Zur Geschichte der Diaspora in Deutschland
von Hoffmann - Albert Erdle
(aus: "Auf Gottes Waage - Christen in Glaubensnot und Zerstreuung" Paderborn 1956)
Vorbemerkung "Diaspora" kommt aus dem Griechischen und bedeutet Zerstreuung. Zerstreuung bedeutet in der Praxis aber zugleich auch Vereinzelung. Zunächst wurde dieser Terminus angewendet auf die Zerstreuung der Juden unter den heidnischen Völkern. In der neueren Kirchengeschichte findet dieser Begriff nach der Reformation in Deutschland Anwendung auf die Zerstreuung der katholischen Christen unter der protestantischen Bevölkerung, die gerade im Norden unseres Vaterlandes die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung darstellt, auch deshalb weil nach der Reformation die Bekenntniszugehörigkeit durch staatliche bzw. oberherrschaftliche Verhältnisse geregelt worden war: Cuius regio, eius religio, wessen Gebiet, dessen Religion, oder einfach gesagt: wes der Fürst, des der Glaube, d.h. die Untertanen mußten ihr religiöses Bekenntnis nach dem des Fürsten ausrichten. Das führte für die katholischen Christen in den von Protestanten dominierten Gebieten zu Verfolgungen, Diskriminierungen, in jedem Fall aber zur Vereinzelung, da sie sich selten zu wirklichen Kirchengemeinschaften mit religiöser Betreuung durch einen Geistlichen zusammenschließen konnten. Die Betreuung der zerstreuten Herde bedeutete für die in diesen Gebieten tätigen Seelsorger ungeheuerliche Entbehrungen und Anstrengungen, aber auch für die einzelnen bzw. vereinzelten Christen.
Wir heute leben wieder in der Zerstreuung, in der Vereinzelung. Und wir müssen uns das in aller Konsequenz vor Augen halten, um in dieser Situation unser religiöses Leben zu führen. Werfen wir einen Blick in die neuere Geschichte der Diaspora.
Eberhard Heller
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Die Säkularisation
Es kam das 19. Jahrhundert heraufgezogen, an dessen Anfang ein Ereignis steht, das man schamhaft die "Säkularisation" genannt hat, d. h. die große systematische Beraubung der katholischen Kirche in Deutschland, durch die der Grundbesitz der Klöster und kirchlichen Herrschaften in den Besitz weltlicher, meist protestantischer Fürsten übergeführt wurde. Es waren dies riesige Gebiete und Kirchengüter der Bistümer Köln, Trier, Münster, Paderborn, Fulda und sämtlicher süddeutschen Diözesen, ferner die Besitzungen der Klöster, Stifte und Abteien im ganzen deutschen Reich. Dadurch wurde die Kirche arm.
Wenn schon die Änderung der politischen Zugehörigkeit einzelner Gebiete wie der Rheinlande und Westfalens die ersten konfessionellen Verschiebungen mit sich brachten, erhielt dieser Vorgang durch die Säkularisation noch einen weiteren mächtigen Anstoß, da dem Einfließen protestantischer Bevölkerungsteile in katholische Länder ein weites Tor geöffnet war und vielfach von obersten Regierungsstellen gesteuert wurde. Die Hauptursache für die konfessionelle Verschiebung liegt aber in dem gewaltigen Aufschwung, den Handel und Gewerbe bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts genommen hatten. Sie brachte eine Binnenwanderung nach den Zentren, wo die Bodenschätze gefördert und bearbeitet wurden (vor allem im rheinisch-westfälischen Gebiet, aber auch anderswo), eine Wanderung zu den Plätzen, wo die Erzeugnisse der Industrie vom Handel aufgenommen wurden, in einem Ausmaß, wie noch nie. Die Zollunion innerhalb deutscher Staaten, das Gesetz der Freizügigkeit und Handelsfreiheit verstärkten die Verschiebung der Bekenntnisse noch mehr. Welch eine Riesennot war jetzt für unsere Glaubensbrüder in der Diaspora entstanden! Sie, die in Gebiete gekommen waren, meilenweit keine katholische Kirche, kein Tabernakel, kein Priester, keine katholische Schule, die die Kinder aufnahm und dazu nach dem siegreichen Krieg 1870 die Bedrängnis des Kulturkampfes, der die Katholiken in der Diaspora besonders hart getroffen hatte.
Da hatte die göttliche Vorsehung um die Mitte des Jahrhunderts einigen wackeren Männern - Laien und Priestern - allen voran der "edle Graf aus Westfalen" (d.i. Josef Graf zu Stolberg-Stolberg), ein mutiges Herz gegeben, zusammenzustehen, um für die Freiheit und auch die Rechte des Glaubens zu kämpfen. Die Besten hatten sich zur Gründung des Bonifatiusvereins zusammengetan, um der "zerstreuten Herde" beizuspringen. Langsam wurde die Hilfe spürbar, aber es bildete sich immer mehr ein Gesamtbewußtsein dieser Not und eine Gesamtverantwortung für den Glaubensbruder in der Kirchenferne. Das war das Große dieser bonifatianischen Tat! Wer hätte damals geahnt, daß mit diesem Werk die Grundlage gelegt wurde für das kommende Jahrhundert, für eine Zeit, wo sich während des Naziregimes und durch diese gelenkt nochmals eine Binnenwanderung vollzog, die in- und ausländische Katholiken in das Land der Zerstreuung geworfen hatte. Was man damals als die Riesenaufgabe unserer Kirche in der Zeit ansah, das Problem der "Wandernden Kirche", sollte jedoch nur eine Generalprobe sein für das, was später folgte. Ist es nicht ein eigenartiges Zusammentreffen, daß dem Mann, der vom anderen Ende des Reiches, der ostpreußischen Diaspora, das Wort von der "Wandernden Kirche" geprägt und seine ermländischen Katholiken zur Diasporareife zu erziehen sich mühte, auf Bischofskonferenzen und Tagungen immer wieder auf diese Diasporasorge um die "Wandernde Kirche" hinwies, im Jahre 1946 die Führung von sechs Millionen heimatlos gewordenen Katholiken, der wandernden Kirche im Riesenausmaß zugefallen ist, bis die Last dieses Riesenkreuzes seine Kräfte verzehrt hat. Von diesen sechs Millionen waren vier Millionen in die Diaspora gekommen, so daß gegenwärtig insgesamt sechseinhalb Millionen unserer Brüder im Notstandsgebiet stehen. Wenn wir heute die Konfessionskarte Deutschlands überschauen, sehen wir die Wandlung, die unsere Kirche und unser Volk erfahren hat.
Wir sind bei unserem Durchblick über die Entwicklung der Diaspora der Zeit etwas vorausgeeilt. Kehren wir nochmals zurück über 150 Jahre und betreten jenen Boden, der von dem großen Fürstbistum Breslau als Restteil übrig geblieben ist (der größte Teil steht zur Zeit unter polnischer Verwaltung), den Raum Görlitz. "Solange das Zisterzienserkloster in Neuzelle bestand, pflegte es die katholischen Überreste der Vorzeit. Zweimal im Jahre reisten die Ordenspriester im Lande umher, um den verlassenen Katholiken die Tröstungen der Religion zu bringen, und auf jeden Hilferuf eilten sie bei Tag und Nacht, den Kranken und Sterbenden beizustehen. Die Kinder katholischer Eltern fanden im Kloster Zuflucht und den notwendigen Religionsunterricht.
An allen Orten, wo sich starke Überreste zertrümmerter katholischer Gemeinden unter protestantischer Bevölkerung fanden, errichteten die Brüder Missionsstationen und wirkten von dort aus auf die verschiedenen Ortschaften. So fristete das Kloster beinahe durch drei Jahrhunderte die Trümmer der katholischen Gemeinden in der Niederlausitz und Neumark, bis es 1817 von Preußen, das es eben erst durch den Wiener Kongreß erhalten hatte, aufgehoben wurde." So schreibt Pfarrer Birnbach von Neuzelle 1853. Es ist der priesterliche Held, der nach Aufhebung des Klosters und nach dem Tode des letzten Pfarrers aus dem Orden die Riesenlast der Seelsorgearbeit, die das Kloster durch seine Mönche mit eigenen Mitteln geleistet hatte, allein auf seine Schultern nahm und nicht nur fortsetzte, sondern auch ausbaute. Wie die Mönche bereiste er alle Jahre seinen ganzen Missionsbezirk mit den Städten und Gottesdienststationen Guben, Lübben, Baruth mit seiner Glashütte (hier hielten die katholischen Glasarbeiter jeden Sonn- und Feiertag Laiengottesdienst), Golden, Dahme, Beeskow, Droskau, Zielenzig, Sonnenburg, Küstrin-Königsberg, Soldin-Arnswalde (30 Meilen von Neuzelle), Friedeberg, Landsberg a. d. W. In diesen fünf Kreisen: Königsberg, Soldin, Arnswalde, Friedeberg und Landsberg lebten 982 Katholiken, die im Umkreis von 10 Meilen weder Kirche noch Schule hatten. "Sie wissen nicht, wie eine katholische Kirche aussieht. Es sind 10 Meilen. Die Kinder gehen alle der Kirche verloren, die Kranken sterben ohne Sakramente, die Gemeinden gehen ihrer gänzlichen Auflösung entgehen." Und doch wollte dieser Pfarrer nicht bloß der Totengräber des Katholizismus in seinem Riesenmissionsbezirke sein, er wollte Missionar sein, Leben wecken, lebendige Christen gewinnen. Er schreibt weiter: "In Wahrheit kann ich mit dem Herrn sagen: mich jammert dieses Volk, wenn ich zweimal im Jahre ihre Gegend bereise, ihnen das Brot des Lebens breche auf ein ganzes halbes Jahr und dann mit ansehen muß, wie sie vor Seelenhunger langsam dahinschmachten müssen. Viele treffe ich, wenn ich sie zu Ostern oder im Herbst wieder aufsuchen will, nicht mehr am Leben. Sie sind ohne die letzte Wegzehrung hinübergegangen zu ihren Vätern, die im gleichen Elend lebten und starben, weil sie keine Priester aus weiter Ferne an ihr Sterbelager rufen konnten. Mit Jeremias möchte ich jammern: »Ach, wie zerstreut liegen die Steine des Heiligtums an allen Straßenecken herum." Selbst die Staatsregierung hat diese Greuel der Verwüstung schon längst erkannt, schon 1847 sollte in Landsberg ein katholisches Pfarrsystem mit Geistlichen und Lehrern für die fünf Kreise eingerichtet werden, aber es ist noch weiter nichts geschehen, als daß ein Platz gekauft ist." Darum bittet er den Bonifatiusverein um Hilfe zunächst für Crossen. "Es gilt ja Gottes heilige Sache, und jede, auch die geringste Gabe wird uns ein Steinchen sein, um Ihm ein Haus zu Seiner Verherrlichung zu bauen. Es gilt den armen Kindern, die in den nichtkatholischen Schulen ihr bestes Erbteil, den Glauben, verlieren. Es gilt den armen Kranken, die ohne die letzte Wegzehrung dahinsterben."
1855 konnte Birnbach das Missionshaus in Landsberg einweihen und den ersten Missionsgeistlichen dort einführen. Dabei sprach er: »Durch länger als 20 Jahre bin ich aus der Ferne zu euch gekommen und habe einen beschwerlichen Weg von mehr als 17 Meilen bei Tag und bei Nacht, bei gutem und schlechtem Wetter zurückgelegt, um euch in eurer trostlosen Lage aufzusuchen, um euch zu trösten mit Gottes Wort und zu stärken mit den Gnadenmitteln unserer heiligen Kirche, damit ihr in eurer Vereinsamung nicht erliegen möchtet auf dem beschwerlichen Wege zum ewigen Leben. Mit Freuden bin ich jedesmal zu euch gekommen, aber es betrübte mich jedesmal, wenn wir unseren Gottesdienst ohne Sang und Klang an gemeinen Wochentagen, noch viele von euch um des lieben täglichen Brotes willen verhindert, daran teilzunehmen, in einer protestantischen Kirche (die sonntags nicht zur Verfügung gestellt wurde) abhalten und ich euch dann wieder verlassen mußte, um erst nach einem halben Jahre euch wiederzusehen. Wie oft dachte ich, mich jammert dieses Volk, denn sie harren und schmachten nicht bloß drei Tage, sondern seit 300 Jahren nach einer besseren Seelsorge, und wenn ihre Sehnsucht nicht bald gestillt wird, wenn sie noch länger vereinsamt bleiben, ohne Hirten, ohne Lehrer, ohne Schule, dann werden noch viele, Große und Kleine, auf dem Wege zum ewigen Leben verschmachten."
Birnbach hat nicht umsonst gearbeitet. Schon 1861 war der Neuzeller Missionsbezirk ein eigenes Archipresbyterat (Dekanat) geworden: neun Pfarreien, elf Seelsorgepriester, 10 Kirchen, drei Bethäuser, sieben öffentliche und fünf private Schulen, 13 Lehrer, 5000 Katholiken, 700 Schulkinder. Wahrlich, er hat nicht umsonst gearbeitet! Aber noch einmal mußte der alte Mann bauen und gründen und betteln. Er schreibt an den Bonifatiusverein: "Einem schätzenswerten Generalvorstand habe ich die Ehre als ältester Missionar in der Niederlausitz und Neumark schon seit 20 Jahren bekannt zu sein. Manche nicht genug zu lobende Gabe habe ich von ihm zur Herstellung von zehn Missionsstationen empfangen, wofür ich Gott und einem geehrten Vorstande am Ende meines Lebens danke. Mit Freuden blicke ich, wie der Landmann, auf das schöne Saatfeld zurück und hoffe unter Gottes Segen eine reiche Ernte. Ich glaubte, nun das Arbeitsfeld in hiesiger Gegend ganz bestellt zu haben und auf meine alten Tage ausruhen zu können, aber da stellt sich ein neues Bedürfnis heraus, welches mich nötigt, noch einmal eine neue Anlage zu machen und noch einmal die Hilfe des Vorstandes zu erbitten. Es betrifft die neueste, aber letzte Missionsstation in Spremberg in der Lausitz, einer bedeutenden Tuchmacherfabrikstadt von beinahe 10.000 Bewohnern, unter welchen sich in Stadt und Kreis an 300 Katholiken befinden. Für diese Kollektivgemeinde ist ein eigener Seelsorger notwendig. Am 1.10.1865 hat das Dekanat Grevenbroich im Rheinland für ihn auf fünf Jahre mit 400 Talern den Unterhalt übernommen. Soweit hätte der liebe Gott geholfen, aber weder der Heiland noch sein Diener haben ein Eigentum. Ich mußte sie beide bei einem armen katholischen Schuhmacher unterbringen, der sich jetzt aus Liebe zu Gott in seiner Wohnung aufs äußerste einschränkt. Zwei Jahre hindurch haben wir uns mit diesem Häuschen, gleich dem Stall von Bethlehem, geholfen; nun aber drängt uns die Not weiterzuziehen, weil das Lokal für die Gemeinde viel zu klein ist und der arme Wirt es nicht länger entbehren kann. Aber wohin? Nach vielem Mühen und Suchen ist es gelungen, einen passenden Ort zu finden, wo wir eine Hütte für ihn aufschlagen wollen. Das Grundstück kostet 2225 Taler, dort soll Missionshaus mit Pfarrer- und Lehrerwohnung und Schulstube entstehen. Letztere soll, weil wir noch keinen Lehrer haben können, als Kapelle dienen, kostet 4487 Taler." Das war die letzte Sorge dieses getreuen Dieners des Herrn, sein letzter Brief an den Bonifatiusverein. Müßte man ihn nicht auf den Knien lesen?
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