NICHT SO WICHTIG?
von
Dr. Hans Gliwitzky, München
Dieser Tage bekannte ein mir seit vielen Jahren befreundeter Priester:
ob es bei der hl. Wandlung "für euch und für alle" oder "für euch und
für viele" heiße sei für ihn nicht so wichtig. Schon lange hatte ich
mit anderen Freunden schmerzlich empfunden, daß er an den Fragen, die
uns lebenswichtig erscheinen, keinen wahren Anteil nimmt.
Gewiß ist es inzwischen eine alltägliche Erscheinung, sich von vielen,
die man einst für Freunde und Brüder hielt, verlassen und verraten zu
sehen. - Aber hier handelt es sich nicht um einen alltäglichen Fall. Er
ist nicht nur der Berufung zum Priester gefolgt die ich immer für die
höchste hielt; er hat auch das Studium der Wissenschaftslehre (der
wissenschaftlichen Begründung alles Wissens) absolviert und ist längst
selbst Lehrer auf diesem Gebiet.
Ich nahm daher immer an, er habe erkannt, daß alles wahre Wissen nur in
der wirklichen Erscheinung Gottes begründet ist und folglich jeder
Anspruch auf wahres Wissen in dieser Erscheinung einsichtig gesichert
werden muß. - Mit dem Leben und der Lehre Jesu Christi vertraut, mußte
er in ihm die Erscheinung Gottes, das Urprinzip alles Wissens erfüllt
und verwirklicht sehen. - Auf ihn mußte er alles beziehen. Er schien
mir immer von Liebe, besonders von der Barmherzigkeit bestimmt;
bescheiden und anspruchslos für sich, von Eifer erfüllt für Bedrängte
und Mißhandelte. - Theologen - oder Intellektuellenhochmut habe ich an
ihm nie gefunden. Wir hatten uns wieder ein halbes Jahr nicht
gesehen. Schnell war das Gespräch bei der Kirche und unserem
Kampf um die gültige hl. Messe. Ich weiß im einzelnen nicht mehr genau,
wie es dazu kam, als er mir sagte, wir dürften die Anderen nicht für
dumm halten. - Mit den "Anderen" schien mir vor allem Karl Rahner
gemeint. - Wenn wir auf bestimmten Worten, Formen und angeblichen
Dogmen bestünden, so müßten wir damit rechnen, gegen unsere Gegner
niemals mit Erfolg ankommen zu können. Wir müßten uns die Fragen
stellen: Wie wir denn wissen können, welche Worte Jesus gebraucht hat.
Die Überlieferung durch die Evangelisten sei nicht einhellig, die
Übersetzung vielleicht mangelhaft oder falsch.
Und selbst wenn wir das alles doch wissen können, so wüßten wir noch
immer nicht, was Jesus mit den bestimmten Worten wirklich sagen wollte.
Die von uns herangezogenen Bestimmungen des florentinischen und
tridentinischen Konziles usw. hätten nicht den Charakter eines Dogmas.
Denn Dogma seien nur die wenigen feierlichen ex
cathedra-Entscheidungen, die mit der bekannten Formel des Anathems
endeten. - Wenn man freilich ein Wort oder irgend ein bestimmtes
Zeichen künstlich als bloße Tatsache abgesondert von seinem
Sinnzusammenhang betrachtet, so kann man sich vernünftigerweise nicht
wundern, wenn es keinen eindeutig bestimmbaren Sinn mehr hat. Von
dieser künstlichen und für ein gesichertes Wissen unmöglichen und
unerlaubten Trennung dürfte in der Schrift gesagt sein: der Buchstabe
tötet.
Wissen, im Sinne eines absolut sich rechtfertigenden Wissens, im
künstlichen Gegensatz zum einfachen Tatsachen-Wissen und zum Wissen
einer notwendigen Gesetzlichkeit, kann man freilich nicht, ob ein bloß
tatsächliches Wort den Geist Jesu Christi wiedergibt. Nur darf man
nicht vergessen, daß dieses "nicht wissen können" durch die
freigewählte künstliche Absonderung bedingt ist.
In der Wissenschaft ist eine solche künstliche Absonderung notwendig,
um die besondere Funktion der einzelnen Teile zu erkennen. Sie ist aber
nur dann Wissenschaft, wenn man sich der Absonderung vollständig bewußt
ist; und dieser ist man sich nur voll bewußt, wenn man sich ihrer als
Absonderung vom Sinnzusammenhang des sich absolut rechtfertigenden
Wissens oder der Wahrheit bewußt ist. Angewandt auf unseren Fall heißt
das: Nur aus dem Geiste Jesu Christi kann man im vollen Sinne wissen,
was er will und welche Worte seine Worte sein müssen. Aus diesem Geist
aber kann man es auch wirklich wissen. Die Worte, die Jesus Christus
zum Vollzug der hl. Wandlung gebrauchte, hat die Kirche durch den
Heiligen Geist in Seinem Sinne verstanden. Aus diesem Sinnverständnis
hat sie die Übersetzungen (mit Rücksicht auf den jeweiligen
Sprachgebrauch - wie sich aus Übersetzung als solcher schon versteht)
geschaffen und
festgelegt. - Die
Übersetzungen sind genauso wie die ursprünglichen Worte immer nur aus
dem Geiste zu bestimmen: der Geist ists, der lebendig macht. Das heißt
aber gerade nicht, daß die Worte beliebig geändert werden dürfen. Denn
die Worte oder Buchstaben sind durch den Geist zu bestimmen und nicht
umgekehrt. Durch den Geist bekommt der Buchstabe seinen bestimmten
Sinn. Da der Geist der Geist der Wahrheit und damit auch der
Unwandelbarkeit ist, bekommen die Buchstaben aus diesem Geiste ihre
unwandelbare Bedeutung. Nur aus der Wahrheit entspringt ein absolutes
Recht, die Sprache und den Sprachgebrauch zu bestimmen. Ist der
Sprachgebrauch einmal durch die Wahrheit bestimmt, so sind alle, die
aus der Wahrheit leben wollen, für immer daran gebunden. Daß die
liturgischen Reformen von Vatikanum II und ihre verschiedenen
Volksbischöflichen Varianten nicht vom lebendigen Geiste Jesu Christi
bestimmt sind, war zwischen uns nicht strittig. Er räumte es so
bereitwillig ein, wie ich es entschieden behauptete. Er erzählte
vielmehr selbst, daß er in seinem Heimatland zum Zelebrieren die Stadt,
in der er wohnt, verläßt, um den liturgischen Neuerungen zu entgehen.
Daß man aber diese Änderungen so bekämpft, wie wir es tun, schien ihm
im Vergleich zu anderen Aufgaben nicht so wichtig. Das "für alle" könne
man als Ausdruck des Willens Jesu verstehen, allen die Sünden zu
vergeben; und er habe es immer so verstanden. Daß man es so verstehen
kann, wenn man will, ist nicht zu leugnen. Genausowenig aber ist zu
leugnen, daß man es auch anders verstehen kann: nämlich so, daß Jesus
allen ohne Unterschied, d.i. ohne Rücksicht auf den Willen jedes
einzelnen die Sünden vergibt. Zu fragen ist also nur, wie es nach dem
Willen Jesu und der Kirche zu verstehen ist, und wie dieses Verständnis
zweifelsfrei zum Ausdruck zu bringen ist. Die Vergebung aller Sünden
ohne Rücksicht auf den Willen des Sünders ist aber gar nicht möglich,
weil dann weder der Wille ein Wille, noch die Sünde Sünde ist.
Daß Jesus für die Sünden aller vor Gott Sühne geleistet hat, heißt noch
längst nich, daß jedem einzelnen seine Sünden vergeben werden. Das ist
ohne ein Mitwirken dessen, der gesündigt hat, nicht möglich. Daß es
aber konsequenterweise nicht möglich ist, heißt noch nicht, daß
derjenige, der die Erlösung durch Jesus Christus nicht annehmen will,
nicht beanspruchend behaupten kann, es sei doch möglich; und das eben,
um die wahre Lehre zu bekämpfen. Selbst wenn die Kirche von keinem
Menschen - und auch von Judas Iskariot (obgleich das Urteil "er wäre
besser nie geboren, und die brechtigten Schlußfolgerungen vieler Väter
das sehr nahe legen - nicht verbindlich lehren würde, er sei verdammt,
so folgt daraus weder, daß keiner verdammt ist, noch etwa, daß niemand
verdammt werden könne, sondern nur, daß das endgültige Urteil darüber
bis jetzt Gott vorbehalten blieb. Vielmehr ist die mögliche Verdammung
eine Bedingung der Freiheit des Menschen. Wer diese nicht ernst nimmt,
nimmt den Menschen gar nicht ernst, denn er leugnet seine Freiheit.
Diese Erkenntnis mußte, nachdem sie von der Kirche vollzogen war, zum
Ausdruck gebracht werden, um den Irrtum auf Grund von Mehrdeutigkeit
abzuhalten. Denn die Zweideutigkeit war schon immer die Einbruchstelle
für die Feinde der Kirche und so auch für die jüngsten Reformer. Wer
ihren Ungeist nicht unmittelbar erkennen konnte, hat heute der Früchte
übergenug, um ihn (nach der Forderung des Evangeliums) an diesen zu
erkennen. Die Kirche hat daher konsequenterweise die Eindeutigkeit
durch den Satz zu sichern gesucht: "das für euch und für viele
vergossen wird zur Vergebung der Sünden." Hier greift nun die Frage
ein, welcher Gültigkeitscharakter den verschiedenen Lehräußerungen der
Kirche zukommt, die den dargelegten bestimmten Sinn der Worte
festgelegt haben. Die Frage: was ist Dogma der Kirche, läßt sich
einsichtig nur entscheiden wenn man auch zugleich die Frage
beantwortet, wie ein Dogma zu einem Dogma wird. Die oben angeführte
Behauptung nämlich: Dogmen seien nur die feierlichen ex
cathedra-Entscheidungen mit dem Schlußanathem läßt sich rein faktisch
genauso in Zweifel ziehen, wie die Behauptung, bestimmte Worte seien
die Worte Jesu. Man braucht sich nur die Frage zu stellen, ob denn die
Behauptung: Dogmen seien nur die feierlichen ex cathedra-Entscheidungen
mit dem Schlußanathem, selbst eine dogmatische Behauptung ist oder
nicht. Ist sie keine dogmatische Behauptung, so kann der
Dogmencharakter einer feierlichen Entscheidung mit dem Schlußanathem in
Zweifel gezogen werden, ohne daß man insofern einem Dogma widerspräche.
-
Wäre aber die Behauptung: "Dogma ist nur eine feierliche
Ex-cathedra-Entscheidung mit dem Schlußanathem, selbst eine feierliche
ex cathedra-Entscheidung mit Schlußanathem, so könnte man weiter
fragen, wodurch denn gerade diese feierliche Form mit Rechtfertigung
zur dogmenbegründenden bestimmt wurde und so ins unendliche fort. Denn
selbst wenn Petrus diese Form festgelegt hätte, bliebe zu fragen, ob er
dabei in Einstimmung mit dem Heiligen Geist gehandelt hat oder nicht.
Konsequenterweise kann man auch daher umgekehrt den von uns in der
Auseinandersetzung um die gültige hl.Messe beigebrachten
florentinischen und tridentinischen Lehrentscheidungen der Kirche den
dogmatischen Charakter nicht dadurch mit Recht bestreiten, daß man auf
das Fehlen der bekannten feierlichen Form verweist. Daraus kann man nun
leicht ein- für allemal einsehen, daß eine bloß formelle oder auf
bloßen Tatsachen oder nur positiven Rechtssätzen gegründete
Argumentation prinzipiell zu keiner wahren Erkenntnis führen kann.- Ein
uferloser Relativismus, der sich selbst nicht einmal mehr als das, was
er in Wahrheit ist, begreifen kann, ist einsichtigerweise die
notwendige Folge. Darin wird es allerdings gleichgültig, ob es "für
euch und für viele" oder "für euch und für alle" heißt; denn in
ihm ist alles gleich gültig und gleich ungültig zugleich und es ist
auch nicht gleich gültig und gleich ungültig, daß alles gleich gültig
und gleich ungültig ist usw. usw.
Was also Dogma der Kirche ist, und was nicht, läßt sich nur durch die
religiös-sittliche Einsicht in den Willen Jesu Christi und der Kirche,
der in den verbindlichen Lehrentscheidungen seine absolut gültige Form
gefunden hat, erkennen. Ein Zirkel ist das nur für den, der eine
inhaltlich religiös-sittliche Einsicht nicht wahrhaben will. Dieser
kann aber in der Konsequenz auch nichts bestreiten, denn für ihn muß
alles gleich gültig und gleich ungültig zugleich sein. Die
Gewissenstheorie der sogenannten "gläubigen Protestanten" ist auch nur
ein inkonsequentes irgendwo-Haltmachen zwischen der wahren Kirche und
dem uferlosen Relativismus. Denn das Gewissen ist entweder nur völlige
Willkür oder gebunden an die Einsicht des sichtbaren Willens Jesu
Christi in der Kirche.
Eine als gültig eingesehene Entscheidung der Kirche wird also weder
dadurch zweifelhaft, daß man ihren dogmatischen Charakter tatsächlich
bestreiten kann, noch dadurch, daß man bestimmte fragwürdige Umstände
der Kirchenversammlung oder Ähnliches beschwört (- was man z.B. durch
die Behauptung versuchen kann, die Byzantiner hätten beim Konzil von
Florenz der gültigen Meßform nur zugestimmt, um eines politischen
Friedens oder äußerer Hilfe willen). Wer die Wissenschaftslehre
studiert hat, kennt diese möglichen Einwände und ihre Haltlosigkeit.
Das alles kann also eigentlich zwischen uns nicht strittig sein. Es
bleibt dann nur noch die Frage nach der Wichtigkeit oder Unwichtigteit
der Auseinandersetzung um die Liturgiereform; letztlich wieder darnach,
ob es sich hier um bloße Formen ein und desselben grundsätzlichen
Glaubens handelt, oder ob nicht vielmehr durch die Änderung der Form
die Änderung des Glaubensbewußtseins angestrebt und vollzogen wird. Daß
jener Priester sich schon im Seminar, in dem er seine Ausbildung
erfuhr, zu der Regel bekannte: in der Liturgie engagieren sich nur die,
die zu einer gründlichen Theologie nicht fähig sind, hilft mir hier
auch nicht weiter. Denn jene Liturgen konnten durchaus zu denen
gehören, die den Gottesdienst mit einer ästhetischen Feier
verwechselten. Diese mögliche Erfahrung aber ändert nichts an dem
Grundsatz des lex credendi lex orandi (Das Gesetz des Glaubens ist das
Gesetz des Gebets.). Eine gründliche Theologie ist ohne Liturgie nicht
möglich. Prinzipiell ist die Frage nach der Bedeutung der
Liturgiereform leicht zu entscheiden, wie oben gezeigt wurde. Wie aber
soll ich es verstehen, daß ein Priester der Kirche, der über die
intellektuellen Fähigkeiten voll verfügt, diese Fragen für nicht so
wichtig hält? Da er selbst bereitwilligst zugab, daß diese jüngsten
Reformen (seit dem II. Vatikanum) jedes vernünftigen Grundes
entbehrten, versuchte ich ihn zunächst dazu zu bringen, sich
Rechenschaft über die treibenden Bewegursachen der rücksichtslos und
unduldsam vorgehenden Reformer zu geben. Denn selbst wenn wir nur
schwachsinnige Liebhaber altgewohnter Formen wären, die sich vom Alten
nicht trennen können, so bliebe ja für die "fortschreitende Kirche",
den Papst, die Bischöfe, die Priester und die Gläubigen uns gegenüber
auch noch das Gebot der Liebe zu beachten. Aber darin sah er wieder
kein Problem: Die Lieblosigkeit der Reformer gab er unumwunden zu. Nur
behauptete er, der rücksichtslose Machtmißbrauch habe leider immer in
der Kirche geherrscht.
So also war nicht weiter zu kommen. Denn die Unterscheidung zwischen
einer sichtbaren, heiligen, unfehlbaren Kirche und der bloßen Anmaßung
kirchlicher Autorität hätte unweigerlich auch hier wieder zu dem
Ergebnis geführt, bei dem wir schon mit der Frage nach der Gültigkeit
der hl. Wandlung angelangt waren: der Unterschied ist nicht so wichtig.
Ich mußte also endlich die Frage stellen, was ihm denn wichtiger
erschien. - Ich hatte eigentlich erwartet, daß er uns anklagen würde,
zu gut und gesichert zu leben und zu wenig davon abzugeben. Aber daran
hatte er, wie er mir versicherte, nie gedacht. Was er nicht einsehen
konnte, war vielmehr, daß diejenigen - also ich muß schließen: auch wir
-, die sich so militant für eine bestimmte Liturgie einsetzten, nicht
mit gleicher Energie gegen die Ungerechtigkeit des Vietnamkrieges, die
Ausbeutung der Gastarbeiter, für die Regelung der deutschen Ostgrenzen
usw. eintreten. Das verschlug mir fast die Sprache. Wie soll ich hier
sicher urteilen, um gerecht handeln zu können? Sollte er wirklich nicht
wissen, in wessen Händen unsere Hauptinformationsorgane und Machtmittel
sind? Wie soll ich gerecht über Vietnam urteilen, da ich doch annehmen
muß, von der Wahrheit feindlichen Informanten unterrichtet zu werden?
Wie kommt es denn, daß vom Presse- Funk- und Fernsehmonopol nur immer
von Folter in Brasilien, Spanien, Griechenland und Südvietnam zu hören
ist, "während die zum Himmel schreienden Zustände in der Sowjetunion
für sie ein Tabu bleiben", das nur ganz selten ein uns im wahren
Glauben verbundener Priester wie Pater Werenfried van Straten
durchbricht (vgl. "Echo der Liebe", 1971, Nr.1)? Wie kann eine gerechte
Regelung der Grenzen auch nur in die Sicht kommen, solange als
selbstverständlich vorausgesetzt wird, daß Deutsche und Chinesen z.B.
auf engstem nutzbaren Land zusammengedrängt zu leben haben, während die
Sowjetunion über ungeheure fruchtbare Gebiete verfügt, die Sie gar
nicht ausnutzen kann? Muß ich nicht dort anfangen zu kämpfen, wo ich
mit Sicherheit urteilen und diesem Urteil weitere Geltung verschaffen
kann? Und wie kann ich anders ein sicheres Urteil über die wirklichen
Verhältnisse gewinnen, zu deren Beurteilung ich auf die Informationen
anderer angewiesen bin, als dadurch, daß ich mich mit den
Menschen verbinde, deren Wahrhaftigkeit ich sicher bin? Und wie kann
ich mich anders von ihrer Wahrhaftigkeit überzeugen, als dadurch, daß
ich mich des tiefsten Grundes ihres Glaubens vergewissere? Und woran
kann ich den Grund ihres Glaubens messen als am Geiste Jesu Christi?
Gewiß, ich weiß, daß man hier wieder im bekannten Zirkel behaupten
kann: Der Geist Jesu Christi zeigt sich mehr oder wenigstens eben so
sehr in der Hilfe für die Gastarbeiter wie im Streit um die
liturgischen Formen. Aber wie kann ich denn einem Gastarbeiter wirklich
helfen, als dadurch, daß ich mit ihm im wahren Glauben vereint bin?
Solange, aber auch nur solange die Liebe zu Jesus Christus und der
wahren Kirche (ich spreche nicht von der durch die Ungläubigen
usurpierten) lebendig ist, wird auch die Gerechtigkeit gesucht und
verwirklicht. Wäre nicht die heilige, im doppelten Sinne heimatliche
alte Messe der Anfang der Linderung ihrer Nöte? Hätten wir sie dort
getroffen - würden wir auch ihre Probleme mit ihnen tragen und teilen.
Unsere Feinde ahnen nicht, welche Menschen sich in dem jüngsten
Glaubenskampf seit dem Ausbruch des 2. Vatikanischen Konzils in der
Kirche auf der ganzen Welt gefunden haben. Um so schmerzlicher ist es,
wenn die, die wir zu Freunden begehren, nicht mit uns kämpfen, weil sie
anderes für wichtiger halten. Die von der Reformkirche verkündete
"rückhaltlose Solidarität mit der modernen-Welt" (das sind zwar nur die
Worte des Kardinals Döpfner, aber auch genauer Ausdruck des Geistes
Pauls VI.) ist gleichbedeutend mit dem Verrat oder mindestens dem
Verlust des Glaubens. Wir können mit Menschen, die etwas ganz anderes
wollen, als den Willen Jesu Christi zu erfüllen, nicht bedingungelos
zusammenwirken. Die Frage, woher wir wissen, daß sie nicht dasselbe
wollen, kann uns nicht verwirren. Wir wissen es, weil wir unmittelbar
erleben oder wissen, wonach sie streben, wofür sie leben. Aber erheben
wir uns dieses unmittelbare Wissen auch zur vollen Klarheit! Nehmen wir
einmal einen Augenblick gegen dieses unser unmittelbares Wissen an, sie
wollten dasselbe. Dann sind "alle Menschen Christen", wie ein führender
Reformtheologe es ausgedrückt hat. Dann aber haben entweder die
Christen diese abscheuliche moderne Welt, diese Hölle der
Lieblosigkeit, der Trostlosigkeit und der vollkommenen Isolation zu
verantworten oder - Gott.
Wäre Gott schuldig, so wäre Gott nicht Gott, oder mit anderen Worten:
es gäbe ihn nicht. Dann bliebe uns entweder nur die Verzweiflung oder
der Triumph des Wahnsinns, wie er im Gloria Pauls VI. bei der letzlen
Mondlandung - wenigstens von einer Seite konsequent - zum Ausdruck
kommt: "Ehre dem Menschen, dem König der Erde und nunmehr auch Fürsten
des Himmels". (Vgl. auch EINSICHT, Nr. 2, Seite 26ff - Anm.d.Red)
Wir aber sagen dazu unverrückbar: Nein!
Denn wir wissen, daß das erste Gebot nicht nur das ist, dem das zweite
gleich, sondern auch, daß es das erste ist, und daß nur durch die
Erfüllung des ersten die Erfüllung des zweiten möglich wird. Eingedenk
dessen, daß sich aus der Heiligen Schrift vieles zu beweisen versuchen
läßt, was ihrem Geiste nicht entspricht, wage ich schließlich doch noch
zu fragen, wie es denn kommt, daß sich Jesus, zu dessen Zeit es
Sklaverei und Ungerechtigkeit in Fülle gab, nicht als Sozialreformer
betätigt hat, sondern uns vielmehr rät: "Suchet zuerst das Reich Gottes
und seine Gerechtigkeit,und alles andere wird euch hinzugegeben werden"?
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