne das Göttliche zu mindern. Denn
jene Entäußerung, durch die der Unsichtbare sich als Sichtbarer zeigte
und durch die der Herr und Schöpfer aller Dinge ein Sterblicher sein
wollte, war ein Sichherabneigen seines Erbarmens, nicht ein Versagen
sei-ner Macht. Somit also ist derselbe, der in Gottesgestalt bleibend,
den Menschen erschaffen hat, in Knechtsgestalt Mensch geworden. Beide
Naturen bewahren unversehrt Ihre Eigenart, und wie die Gottesgestalt
die Menschengestalt nicht auslöschte, so minderte die Knechtsgestalt
nicht die Gottesgestalt. Denn da der Teufel sich rühmte, daß der durch
ihn betrogene Mensch der göttlichen Gnadengaben entbehre und, der Gabe
der Unsterblichkeit beraubt, dem harten Todesurteil unterliege, ja
sogar in seinem schlimmen Zustand an der Gemeinschaft mit seinem
Verführer einen gewissen Trost habe, und daß Gott, wie es die
Gerechtigkeit verlangte, sein eigenes Urteil über den Menschen, den er
in dem Stand so hoher Ehre geschaffen hatte, geändert habe, deshalb war
es nach dem Heilsplan geheimen Ratschlusses nötig, daß der unwandelbare
Gott, dessen Wille nicht von seiner Güte getrennt werden kann, den
ursprünglichen Plan, seiner Liebe zu uns durch ein noch verborgeneres
Mysterium vollendete und so der durch die listige Bosheit des Teufels
in Schuld gefallene Mensch nicht wider Gottes Ratschluß zu Grunde ging
IV
Es tritt also in diese Schwachheit der Welt Gottes Sohn ein; vom
himmlischen Thron steigt er herab und verläßt doch nicht die Glorie des
Vaters. So kommt er in einer neuen Ordnung, in einer neuartigen Geburt
zur Welt. In einer neuen Ordnung, denn der in seiner Natur Unsichtbare
wird sichtbar in der unsrigen; der Unerfaßliche wollte umfaßt werden.
Er blieb der vor aller Zeit Seiende und hat einen Anfang genommen in
der Zeit. Der Herr des Alls hat unter Verhüllung seiner Unermeßlichkeit
Knechtsgestalt angenommen; der Gott hat es nicht verschmäht, ein
leidensfähiger Mensch zu sein, und der Unsterbliche wollte den Gesetzen
des Todes unterworfen sein. In einer neuartigen Geburt aber kam er zur
Welt, weil die unverletzte Jungfrauschaft, die keine Begierde kannte,
des Leibes Stoff ihm dienend bereitete. Angenommen hat das Wort von der
Mutter des Herrn die Natur, nicht die Schuld, und in unserem Herrn
Jesus Christus, dem aus der Jungfrau Schoß Geborenen, ist die Natur
keineswegs deshalb der unsrigen unähnlich, weil die Geburt wunderbar
ist. Denn derselbe, der wahrer Gott ist, ist zugleich auch wahrer
Mensch. In dieser Einheit ist keine Lüge, denn die Niedrigkeit des
Menschen und die Hoheit der Gottheit sind darin in einem wahren
Miteinander. Wie Gott nicht verändert wird durch sein Erbarmen, so wird
auch der Mensch nicht verschlungen durch diese Würde. Denn es wirkt
jede der beiden Naturen in Gemeinschaft mit der andern das ihr
Eigentümliche: das Wort wirkt, was des Wortes ist, das Fleisch
verrichtet, was des Fleisches ist. Das eine von ihnen strahlt herrlich
in Wundern, das andere unterliegt den Schmähungen. Und wie das Wort von
der Gleichheit väterlicher Glorie nicht abläßt, so gibt das Fleisch die
Natur unseres Geschlechtes nicht auf. Denn einer und derselbe ist, wie
immer wieder betont werden muß, wahrhaft Gottessohn und wahrhaft
Menschensohn. Gott darum, weil "im Anfang war das Wort, und das Wort
war bei Gott, und Gott war das Wort" (Joh. 1, 1); Mensch, weil "das
Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh. 1, 14).
Gott, weil "alles durch das Wort geschaffen ist und ohne es nichts
geschaffen wurde" (Joh. 1, 3); Mensch, weil "Christus geworden ist aus
dem Weibe und gestellt ward unter das Gesetz" (Gal. 4, 4). Die
leibliche Geburt ist Bezeugung der menschlichen Natur; die
Jungfrauengeburt ist Merkmal göttlicher Macht. Die (wahre) Kindheit des
Säuglings wird erwiesen durch die schlichten Windeln, die Erhabenheit
des Allerhöchsten wird bezeugt durch die Stimmen der Engel. Den
Kinderchen der Menschen ist der gleich, den Herodes grausam möchte
töten lassen, aber Herr des Alls ist der, den die Magier in freudiger
Demut anbeten. Und als er zur Taufe seines Vorläufers Johannes kam, da
ertönte, um nicht im Verborgenen zu lassen die vom Fleische verhüllte
Gottheit, des Vaters Stimme vom Himmel: "Dieser ist mein geliebter
Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe" (Matth. 3, 17). Den als
einen Menschen des Teufels List versucht, dem dienen die Engel mit
ihren Diensten. Hungern und Dürsten, müde werden und schlafen, das ist
ganz offensichtlich dem Menschen eigentümlich; aber mit fünf Broten
fünftausend Menschen sättigen und der Samariterin lebendiges Wasser
geben, nach dessen Genuß kein weiteres Dürsten bleibt; über den Rücken
des Meeres schreiten, ohne daß der Fuß einsinkt, und dem Sturme
gebieten, daß die Wogen sich glätten, das ist ohne Zweifel göttlich.
Wie es also, um anderes unerwähnt zu lassen, nicht der gleichen Natur
zukommt, mitleidig den verstorbenen Freund zu beweinen und denselben
dann, nachdem der Stein vor dem bereits vier Tage lang Begrabenen
weggenommen ist, mit gebietendem Worte wieder zum Leben zu erwecken;
oder am Kreuze zu hängen und zugleich das Licht in Nacht zu wandeln und
alle Elemente erzittern zu machen; oder von Nägeln durchbohrt zu sein
und zugleich dem gläubigen Schächer das Paradies zu erschließen; so ist
es nicht auf die gleiche Natur bezogen, wenn er sagt: "Ich und der
Vater sind eins" (Joh. 10, 30), und wenn er sagt: "Der Vater ist größer
als ich" (Joh. 14, 28). Denn wiewohl in dem Herrn Jesus Christus Gott
und Mensch eine einzige Person sind, so haben doch die gemeinsame
Erniedrigung und die gemeinsame Herrlichkeit, verschiedene Herkunft:
von uns hat Christus die Menschheit, die geringer ist als der Vater,
vom Vater hat er die gleiche Gottheit mit dem Vater.
V
Wegen dieser Einheit der Person, die als Einheit in zwei Naturen zu
verstehen ist, heißt es sowohl einerseits, daß der Menschensohn vom
Himmel herniederstieg, als der Gottessohn das Fleisch aus der Jungfrau
annahm, von der er geboren ist, wie auch anderseits, daß der Gottessohn
gekreuzigt und begraben wurde, obwohl er dies nicht in seiner Gottheit,
durch die der Einziggeborene gleicher Ewigkeit und gleichen Wesens mit
dem Vater ist, sondern in der Niedrigkeit der Menschennatur erlitten
hat. Daher bekennen wir alle im Glaubensbekenntnis, daß der eingeborene
Sohn Gottes gekreuzigt und begraben wurde, gemäß der Ausdrucksweise des
Apostels "Wenn sie (die Dämonen) ihn erkannt hätten, würden sie den
Herrn der Majestät nicht gekreuzigt haben" (1 Kor. 2, 8). Und als unser
Herr und Heiland selbst durch Fragen seine Jünger im Glauben unterwies,
da sagte er: "Für wen halten die Menschen, mich, den Menschensohn?" Und
als diese ihm die verschiedenen Meinungen der andern wiedergegeben
hatten, fragte er sie: "Und ihr, als wen nennt ihr mich?" Mich, der ich
Menschensohn bin und den ihr in Knechtsgestalt und in wirklichem
Fleische vor euch seht, -ja, für wen haltet ihr mich? Da antwortete der
selige Petrus aus göttlicher Eingebung - und sein Bekenntnis sollte
allen Geschlechtern zugute kommen - mit den Worten: "Du bist Christus,
der Sohn des lebendigen Gottes" (Matth. 16, 16). Mit Recht wurde darum
Petrus vom Herrn selig gepriesen und erhielt von dem Grundfelsen
(Christus) die Felsenfeste in Kraft und Namen, er, der ihn vermöge der
Offenbarung des Vaters als Gottessohn und als Christus bekannte; denn
nur das eine oder nur das andere annehmen, nützte nichts zum Heile, und
es war gleich gefährlich, den Herrn Jesus Christus nur als Gott ohne
den Menschen, wie als bloßen Menschen ohne Gott im Glauben anzunehmen.
Und nach der Auferstehung des Herrn - die eine Auferstehung in
wirklichem Leibe war, denn der Auferweckte ist kein anderer als der,
der gekreuzigt und begraben war -, was ist also in jenen vierzig Tagen
anderes geschehen, als daß die Reinheit unseres Glaubens von aller
Verdunkelung gereinigt wurde? Er sprach mit seinen Jüngern, ging und aß
mit ihnen, ließ sich mit sorgfältigem und neugierigem Tasten von denen
berühren, die Zweifel hatten, und trat durch verschlossene Türen zu den
Jüngern ein, gab ihnen durch seinen Anhauch den Heiligen Geist,
schenkte ihnen das Licht der Einsicht und erschloß ihnen die
Geheimnisse der Schrift; und wieder zeigte er ihnen die Seitenwunde und
die Male der Nägel und alle Zeichen seines noch ganz frischen Leidens:
"Seht meine Hände und Füße, ich bin es. Tastet und schauet, denn ein
Gespenst hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr mich haben seht" (Luk. 24,
39); sie sollten erkennen, daß die Eigentümlichkeiten der göttlichen
und der menschlichen Natur in ihm ungeschieden erhalten blieben, und
wir sollten auf diese Weise wissen, daß das Wort und das Fleisch nicht
ein und dasselbe seien, und zu dem Bekenntnis kommen, daß der eine Sohn
Gottes Wort und Fleisch sei. Dieses Glaubensbekenntnis hat jener
Eutyches nicht in sich aufgenommen, der unsere Natur weder in der
Erniedrigung zur Sterblichkeit noch in der Herrlichkeit der
Auferstehung anerkennt. Und er fürchtet auch nicht das Urteil des
seligen Apostels und Evangelisten Johannes, der da sagt: "Jeder Geist,
der bekennt, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott;
und jeder Geist, der Jesus auflöst, ist nicht aus Gott, und das ist der
Geist des Antichrists" (1 Joh. 4, 23). Jesus auflösen, das bedeutet:
die menschliche Natur von ihm trennen, und das Geheimnis, durch das
allein wir das Heil haben, mit schamlosen Phantasien entleeren. Wer
blind ist in Bezug auf die Natur des Leibes Christi, muß notwendig auch
in Bezug auf sein Leiden in gleicher Verblendung das Falsche denken.
Denn wer das Kreuz des Herrn nicht für unwirklich hält und nicht daran
zweifelt, daß das um des Heiles der Welt willen ertragene Todesleiden
wirklich war, der soll auch das Fleisch dessen als wirklich anerkennen,
an dessen Tod er glaubt, und er soll es nicht verweigern, den, wie er
glaubt, Leidensfähigen als Menschen mit einem Leibe wie der unsrige zu
bekennen; die Leugnung der Wirklichkeit des Fleisches bei Christus ist
gleichbedeutend mit der Leugnung seines körperlichen Leidens. Wenn
Eutyches also den christlichen Glauben noch hält und sein Ohr nicht von
der Predigt des Evangeliums abgewandt hat, so sehe er zu, welche Natur
von Nägeln durchbohrt, am Kreuzesholz hing, und er erkenne, von woher,
nach der Öffnung der Seite des Gekreuzigten durch die Lanze des
Soldaten, Blut und Wasser entfloß, damit die Kirche Gottes im Bad (der
Taufe) und aus dem Kelch, (der Eucharistie) benetzt würde; und er höre
auch die Predigt des seligen Apostels Petrus, daß die Heiligung des
Geistes durch die Besprengung mit dem Blute Christi geschieht. Und er
lese auch nicht über die Worte desselben Apostels hinweg, welcher sagt:
"Ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichen Dingen, Silber oder Gold,
aus eurem nichtigen, von den Vätern überkommenen Wandel losgekauft
wurdet, sondern mit dem kostbaren Blute Christi als eines fehler- und
makellosen Lam-mes", (1 Petri 1, 18). Und er widerstehe auch nicht dem
Zeugnis des seligen Apostels Johannes, welcher schreibt: "Und das Blut
Jesu, des Sohnes Gottes, reinige uns von aller Sünde" (1 Joh. 1, 7).
Und wiederum: "Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser
Glaube", und: "Wer ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der
glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist? Dieser ist es, der gekommen ist
durch Wasser und Blut; nicht allein im Wasser, sondern im Wasser und im
Blut; und der Geist ist es, der Zeugnis gibt, weil der Geist die
Wahrheit ist. Denn drei sind es, die Zeugnis geben: der Geist und das
Wasser und das Blut, und diese drei sind eins" (1 Joh. 5, 4-8), - der
Geist der Heiligung und das Blut der Erlösung und das Wasser der Taufe;
welche drei eins sind und unzertrennlich, und deren keines sich aus
seiner Verbindung lostrennen läßt. Die katholische Kirche aber lebt und
wächst in dem Glauben, demzufolge in Christus Jesus weder die
Menschheit ohne wahre Gottheit noch ohne wahre Menschheit die Gottheit
geglaubt wird.
VI
Bei der von Euch vorgenommenen richterlichen Befragung antwortete
Eutyches: "Ich bekenne, daß unser Herr aus zwei Naturen war vor der
Vereinigung (der Naturen); nach der Vereinigung aber bekenne ich nur
noch eine Natur." Ich wundere mich, daß keiner der Richter ein so
ungereimtes und verderbtes Bekenntnis getadelt hat, und daß eine so
unweise und geradezu gotteslästerliche Rede hinging, als ob nichts
Anstößiges für das Ohr darin gewesen wäre, wo es doch ebenso unfromm
ist, zu sagen, vor der Menschwerdung sei der Sohn Gottes zweier Naturen
gewesen, wie es ruchlos ist zu behaupten, daß, nachdem "das Wort
Fleisch geworden", in ihm nur eine einzige Natur sei. Damit nun
Eutyches nicht wähne, er habe sich deshalb richtig oder erträglich
ausgedrückt, weil er nicht durch ein Urteil Eurerseits zurückgewiesen
ward, ermahnen Wir Dich, teurer Mitbruder, zu größter Sorgfalt; wenn
durch Gottes Erbarmung die Angelegenheit zu einem befriedigenden
Ausgang kommt, dann muß auch die Unvernunft dieses unweisen Mannes von
seiner geistigen Pest geheilt werden. Wie aus dem Synodalbericht
hervorgeht, hatte er ja auch bereits gut angefangen, von seiner Meinung
abzulassen, als er, durch Euern Spruch in die Enge getrieben, das
bekannte, was er, zuvor nicht gesagt hatte, und sich bei dem Glauben
beruhigte, dem er zuvor fernstand. Als er aber der Verurteilung des
unfrommen Lehrsatzes nicht zustimmen wollte, mußtet Ihr, meine Brüder,
erkennen, daß er in seinem falschen Glauben beharrte und deshalb
Verurteilung verdiente. Wenn er darüber aufrichtige und ersprießliche
Reue bezeigt und, wenn auch spät, anerkennt, wie richtig das
verdammende Urteil ist; wenn er darüber hinaus, um die Genugtuung voll
zu machen, mündlich und schriftlich alles von ihm falsch Gedachte
verwirft, so wird jegliche gegen den Gebesserten angewandte Milde
nichts weniger als tadelnswert sein. Denn unser Herr, der wahre und
gute Hirte, der "sein Leben dahingab für seine Schafe" (Joh. 10, 11)
und der gekommen ist, die Seelen der Menschen zu retten, und
nicht sie zu vernichten, will, daß wir Nachahmer seiner Milde seien, so
nämlich, daß die Gerechtigkeit zwar die Sündigenden zurechtweist, die
Barmherzigkeit aber die Bekehrten nicht zurückstößt. Dann erst wird der
Glaube auf die fruchtbarste Weise verteidigt, wenn die falsche Meinung
auch von ihren früheren Anhängern verurteilt wird. Um die ganze
Angelegenheit gemäß der Liebe und dem Glauben zu Ende zu bringen, haben
Wir Unsere Brüder, den Bischof Julius und den Priester Renatus von der
St.-Klemens-Kirche sowie meinen Sohn, den Diakon Hilarus, an Unserer
Stelle abgesandt; ihnen haben Wir Unsern Notar Dulcitius, dessen Glaube
Uns bewährt ist, beigesellt. Wir vertrauen auf den Beistand Gottes, daß
der Irrende seine schlimme Meinung selbst verwerfe und gerettet werde.
Gott möge Dich heil bewahren, teuerster Mitbruder.
Gegeben am 13. Juni (449), unter dem Konsulat der ausgezeichneten Männer Asturius und Protogenes
Anmerkungen:
1) Eutyches, Irrlehrer, * 378, Mönch, später
Archimandrit; verurteilt auf der Synode zu Konstantinopel am 8.11.448
wegen Monophysitismus, in Chalcedon 451 endgültig verurteilt und
verbannt. Seine Behauptung: Christus ist uns nicht wesensgleich; er
besaß nach der unio nur eine Physis. Nach Papst Leo I. (Ep. 31) war
sein Irrtum "de imperita magis quam de versutia natus".
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