Vom Klima der Diaspora
von Alfons Maria Wachsmann (* 25.1.1896, + 21.2.1944)
Es läßt sich bei einem Vergleich des katholischen Lebensraumes mit dem der Diaspora als wichtigste Unterscheidung feststellen: Die Lebenshilfen, die im katholischen Lebensraum von selbst fast ohne eigene Anstrengung sich darbieten, fallen in der Diaspora fort.
In der Diaspora ist der Katholik nicht mehr Glied in einer geschlossenen katholischen Gemeinde. Er ist nicht mehr einer unter vielen oder gar allen, die dieselbe religiöse überzeugung haben. Seine Stimme kann sich nicht mehr anlehnen oder einfügen in den Chor aller. Er ist nicht mehr Welle, die getragen wird von der Kraft des Stromes. Er ist nicht mehr Stein, der fest ruht im gut gefügten Mauerverband. Der Katholik in der Diaspora weiß nichts von dem religiösen Massenerlebnis etwa einer bischöflich präsidierten Groß-Versammlung oder einer gewaltigen Glaubenskundgebung, wo die religiöse Entzündung nicht nur viele einzelne erfaßt, sondern die Kraft und Stärke des Erlebnisses sich steigert durch das überspringen von Mensch zu Mensch. Das religiöse Gemeinschaftserlebnis im sonntäglichen Gottesdienst wie auch in der außerordentlichen Veranstaltung bewirkt eine Intensivierung des einzelnen, Bewußtwerdung der Stärke im Zusammenschluß, Ausgleich der eigenen Schwachheit und Unzulänglichkeit. Diese Wirkungen sind überaus wichtig; sie können nicht leicht überschätzt werden. In ihrem ganzen Ausmaß wird sie der würdigen, der selbst jahrelang unter ihrem starken Einfluß gestanden, dann aber in der Isolierung der Diaspora erfahren mußte, entweder an sich selbst oder durch Fremdbeobachtung, wie leicht aus dem Minderheitsbewußtsein ein Minderwertigkeitsbewußtsein wird.
Im geschlossenen Raum katholischen Lebens sind durch Jahrhunderte die katholischen Glaubenswahrheiten geglaubt, durchdacht und gelebt worden. Der Zweifel der wenigen, die Irrwege der einzelnen haben niemals vermocht, das religiöse Gefühl der Gesamtheit zu zerreißen, geschweige denn aufzuheben. Das Katholische ist zur Atmosphäre geworden, in der man atmet. Man mag im einzelnen sich distanzieren oder gar sich heiligen Satzungen im Klima der entgegenstellen, aber man kann nicht aus der Atmosphäre heraus, in der die Generation durch Jahrhunderte gelebt, in der man selbst heimisch geworden ist. Selbst wenn einer blasiert die Fronleichnamsprozession vom Fenster aus betrachtet, weil er sein Knie nicht beugen mag, er kann sich der Schönheit dieses öffentlichen Anbetungsaktes nicht entziehen. Selbst dann, wenn eine solche Prozession im Bewußtsein entleert worden ist zu einer prunkvollen Entfaltung kirchlicher Pracht, ist sie ein Faktor, der die katholische Atmosphäre mit geheimnisvollen Energien speist. Die katholische Atmosphäre macht es leicht, aus der Verwirrung heimzukehren in die Wahrheit, aus dem Seitenweg unauffällig einzubiegen in den Hauptweg, aus der Lauheit wieder zurückzufinden in die Fülle des religiösen Lebens. Noch öfter hilft die katholische Atmosphäre, alle diese Ab- und Umwege zu meiden und katholisch zu bleiben. Ganz anders ist das in der Diaspora. Hier kann von katholischer Atmosphäre des Lebensraumes nicht gesprochen werden. Diese ist hier eingeengt in den sakralen Raum des Gotteshauses. Die Portale der Kirche sind hier nicht die Verbindung zwischen dem Raum des Gebetes und dem Raum der Arbeit, zwischen dem Opferaltar und den Opfern des Lebens. Nein, die Kirchenportale sind trennende Schließung, die verhindert, daß der Weihrauch des Hochamtes hinausströmt in die Straßen, die zu den Wohnungen führen, daß geweihtes Wasser hinausdringt bis an die Häuser, wo Menschen wohnen, daß das Lied der Anbetung seine Wellen sendet bis in die Stuben der Kranken. In der Diaspora wird die Fronleichnamsprozession dort, wo sie möglich ist, nicht jubelndes eucharistisches Gemeinschaftsleben, das den ganzen Raum durchdringt und ausfüllt, sondern nur Bekenntnisakt, der begrenzt und eingeengt wird von der Beobachtung und der innerlich protestierenden Zurückweisung der Mitbürger.
Für den Katholiken in der Diaspora ist der Lebensraum verweltlicht. Auch die Landschaft steht nicht mehr unter der Konsekration der Kirche. Auf den Wegen durch ungebrochene empfängnisfrohe Äcker und blühende Wiesen zieht keine Markus-Prozession; auf den Wegkreuzungen steht nicht das Christuskreuz, unter der Linde kein Madonnenbild. Durch den Abendfrieden klingt nicht geweihter Glockenton. Der Raum ist verweltlicht.
»Zusammengeweht aus den vier Rosen der Welt«
Wir (im Raum der Diaspora) sind ein Schiff auf hoher Woge. Mit breitem Kiel ächzen wir über Tal und Berg. Mit stöhnenden Masten. Mit gerafften Segeln. An diesem Steuer tut feste Hand not. Wir sind neues Land. Mit schwachem Humusboden. Unter uns märkischer Sand! Vier Jahrhunderte müssen wir graben zu katholischer Kultur. Zu vorreformatorischer Zeit! Auch das waren nur ein paar Jahrhunderte rascher Blüte. Ziegelsteinschöner Gotik. Auf heidnischem Land. Eine ganz tiefe christliche Kultur, wie sie um die Türme Wiens, Kölns und Antwerpens wittert, deckt nicht die Dächer dieser Stadt. Durchadert nicht das Land unter unseren Füßen. Alles ist letzte Stunde. Alles rasch zueinander geschaufelt. Alles von vielfachem Wind, aus den vier Rosen der Welt, an Spree, Havel und EIbe geweht. Keine Gemeinde Deutschlands, keine katholische, so traditionslos. So wenig durchwachsen. Im Glauben einig! Das ist der Glaube unserer Väter. Das ist das Wiegenlied von Donau, Mosel und Nahe! Das ist der Weihnachtsstern Schlesiens. Das sind die Johannisfeuer Westfalens. Das ist der Heiligabend Tirols. Dieselbe Liturgie! Derselbe Katholizismus! Dasselbe Christentum. Aber anderswo ist aus alle dem Kultur geworden. Die ein Gesicht hat. Die bis ins Äußere Gefüge prägt. Die auch die Fragen des öffentlichen Lebens erfaßt und dem Katholizismus die Geschlossenheit seiner Haltung gibt. Nirgends solche Zerrissenheit der politischen Atmosphäre. Bis an alle Ränder der Extreme gedrängt. Ein Heerlager mit hundert Gezelten und hundert Fahnen! Aller Farben des gewölbten Regenbogens!
(aus: „Auf Gottes Waage “ Paderborn 1956, S. 36 f.) |