Buchbesprechung:
Michael Lüders: „Drecksarbeit? Israel, Amerika und der imperiale Größenwahn im Nahen Osten“. Goldmann Verlag, München 2025. 237 Seiten. 22 €
Michael Lüders, Politik- und Islamwissenschaftler, Nahostexperte, ehemaliger Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft in Nachfolge des verstorbenen Peter Scholl-Latour und Mitglied im Afghanistan-Untersuchungsausschuß des Deutschen Bundestages, beschreibt in seinem neuen Buch die Ereignisse, die sich derzeit im Nahen und Mittleren Osten abspielen, die jedoch nicht nur für diese Region von enormer politischer Bedeutung sind. Ob dort Frieden oder Krieg herrscht, ob ethnische Säuberungen stattfinden, welches Volk gegen ein anderes kämpft, wer Mörder oder Opfer ist, wer wen angreift, wie Grenzen gezogen werden, all das sind Maßnahmen von globaler Bedeutung. Die Gründung eines eigenen Nationalstaates für das jüdische Volk im Nahen Osten schien vor hundert Jahren eine durchaus vernünftige Lösung zu sein, obwohl auch andere Optionen in Betracht gezogen wurden, wie etwa das afrikanische Uganda. Allerdings übersah der UN-Plan, daß mit der Gründung des Staates Israel nicht nur ein politisches Problem in Gestalt der Palästinenser, die auf Teilen des neuen Staates siedelten, sondern vor allem ein theologisches Problem verbunden war, das für die Juden von absoluter Bedeutung ist. Zweitausend Jahre lebten die Juden außerhalb ihres heiligen Landes, theologisch betrachtet eine Strafe Gottes zur Katharsis des jüdischen Volkes. Nach ihrem Glauben, dem inzwischen nicht nur die Orthodoxen und Ultra-Orthodoxen, sondern vor allem auch die völlig ungläubigen nationalistischen Zionisten anhängen, wird nach der vollzogenen Reinigung der Messias kommen und die endgültige Rückkehr der Juden in das Gelobte Land Groß-Israel stattfinden.
Doch es kam kein Messias, denn dieser wurde bereits vor über zweitausend Jahren als Sohn Gottes geboren und von den - laut römisch-katholischem Karfreitagsgebet - „treulosen Juden“ als „Verräter“ den in Palästina herrschenden Römern zum grausamen Tod am Kreuz ausgeliefert. Doch je länger sich für die Israelis die Ankunft des Messias verzögerte, desto aggressiver und feindlicher verhielten sie sich gegenüber ihren nächsten Nachbarn muslimischen und christlichen Glaubens. Waren die arabischen Staaten zunächst bereit gegen Israel in den Krieg zu ziehen, so mußten sie schon bald schmerzlich spüren, daß Israels Schutzmacht USA trotz aller Resolutionen der UNO, die die Zionisten und die USA grundsätzlich mißachteten, ihrem Schützling bedingungslos zu Diensten waren und jede völkerrechtswidrige und kriegsverbrecherische Handlung Israels deckten. Dessen aktive Lobbyisten, die sogenannten „christlichen Zionisten“, die in Wahrheit nichts weiter als bösartige Häretiker sind, die in den Zeiten des Alten Testaments hängengeblieben sind und einem gleichermaßen puritanisch-protestantisch-charismatisch und völlig bigotten Biblizismus huldigen, haben inzwischen in den USA und Westeuropa die politischen und medialen Eliten unterwandert. So decken die USA den Völkermord und die ethnischen Säuberungen Israels in Gaza, greifen gemeinsam den souveränen Staat Iran an und ermorden dessen politische und religiöse Führer, belügen die ganze Welt, „das kleine Israel sei von mörderischen Feinden umgeben“, während Israel heute mit fast allen arabischen Nachbarstaaten Friedensabkommen unterhält, beschuldigen Iran, Atomwaffen zu produzieren, obwohl die Internationale Atomkommission erklärte, dafür seien keine Anzeichen vorhanden, begannen noch während der Verhandlungen zwischen den USA und Iran einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und bombardieren nebenbei eine Mädchenschule in Teheran, ein Massaker, dem 171 Kinder zum Opfer fielen. Offenbar sieht man sich hier tatsächlich auf dem Weg zum „letzten Gefecht“, und da ist dann natürlich alles, aber auch wirklich alles erlaubt, auch der Massenmord an unschuldigen kleinen Mädchen.
Tatsächlich ist es so, daß die israelische und US-amerikanische Führung unter Netanjahu und Trump den Eingang zur Hölle geöffnet haben. Hier zeigen sich die monströsen Gesichter brutaler Mächte, die mit äußerster Niedertracht und Hinterlist andere Völker und Kulturen zu vernichten trachten. Dennoch gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Während sich der US-Imperialismus unter Trump, der offensichtlich in die sogenannten „Epstein-Files“ verstrickt ist, zudem von den „christlichen Zionisten“ und der einflußreichen zionistischen Lobby und den Neocons in den eigenen Reihen unter Druck gesetzt und von Netanjahu zu weiteren Kriegsakten erpreßt wird – Epstein war ganz offensichtlich Mossad-Agent, entfernen sich seine früheren Unterstützer wie Tucker Carlson, Alex Jones und Marjorie Taylor-Greene sowie der isolationalistische Flügel der Republikaner und der bitter von ihm enttäuschten MAGA-Bewegung immer weiter von ihm, unterziehen Trump, Hegseth und Rubio schärfster Kritik. Vor allem aber erkennen immer mehr Staaten des globalen Südens das wahre Wesen des westlichen Global-Imperialismus.
Zugleich wächst der Kampfgeist der iranischen Führung, die klugerweise immer stärker auf die patriotische Karte setzt, die große Geschichte des persischen Reiches und seiner einmaligen Kultur und Zivilisation hervorhebt und dies mit der Spiritualität des opferbereiten Schiitentums verbindet. Dieses ist keine Zivilisation der Gewalt – wie der kollektive Westen, der Serbien, Irak, Libyen, Venezuela, demnächst wohl auch Kuba und Nicaragua und jüngst Syrien destabilisierte, in dem nun der Massenmörder und Terrorist al-Scharaa, ein ehemaliger IS-Führer, mit blutiger Gewalt und von Israels Gnaden herrscht, sondern eine Zivilisation des Märtyrertums, die nun zurückschlägt. Die Anhängerschaft von Ali Chamenei, dem ermordeten religiösen Führer – der zudem ein Äquivalent zum römischen Papst war -, im Iran und der gesamten schiitischen Welt ist enorm, von Irak bis Pakistan brennen US-Botschaften und US-Stützpunkte und die Hizbollah greift unverdrossen den Norden Israels mit Raketen an, während der Iran die Straße von Hormus blockiert. Eindeutige Hinweise für die Aggressoren, die nicht mit dem Märtyrertum und noch weniger mit der komplexen institutionellen Struktur der iranischen Führung gerechnet hatten. Zudem hat der Groß-Ayatollah al-Sistani, bislang eher ein Kritiker der konservativen religiösen Führung, alle Schiiten zum „Heiligen Krieg“ aufgerufen, dies zu unterschätzen könnte sich als großer Fehler erweisen, andererseits aber auch die westliche Arroganz und Ignoranz einmal mehr bestätigen. Das wird zwar die Global-Imperialisten nicht daran hindern, ihren mörderischen Angriffskrieg weiterzuführen, und die Revolutionsgarden wissen ebenso wie Hizbollah im Libanon und die Huthis im Jemen, daß sie USA und Israel in einem traditionellen Krieg nicht besiegen können. Sie können ihre Feinde jedoch durchaus erfolgreich mit asymmetrischen militärischen Strategien zermürben und deren Ressourcen dadurch verbrauchen, denn diese kluge Art „Mosaik-Verteidigung“ kostet die Aggressoren in Tel Aviv und Washington, die im Grunde bereits jetzt ökonomisch ruiniert sind, Milliarden von Dollar und begünstigt – ein schöner Nebeneffekt – Rußland in seiner militärischen Sonderoperation gegen das korrupte und nazistische ukrainische System im Kiew.
Der verbrecherische Angriffskrieg gegen den Iran wird der Welt also keinen Frieden bringen und noch weniger einen „Regime Change“, wie der Westen in seiner Unfähigkeit die Realität zu analysieren glaubt, sondern den Haß der Völker des globalen Südens auf den Global-Imperialismus, die Unipolarität und die „Weltpolizisten“ USA und Israel verstärken. Er wird politisches und soziales Chaos produzieren, systemische Gewalt, die völlige Erosion des humanitären Völkerrechts und des Interventionsverbots für raumfremde Mächte wie die USA und natürlich die unvermeidliche Rache der gedemütigten und angegriffenen Völker, also das Gegenteil vom Demokratie-, Libertinismus-, Trans- humanismus- und Emanzipations-Wahn, dystopischer Sozialplanung und ausbeuterischem Techno-Kapitalismus der westlichen Eliten, die allesamt Symptome unserer politischen, kulturellen und spirituellen Katastrophe darstellen.
Was uns in Deutschland bleiben wird, ist der „Operation Plan Germany“, ein gut gehütetes Geheimnis der Bundeswehr-Führung, der beschreibt, wie die BRD im Falle eines Krieges mit Rußland als zentrale Drehscheibe der NATO dienen soll. Laut dem Wall-street Journal wurde das 1200 Seiten umfassende Papier bereits vor über zwei Jahren in Berlin entworfen. Seitdem arbeiten deutsche Militärs daran, den Plan umzusetzen. Sein Ziel ist es, bis zu ca. einer Million Soldaten aus Deutschland, den USA, Frankreich und anderen NATO-Staaten schnellstmöglich an die Ostflanke der Allianz zu verlegen. Schöne Aussichten!
Werner Olles
*** Leserbrief
Trump und Israel, an dessen langer Leine er hängt, reden in der Tat Tacheles. Brutal, schamlos, irgendwie auch widerwärtig, aber immerhin ehrlich. Andere Kulturen, Nationen und Identitäten sind ihnen völlig egal, sie beleidigen andere Religionen und drohen jedem mit der „Hölle“, der ihnen widerspricht. Das ist ihre wahre Natur, und es wäre gut sich darauf einzustellen. Macht aber eigentlich keiner, selbst die Russen sind sehr zurückhaltend, sehr diplomatisch, auch die Chinesen, über die EU braucht man nicht zu reden, die nimmt ohnehin niemand ernst.
Daß Merz jetzt eins auf sein dummes Maul bekommen hat, finde ich Klasse, wenngleich ich kein Israel-Fan bin, im Gegenteil. Was interessant ist, daß jetzt auch immer mehr – außer von den Europäern, weil die zu blöd sind, das zu verstehen – auf die Religion abgehoben wird, die ja nach Spengler das „Wesen aller Kultur“ ist. Im Iran-Israel-USA-Konflikt wird das jetzt sehr deutlich. Während im Weißen Haus Trump von den „christlichen Zionisten“ gesegnet wird, allerlei puritanische, baptistische und calvinistische Sektenhäuptlinge inzwischen in Zungen reden, steht Vance, der einzige Katholik unter diesen sogenannten „Christen“, ziemlich deppert daneben, weil er es offenbar nicht fassen kann, was da passiert.
In Israel wird ganz offen vom bevorstehenden Kommen des jüdischen Messias gesprochen, der aber laut der Orthodoxie und traditionalistischen Katholiken der Antichrist ist, da der wahre Messias Jesus Christus war, den die Juden jedoch nicht anerkennen, und der von Michel Friedman, dem Ekelhaftesten von allen, sogar blasphemisch verhöhnt wurde.
Immerhin geht Hinz zumindest ansatzweise auf diesen religiösen Aspekt ein, den ich ebenso wichtig finde wie den geopolitischen und geoökonomischen Aspekt.
Werner Olles
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