Das verlorene Paradies
von
Leon Bloy
Blicken Sie um sich, so weit das Auge reicht, bis auf die fernen Berge,
die den Horizont abschließen, überall diese Gesichter voll panischen
Schreckens, diese Millionen Antlitze voll Schauder und Schmerz, sobald
vom Sündenfall und vom verlorenen Paradies gesprochen wird. Das ist das
allgemeine Zeugnis des Menschengewissens, das tiefste, das
unwiderlegbarste Zeugnis.
Es gibt nur den einen Schmerz, den Garten aller Lust verloren zu haben,
und es gibt nur eine Hoffnung und nur eine Sehnsucht, ihn
wiederzufinden. Der Dichter sucht ihn auf seine Art, und der
schmutzigste Wüstling sucht ihn auf die seine. Er ist das einzige Ziel.
Napoleon in Tilsit und der verkommene Saufbold, den man im Rinnstein
aufliest, beide haben genau denselben Durst. Sie brauchen das Wasser
aus den vier Strömen des Paradieses. Instinktiv wissen sie alle, daß es
nicht zu teuer bezahlt werden kann. Der Erdarbeiter oder der Dachdecker
haben es sich ihren halben Monatslohn kosten lassen, und Napoleon vier
Millionen Menschen.
"Empti estis pretio magno", "Ihr seid für teuren Preis erkauft" (1.Kor.
6, 20). Das ist der Schlüssel zu allem im Absoluten. Wenn man das weiß,
wenn man es sieht und wenn man es spürt, ist man allwissend wie ein
Gott und hört nicht mehr auf zu weinen. Ihr Wunsch, mich weniger
unglücklich zu sehen, meine gute Raissa, ist etwas, was lange vor der
Geburt Nachors, welcher der Großvater Abrahams gewesen ist, in Ihnen
war, in Ihrem wesentlichen Sein, in Ihrer Seele, in der Gott
weiterwirkt. Es ist nichts anderes als die Sehnsucht nach der Erlösung,
begleitet von der Ahnung oder der unmittelbaren Erkenntnis, was sie Ihn
gekostet hat, der bezahlen konnte. Das ist Christentum, und es gibt
keine andere Art, Christ zu sein. Knien Sie also am Rande dieses
Brunnens nieder und beten Sie so für mich: Mein Gott, der du mich
zu teurem Preis erkauft hast, ich bitte dich in aller Demut, mache, daß
ich in Glaube, Hoffnung und Liebe verbunden sei mit diesem Armen, der
in deinem Dienst gelitten hat und vielleicht in geheimnisvoller Weise
für mich leidet. Erlöse ihn und erlöse mich zum ewigen Leben, das du
all jenen verheißen hast, die hungern nach dir. Das ist es, meine sehr
liebe und sehr gesegnete Raissa, was Ihnen heute ein Mann schreiben
kann, der wahrhaft schmerzensreich ist, aber erfüllt mit der
hochfliegendsten Hoffnung für sich selbst und für alle jene, die er in
seinem Herzen trägt.
(aus "L'Invendable", zitiert nach: "Leon Bloy - Der beständig Zeuge Gottes" hrsg. von Raissa Maritain, Salzburg 1955, S. 312 f.) |