Wie ein warmer Mantel
von Georg Faber
»In Ihrem Dorf könnte man glauben, die ganze Welt sei katholisch." Der kleine schmale Priester, ungefähr Mitte Fünfzig, versuchte dabei zu lächeln.
Aus Norddeutschland war er zu einem Ferienaufenthalt in dieses Gebirgstal gekommen, nicht krank, nicht einmal körperlich überanstrengt, nur an der Seele müde, wie das Laub der Bäume, wenn es lange nicht geregnet hat. Und eine Ratlosigkeit stand bisweilen in seinen Augen, ein Unvermögen, sich in dieser anderen Umwelt zurechtzufinden. Dem Ortspfarrer war es aufgefallen, als er den Gast bald nach seiner Ankunft in das reich geschmückte Gotteshaus geführt hatte, in dem das heilige Opfer seit beinahe tausend Jahren gefeiert wurde.
Nun saßen sie in der Laube und ihr Blick ging durch grünes Gerank zum Gemäuer der Kirche und zur Dorfstraße, die unmittelbar daran vorbei zu Tale lief. Sie war leer. Sonntagsnachmittagsstille, kaum unterbrochen von einem Kinderjauchzen. lag über dem Orte. Um das blitzende Turmkreuz segelten Schwalben.
"Ja", sagte der alte Pfarrer, »es mag so scheinen, wenn wir auch dann und wann einen anderen Wind um die Ohren spüren. Dom im Grunde genommen sehen Sie recht. Und das bringt mich auf mein Anliegen. Könnten Sie diese Woche nicht einmal von da unten erzählen, wo Sie herkommen, beileibe keinen Vortrag, nur so an Erlebnissen zeigen, was die Diaspora ist." Weil der Gast zu zögern schien, fügte er noch hinzu: "Es wäre gut, denn wer weiß heute, ob er nicht morgen schon ; dorthin verschlagen wird."
Der kleine Priester nickte: "Gut, aber nicht leicht!" Und dann wandte er den fragenden Blick dem Ortspfarrer zu: "Wären Sie imstande, jemandem zu erklären, was diesen Ort zu einem katholischen Dorfe macht? Daß alle einen Glauben haben, der in den Jahrhunderten mit den Verstorbenen gleichsam in die Erde hineinwuchs und jedem Ding anhaftet? Nein, und auch nicht, daß Bilder und Kreuze an den Wegen stehen und in allen Stuben hängen, daß die Kirche am Sonntag zweimal voll ist, daß die Ehen ihren Weg vom Altare aus nehmen. Dies und vieles andere ist es ebenso wenig. wie der Mangel dieser Zeichen das Gesicht der Diaspora prägt. Es ist schwer zu sagen und vor allem vor jungen Menschen." Er schob das Weinglas zurück und sah nach der schiefergrauen Kirche, die sich wie eine stolze Königin über das Dorf erhob.
"Die Diaspora, nicht die statistisch errechnete, die wirkliche, seelenlähmende, beginnt dort, wo der Mensch mit seinem Glauben auf sich selbst gestellt ist und nicht mehr von der Umwelt mit ihren Bräuchen und Gewohnheiten getragen wird, wo er entweder katholisch ist oder es nicht ist. Das alles hier schützt wie ein warmer Mantel vor dem Winde, man kommt sich sicher und geborgen vor, aber es ist doch nur ein Mantel, und wenn man ihn ausziehen muß? Wir da unten haben diesen Mantel nicht, und wer seinen Glauben behalten will, der muß ihn in sich tragen, so sicher und fest Wahrheit auf Wahrheit gefügt wie die Steine einer gotischen Kathedrale bis zur Kreuzblume hinauf. Die anderen verlieren ihn oder besser, sie ziehen ihn aus, bald oder in zehn Jahren, im Grunde ist das gleich.
Merken sie erst einmal, wie allein sie gegen eine überwältigende Mehrheit Andersgläubiger stehen, meist sind es gute und vernünftige Menschen, mit denen sie Tag um Tag zu tun haben, dann werden sie unsicher. Es kommt ja gar nicht so sehr darauf an, denken sie, vielleicht ist es gar nicht so wichtig. Wenn man nur an einen Gott glaubt. Auch dem Dachdecker genügen nicht Wille und Mut, er muß das Gefühl der Sicherheit haben, sonst stürzt er.
Und nicht wenige, die aus euren katholischen Landen kommen, tun diesen Sturz. Doch eigentlich ist es kein plötzliches Fallen, vielmehr ein langsames Gleiten und Versinken in eine bodenlose Gleichgültigkeit. Die Mischehen habe ich dabei nicht im Auge, da geht es meistens viel schneller."
Er trank einen kleinen Schluck, strich sich mit einer müden Gebärde über Stirn und Haar und sah den alten Pfarrer an, der ihm zunickte. In den blühenden Sträuchern hörte man die Bienen summen. Dann begann der Diasporapriester von neuem: "In meine Gemeinde, in den Hauptort, wo wir eine Kapelle besitzen, ein Vorzug, den bei uns nicht jeder zehnte hat, kam ein Jungmann als Gehilfe zu einem Kaufmann, mit dem sein Vater früher in Geschäftsverbindung gestanden hatte. Wie soll ich ihn beschreiben, jung, lebendig und dem Anschein nach kernkatholisch. Auch die Briefe seiner Mutter, die er mir gelegentlich zeigte, besagten das gleiche. Er hatte sogar die Absicht gehabt, Priester zu werden, aber nach dem Tode des Vaters das Gymnasium verlassen müssen.
Wie ein Wind in einen schwülen Sommertag einfällt, so kam er in unsere kleine Jugendgemeinschaft, erzählte von den Festen und Feierstunden seiner Heimat und wie das dort alles anders und viel schöner sei, so daß meine Jungens beinahe neidisch wurden. Er war kein Angeber, jeden Sonntag half er in der Sakristei und vertrat auch die Ministranten.
Ein paar Monate ging das so, doch das große Feuer glühte langsam aus. Später war ich froh, ihn überhaupt in der Kapelle oder bei mir zu einer Aussprache zu sehen. Er hatte die Sicherheit verloren, und dabei bin ich überzeugt, daß ihm von keiner Seite ein Hindernis in den Weg gelegt wurde. Er hatte den Mantel abgelegt und der Glaube war ihm buchstäblich erfroren. Heute ist er evangelisch verheiratet und hat sogar seiner Mutter begreiflich gemacht, er könne in diesen Verhältnissen nicht anders handeln. Sie soll zu seiner Trauung gekommen sein." -
Die Turmuhr schlug die vierte Stunde. Durch das Blättergerank tasteten sich die langen, spitzen Finger vereinzelter Sonnenstrahlen. Der Pfarrer rückte ein wenig zur Seite und dann sagte er: "Dies sollten Sie unserer Jugend erzählen. Das meinte ich mit meiner Bitte. So ganz aus dem Leben heraus, wird es seine Wirkung nicht verfehlen. "
"Ich weiß es nicht. Einen Sturm begreift nur, wer darin steckt, und im Sommer kann man sich einen Frost nicht vorstellen. Und wenn auch, es würde sie nur entmutigen. Und dabei sollten sie gerade wissen, wie auch bei uns die Gnade Gottes wirkt und nicht wenige Menschen zu einer prächtigen Glaubenstreue reifen läßt. Und das so ganz in der Stille, ohne viele Worte, daß man es erst gewahr wird, wenn sie in eine schwere Entscheidung treten." Er hatte den Kopf gehoben und sah in das Geäst der Obstbäume, darin ein Vogel wie schlafend saß. "Ich denke da an eine Familie, eine Mutter mit drei Töchtern, deren Jüngste noch bei mir ein Jahr in den Religionsunterricht kam. Der Krieg hatte ihnen den Vater und die Heimat genommen und sie in ein ganz kleines Dorf, fünfviertel Stunden von unserer Kapelle entfernt, verschlagen. Sie waren dort die einzigen Katholiken und wohnten in einem zugigen Raum, der früher einmal Stall gewesen war. Dennoch klagten sie nicht. Bei einigermaßen gutem Wetter kamen sie zur Sonntagsmesse und holten sich dann ihr Kirchenblatt. Sonst merkte man nicht viel von ihnen.
Es wird eine Zeit so weiter gehen, dachte ich, die Töchter werden sich evangelisch verheiraten und die Mutter wird zu allem Ja und Amen sagen.
Aber darin sollte ich mich täuschen. Die Mittlere heiratete zuerst. Es war ein Katholik, den sie bei einem Heimattreffen kennengelernt hatte. Die Älteste nahm einen Protestanten, forderte aber auf Biegen oder Brechen die katholische Trauung und setzte sie auch durch. Augenblicklich nimmt der Mann Konvertitenunterricht. Und die Jüngste hat sich entschlossen, als Krankenschwester in einen Orden einzutreten. Später sprach ich einmal mit der Mutter darüber. Sie fand gar nichts Besonderes dabei. Daß ihre Töchter so handelten, war ihr ganz selbstverständlich. "Wir haben alles verloren", sagte sie, "den Vater und den Hof. Sollen wir denn unseren Glauben noch hinterherwerfen? Niemals!"
Das und noch manches andere möchte ich Ihrer Jugend erzählen und ihr zeigen, daß der Glaube eben viel mehr ist als ein warmer Mantel. Etwas, das man nie ausziehen kann."
(aus: „Auf Gottes Waage – Christen in Glaubensnot und Zerstreuung“ Paderborn 1956, S. 217 ff.) |