Das Reich Gottes 'haben wollen'
von Eberhard Heller
Häufig trifft man die Haltung an, daß Gläubige etwas "haben" müssen: einen Priester, der die 'alte' Messe liest, die Fronleichnamsprozession, die kirchliche Hochzeit. Wenn sie diese liturgischen Feiern nicht "haben", fühlen sie sich verlassen (von Gott), haben die Befürchtung, nicht genügend Gnaden zu sammeln, um sich des Himmels zu versichern, als wenn die ewige Seligkeit ein merkantilischer Artikel sei, um den man mit Gott feilschen könne.
Die Idee, nicht immer nur von Gott Geschenke und Zuteilungen zu erhalten, sondern Ihm auch etwas zurückzugeben, ertragene Mühen, unsere Zerbrechlichkeit, unsere Zuversicht, aber auch unseren Kleinmut und Schwächen, unser Mitleiden mit dem Gottmenschen, unser Gottvertrauen, aber auch unsere Armseligkeit, unsere Gebete, unsere Nachfolge auf seinem Weg, die Anteilnahme an Seinem Kreuzesopfer, indem wir unsere Opfer in Seines mit einfließen lassen, um sie in ihrer Dürftigkeit aus der Sicht Seiner Passion und in deren Licht zu betrachten, fällt den meisten schwer. Aber nur in dieser Hinwendung, in unserem Mitopfern liegt die Kraft, in unserer Situation geistig und religiös zu überleben. Alle, die die 'alte' Messe bloß 'haben' wollen - anstatt ihr Leben als Mitopfern zu begreifen -, achten nicht (mehr) darauf, wer ihnen diese Messe zelebriert: ob klerikale Hochstapler in "Schwarz" (d.h. ohne gültige Weihe) oder Sektierer, die das Meßopfer nicht im Auftrag der Kirche feiern, sondern aus eigener, angemaßter Vollmacht. So bleiben solche Meßopfer ohne Segen, sowohl für den Zelebranten als auch für den Teilnehmer, denn der angebliche Segen, der aus ihm fließen sollte, versiegt, bleibt segenslos, weil Spendung und Teilnahme illegitim sind.
"Haben wollen" heißt: die Leistung eines anderen fordern, ohne dafür zu "zahlen" oder eine Gegenleistung dafür zu erbringen. Im Falle der Sühne für begangene Sünden bin ich auf das Opfer Christi angewiesen, da ich zur Selbstrechtfertigung, zur Selbstversöhnung unfähig bin, weil ich mich aus eigener Schuld dazu unfähig gemacht habe. Aber ich kann in den Neuen Bund mit Gott heimgeholt werden, versuchen, sich mit dem opfernden Gott zu verbinden, indem ich in sein Opfer einstimme und selbst opfernd daran teilnehme, wozu mich Gott einlädt. Das ist der Weg, die Verbundenheit mit Christus herzustellen.
Geistige Selbständigkeit
Wenn etwas in den Auseinandersetzungen, die wir seit über 40 Jahren führen, überrascht, dann ist es das Fehlen von festen Überzeugungen und geistiger Eigenständigkeit. Wie könnte es sonst sein, daß der gesamte Klerus weltweit von den Revolutionären wie ein Stellgleis bei der Eisenbahn von 'orthodox' auf 'revolutionär' umgelegt werden konnte. Wie ist es sonst zu verstehen, daß die sog. kath. Kirche bis vor kurzem in den in Deutschland praktizierten Abtreibungsmechanismus involviert war, durch den jährlich ca. 300000 Kinder im Mutterleib getötet wurden. Von was hing die Weitergabe des Glaubensgutes ab? War es bloß ein Tradieren von bereits adaptierten Gewohnheiten. Wenn man einen kath. Priester fragte, warum er gerade das kath. Bekenntnis vertreten würde, bekam man die Antwort: aus Tradition. Also nahm man auch das an, was an Neuem vorgesetzt wurde unter Ausklammerung der Wahrheitsfrage. Der Absolutheitsanspruch der Kirche wurde so einem synkretistischen Kirchenbegriff geopfert. D.h. implizite auch: die Gottessohnschaft Christi wurde geleugnet. Die Frage, die sich gelegentlich stellte, woher ich denn weiß, daß Christus Gottes Sohn ist, stößt deswegen weitgehend auf Unverständnis. Aber erst durch deren Beantwortung wird der wahre christliche Glaube grundgelegt.
Es geht um die Erringung geistiger Souveränität, d.h. einer bewußten und vom Wissen verantworteten Verankerung in Gott, damit sein Geist in uns zur vollen Entfaltung gelange, um mit der hl. Theresa v. Avila sagen zu können: Gott allein genügt. Um das zu erreichen, können wir uns über die Offenbarung Gottes begrifflich Klarheit verschaffen, d.h. religionsphilosophische Anstrengungen unternehmen, oder indem wir dem Geist Gottes meditativ nachspüren und ihn einholen, damit er in uns wirkt.
Daß eine solche, religionsphilosophische Transparenz von nöten ist, wird klar, wenn man die bisherigen begrifflichen Konzepte sog. "Gottesbeweise" einer kritischen Prüfung unterzieht. Die sog. "Gottesbeweise" des Thomas v. Aquin, die "quinque viae", die sich gegen das "unum argumentum" des Anselm von Canterbury wenden, auf denen nichts desto trotz die bisherigen begrifflichen Klärungen aufbauen, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Tautologien, d.h. als Konstruktionen, in denen die Prämissen schon die Resultate enthalten, die voraussetzen, was sie erst beweisen wollen, also letztlich beweisunfähig sind, wobei man bei Gott, dem Absoluten, sagen muß, daß man es nicht beweisen, sondern nur erweisen kann, wenn beweisen heißt: aus einem höheren Grund eine Folge ableiten zu können.
Wenn das so ist, muß man konstatieren, daß es im katholischen Bereich bisher nicht gelungen ist, einen durchgehenden Gotteserweis als religionsphilosophische Begründung der Offenbarung Gottes zu liefern.
Um so erhellender ist es, wenn man, wie es der verstorbene Bischof Storck nach der Darstellung von Fichtes Gottesbegriff in der Wissenschaftslehre von 1804 getan hat, sich darauf konzentriert, das Verhältnis von prinzipieller Offenbarung (die Stimme des Gewissens) und der konkreten Erscheinung, der Inkarnation des Gottessohnes in Jesus Christus darzustellen.
Verdemütigung
Die Verdemütigung hat eine doppelte Fundierung. Einmal darin, daß wir ohne das Geschenk der Liebe Gottes gar nicht existieren könnten: wir sind Geschöpfe der Liebe Gottes. Zum anderen wegen unserer Verfehlungen gegen dessen Willen, d.h. gegen die Liebe Gottes, im Wissen darum, daß wir ohne den Sühnetod Christi wir nicht (mehr) zu Erlösung gelangen könnten. Wir sind auf die Erlösungstat Christi angewiesen, weil wir als Gefallene nicht zur Selbsterlösung fähig sind, um wieder mit Christus verbunden sein zu können. Eine 'Selbsterlösung' zeugt nur von Selbstüberheblichkeit, die sich Gott gleich stellt und sich selbst als gottgleich sieht.
Je klarer uns Gott in seinem Geist der Liebe erscheint, in uns lebendig wird, desto klarer wird auch, daß wir auf ihn angewiesen sind, was wir nur in völliger Verdemütigung erfahren können. Und diese Verdemütigung, die manche als Schwäche mißverstehen, macht uns stark in ihm.
|