"Denn wir haben hier auf Erden keine bleibende Stätte" (Hebr. 13,14)
von Norbert Dlugai
I. Hinführende Gedanken und Überlegungen
Unser Leben ist durch Geschehensabläufe und Gesetzmäßigkeiten gekennzeichnet, die den Charakter des Unerbittlichen in sich bergen, weil sie jedwedem menschlichen Planen, Beeinflussen und Manipulieren entzogen sind. Diesen Gegebenheiten bewußt ins Auge zu sehen, sträubt und weigert sich der heutige moderne Mensch, der glaubt, alles mehr und mehr selbst in den Griff zu bekommen.
Dazu zählt vor allem das Provisorische unserer menschlichen Existenz. Denn "es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben" (Hebr.9,27), gleichgültig, ob es der Mensch akzeptiert oder nicht, weil der Tod die Folge der Sünde gegen den allmächtigen Gott, den unumschränkten Schöpfer und Herrn allen Lebens ist, "der Sünde Sold" wie es Paulus nennt (vgl. Röm. 5,12 u.17; 6,23; 1Kor. 15,21). Schriftstellen von beredter Eindeutigkeit, die besonders in unserer Zeit die Menschen mehr denn je aufrütteln sollten.
Insoweit dies geschieht, d.h. inwieweit wir Christen vor allem den Kampf gegen Gottes Beleidiger führen, also somit als treue Sachwalter Gottes befunden werden, "wissen wir [mit Paulus], daß, wenn unser irdisches Haus abgebrochen wird, wir einen festen Bau von Gott erhalten, der nicht von Menschenhand erbaut ist, ein ewiges Haus im Himmel. Darum seufzen wir voll Sehnsucht, mit unserer himmlischen Behausung überkleidet zu werden." (2 Kor. 5,1 f.) Ist eine solche Sehnsucht bei uns überhaupt noch vorhanden? Wir Heutigen, weitgehend vom Weltgeist verseucht - auch Christen sind nicht ausgenommen - haben das Gespür verloren, welch ernstzunehmenden Lebensperspektiven sich auftun müßten, wenn wir die Worte des hl. Paulus bedenken würden.
II. Christlicher Glaube und Glaubensverkündigung heute
Im Blickfeld soll hier vornehmlich die Denk- und Verhaltensweise jener Christen stehen, welche noch eine Bindung an die [gültigen] kirchlichen Lehraussagen haben. Bei allen ihren Glaubensakten aber, die sie vollziehen, vergessen sie, ob bewußt oder unbewußt, daß es bei den Glaubensakten primär darauf ankommt, nicht der Ignoranz dessen zu erliegen, was wir in Kap. I als das ureigentliche Fundamentale des Christseins herauszustellen versuchten.
Da war nach Paulus vom "ewigen Haus im Himmel" die Rede. Darüber empfände sicherlich ein Beichtvater Genugtuung, den der Autor unserer Abhandlung sehr gut kannte, und der den Gläubigen, die sich bei ihm dem Sakrament der Buße unterzogen, immer wieder ins Gewissen redete, sich anzustrengen, damit wir der himmlischen Herrlichkeit einst teilhaftig würden. Jedoch würde es Blindheit bedeuten, nicht wahrhaben zu wollen, daß "der Himmel" - ein Terminus, der selbst von den meisten Christen in allen möglichen (und unmöglichen) Varianten verwendet bzw. mißbraucht wird - häufig in einem transzendental-religiösen Sinne als wahres Ziel unseres Lebens mißachtet wird, ganz zu schweigen von den letzten Dingen, wie das Fegefeuer oder gar die Hölle.
Wer es dennoch wagt, die diesbezüglich eindeutigen Aussagen der Offenbarung als Wort Gottes in ein religiöses Gespräch einzubringen, setzt sich der Gefahr der Isolation aus und gilt als ein hoffnungslos unverbesserlicher Gestriger oder gar Angstmacher, der noch im düster-scholastischen Denken des Mittelalters beheimatet sei oder sein möchte.
Trotzdem - und das fordert schwerwiegende Kritik heraus - ist dieser aufs bloße Jenseits ausgerichtete Glaube nicht einzig und allein dem sog. Zeitgeist zuzuschreiben, oder muß diese Haltung nicht gesehen werden vor dem - dem Zeitgeist nicht weniger Tribut zollenden - Hintergrund, daß die "letzten Dinge" vernachlässigt werden, besonders durch die Kirche, die sie gewollt und bewußt aus der Katechese und der Verkündigung eliminiert hat? Welcher Prediger wagt es da noch, von der Kanzel über solche "Drohbotschaften" wie Fegefeuer oder Hölle zu sprechen? Der Konflikt wäre vorgezeichnet, denn auch für christliche Ohren ist dies heute nicht mehr zumutbar: Triumph über Triumph für den Höllenfürsten, den "Menschenmörder und Vater der Lüge" (Jo. 8,44 f.).
Der Vollständigkeit halber muß hier im Rahmen unserer Überlegungen ein Faktum angefügt werden, das ein bezeichnendes Licht auf die optimistische Selbstherrlichkeit des heutigen Menschen wirft, soweit für ihn der "Himmel als ewiges Haus Gottes" in seinem Glaubensleben vielleicht noch präsent ist - nämlich die Erwartung, daß man mit purer Selbstverständlichkeit einmal das "himmlische Haus" in Besitz nimmt - ohne hinterfragendes Wenn und Aber. Zeigt sich da nicht die bitter-giftige Frucht eines neo-modernistisch-anthropozentrischen Allheilsoptimismus, der sich der Offenbarung Gottes hybrishaft verschließt?
Himmlische Töne, die an unser Ohr dringen, sind es nun zweifellos, wenn man gegenwärtig zu hören bekommt, daß wieder religiöse Neuaufbrüche das christliche Landschaftsbild prägen, und so der religiöse Glaube einen neuen Aufwärtstrend erfahre, einer Neuevangelisierung überhaupt der Boden bereitet würde. Eine neue Morgenröte des Glaubens also sei im Aufleuchten. Aber was heißt heute glauben wie soll er sich artikulieren, und wie tritt er de facto in Erscheinung?
Schlüssige und überzeugende Antworten darauf sind nicht möglich, ohne klar und nüchtern der Tatsache ins Auge zu sehen, daß die katholische Kirche seit Jahrhunderten von Krisen heimgesucht wurde, die in unserer Zeit vor allem im Zuge des II. Vatikanischen Konzils einen unbestreitbaren Höhepunkt erfahren haben… mit allen unheilvollen Konsequenzen. Es fand dies Ausdruck u.a. indem - augenfälliger als in den bisherigen krisengeschüttelten Epochen der Kirche etwa durch die Aufklärung - der das wahre Heil allein verbürgende Theozentrismus von einem Anthropozentrismus abgelöst wurde - einhergehend mit einem neuen, vermenschlichten Gottesbild, für das die Hl. Schrift keinen Ansatz bietet.
Man konstruierte einen Gott, der nur Liebe, nichts als Liebe… und wenn die Endlichkeit des Menschen im Tode zur unwiderruflichen Realität wird, keine Strafe und Sühne für Verstöße gegen die gottgewollte sittliche Ordnung kennt. Einen solchen Gott zu loben, zu preisen und zu verehren, bereitet wenig Schwierigkeiten. Und so ist diese Einstellung, die keine Gerechtigkeit mehr kennt, mehr und mehr zum zentralen Kern jeglicher Aktivitäten in allen Bereichen des sog. kirchlichen Lebens geworden.
Man sonnt sich gleichsam in dem Bewußtsein der (angeblich) uneingeschränkten Liebe Gottes zum Menschen, und meint, weil kein richtender Gott zu fürchten sei, das Dasein in jeder Form (christlich) subjektivistisch gestalten zu können, also selbst unter Relativierung, Umdeutung oder gar Außerachtlassung objektiver, unveränderlicher Glaubensgrundwahrheiten. Zweifellos offenbart eine derart verquere Lebensausrichtung die Ausbreitung des Bazillus eines ungezügelten Allheilsoptimismus im christlichen Lager. Und vielleicht legt der den ewigen göttlichen Wahrheiten, - die jedem zeitgemäß epochalen subjektivem Denken und Empfinden entzogen sind -, begegnende moderne Zeitgenosse nach eigenem Gutdünken jene Textstelle in Jo.14,2 aus, die da lautet: "Ich [Jesus Christus] gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen". Sogar für jene, die im Stand der Ungnade vor den göttlichen Richter hintreten?
All die Verkehrungen, mit denen sich unsere Ausführungen befassen, konnten auch nicht ohne Auswirkung auf das sakramentale Leben der Kirche bleiben, in das einzutauchen, ein entscheidender Wegbereiter zu den "himmlischen Wohnungen" ist. Da muß vor allem das Bußsakrament angesprochen werden, dessen Existenz sich als überflüssig und verloren erwiese, wenn Sühne und Genugtuung, die Gott zu leisten sind, nichts anderes wären als leere Floskeln. Und in der Tat, Bußsakrament und Beichte scheinen heute einer allgemeinen Vergessenheit anheimgefallen, zum verlorenen Sakrament geworden zu sein, wie es der Kirchenrechtler Georg May formulierte.
Aufschlußreich und deprimierend zugleich ist, was hierzu in der Zeitschrift "Pro Sancta Ecclesia" vom September 2007 ausgesagt wird: "Das Kapitel Beichte scheint abgeschlossen zu sein. Der Verfall der Beichtpraxis ist so vollkommen und verfestigt, daß man in der aktuellen theologischen Literatur kaum noch Beiträge über das Sakrament der Buße findet." Für den Religionssoziologen Michael Ebertz verdichtet sich im massiven Niedergang der Ohrenbeichtpraxis sogar brennpunktartig die Auflösung "des Gesamtgefüges der katholischen Gnadenanstalt! Die Beichte ist vergessen, weil vergessen ist, was Kirche ist." Und das gilt auch für die anderen Sakramenten: Dann wird aus der Taufe ein Familienfest mit Baby gucken; aus der Firmung eine Jugendweihe, aus der Eucharistie ein Erinnerungsmahl, aus der Krankensalbung ein Heilungszauber, und aus der Weihe die Aufnahme in den Kirchendienst, den man den Frauen nicht verweigern darf…
Um die Überlegungen abzurunden, seien noch jene Christen erwähnt, welche jeglichen Bezug zum Glauben und zur Kirche verloren haben, und die daher der Frage und dem Problem der Einstweiligkeit unseres irdischen Daseins und folglich einem Gedanken an eine transzendentale Fortexistenz mit absoluter Gleichgültigkeit gegenüberstehen.
III. Der Bewußtseinswandel des Menschen bezüglich der christlichen Glaubensinhalte überhaupt.
Die vorgelegten Sachverhalte dürfte den allgemeinen Bewußtseinswandel mit Blick auf die ewigen katholischen Glaubenswahrheiten bereits verdeutlicht haben. Dieser Wandel setzte ja schon vor Jahrhunderten ein und feiert in unserem Säkulum seinen eigentlichen Triumph. Statt eigener kritischer Gedanken hierzu sei gestattet, Walter Hoeres zu zitieren, der mit Scharfblick die Situation in seinem Büchlein "Aufstand gegen die Ewigkeit" beleuchtet hat (Christiana-Verlag, Stein a. Rhein).
W. Hoeres trifft gleichsam ins Schwarze wenn er u.a. schreibt: "Es ergibt sich, daß heute die Vernunft das Maß aller Dinge ist, und daß nun die Glaubenswahrheiten herabgezogen werden müssen zum Level zum Bewußtseinsstand, zur Mentalität der jeweiligen Gegenwart. Nicht mehr der Mensch ist offen für sie, um sie demütig anzunehmen und soweit möglich zu verstehen, sondern sie müssen solange geöffnet; d.h. gedreht und gepreßt werden, bis sie dem Geist der Epoche entsprechen und so geschichtlich geworden sind. (…) Der Schwerpunkt liegt da nicht mehr auf der Ehre und Verherrlichung Gottes als Sinnziel des Universums, sondern auf dem irdischen Wohl des Menschen, und Gott erscheint in Umkehrung des traditionellen Verhältnisses als nützlicher Erfüllungsgehilfe für dieses neue Ziel, das er durch die zweckmäßige Einrichtung des Kosmos nach Kräften gefördert hat. Der alte benediktinische Grundsatz "ut in omnibus Deus glorificetur" - auf daß in allen Dingen Gott verherrlicht werde - hat die Überzeugungskraft verloren". (a.a.0. S. 47 u. 42).
Davon sind die letzten Dinge, das Schicksal des Menschen nach Ablauf seiner Erdenzeit nicht ausgenommen, ja zuvörderst betroffen - in dem Sinne jedoch, daß man dem konstruierten Gott der immerwährenden Liebe unterstellt, seinem Geschöpf einzig und allein in der transzendentalen Sphäre einer Allerlösung und -versöhnung zu begegnen, ohne ein richtendes Urteil über Sünde und Schuld.
Ja man sieht dann für das alles, um mit Hoeres zu sprechen, Gott als "Erfüllungsgehilfen" auf ein neues Ziel hin, einhergehend mit einer sogar von Gott mit liebendem Verständnis bedachten Akzeptanz umgeformter oder gar geleugneter tradierter katholischer elementaren Wahrheiten. Es fände das dann, so der Allheilsoptimismus-Jünger, in einem von der Liebe Gottes durchfluteten Jenseits höchste Vollendung.
In dem Buch die "Herrlichkeit der Gnade" von P. Gerhard Hermes S.A.C. (Christiana Verlag) beklagt der Autor die "Faszination einer Allversöhnung" und ergänzt seine Kritik wie folgt: "Die Faszination der Allversöhnung will nicht mehr Unverträgliches wahrnehmen (…) nichts Unverträgliches mehr, nichts schlechthin Gegensätzliches mehr, nicht mehr Licht und Finsternis, Tod und Leben, Göttliches und Satanisches (…). Christus ist kein Zeichen des Widerspruchs mehr, sondern der Allversöhnung! Die Kirche [sei] kein Felsen mehr, sondern ein flexibles Gebilde. Keine Dämonen mehr, wozu dann noch Engel! Keine Teufel mehr, wozu dann noch Exorzismus und Gebete zu St. Michael?". (a.a.0.S. 51 u. 62) Wenn der Verlust der irdischen Heimat zur bitteren, persönlichen Realität wird und der Mensch dann nicht die das ewige Heil verbürgenden und tragenden Dimensionen der göttlichen Gnade und Übernatur vorzuweisen imstande ist - [weil ihm seine sog. Kirche ein Allerlösertum vorgegaukelt hat, auf das er hereingefallen ist] -, was dann?
Weil er all dem gleichgültig oder ablehnend gegenübergestanden ist in dem [ihm eingetrichterten] Irrwahn vom nicht mehr rächenden und strafenden, sondern nur noch vom nachsichtigen, gnädigen Gott, den man lediglich als Erfüllungsgehilfen ansah für neue Zielsetzungen, die auf dem Boden des Aushöhlens und Verdunstens von ewigen, geoffenbarten Glaubenswahrheiten - im Zusammenhang mit dem Schwinden von Sittlichkeit, Moral und Sündenbewußtsein überhaupt - gewachsen sind und immer weiter wachsen.
"Denn wir haben hier auf Erden keine bleibende Stätte" - so lautet die Überschrift unserer Abhandlung. Jedoch haben wir wohl längst das Gespür dafür verloren, was das für die Welt und die Menschheit bedeutet. Denn wir sind blind und taub geworden (Is. 43,8) für die allein rettende Wahrheit, "die nicht von dieser Welt ist" (Jo.18,36). |