Zersetzung
von
Klaus Motschmann
Als vor einiger Zeit eine gymnasiale Oberstufe anläßlich einer
Dombesichtigung nach der Bedeutung des Kruzifixus befragt wurde, fielen
die Antworten sehr spärlich aus. Eine lautete, es sei das Denkmal für
einen "antifaschistischen Widerstandskämpfer", der von den Faschisten
in Jerusalem hingerichtet worden sei.
Diese Begebenheit ist kein Einzelfall, der sich einer
verallgemeinernden Betrachtung entzieht. Umfragen nach dem Sinn der
christlichen Feiertage und Symbole belegen ein ständig absinkendes
Niveau christlich-religiöser Bildung und damit der
historisch-politischen Bildung überhaupt. Wie aber sollen die
Traditionen des christlichen Abendlandes bewahrt, gepflegt und
weiterentwickelt werden ohne ein Mindestmaß religiöser Bildung? Die
jüngsten Beschlüsse des Landes der Berliner SPD mit der Absage an das
Wahlpflichtfach "Religion" an den Berliner Schulen verdichten die
bisherigen Zweifel zur Gewißheit, daß dieser Zusammenhang von einer
großen deutschen Volkspartei offensichtlich nicht mehr gesehen wird
(oder nach dem Willen ihrer maßgeblichen Ideologen offensichtlich nicht
mehr gesehen werden soll?).
Die Erklärung für solche Zustände sollen allerdings nicht allein aus
dem Wirken religionsfeindlicher oder indifferenter Ideologen und
sonstiger Zeit-Geistlicher in allen möglichen Bereichen unserer
Bewußtseinsindustrie abgeleitet werden. Der Grund dafür liegt vielmehr
in der systematischen Zersetzung zentraler Aussagen der christlichen
Theologie in der evangelischen und zunehmend auch in der katholischen
Kirche. Dazu gehört vor allem die Osterbotschaft von der Auferstehung
Jesu Christi. Sie entstamme der "Geister- und Wunderwelt des Neuem
Testaments". Wer an diese Botschaft auch persönlich glaubt, "muß sich
klarmachen, daß er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens
erklärt, damit die christliche Verkündung in der Gegenwart
unverständlich und unmöglich macht", so 1940 der evangelische Theologe
Rudolf Bultmann.
Bultmann und seine Anhänger haben damit nicht nur den christlichen
Glauben radikal "entmythologisiert", sondern die wesentlichen
Voraussetzungen für alle möglichen Mythen geschaffen, zum Beispiel für
den Mythos Sozialismus. die Botschaften des Weihnachtsfestes (Geburt
eines Vorkämpfers für Frieden und Gerechtigkeit in der
unterprivilegierten Klasse) und des Karfreitags (Hinrichtung durch die
herrschende Klasse) lassen sich bis heute einigermaßen nach politischen
und theologischen Zweckmäßigkeiten umdeuten - die Osterbotschaft nicht.
Sie war, ist und bleibt die Kernaussage des christlichen Glaubens, an
der sich die Geister scheiden und ideologische Nebel lichten.
Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin.
(aus: JUNGE FREIHEIT, Nr.16, Berlin vom 12.4.2001, S. 5) |