Laute Stille - Eine Skitouren-Weihnachtsgeschichte -
von
Christine Kopp
Wir sind zu zweit unterwegs. Der Rhythmus ist vollkommen: So oft schon waren wir zusammen auf Skitour, dass wir weder über Schnelligkeit noch Schrittlänge reden müssen. Unsere Ski gleiten harmonisch über den festen Firn. Die Hänge glänzen im Licht des Vollmonds, Mulden versinken im Schatten. Es ist zehn Uhr abends. Der Vollmond steht noch nicht hoch, wirkt aber wie eine gigantische Lampe, die jemand für uns im All eingeschaltet hat: Was wir erkennen müssen, sehen wir, das andere bleibt verborgen.
Als ob wir es abgemacht hätten, sagen wir kein Wort. Es ist ein stilles Einverständnis, eine Ehrfurcht vor der Größe der Nacht: Sätze, ja schon Silben, würden die Magie dieser stummen Beredsamkeit verletzen. Denn dass die Stille zu uns spricht, daran gibt es keinen Zweifel. Sie hat zwei Sprachen: Die eine ist jenes innere Gespräch, das Horchen auf Eingebungen und Erkenntnisse, das sie fördert - im Gegensatz zum lauten Alltag. Ihre andere Sprache ist jene, mit denen sie unsere Sinne schärft. Ein feiner Wind, den wir am Tag kaum wahrnehmen würden, säuselt uns nun eine kleine Nachtmusik vor. Wir spüren die Beschaffenheit des Schnees nicht nur, wir hören sie auch. Das Quietschen der Bindungen gibt den Takt an. Ein letzter Ruf eines Vogels wird zum Schrei, der die Ruhe durchschneidet. Und unser eigener Atem ist fast zu laut, ein Hüsteln ein störender Zwischenton, den wir sorgsam vermeiden. Seit zwei Stunden sind wir unterwegs. Die Vollmondnacht ist nicht schwarz, und auch unsere Blicke sind geschärft: Mit Katzenaugen unterscheiden wir zarte Tönungen irgendwo zwischen Schneeweiß, Eisgrau und Dunkelschwarz. Das grelle Licht des Tages wird sie wieder auffressen. Doch jetzt, in der Nacht, brennen sich die Natur, ihre Konturen und ihre Schatten, als schwarzweiße und doch bunte Bilder in unsere Seelen ein.
Der Gipfel. Wir steigen aus den Bindungen, ziehen die Felle von den Ski, legen die Rucksäcke ab, nehmen unsere Jacken heraus, verstauen die Felle. Umarmen uns lange und innig, ohne etwas zu sagen. Dann setzen wir uns auf die Rucksäcke und blicken in die Runde. Bergketten leuchten in dieser Zaubernacht, und obwohl die Sonne nicht scheint, sehe ich, wie auch die Augen meines Freundes leuchten. "Schön ist es", sagt er, und ich mag nur antworten "ja, sehr schön". Dann trinken wir wärmenden Kaffee mit Amaretto und essen ein paar Nüsse, bevor wir aufbrechen zu einer schwungvollen Abfahrt, bei der wir die vom Mond in ein klares Licht getauchten Hänge suchen wie eine Eidechse die Sonnenstellen. Wunderschön war er, dieser nächtliche Ausflug in die laute Stille der Berge.
(aus DAV Panorama 6/2009, S. 23, Bergsport heute)
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