"Wir erleben die kulturelle Erschöpfung des Westens"
aus einem Interview von Melanie Phillips mit der "Jungen Freiheit" vom 19.8.2011
JF: Obwohl Sie sich selbst als Liberale im klassischen Sinne betrachten und den Säkularismus einfordern, loben Sie den Einfluß der Kirche. Wie paßt das zusammen?
Phillips: Ich glaube, daß das, was sich in Großbritannien vollzieht, nicht nur hausgemacht, sondern auch Teil einer allgemeinen kulturellen Erschöpfung des Westens ist. Zum einen haben die beiden Weltkriege wohl eine fundamentale Wunde in das Bewußtsein der Europäer geschlagen. Davor war das Selbstbild des Alten Kontinents, die Vorhut von Fortschritt, Moderne, Vernunft und Zivilisation zu sein. Dieses kollektive kulturelle Selbstverständnis ist heute tief erschüttert. Zum anderen hat die Moderne uns den Konsumismus gebracht, der den Westen spirituell ausgehöhlt hat. Es mag ja ein Klischee sein - aber es stimmt. Das ist übrigens eine Wahrheit, die auch der Papst ausspricht. Ich bin zwar kein Katholik (Anm.d.Red.: Phillips wurde 1951 als Tochter einer jüdischen Familie geboren), aber in dieser Sache hat er, fürchte ich, völlig recht. Die Europäer haben damit das Empfinden für den Sinn des Lebens verloren. Denn mit dem Verlust der Fähigkeit zum religiösen Empfinden verlieren die meisten Menschen auch das Gespür für die Sinnhaftigkeit des Lebens. Infolge dessen setzt eine allgemeine kulturelle Erschöpfung und Demoralisierung ein.
JF: Sie warnen, das sei genau der Punkt, auf den radikale Islamisten zielten.
Phillips: Genau, denn diese haben diesen Zusammenhang perfekt verstanden. Der zentrale Grund für alle Unvernunft, die sich im Westen in Gestalt von linken Ideologien ausbreitet, ist das Schwinden der Religion. Man bringt uns bei, Religion und Vernunft widersprächen sich - die Wahrheit aber ist, das Gegenteil ist der Fall: Es waren das Christentum und die hebräische Bibel, denen wir unser Konzept von Vernunft, Fortschritt und einer geordneten Welt verdanken - der Grundlage für Wissenschaft und Moderne. In den USA stellen die meisten Kirchen noch die Vorhut bei der Verteidigung der westlichen Kultur und Moralbegriffe dar, während bei uns der Verlust der Religiosität, selbst in den Kirchen, dazu geführt hat, daß Vernunft und Wahrheit durch Ideologie und Vorurteil ersetzt worden sind, die sich anschicken, sich zu einer säkularen Inquisition zu verdichten. Der Westen hat den biblischen Moralkodex, auf dem seine Kultur fußt, eingetauscht zugunsten von Hyperindividualismus und Werterelativismus, die besagen, daß das, was gut und richtig für mich ist, allgemein gut und richtig sei. Die Islamisten haben verstanden, daß dieser Relativismus ein kulturelles Vakuum erzeugt und daß die Europäer, wenn sie nicht mehr wissen, an was sie glauben sollen, auch nicht mehr bereit sind, für ihre Kultur zu kämpfen, geschweige denn notfalls dafür zu sterben.
(Das Interview führte MORITZ SCHWARZ, JF vom 19.8.2011) |