Amüsement
von
Klaus Motschmann
Zu den wenigen, allerdings sehr festen Grundsätzen unserer
Spaßgesellschaft gehört das individuelle "Streben nach Glück". Nach
einem groben Mißverständnis demokratischer Rechte und Pflichten soll
dem Menschen demzufolge alles Spaß machen: der Schulbesuch und das
Universitätsstudium, die Ausbildung und die Politik, Wehr- und
Zivildienst, der Gottesdienst (als Verkündigung des E-fun-geliums) und
vor allem die Medien mit ihrem ständig wachsenden Infotainment. Sogar
der Strafvollzug für Jugendliche, wenn er denn tatsächlich unumgänglich
ist, soll Spaß machen, zum Beispiel durch Erlebnis-Strafvollzug in der
Karibik. Lehrer, Professoren, Politiker, Pfarrer, Publizisten,
Journalisten und sonstige (v)ideologische Sinnvermittler geraten auf
diese Weise mehr und mehr in die Rolle von "Spaßmachern", die
ganzjährige Karnevalsstimmung verbreiten. Sie äußert sich sinn-fällig
in ganzjährigen spektakulären Massendemonstrationen in unseren
Großstädten mit hundert-tausenden Teilnehmern: man denke nur an den
Christopher-Street-Day, den Karneval der Nationen, die Love Parade oder
an die inzwischen regelmäßigen Inline Skater-Demonstrationen auf großen
Hauptstraßen. Die ersehnten Dauerwirkungen für das friedliche
Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Orientierung
lassen allerdings auf sich warten. Die Gründe dafür hat der
amerikanische Kommunikationssoziologe Neil Postman Mitte der achtziger
Jahre in seinem vielbeachteten Buch "Wir amüsieren uns zu Tode"
dargestellt: "An die Stelle der Erkenntnis- und Wahrnehmungsanstrengung
tritt das Zerstreuungsgeschäft. Die Folge davon ist ein rapider Verfall
der menschlichen Urteilskraft. In ihm steckt eine unmißverständliche
Bedrohung: er macht unmündig oder hält in Unmündigkeit. Und er tastet
das gesellschaftliche Fundament der Demokratie an. Wir amüsieren uns zu
Tode." Um gezielten Mißverständnissen zu begegnen, sei daran erinnert,
daß in zunehmendem Maße Kritik von islamischer Seite an dieser
Verabsolutierung individualistischer Moral und Rechtsauffassungen zu
vernehmen ist, weil sie dem Werte-Kanon des Koran widersprechen.
Möglicherweise setzt demnächst eine Säkularisierung des Islam ein.
Vorläufig ist eine stärkere Rückbesinnung auf den Islam zu beobachten,
wenn man nur mit offenen Augen durch die Straßen geht und die Zunahme
der Tschadors registriert. Es ist ein deutliches Indiz für den Willen
zur Bewahrung der eigenen Identität und der (verständlichen) Abgrenzung
zur Spaßgesellschaft.
Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin.
(aus: JUNGE FREIHEIT, Nr. 27, Berlin vom 30.6.2000, S. 5)
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