Versunken in den Weiten des Vergessens
von Eberhard Heller
Bist Du es, Wind, der über mich hinwegrast, über meine gequälte Seele in der Nacht, der aufreißt die alten Wunden und mich frösteln läßt?
Ja, ich bin der Wind, ich habe Dich mit Leiden gequält am Tage und dann Deine Tränen getrocknet in der Nacht. Ich bin der, der Dich im Fallen triumphieren ließ. Deine Seele war mit Staub bedeckt, den Deine Ahnen Dir hinterließen. Doch ich habe ihn vertrieben mit den Gesängen des Friedens. Und der bleibt tief verborgen in den Falten Deines Herzens.
Bist Du es, Wind, der mir geraubt meine Freuden und mich eingetaucht hat in die Trübsal des Alltags, der mein Herz in Gleichgültigkeit verkommen ließ und mich umklammerte mit festem Griff?
Nein! Du hattest Dich selbst verloren in den Klagen über die Einsamkeit, die sich wie Nebel auf Dein Gemüt hinabsenkten. Du hast Dein Verzagen hinter Bergen von Sehnen versteckt, das längst erloschen ist.
Bist Du es, Wind, der mein Fest mit Deinem Brausen übertönt, der Du die Erde austrocknest mit Deinem Hauch?
Ja, ich bin es, der Dich in die Öde geschickt, der Dir die Verlassenheit gezeigt, in der Du schwanktest wie ein Halm im Wind, damit Deine Sehnsucht erwachen sollte.
Bist Du es, Wind, der geknickt meinen Stolz und ihn hinabgeschleudert hat in die Dunkelheit des Vergessens?
Ja, ich bin es, der zu den Hügeln hinaufeilt und den Schnee von Deiner müden Seele tauen läßt und den Staub der Gleichgültigkeit sammelt, um sie atmen zu lassen, und der Dein Harren in der Verborgenheit belohnt. Ich öffnete Dir die Tür zum Sehen, zum Sehen der Weite, in der die Hoffnung wächst, und ließ Dich aufsteigen über die Stufen meiner Gedanken, die das Dunkel durchschneiden. Denn ich habe Dich getragen durch die Dürre Deiner Bilder und habe gefüllt die ausgetrockneten Quellen.
Bist Du es Wind, der von den Bergen hinabfällt und über die Narben der Erde hinwegstreicht?
Ja, ich bin es, der Wind! Ich gab Dir Kraft, die Schmach der leeren Hände zu überwinden, denn ich bin der Bote der Freiheit.
Wind, wo bist du, sprich.
Hörst du nicht, wie ich wehe in Dir, wie ich fließe in Dir als Quell des Erbarmens? Dein Antlitz verborgen in den Schatten der Vergangenheit. Ich gab Dir Halt im Dahinfließen der Verlassenheit. Du machtest Rast an den Seen des Vergessens und trankest aus dem Quell der Bitterkeit. Doch ich stieß Dich zurück in die Qualen des Alltags, die Dir aufgegeben wurden als Raum zum Leben. In Dir war die Angst des Versagens, doch über Dir türmte ich auf das Firmament der Verheißung. Laß sie aufgehen über der Asche der Erinnerung.
Bist Du es, Wind, der die bleiernen Vögel der Traurigkeit verjagte und das Atmen erstarken ließ?
Ja, ich bin es, der die süßen Lüfte des Südens durch Deine Gedanken streichen und die Strahlen des Lichtes in Deine Seele eindringen, der dich am Bach der Erinnerung Halt finden läßt und Dir neue Lieder schenkt. Denn ich bin es, der alle zusammenruft in den Garten der Freude und der Gelassenheit.
Bist Du es, Wind, der am Morgen aufwühlt meine Gedanken, der nachts meine Schrecken verjagt und am Tag meine Tränen trocknet?
Ja, ich bin es, der Deine Leiden zu Leben erweckt und Dich führt auf die Höhen des Geistes. Ja, ich bin es, der vom Berg herabfällt in die Täler Deiner Ängste und sie auslöscht.
Bist Du es, Wind, der mich reden läßt in den Sprachen der Menschen, sprich! Warum antwortest du nicht?
Ich rede, doch Du hörst mich nicht, weil Du einen andern erwartest. Weißt Du denn nicht, daß ich dereinst Deine Seele heimtrage zu Gott? |