FÜR VIELE - NICHT ALLE
von
Theologieprofessor Dr.P.Severin M. Grill,
SOCist, Stift Heiligenkreuz bei Wien
Den wichtigen theologischen Unterschied zwischen den Ausdrücken der
Bibel "für viele" und "für alle" dürfen wir nicht übersehen. Es soll
ausgesagt werden, daß sich Christus für alle geopfert und sein Blut
hingegeben hat, aber daß nicht alle, sondern nur viele einen Nutzen
davon haben werden. Auf den Gegensatz zwischen den einen und den
anderen weist die Schrift an zahllosen Stellen hin, und er ist als
solcher von den Kirchenvätern immer herausgefühlt und unterstrichen
worden.
Drohungen und Verheißungen des Gesetzes und der Propheten stehen
einander gegenüber (z.B. Dt 28. Oseas. Amos.) Der Psalmist fleht
inständig ihn von den Gottlosen zu trennen und ihn nicht zur Rotte der
Übeltäter zu rechnen (z.B. Ps.42-1: Discerne causam meam de gente non
sancta = trenne meine Sache von dem unheiligen Volk). Paulus 2 Kor
2,16: "Wir sind ein Wohlgeruch Christi unter denen, die verloren gehen,
und unter denen, die gerettet werden. Den einen ein Todesgeruch, den
anderen ein Lebensgeruch, der das Leben bringt." Und 2 Kor 4,2: "Wir
gehen nicht mit Listen um und fälschen nicht Gottes Wort. Wenn unser
Evangelium verdeckt (d.h. unsinnig) ist, so ist es nur für die
verdeckt, die verloren gehen, denen der Gott dieser Welt (der Satan)
den Sinn für den Glauben verblendet hat, daß sie das klare Licht des
Evangeliums nicht sehen." 2 Thess 1, 5-10 verheißt er den Gerechten
Erquickung, den Glaubenslosen die gebührende Strafe, "wenn sich der
Herr Jesus mit seinem Engelheere vom Himmel her offenbart und
Vergeltung übt an denen, die Gott nicht kennen, und an denen, die sich
dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht beugen. Sie werden
mit ewigem Verderben büßen, fern vom Angesichte des Herrn und seiner
machtvollen Herrlichkeit." Nicht umsonst hat Augustinus seinen
Gottesstaat geschrieben und ihn von den Weltstaaten unterschieden. Und
im "Ersten Religionsunterricht" sagt er (Kap.19): "Es gibt vom Anfang
der Menschheit an zwei Reiche, das der Bösen und das der Heiligen, und
sie werden dauern bis zum Ende der Welt. Alle Menschen, die an
Hoffahrt, zeitlicher Gewalt und anmaßendem Gepränge ihre Freude haben,
sind gleichsam zu einer Familie verbunden, wenn sie auch häufig unter
sich um den Besitz dieser irdischen Güter streiten. Andererseits
gehören auch diejenigen Menschen zu einer Gemeinschaft, die in
demütiger Unterwerfung die Ehre Gottes suchen und mit frommem Sinn
Gottes Wege wandeln."
Der Text der Konsekrationsworte sagt deutlich: mysterium fidei = das
Geheimnis des Glaubens, das ihr erfaßt habt und viele Auserwählte, die
es erfassen werden, im Gegensatz zu denen, die es nicht erfassen und
ungläubig bleiben. Denn der allmächtige Gott will, daß alle Menschen
ohne Ausnahme gerettet werden (1 Tim 2, 4), obgleich nicht alle
gerettet werden. Wir haben den freien Willen zum Guten und wir haben
den freien Willen zum Bösen.
(Konzil v. Quiersy 853. Denzinger: Enchiridion Symbolorum. Neu von Karl Rahner, Herder 1957. Nr 313-314).
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