Polykarp – ein greiser Bischof
(aus: Helden der Urkirche, hrsg. von Pierre Hanozin, übers. von Eugen Lense Styria-Verlag Graz, Wien, Leipzig 1938, S. 8-19)
Smyrna, im Jahre 156 nach Christus
Der Bischof Polykarp erlitt im Jahre 156 nach Christus mit anderen Christen den Martertod. Die Gemeinde von Philomelium in Phrygien erbat einen genauen Tatsachenbericht. Marcion ließ deshalb im Auftrag der Gläubigen von Smyrna an alle Gemeinden einen diesbezüglichen Rundbrief ergehen. Dieses älteste hagiographische Dokument eines Zeitgenossen zeigt uns den Apostelschüler Polykarp in der ganzen sittlichen Größe eines Blutzeugen Christi, würdig der Apostel, die er selbst noch gesehen.
Die Gläubigen von Smyrna entbieten ihren Brüdern von Philomelium und allen, die zur Kirche gehören, brüderlichen Friedensgruß in Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir wollen an euch, geliebte Brüder im Herrn, nähere Mitteilung ergehen lassen über den Martertod des gottseligen Bischofs Polykarp, der durch sein heroisches Blutzeugnis die Verfolgung rühmlich abgeschlossen hat. Gott wollte uns in ihm einen beispielhaften Märtyrer schenken, ganz im Geist des Evangeliums. Wie sein göttlicher Meister wartete Polykarp auf die Stunde seines Heimganges, um sein Leben für seine Brüder zu verschenken. Wir aber wollen Gott dafür danken, daß wir einen so großen, heiligen Blutzeugen besitzen.
Wer stünde nicht in tiefer Verehrung vor dem Heldentum dieser Zeugen Jesu Christi? Zerrissen und blutig geschlagen bis aufs Mark, blieben sie standhaft, während die Zuschauer sie ob ihrer Qualen bemitleideten. Ihr Heroismus aber kannte keine Klage, weil sie inmitten aller Marter vollkommen eins waren mit Christus. So achteten sie alle Todesnot gering und rissen den Himmel mit Gewalt an sich.
Das Feuer, das ihre Henker ihnen bereiteten, erschien ihnen wie Labung im Vergleich mit dem Höllenfeuer und als geringer Kaufpreis für die himmlische Herrlichkeit. So überstanden sie alle Martern, ersonnen von raffinierten Henkern, die da wähnten, Macht zu haben über die Bekenner Jesu Christi.
Der Teufel ließ alle seine Künste spielen. Dank der Gnade Gottes freilich nur selten mit Erfolg! So stärkte zum Beispiel der todesmutige Germanikus seine Brüder durch das Beispiel seines Heldensinns im Kampf mit den wilden Tieren. Der Prokonsul redete ihm zu, er solle doch an seine Jugend denken. Er aber reizte die wilden Tiere, denen er vorgeworfen wurde, um so rascher der Niedertracht der Menschen zu entfliehen. Daraufhin verlangte die rasende Menge unter viel Geschrei den Tod des Polykarp.
Nur einer, Kointus, ein Phrygier, der erst jüngst seine Heimat verlassen hatte, wurde schwach angesichts der wilden Tiere. Er hatte sich dem Gerichte selbst gestellt und veranlaßte andere zu dem gleichen Schritte. Als aber der Prokonsul ihn mit Nägeln spießen ließ, verlor er den Mut und opferte den Göttern. Wir sind nicht damit einverstanden, daß die Brüder sich selbst dem Richter stellen, weil das dem Geist des Evangeliums widerspricht.
Polykarp, der verehrungswürdigste von allen, verlor bei Ausbruch der Verfolgung keineswegs den Mut, sondern beschloß vielmehr, ruhig in der Stadt zu bleiben. Dem Drängen einiger Brüder folgend, verbarg er sich in einem kleinen Landhaus nahe der Stadt Smyrna. Mit einigen Freunden betete er dort Tag und Nacht für die Anliegen der heiligen Kirche.
Drei Tage vor seiner Inhaftnahme hatte er im Gebete ein Gesicht. Sein Kopfkissen fing Feuer und verbrannte. Da sagte er zu seinen Freunden: Ihr werdet sehen, ich werde bei lebendigem Leibe verbrannt.
Um vor der Polizei sicher zu fein, suchte er in einem anderen Hause Unterschlupf. Kaum daraus entwichen, standen die Häscher schon vor der Tür. Als sie ihn nicht fanden, verhafteten sie dafür zwei Sklaven. Der eine von ihnen gestand beim Verhör alles, was er wußte. Von den eigenen Brüdern verraten, war Polykarp so nicht mehr sicher vor der Polizei.
Der Polizeichef Herodes - nicht umsonst trug er diesen Namen - konnte es nicht mehr erwarten, bis er Polykarp in die Arena führen konnte, wo er seinen Anteil an der Herrlichkeit Christi finden sollte.
Es war an einem Freitagabend, als die Schergen, von den Sklaven geführt, auszogen, um Polykarp in Haft zu nehmen. Es waren Soldaten zu Fuß und zu Pferd, die mit ihren Ordonnanzen kamen, um Polykarp gefangen zu nehmen, wie wenn sie einen Banditen gefangen nehmen wollten. Mitten in der Nacht langten sie an und erfuhren, daß Polykarp im oberen Stock des Hauses schlafe. Er hätte noch entfliehen können. Der Bischof wollte aber, daß der Wille Gottes an ihm geschehe. So blieb er, stieg in das Erdgeschoß hinunter und fing mit den Soldaten ein Gespräch an. Seine Ruhe und fein hohes Alter verfehlten ihren Eindruck auf die Schergen nicht.
Polykarp ließ ihnen ein reichliches Abendessen bereiten und bat sue, ihm noch eine Stunde Zeit zum Beten zu lassen. Erfüllt vom Geiste Gottes, redete er zwei Stunden von Gott und über göttliche Dinge, so daß die Schergen selber es bedauerten, einen so frommen Greis vor die Schranken des Gerichtes zu stellen.
Wie er mit seinem Gebet für alle seine Freunde, die er je gekannt, und die ganze Kirche fertig war, mußte er sich auf den Weg machen. Auf einem Esel reitend, gelangte er zur Stadt. Es war gerade Sabbat. Der Polizeichef Herodes und sein Vater Nizetes kamen ihm entgegen, hießen ihn in ihren Wagen steigen und begannen sogleich ihr Verhör.
Was kann es denn Böses sein, sagten sie, den Namen Cäsar Augustus auszusprechen? Oder was liegt daran, ein Opfer darzubringen, um sein Leben zu retten? Polykarp gab zunächst keine Antwort darauf. Endlich sagte er: "Es ist mir unmöglich, eurem Rat zu folgen." Darob wütend, fingen die beiden an, den Bischof zu schmähen und stießen ihn so rücksichtslos vom Wagen herunter, daß er sich dabei ein Bein verletzte. Polykarp aber verbiß den Schmerz und ging weiter, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Wie er im Gerichtshaus anlangte, gab es ein solches Geschrei, daß niemand sein eigenes Wort mehr verstand.
In diesem Augenblick hörte er eine Stimme vom Himmel, die ihm sagte: "Mut, Polykarp, sei stark!" Man konnte nicht sehen, wer da sprach. Alle Christen aber, die zur Stelle waren, hörten diese Stimme.
Wie Polykarp endlich erschien, gab es einen großen Lärm unter der Menge. Der Prokonsul frug ihn nach seinem Namen und forderte ihn auf, seinen Glauben zu verleugnen. Er erinnerte ihn an sein hohes Alter und gab noch andere Beweggründe an, wie man sie den Christen zu der Zeit bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte. Schwöre auf den Namen des Kaisers, bereue deinen Irrtum und fluche den Christen. Polykarp wandte sich zur Menge im Vorhof des Gerichtshauses, zu dieser Masse Menschen ohne Religion, schaute sie an, erhob seine Hand und sagte, die Augen zum Himmel gerichtet: "Der Tod soll kommen über diese Götzendiener!"
Der Gerichtshof drängte ihn, Christus zu lästern, und versprach ihm dafür die Freiheit. Da gab Polykarp die unvergänglich schöne Antwort: "Sechsundachtzig Jahre diene ich Ihm und ich habe nur Gutes von Ihm empfangen. Wie könnte ich da meinen Herrn und König lästern?"
"Du sollst den Göttern opfern", drängte der Prokonsul von neuem.
Da erwiderte Polykarp: "Du täuschest dich, wenn du glaubst, ich würde den Götzen opfern. Ich will dir offen sagen, wer ich hin. Ich bin ein Christ! Wenn du das Christentum kennenlernen willst, so komm zu mir, ich will dir Unterricht geben zu jeder Zeit."
"Das kannst du dem Volk da erzählen, aber nicht mir!" gab der Prokonsul darauf zurück.
"Ich habe mich doch vor dir, als dem offiziellen Vertreter der staatlichen Obrigkeit, zu rechtfertigen, und nicht vor diesem Volk! Wir Christen sind gelehrt worden, der gottbestellten Obrigkeit die Anerkennung zu zollen, die ihr gebührt."
Darauf der Prokonsul: "Wenn du weiterhin so starrköpfig bist, werfe im dich den wilden Tieren vor."
"Wie du willst", gab Polykarp zurück. "Der Tod kann uns Christen nichts Schlimmes bringen. Wir können nur gewinnen, wenn wir aus dem Elend dieser Zeit hinübergehen zur ewigen Belohnung."
Darauf der Prokonsul: "Wenn du dich nicht anders besinnst, so wirst du auf dem Scheiterhaufen sterben, da du dir aus den wilden Tieren ja doch nichts machst!"
"Du willst mich schrecken mit einem Feuer, das eine Stunde brennt und dann erlischt", gab Polykarp zurück. "Du hast sicher keine Ahnung von dem Straffeuer der Ewigkeit, das auf die Sünder wartet. Was zögerst du so lang? Tu doch deine Pflicht!"
Polykarp erstrahlte von innerem Glück und Gottesfrieden während des ganzen Verhörs, bei dem nicht er, sondern der Prokonsul, der Unterlegene war.
Dieser ließ der Volksmenge durch seine Ordonnanz dreimal verkünden, daß Polykarp sich als Christ bekannte.
Da fingen alle Juden und Heiden von Smyrna, wie auf Kommando, in einem einzigen Wutausbruch zu schreien an: "Das ist der Bischof aller Christen, der unsere Götter verachtet und ganz Asien beherrschen will. Er macht das Volk abspenstig von seiner angestammten Religion." Zugleich riefen sie dem Oberpriester Philipp zu, er solle auf Polykarp einen Löwen loslassen. Der aber lehnte dieses Ansinnen mit der Begründung ab, die Zeit für die Tierkämpfe sei bereits vorbei.
Da stimmten alle zu, daß Polykarp verbrannt werden solle. Sein Traumgesicht vom brennenden Kopfkissen ging so der Erfüllung entgegen. Nicht umsonst hatte er gleich seinen Freunden erklärt, er werde lebendig verbrannt werden.
All dies geschah in wenigen Augenblicken. Sogleich schichtete die Menge Holz und Reisig auf einen Haufen, das es aus den Kauf- und Badehäusern genommen hatte. Ganz besonders taten dich dabei die Juden hervor mit der ihrer Rasse eigentümlichen Geschäftigkeit. (Vergl. die Vorgänge in Rußland und Rotspanien, wo die Juden so "geschäftig" find.)
Als der Scheiterhaufen fertig war, legte Polykarp seine Kleider ab und begann seine Schuhriemen zu lösen, was er schon lang nicht mehr selber getan hatte. Sonst unterstützte ihn dabei immer ein Glaubensbruder, glücklich, dem ob seiner Frömmigkeit verehrten Bischof dielen Dienst erweisen zu können. Die Henker legten ihre Mordwerkzeuge neben ihm nieder und wollten ihn binden. Da sagte der Bischof: "Laßt mich, wie ich bin. Gott, der mir den Mut verlieh, den Feuertod für ihn zu erleiden, wird mir auch die Gnade geben, ohne Fesseln auf dem Scheiterhaufen bis zum Ende auszuhalten." So banden ihn die Schergen nur ganz lose mit Stricken.
Polykarp, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden und wie ein erlesenes Opfertier zubereitet als ein Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, erhob die Augen zum Himmel und sprach:
"Herr, allmächtiger Gott, Vater unseres Herrn Jesus Christus, deines geliebten Sohnes, unseres Mittlers, Gott der Engel und Mächte und aller Kreatur, ich sage dir Dank, daß du mich gewürdigt hast, mich in die Zahl deiner Blutzeugen aufzunehmen, und mich berufen hast zur Teilnahme am Leidenskelch deines Sohnes zur ewigen Auferstehung in der Liebe des Heiligen Geistes. Nimm mich heute auf zu dir mit allen deinen Märtyrern, nachdem ich mein Leben dir, dem ewigen und wahren Gott, als Schlachtopfer mit deiner Gnade dargebracht. Dafür danke ich dir durch Jesus Christus, deinen Sohn, den ewigen Hohenpriester, dem Ehre gebührt mit dir und dem Heiligen Geiste jetzt und in alle Ewigkeit. Amen."
Die Schergen zündeten nun den Scheiterhaufen an. Eine hohe Stichflamme loderte auf und wir waren nun Zeugen eines seltenen Wunders, um anderen davon Mitteilung machen zu können. Das Feuer nahm die Form eines vom Wind geblähten Segels an, das den Leib des heiligen Märtyrers umschloß, nicht um ihn zu verbrennen, sondern als ob er Brot wäre, das beim Backen goldgelb wird, oder wie Gold und Silber, das im Schmelztiegel geläutert wird. Wir empfanden dabei einen köstlichen Wohlgeruch wie von Weihrauch und edlem Gewürz.
Auch die Heiden waren Zeugen dieses Wunders und verlangten daher den Tod durch das Schwert. Der Scharfrichter tat, wie ihm befohlen war. Bei der Enthauptung floß so viel Blut aus dem Leichnam, daß das Feuer dadurch erlosch. Die bestürzte Menge konnte sich das Wunder nicht erklären. Polykarp war eben ein gottbegnadeter Märtyrer, ein Prophet und Apostel seiner Zeit, von dem jedes Wort aus seinem Munde wahr geworden.
Der Teufel, dieser unerbittliche und listige Gegner aller Gerechten, wußte, daß Polykarp seit seiner frühesten Jugend ein reines, makelloses Leben geführt hatte. Nun sah er die ganze Größe seines Martyriums, seine unvergängliche himmlische Krone und seinen unbestreitbaren Sieg.
So wollte er wenigstens seinen heiligen Leib denen streitig machen, welche diese heiligen Reliquien zu besitzen trachteten. So gab er dem Nizetes, dem Vater des Herodes, den Gedanken ein, vom Gerichtshof zu verlangen, den Leib des Polykarp den Christen zu verweigern, um zu verhüten, daß mit der Verehrung der Reliquien der Christuskult weitere Verbreitung finde.
Es waren eigentlich die Juden, die diese Vorschläge machten und zur Annahme brachten. Ja, sie gingen sogar so weit, daß sie uns auflauerten, um uns daran zu hindern, den Leib des heiligen Märtyrers vom Scheiterhaufen herunterzunehmen. Die wußten eben nicht, daß wir nie und nimmer von Christus lassen, dem einzig wahren Schlachtopfer für die Sünden der Welt, vor dem wir ganz allein die Knie beugen. Um seinetwillen schenken wir seinen Blutzeugen unsere ganze Verehrung und Liebe, da sie ihm die Treue hielten bis zum Tod. Möge uns der Himmel die Gnade schenken, einmal selbst als Zeugen Christi unser Blut für ihn hingeben zu dürfen.
Aus Angst vor den Juden ließ der Hauptmann den Leib des Märtyrers fast bis zu Asche verbrennen. Wir sammelten dann die heiligen Überreste, die uns kostbarer erschienen als Gold und Edelsteine, und setzten sie würdig bei. Möge der Herr in seiner Güte sie uns wieder finden lassen, damit wir das Jahrgedächtnis dieses heiligen Märtyrers in heiliger Freude begehen und auch andere seinen Fußstapfen folgen.
So also war der heilige Opfertod des nun in Gott ruhenden Bischofs Polykarp. Er errang die Palme des Martyriums in Smyrna mit noch zwölf Glaubensbrüdern aus Philadelphia. Er wird für immer in unserer Erinnerung weiterleben. Sogar die Heiden sprechen von ihm mit der größten Hochachtung, Wir alle wollen in den Fußstapfen dieses wahren Jüngers Jesu Christi wandeln, der die ewige Krone errungen hat. Nun nimmt er mit allen Gerechten teil an der himmlischen Seligkeit und verherrlicht Gott, den allmächtigen Vater, und sagt Dank unserem Herrn Jesus Christus, der unser Erlöser und das Haupt der ganzen Kirche ist.
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