Ernüchternde Stücke 1-10
von Philótheos vom Sinai übers. von Nikolaus Wenzel
I. Es tobt in uns ein Krieg, heißer als jeder sichtbare. Ja, es muß der wirklich Fromme rennen und immer das Ziel im Auge halten, nämlich das Gedenken an Gott im Herzen treulich zu hüten wie eine Perle oder einen kostbaren Edelstein. Er muß alles darangeben, selbst den Leib. Er muß sogar das jetzige Leben gering achten, um nur Gott im Herzen besitzen zu können. Es genügt nämlich, sagt der heilige Chrysostomos, mit seinen Gedanken auf Gott zu blicken, um die Geister der Bosheit ver nichtend zu schlagen. II. Mit allem Eifer muß daher, wer im Kampfe der Geister steht, sich Gerät aus den heiligen Schriften aussuchen und es wie heilsamen Balsam auf seine Gedanken legen. Er muß von frühmorgens an unbeirrbar Gott gedenken, muß unablässig in seiner Seele zu Jesus Christus beten, muß geistig auf Wache sein und - so heißt es - "um des Herrn willen die Häupter der Gewaltigen zerschlagen", das heißt die Anfänge gottwidriger Gedanken. Vergessen wir dabei nicht: Wenn der Feind uns hart bedrängt, auch das hat Gott längst gewußt und gewollt. Ja, so müssen wir all unsere Kraft einsetzen, bis die "Zeit des Mahles" da ist. Danach wollen wir dem Herrn danken, der aus lauter Güte doppelt uns sättigt, an Geist und Leib, und wollen den Abend verbringen mit dem Gedanken: Sterben muß ich - bin ich dafür auch bereit? Am nächsten Tage wiederum gilt es, mit neuer Kraft uns ans morgendliche Werk zu machen. Denn selbst wenn wir täglich so tun, können wir nur mit knapper Not und durch die Hilfe des Herrn den Schlingen des unsichtbaren Feindes entgehen. Wenn aber solche Übung uns zur festen Gewohnheit wird, erzeugt sie diese drei: Glaube, Hoffnung und Liebe. Der Glaube befähigt uns, Gott wahrhaft zu fürchten, die Hoffnung aber springt über die Schranke knechtischer Furcht hinweg und verbindet den Menschen mit Gott. Ja, die Hoffnung macht nicht zuschanden, denn sie erzeugt jene doppelte Liebe, woran das Gesetz hängt und die Propheten. Die Liebe jedoch stirbt nie, weder in diesem Leben (hier gibt sie ja dem Liebenden Kraft, Gottes Gebote zu erfüllen) noch im zukünftigen. III. Gar selten findet man Menschen, deren Denken zur Ruhe kam. Denn solche Ruhe erreicht nur, wer durch all sein Tun sich müht, daß Gottes Gnade und Trost ihm sich nahe. Wollen wir nun den Spu ren Christi folgen, wollen wir bedächtig und nüchtern die Fahrt durch die Werkstätten des Geistes antreten, so sei der erste Schritt auf diesem Wege Enthaltung von allzu vielen Speisen. Genießen wir Speise und Trank so mäßig wie möglich! Ja, die Nüchternheit heißt zu Recht ein Weg: der Weg zum Reiche, erst zum Gottesreiche in uns und dann zu dem künftigen. Sie heißt eine geistige Werkstatt, denn hier wird des Herzens Gesinnung gestaltet und dumpfer Trieb in heitere Gelassenheit verwandelt. Nüchternheit ist wie ein erleuchtetes Fenster, aus dem Gott sich neigt, daß unser Sinn Ihn erblicke. IV. Wo aber Demut ist und Gedenken an Gott, gewonnen durch nüchterne, aufmerksame Betrachtung und häufiges Gebet, das wie ein Wall gegen die Feinde immer höher emporwächst, dort ist wahrhaftig Gottes heilige Stätte, der Himmel des Herzens, den zu berennen der Feinde Schar sich scheut, denn sie zittert vor Gott, der an dieser Stätte Seine Wohnung hat. V. Nichts ist so verderblich wie Schwatzhaftigkeit, nichts so schlimm wie eine unbeherrschte Zunge, nichts bringt den Bau der Seele so schnell zum Einsturz. Denn was wir täglich in uns aufbauen, reißt das Geschwätz nieder; und was wir mit Mühe sammeln, zerstreut die haltlos plappernde Zunge. Was ist ärger als sie, dieses unbezähmbare Untier? Ihm muß man Zaum und Zügel anlegen und es zwin gen, nur den nötigen Dingen des Lebens zu dienen. Wer vermöchte all das Unheil aufzuzählen, das die Zunge in den Seelen schon angerichtet hat? VI. Das erste Tor, das in das unsichtbare Jerusalem, in das Lauschen des Herzens hineinführt, ist das weise Schweigen des Mundes, mögen auch die Gedanken noch nicht zur Ruhe gekommen sein. Das zweite Tor ist eine wohl bemessene Enthaltsamkeit im Essen und Trinken. Das dritte ist: der Blick auf den Tod und die Sorge für ihn. Diese Sorge läutert den Geist und den Leib. Als ich ihre Schönheit erblickte (mit dem Geiste, nicht dem Auge), war ich hingerissen und wünschte nur noch, sie zur Lebensgefährtin mir zu gewinnen. Wie liebe ich seitdem ihr stilles, edles Wesen! Wie ist sie bescheiden, beglückt in ihrer Trauer, umsichtig, voll Furcht vor dem künftigen strengen Verhör, aber mehr noch fürchtet sie, in die Aufregungen dieses Lebens sich zu verstricken. Aus den Augen des Leibes läßt sie belebende Tränen rin nen, aus den Augen des Herzens aber einen Quell weiser Gedanken strömen; der springt und spru delt und beglückt das Herz. Ja, wie ich sagte, immer seitdem dürstete ich danach, diese Tochter Adams, die Sorge um den Tod, zur Lebensgefährtin zu gewinnen, mit ihr mich zur Ruhe zu bege ben, Gespräche mit ihr zu führen und mit ihr zu erforschen, was wohl geschehen mag, wenn der Leib abgelegt ist. Aber oft hielt mich davon ab der verruchte Leichtsinn, des Teufels kurzsichtiger Sohn. VII. Denn ein Krieg tobt im verborgenen: Die Geister der Bosheit befehden die Seele, die Waffen aber sind die Gedanken. Unsichtbar ist ja die Seele, und unsichtbar sind auch jene Mächte, die ihr übel wollen. Darum führen sie mit ihr auch einen unsichtbaren Krieg. Dennoch kann man zwischen ihnen und ihr Waffen erkennen und Aufmarschpläne, Kriegslisten und schreckliche Kämpfe, Kriegsgerät, Siege und Niederlagen auf beiden Seiten. Nur eines fehlt in diesem unsichtbaren Kriege, den wir beschreiben, gegenüber dem sichtbaren: der Augenblick der Kriegserklärung. Der sichtbare Krieg kennt Anfang und Ende und muß auf das Völkerrecht Rücksicht nehmen; jener andere Krieg aber be ginnt ohne Vorwarnung mit einem plötzlichen Überfall mitten ins Herz hinein. Und ist es dem Feinde gelungen, dafür den rechten Augenblick zu erspähen, so tötet er die Seele durch die Sünde. Denn weshalb und wozu wird dieser Kampf gegen uns geführt? Damit nicht Gottes Wille durch uns geschehe, obwohl wir beten: "Bei uns geschehe Dein Wille!" Das heißt doch: "Was Du gebietest." Wenn nun einer seinen Sinn fest auf den Herrn richtet, durch nüchterne Betrachtung gegen teuflischen Trug sich schützt und aufmerksam beobachtet, wie die Feinde in Tagträumen uns überfallen und umgarnen wollen, so wird er all das durch Erfahrung bestätigt finden. Deshalb hat auch der Herr im Hinblick auf die höllischen Geister - denn Gott sieht all ihre Gedanken voraus - deshalb hat Er, um ihre Anschläge zu vereiteln, Seine Gebote gegeben mit Drohungen gegen den, der sie übertritt. VIII. Wenn wir erst eine gewisse Geschicklichkeit erlangt haben in der Enthaltsamkeit, ich meine: im Un terlassen sichtbarer Missetaten, die man durch die fünf Sinne begeht, so werden wir bald fähig sein, auch unser Herz mit Jesus zu bewachen, es durch Ihn erleuchtet zu finden, und mit heißer Begier in Gedanken zu kosten, wie gut Er ist. Denn nur deshalb wurde uns geboten, reinen Herzens zu sein, nur deshalb sollen die Wolken übler Gedanken aus der Luft des Herzens verdrängt und durch stete Betrachtung verweht werden, damit wir am heiteren Himmel klar schauen die Sonne der Gerechtig keit, Jesus, und damit hell aufleuchten in unseren Herzen Seine herrlichen Worte. Nicht jeder erfaßt ja ihren Sinn, sondern nur, wer sich müht, sein Denken zu läutern.
IX. An jedem Tag müssen wir so uns herrichten, als sollten wir jetzt vor Gott erscheinen. Sagt doch der Prophet Hosea: "Übe getreulich Recht und Erbarmen, und harre immerfort deines Gottes!" Und wiederum sagt Malachias als Spruch des Herrn: "Ein Sohn ehrt den Vater und ein Knecht den Herrn; wenn Ich denn Vater bin - wo ist Meine Ehre? Und wenn Ich Herr bin - wo ist die Ehrfurcht? spricht der Herr, der Allmächtige." Und der Apostel sagt: "Reinigen wir uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes!" Und wiederum die Weisheit: "Mit aller Sorgfalt hüte dein Herz; sonst wird im Keime erstickt dein Leben." Und der Herr Jesus Christus spricht: "Reinige das Innere des Bechers, dann wird auch das Äußere rein."
X. Unzeitiges Geschwätz kann uns denen verhaßt machen, die es anhören müssen, oder es macht uns zum Gespött derer, die durchschauen, wie dumm unser Gerede ist. Es kann sogar unser Gewissen beflecken, ja, es kann Gott beleidigen und den Heiligen Geist betrüben - und das ist noch entsetzlicher als all das andere. |