DER KIRSCHENKUCHEN
von
Theologieprofessor Dr.P.Severin M.Grill, SOCist,
Stift Heiligenkreuz bei Wien
Es war einmal eine Frau, die hörte, daß auch Tollkirschen sehr süß
seien. Da sagte sie: "Ich will einmal einen solchen Kuchen backen." Sie
nahm also gute Kirschen und mischte sie mit Tollkirschen und buk einen
Kuchen. Sie und zwei ihrer Töchter aßen von diesem Kuchen, und er
schmeckte ausgezeichnet. Doch bald stellten sich Schmerzen ein, wurden
immer heftiger, bis Mutter und Töchter starben. Die jüngste Tochter
weigerte sich, von dem Kuchen zu essen. Der Mann der Frau war nicht zu
Hause, als das Unglück geschah. Als er seine Frau und zwei Töchter tot
fand, erzählte ihm das jüngste Töchterlein von den Tollkirschen, welche
die Mutter in den Kuchen getan hatte. Da war der Vater traurig und
befahl der neuen Wirtschafterin, ja achtzugeben, daß nicht gute
Kirschen mit Tollkirschen vermengt werden, wenn ein neuer Kuchen
gebacken wird.
Wer ist die törichte Frau, wer die zwei Töchter, wer der Mann und wer das gerettete Töchterlein? Was bedeutet der Kuchen?
Der Ökumenismus, der gegenwärtig betrieben wird, ist auf dem falschen
Wege. Katholischer Glaube ist, wie der Name selbst besagt, absoluter
Universalismus. Was immer, was überall und was von allen geglaubt
worden ist: das ist das Katholische. Auf den spanischen Kirchenvater
Pacianus 1) (+392) geht die bekannte Formel zurück: Christ ist mein
Name, Katholik mein Zuname. Er definiert den Begriff des Katholischen
durch "Gehorsam aller in den Geboten Gottes. "Er meint das sicher nicht
im engeren Sinn von den Mitgliedern der römisch-katholischen Kirche,
sondern im weiteren der Religionsgeschichte in bezug auf religiöse
Wahrheiten, die sich bei allen Völkern finden. Ein Katholik ist, wer
das annimmt und dem gehorcht, was recht ist. Eine solche Menschheit hat
es vom Anfang an gegeben. Im Alten Bund bildeten sie eine unsichtbare
Kirche des ewigen Sohnes Gottes, bis dieser kam und sterben wollte
nicht bloß für das Volk (der Juden), sondern auch (der Heiden), um die
zerstreuten Kinder Gottes zu einer (sichtbaren) Gemeinschaft zu
vereinigen (Joh 11, 52). Seitdem existiert die Katholische Kirche als
die Kirche des menschgewordenen Sohnes Gottes. 2)
Das haben die Kirchenväter und Scholastiker immer erkannt, anerkannt
und gepredigt. Sie haben auch alles Wahre, Gute und Schöne, das sich
bei Heiden findet und durch deren Philosophen zum Ausdruck gebracht
wurde, anerkannt. Das Katholische ist daher der kostbare Erbbesitz der
Menschheit überhaupt. Dieses Bewußtsein sollte jeden Katholiken mit
heiligem Stolz erfüllen und immun machen gegen jeden falschen
Ökumenismus, jede Selbstpreisgabe, jeden Ausverkauf ewiger Güter an
Sekten, Mohammedaner, Juden und Heiden.
Leider erkennen heute viele Katholiken, auch Priester und Bischöfe
diese Fundamentalwahrheit nicht in ihrer ganzen Tragweite und glauben,
sich anpassen zu müssen.
Anmerkungen:
1) Pacianus: "De catholico nomine", Epist.1, PL 13.
2) Siehe meine Schrift "Vergleichende Religionsgeschichte und
Kirchenväter", Horn 1959. Gertrud Le Fort: "Hymnen an die Kirche",
2.Kap.
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