In erster Linie zählt der Spaß
von
Alexander Schmidt
Bildung in Nordrhein-Westfalen - Dort sollen Jugendliche ihre "typisch männliche oder weibliche Verhaltensweise überdenken".
"Rückhaltlose Aufklärung" - im vergangenen Sommer beschrieb der Begriff
noch die Versuche des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch,
unbeschadet aus der Spendenaffäre der Union hervorzugehen. Jetzt
erinnern die Kampagnen von Bundes- und nordrhein-westfälischer
Landesregierung im Bereich der Sexualaufklärung an den gegen Ende des
Jahres zur Phrase gewordenen Begriff. Künftig steht nämlich in NRW eine
"SCHLAUE Kiste" bereit, mit der Experten, Mitarbeiter in
schwul-lesbischen Zentren, Aufklärungsarbeit auf dem Gebiet der
Homosexualität leisten wollen. In einer Zusammenarbeit des
nordrhein-westfälischen Familienministeriums mit dem Schwulen Netzwerk
NRW e.V. sowie Sinus, einem Büro für Kommunikation und weiteren
schwul-lesbischen Aufklärungsgruppen wurde für 145.000 Mark ein Koffer
ausgestattet, der nach Angaben aus Düsseldorf Materialien und
Handreichung sowie methodische Anregungen für die Gruppenarbeit enthält.
Das sind neben Büchern und Fotos auch sogenannte assoziative
Gegenstände. In einem der empfohlenen Gruppenspiele geht es darum,
Karten mit Begriffen wie "normal", "pervers","sensibel", "Männerhasser"
oder "rote Rose" Begriffen wie "lesbisch", "schwul", oder "hetero"
zuzuordnen. Aus den Ergebnissen sollen so bestehende Vorbehalte gegen
Homosexuelle erkannt und ausgeräumt werden. Vorurteile und
Benachteiligungen lassen sich nur durch Aufklärung abbauen, sagt die
verantwortliche Ministerin, Birgit Fischer. Weiter wolle man durch die
"SCHLAUe Kiste" erreichen, daß Jugendliche ihre Vorstellungen von
typisch männlichen und typisch weiblichen Verhaltensweisen kritisch
überdenken und homosexuelle Lebensweisen akzeptieren.
Bei der "Schwul-Lesbischen Aufklärung in NRW", sozusagen den
Kofferträgern des Ministeriums, wird der Ton deutlicher. Man wolle
"Jugendlichen, die auf der Suche nach sexueller Identität sind,
Orientierungshilfen und Informationen geben". Diesen Ansatz bezeichnen
Pädagogen als verhee-rend, da viele Homosexuelle ihre Lebensweise als
"die Normalere" betrachten und so einen staatlich geförderten Einfluß
auf Minderjährige ausüben, der diese zu besonderem Interesse an der
Homosexualität führen kann.
Obwohl bundesweit in elf Ländern sogenannte Aufklärungskampagnen
bestehen, ist NRW das erste Bundesland, das die ehrenamtliche Arbeit
auf dem Gebiet der schwul-lesbischen Aufklärung fördert. Allerdings ist
auf Bundesebene die Kampagne "Loveline" entstanden, deren Ziel die
Sexualberatung für Jugendliche ist. Dort heißt es ähnlich wie im
nordrhein-westfälischen Ministerium, daß Homosexualität keine Krankheit
sei. Es komme vielmehr darauf an, einen Menschen zu lieben.
Neben einigen Video-Sequenzen hat das Bundesministerium für Frauen,
Familie und Gesundheit allerdings auch einen eigenen Dr. Sommer. Der
rät unter anderem der 14jährigen Viola auf ihre Frage hin; wie
Oralverkehr funktioniere: Oralverkehr solle so vorsichtig gemacht
werden, daß es angenehm und erregend sei. Natürlich sei es auch
Geschmackssache, ob man/frau diese sexuelle Praktik möge. Es gebe
Menschen, die keinen Oralverkehr mögen. Wichtig sei, Spaß am Sex zu
haben, sich zu nichts überreden zu lassen und das, was man/frau
zusammen mache, zu genießen. Erlaubt sei grundsätzlich, was beiden
gefalle.
Aber nicht nur hier weiß das Ministerium Hilfestellungen zu geben. Ein
Lexikon zur Sexualität bietet auch eine Definition über ungeborenes
Leben, das mit der Vereinigung von Ei- und Samenzelle beginne und ab
diesem Zeitpunkt unter dem besonderen Schutz des Staates stehe. Wie
weit dieser Schutz geht, darüber gibt eine andere Passage Auskunft.
"Die Abtreibung ist ein operativer Eingriff und wird entweder unter
örtlicher Betäubung oder Vollnarkose vorgenommen. Die gebräuchlichste
Methode ist die Absaugung. Dabei erweitert die Ärztin/der Arzt
vorsichtig den Gebärmutterhals und entfernt anschließend Fötus und
Plazenta. Das dauert etwa fünf bis zehn Minuten." Von den vielen
Karikaturen und Abbildungen, die bei dem Besuch der Internetseite
<http://www.loveline.de> den Spaßfaktor erhöhen sollen, ist hier
jedoch nichts zu finden.
Es ist möglich, daß die "rückhaltlose Aufklärung" auch ein zweites Mal
zu einer Phrase wird. Unter dem Mantel der Aufklärung und Beratung,
scheinen sich lobbystarke Verbände wie der Lesben- und Schwulenverband
Deutschlands (LSVD), um die Rekrutierung von Nachwuchs zu bemühen.
(JUNGE FREIHEIT 3/01 vom 12.1.01) |