Das hohepriesterliche Gebet Jesu
Johannes, 17. Kapitel
Nach diesen Worten erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach:
"Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, damit der
Sohn dich verherrliche, wie du ihm gegeben hast Macht über alles
Fleisch, damit er allem, was du ihm gabst, ewiges Leben gebe. Das aber
ist das ewige Leben, daß sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und
den du gesandt hast, Jesus Christus. Ich habe dich verherrlicht auf
Erden, indem ich das Werk vollbrachte, das zu vollbringen du mir
übergeben hast. Und jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der
Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Geoffenbart habe
ich deinen Namen den Menschen, die du mir gabst aus der Welt. Dein
waren sie und mir gabst du sie, und dein Wort haben sie bewahrt. Nun
haben sie erkannt, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir ist;
denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben, und sie
nahmen sie an und erkannten in Wahrheit, daß ich von dir ausging, und
sie glaubten, daß du mich gesandt hast. Ich bitte für sie; nicht für
die Welt bitte ich, sondern für sie, die du mir gabst, denn sie sind
dein. Das Meine ist alles dein, und das Deine ist mein, und
verherrlicht bin ich in ihnen. Doch ich bin nicht mehr in der Welt, sie
aber sind in der Welt, und ich gehe zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie
in deinem Namen, den du mir gegeben hast, auf daß sie eins seien wie
wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den
du mir gegeben hast, und ich behütete sie, und keiner von ihnen ging
verloren als der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde.
Jetzt aber gehe ich zu dir und rede davon in der Welt, auf daß sie
meine Freude in Fülle in sich haben. Ich gab ihnen dein Wort, und die
Welt haßte sie, weil sie nicht aus der Welt sind, so wie auch ich nicht
von der Welt bin. Nicht bitte ich, daß du sie nehmest aus der Welt,
sondern daß du sie bewahrest vor dem Bösen. Sie sind nicht aus der
Welt, so wie auch ich nicht bin aus der Welt. Heilige sie in der
Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich gesandt hast in die Welt,
habe auch ich sie gesandt in die Welt. Und für sie heilige ich mich,
damit auch sie geheiligt seien in Wahrheit. Nicht für sie allein bitte
ich dich, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben,
damit alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, daß sie
eins seien in uns, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast. Ich
habe die Herrlichkeit, die du mir gabst, ihnen gegeben, auf daß sie
eins seien, wie wir eins sind: Ich in ihnen und du in mir, so daß sie
vollkommen seien im Einssein und die Welt erkenne, daß du mich gesandt
und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast. Vater, was du mir
gegeben hast: ich möchte, daß dort, wo ich bin, auch sie bei mir seien,
so daß sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, weil du
mich geliebt hast vor Grundlegung der Welt. Gerechter Vater, die Welt
hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und diese haben
erkannt, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen kund getan deinen
Namen und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt
hast, in ihnen sei und ich in ihnen."
* * *
Über das hohepriesterliche Gebet Jesu
vom
hl. Augustinus
- 104. Vortrag über das Evangelium des hl. Johannes -
Über die Stelle: "Dieses redete
Jesus, und mit zum Himmel erhobenen Augen sprach er: Vater, die Stunde
ist gekommen, verherrliche Deinen Sohn, damit der Sohn Dich
verherrliche". Joh. 17, 1.
1. Vor dem, was wir jetzt mit der Hilfe des Herrn behandeln wollen,
hatte Jesus gesagt: "Dieses habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir
den Frieden habet", worunter wir nicht bloß das unmittelbar vorher
Gesagte, sondern alles zu verstehen haben, sei es nun, was er zu ihnen
geredet hat von der Zeit an, wo er sie zu Jüngern hatte, oder
wenigstens seit er nach dem Mahle diese wunderbare und ausführliche
Rede begann. Er gab nämlich für seine Rede einen solchen Grund an, daß
man mit vollem Rechte auf diesen Endzweck entweder alles bezieht, was
er zu ihnen geredet hat, oder hauptsächlich das, was er, schon im
Begriffe für sie zu sterben, als seine letzten Worte sprach, nachdem
sein Verräter vom heiligen Mahle hinweggegangen war. Denn das nannte er
als Zweck seiner Rede, daß sie in ihm Frieden haben sollten, was ja der
eigentliche und letzte Zweck ist, warum wir Christen sind. Denn dieser
Friede wird kein Ende der Zeit haben, sondern er wird das Ziel all
unseres Denkens und Handelns sein. Seinetwegen werden wir durch seine
Sakramente eingeweiht, seinetwegen werden wir in seinen wunderbaren
Werken und Reden unterwiesen, seinetwegen haben wir das Pfand seines
Geistes empfangen, seinetwegen glauben wir an ihn und hoffen auf ihn
und werden von seiner Liebe, soviel er es gibt, entzündet; durch diesen
Frieden werden wir in allen Trübsalen getröstet, durch ihn aus allen
Bedrängnissen errettet; seinetwegen ertragen wir standhaft alle
Drangsal, um in ihm glücklich ohne alle Bedrängnis zu herrschen. Mit
Recht beschloß er mit dem Frieden seine Worte, welche für die noch
wenig verstehenden Jünger Gleichnisse waren, die sie aber künftig
verstehen sollten, wenn er ihnen den verheißenen Heiligen Geist würde
gegeben haben,von dem er weiter oben sagte: "Dies habe ich zu euch
geredet, als ich bei euch war. Der Tröster aber, der Heilige Geist,
welchen der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles lehren
und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe" (Joh. 14,25 f.).
Diese in der Tat erst zukünftige Stunde war jene gewesen, da er gemäß
seiner Verheißung nicht mehr in Gleichnissen reden, sondern offen von
dem Vater verkünden würde. Eben diese Worte von ihm sollten durch die
Offenbarung des Heiligen Geistes für die Verstehenden nicht mehr
Gleichnisse sein. Denn es sollte auch nicht, wenn in ihren Herzen der
Heilige Geist redet, der eingeborene Sohn schweigen, welcher erklärte,
er werde in jener Stunde ihnen offen vom Vater verkünden, was für sie
freilich, wenn sie es schon verstehen würden, kein Gleichnis wäre. Aber
gerade dies, wie in den Herzen ihrer geistigen Jünger der Sohn Gottes
und der Heilige Geist zugleich reden, ja die Trinität selbst, welche
unzertrennlich wirkt, ist für die Verstehenden ein Wort, für die
Nichverstehenden aber ein Gleichnis.
2. Nachdem er also gesagt hatte, weshalb er alles geredet, daß sie
nämlich in ihm den Frieden haben sollten, während sie in der Welt
Bedrängnis haben, und nachdem er sie ermahnt hatte, daß sie vertrauen
sollten, weil er die Welt überwunden, richtete er sodann, nach
Beendigung der den Jüngern geltenden Rede, Worte an den Vater und fing
nunmehr zu beten an. Denn so fährt der Evangelist weiter, indem er
sagt: "Dies redete Jesus und mit zum Himmel erhobenen Händen sprach er:
Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche Deinen Sohn". Es hätte der
eingeborene und dem Vater gleichewige Herr in der Geshlt des Knechtes
und aus der Gestalt des Knechtes, wenn es notwendig gewesen wäre, im
stillen beten können, aber er wollte sich so dem Vater als Beter
darstellen, daß er sich dabei erinnerte, er sei unser Lehrer. Darum
machte er das Gebet, das er für uns verrichtete, auch uns bekannt, weil
von einem solchen Lehrer nicht bloß die an sie gerichtete Rede, sondern
auch das für sie an den Vater dargebrachte Gebet den Jüngern zur
Erbauung gereicht, und wenn jenen, die zugegen waren, um das
gesprochene Wort zu hören, dann gewiß auch uns, die wir das
Niedergeschriebene lesen sollten. Wenn er daher sagt: "Vater, die
Stunde ist gekommen, verherrliche Deinen Sohn", so zeigt dies an, alle
Zeit und was er irgendwann täte oder geschehen ließe, sei von ihm
angeordnet, der keiner Zeit unterworfen ist; denn was geschehen sollte
in den einzelnen Zeiten, hat in der Weisheit Gottes die bewirkenden
Ursachen, in welcher es keine Zeiten gibt. Man darf also nicht glauben,
daß diese Stunde durch den Drang des Schicksals gekommen sei, sondern
vielmehr durch die Fügung Gottes. Auch hat keine in den Gestirnen
liegende Notwendigkeit das Leiden Christi herbeigeführt; denn ferne sei
es, daß die Gestirne den Schöpfer der Gestirne zu sterben zwangen.
Nicht also die Zeit hat Christus zum Sterben gedrängt, sondern Christus
hat sich die Zeit zum Sterben erwählt, wie er auch die Zeit, wo er aus
der Jungfrau geboren wurde, mit dem Vater festgesetzt hat, von dem er
ohne Zeit geboren ist. Gemäß dieser wahren und gesunden Lehre sagt auch
der Apostel: "Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn"
(Gal. 4,4); und Gott spricht durch den Propheten: "Zur gnadenreichen
Zeit habe ich dich erhört und am Tage des Heiles dir Hilfe gebracht"
(Is. 49,8); und hinwieder der Apostel: "Siehe, jetzt ist die
gnadenreiche Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heiles" (2 Kor. 6,2).
Der also sage: "Vater, die Stunde ist gekommen", der mit dem Vater alle
Stunden geordnet hat, als würde er sagen: "Vater, die Stunde", die wir
wegen der Menschen und zu meiner Verherrlichung bei den Menschen
festgesetzt haben, "ist gekommen, verherrliche Deinen Sohn, damit auch
der Sohn Dich verherrliche".
3. Die Verherrlichung des Sohnes durch den Vater finden einige darin,
daß er ihn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat
(Röm 8,32). Allein wenn man sagt, er sei durch das Leiden verherrlicht
worden, um wieviel mehr durch die Auferstehung! Denn im Leiden tritt
mehr seine Erniedrigung als seine Verherrlichung hervor, wie der
Apostel bezeugt, indem er sagt: "Er hat sich selbst erniedrigt, indem
er gehorsam wurde bis zum Tode, bis zum Tode aber des Kreuzes", worauf
er fortfährt und bereits von seiner Verherrlichung sagt: "Darum hat ihn
Gott auch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist,
so daß im Namen Jesu sich beugen alle Knie derer, die im Himmel, auf
Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, daß der Herr
Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters ist" (Phil.
2,7-11). Das ist die Verherrlichung unseres Herrn Jesu Christi, welche
mit seiner Auferstehung den Anfang nahm. Seine Erniedrigung also
be-ginnt bei den Worten des Apostels dort, wo er sagt: "Er hat sich
selbst erniedrigt, indem er Knechtsgestalt annahm", und hinkommt bis:
"zum Tode des Kreuzes". Seine Verherrlichung aber beginnt dort, wo er
sagt: "Darum hat ihn Gott auch erhöht", und hinkommt bis: "in der
Herrlichkeit Gottes des Vaters". Denn wenn man die griechischen
Handschriften einsieht, aus welchen die Briefe der Apostel ins
Lateinische übersetzt worden sind, so findet man, daß das Wort, welches
hier "gloria" lautet, dort "dóxa" lautet. Hiervon ist auch das Zeitwort
im Griechischen abgeleitet, wonach es heißt: "dóxason", was der
lateinische Übersetzer mit "clarifica" wiedergibt, obwohl er auch
"glorifica" hätte sagen können, was dieselbe Bedeutung hat. Und darum
hätte auch in dem Briefe des Apostels, wo "gloria" steht, "claritas"
gesetzt werden können, und wenn es geschehen wäre, würde es dasselbe
bedeuten. Um aber vom Wortlaut nicht abzugehen, so wird wie
"clarificatio" von "claritas", so "glorificatio" von "gloria"
abgeleitet. Damit also der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der
Mensch Christus Jesus, durch die Auferstehung verklärt oder
verherrlicht würde, ist er vorher durch das Leiden erniedrigt worden;
denn er wäre von den Toten nicht auferstanden, wenn er nicht gestorben
wäre. Durch die Erniedrigung hat er sich die Verklärung verdient, und
die Verklärung ist der Lohn der Erniedrigung. Aber dies ist in der
Knechtsgestalt geschehen, in der Gottesgestalt aber war immer und wird
immer die Klarheit sein, oder vielmehr sie war nicht, als ob sie nicht
mehr sei, noch auch wird sie sein als ob sie noch nicht sei, sondern
ohne Anfang und ohne Ende ist die Klarheit immer. Wenn er also sagt
"Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche Deinen Sohn", so ist das
so zu verstehen, als habe er gesagt: Die Stunde ist gekommen, die
Erniedrigung zu säen verschiebe nicht die Frucht der Verklärung! Aber
was heißt das Folgende: "Damit Dein Sohn Dich verherrliche"? Hat etwa
auch Gott der Vater die Erniedrigung des Fleisches oder Leidens
erduldet, woraus er verklärt werden mußte? Wie also sollte der Sohn den
verklären, dessen immerwährende Klarheit weder infolge der menschlichen
Gestalt geringer erscheinen konnte noch in der göttlichen größer sein
könnte? Aber diese Frage möchte ich nicht in diese Rede einzwängen noch
deshalb dieselbe weiter ausdehnen.
- 105. Vortrag über das Evangelium des hl. Johannes -
Über die Stelle: "Damit Dein Sohn Dich verherrliche", bis dahin: "Mit
der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, bevor die Welt war". Joh. 17,
1—5.
1. Daß der Sohn vom Vater hinsichtlich der Knechtsgestalt verherrlicht
wurde, die der Vater von den Toten auferweckte und zu seiner Rechten
setzte, bringt die Natur der Sache mit sich, und darüber ist auch kein
Christ im Zweifel. Aber weil er nicht bloß sagte: "Vater, verherrliche
Deinen Sohn", sondern auch beifügte: "Damit Dein Sohn Dich
verherrliche", so fragt man mit Recht, wie der Sohn den Vater
verherrlicht hat, da doch die immerwährende Klarheit des Vaters weder
in der Knechtsgestalt vermindert wurde, noch in seiner göttlichen
Vollkommenheit vermehrt werden konnte. Allein in sich selbst kann die
Klarheit des Vaters allerdings weder vermindert noch vermehrt werden,
bei den Menschen aber war sie ohne Zweifel geringer, als Gott nur in
Judäa bekannt war (Ps. 72, 2), noch nicht vom Aufgang der Sonne bis zum
Untergang den Namen des Herrn seine Diener priesen (Ps. 112, 3,1). Weil
aber durch das Evangelium Christi bewirkt wurde, daß der Vater durch
den Sohn den Völkern bekannt wurde, so hat in der Tat auch der Sohn den
Vater verherrlicht. Wenn aber der Sohn nur gestorben und nicht
auferstanden wäre, so wäre er ohne Zweifel weder vom Vater verherrlicht
worden, noch hätte er den Vater verherrlicht; nun aber vom Vater
verherrlicht durch die Auferstehung, verherrlicht er durch die
Verkündigung seiner Auferstehung den Vater. Dies läßt nämlich die
Wortfolge deutlich hervortreten: "Verherrliche", sagt er, "Deinen Sohn,
damit Dein Sohn Dich verherrliche", als würde er sagen: Erwecke mich,
damit Du dem ganzen Erdkreis durch mich bekannt werdest.
2. Sodann mehr und mehr darlegend, wie der Sohn den Vater verherrlicht,
sagt er: "Wie Du ihm die Macht über alles Fleisch gegeben hast, damit
er allen, die Du ihm gegeben hast, das ewige Leben gebe". Unter allem
Fleische meinte er alle Menschen, indem er nach einem Teile das Ganze
bezeich-nete, wie hinwieder durch den höheren Teil der ganze Mensch
bezeichnet ist, wo der Apostel sagt: "Jede Seele sei den höheren
Gewalten untertan" (Röm. 13,1). Denn was hat er mit: "jede Seele"
gemeint als: jeder Mensch? Dies aber, daß Christus vom Vater Macht
gegeben wurde über alles Fleisch, ist vom Menschen zu verstehen, denn
nach seiner Gottheit ist alles durch ihn gemacht worden (Joh. 1, 3),
und ist alles in ihm gegründet worden im Himmel und auf der Erde, das
Sichtbare und das Unsichtbare (Kol. 1, 16). Also "wie Du ihm die Macht
gegeben hast", sagt er, "über alles Fleisch", so soll Dein Sohn Dich
verherrlichen, d. h. Dich kund machen allem Fleische, das Du ihm
gegeben hast. Denn so hast Du es ihm gegeben, "damit er allen, die Du
ihm gegeben hast, das ewige Leben gebe".
3. "Dies aber", sagt er, "ist das ewige Leben, daß sie Dich erkennen,
den alleinigen wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesus Christus".
Die Ordnung der Worte ist diese: "Daß sie Dich und den Du gesandt hast,
Jesus Christus, als den alleinigen wahren Gott erkennen". Folglich wird
allerdings auch der Heilige Geist mitverstanden, weil er der Geist des
Vaters und des Sohnes ist als die wesentliche und gleichwesentliche
Liebe beider. Denn der Vater und der Sohn sind nicht zwei Götter, noch
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist drei Götter, sondern die
Trinität selbst ist der alleinige wahre Gott. Und doch ist der Vater
nicht derselbe wie der Sohn, noch der Sohn derselbe wie der Vater, noch
der Heilige Geist derselbe wie der Vater und der Sohn, weil der Vater
und der Sohn und der Heilige Geist drei sind, aber die Trinität selbst
ist der eine Gott. Wenn Dich also der Sohn in der Weise verherrlicht,
"wie Du ihm die Macht über alles Fleisch gegeben hast", und Du sie ihm
so gegeben hast, "daß er allen, die Du ihm gegeben hast, das ewige
Leben gebe", und "dies das ewige Leben ist, daß sie Dich erkennen", so
verherrlicht Dich demnach der Sohn so, daß er Dich allen, die Du ihm
gegeben hast, bekannt macht. Wenn sodann die Erkenntnis Gottes das
ewige Leben ist, so trachten wir um so mehr zu leben, je mehr wir in
dieser Erkenntnis zunehmen. Im ewigen Leben aber werden wir nicht
sterben; dann also wird die Erkenntnis Gottes vollkommen sein, wenn
kein Tod mehr sein wird. Am höchsten wird dann die Verklärung Gottes
sein, weil am höchsten die Herrlichkeit ist, die griechisch "dóxa"
heißt. Davon heißt es auch "dóxason", was einige lateinische Übersetzer
mit "clarifica", andere mit "glorifica" wiedergegeben haben. Von den
Alten aber ist Ruhm (Herrlichkeit), wodurch die Menschen ruhmreich
(herrlich) heißen, so bestimmt worden: Ruhm ist ein großer Ruf über
jemand, verbunden mit Lob. Aber wenn ein Mensch gelobt wird, weil man
dem Rufe glaubt, wie wird Gott gelobt werden, wenn man ihn selber sehen
wird! Deshalb steht geschrieben: "Selig, die wohnen in Deinem Hause; in
Ewigkeit werden sie Dich loben"(Ps. 83, 5)). Dort wird die Lobpreisung
Gottes ohne Ende sein, wo die Erkenntnis Gottes vollkommen sein wird;
und weil eine vollkommene Erkenntnis, darum auch die höchste Verklärung
oder Verherrlichung.
4. Aber zuerst wird hienieden Gott verherrlicht, indem er durch die
Verkündigung den Menschen bekannt wird und durch den Glauben der
Glaubenden gepriesen wird. Darum sagt er: "Ich habe Dich verherrlicht
auf Erden, ich habe das Werk vollbracht, das Du mir gegeben hast, daß
ich es tue". Er sagt nicht: befohlen, sondern: "gegeben hast", worin
deutlich die Gnade hervorgehoben wird. Denn was hat die menschliche
Natur auch im eingeborenen Sohne, das sie nicht empfangen hat? Oder hat
sie nicht empfangen, daß sie nichts Böses, sondern lauter Gutes tun
sollte, da sie in die Einheit der Person aufgenommen wurde vom Worte,
durch welches alles gemacht worden ist? Aber wie hat er das Werk
vollbracht, dessen Vollbringung ihm übergeben wurde, da er ja noch das
Leiden erfahren sollte, worin er ganz besonders den Märtyrern ein
Beispiel zur Nachfolge gab, weshalb der Apostel Petrus sagt: "Christus
hat für uns gelitten und uns ein Beispiel hinterlassen, damit wir
seinen Fußstapfen nachfolgen" (l Petr. 2, 21), außer weil er vollbracht
zu haben versichert, wovon er weiß, daß er es ganz gewiß vollbringen
wird? So hat er lange vorher in der Prophetie Worte der vergangenen
Zeit gebraucht, da doch erst nach sehr vielen Jahren eintreten sollte,
was er verkündete: "Sie haben", sagt er, "meine Hände und Füße
durchbohrt, alle meine Gebeine gezählt" (Ps. 21, 17 f.); er sagt nicht:
Sie werden durchbohren und zählen. Und in eben diesem Evangelium sagt
er: "Alles, was ich von meinem Vater gehört, habe ich euch kund getan"
(Joh. 15, 15), obwohl er später zu ihnen sagt: "Ich habe euch noch
vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen" (Joh. 16, 12).
Denn der durch sichere und unveränderliche Ursachen alles Zukünftige
vorherbestimmte, hat, was immer er tun wird, bereits getan. Denn auch
beim Propheten heißt es von ihm: "Der gemacht hat, was sein wird" (Is.
45, 11).
5. Demgemäß sagt er auch das Folgende: "Und jetzt verherrliche mich Du,
Vater, bei Dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte,
bevor die Welt war". Denn oben hatte er gesagt: "Vater, die Stunde ist
gekommen, verherrliche Deinen Sohn, damit Dein Sohn Dich verherrliche",
und in dieser Reihenfolge der Worte hatte er gezeigt, zuerst müsse der
Sohn vom Vater verherrlicht werden, damit der Sohn den Vater
verherrliche. Jetzt aber sagt er: "Ich habe Dich verherrlicht auf
Erden, ich habe das Werk vollbracht, das Du mir gegeben hast, daß ich
es tue, und jetzt verherrliche mich"; gleich als habe er zuerst den
Vater verherrlicht, von dem er dann verherrlicht zu werden verlangt.
Also ist die Sache so zu verstehen, er habe oben die beiden Worte
gebraucht von dem, was erst geschehen sollte, und in welcher Ordnung es
geschehen sollte: "Verherrliche den Sohn, damit der Sohn Dich
verherrliche", jetzt aber habe er ein Wort der vergangenen Zeit von
einer künftigen Sache gebraucht, wo er sagt: "Ich habe Dich auf Erden
verherrlicht, ich habe das Werk vollbracht, daß Du mir gegeben hast,
daß ich es tue". Wenn er dann sagt: "Und nun verherrliche mich Du,
Vater, bei Dir selbst", als ob er später vom Vater verherrlicht werden
sollte, den er früher selbst verherrlicht hatte, was zeigt er damit
anders, als die vorausgehenden Worte: "Ich habe Dich auf Erden
verherrlicht", habe er so gesprochen, als hätte er schon getan, was er
erst tun sollte; hier aber habe er verlangt, daß der Vater das tue,
wodurch der Sohn jenes erst tun sollte, d.h. daß der Vater den Sohn
verherrliche, durch welche Verherrlichung des Sohnes dann auch der Sohn
den Vater verherrlichen würde? Wenn wir schließlich betreffs der Sache,
die erst in der Zukunft eintreten sollte, auch das Wort in die
zukünftige Zeit setzen, wo er selbst für die künftige Zeit die
vergangene setzte, so wird die Dunkelheit des Ausspruches verschwinden;
wie wenn er gesagt hätte: Ich werde Dich verherrlichen auf Erden, ich
werde das Werk vollbringen, das Du mir gegeben hast, daß ich es tue,
und nun verherrliche mich Du, Vater, bei Dir selbst. So ist es denn
wohl klar, wie der andere Ausspruch, wo er sagt: "Verherrliche Deinen
Sohn, damit Dein Sohn Dich verherrliche"; es ist auch ganz der gleiche
Gedanke, nur daß hier auch die Weise eben dieser Verherrlichung
angegeben, dort aber verschwiegen wird, als sollte jenes durch dieses
denen erklärt werden, die ein Bedenken haben konnten, wie denn der
Vater den Sohn, und besonders, wie auch der Sohn den Vater
verherrlichen sollte. Denn wenn er sagt, der Vater werde von ihm auf
Erden verherrlicht, er aber vom Vater bei demselben Vater, zeigt er
fürwahr die Weise der doppelten Verherrlichung. Er nämlich verherrlicht
den Vater auf Erden, indem er ihn den Völkern verkündet; der Vater aber
verherrlicht ihn bei sich selbst, indem er ihn zu seiner Rechten setzt.
Aber darum wollte er nachher betreffs der Verherrlichung des Vaters, wo
er sagt: "Ich habe Dich verherrlicht", lieber das Zeitwort der
Vergangenheit setzen, um so zu zeigen, in der Vorherbestimmung sei
bereits geschehen und für geschehen anzunehmen, was einmal ganz gewiß
eintreten sollte, d.h. daß auch der Sohn, vom Vater beim Vater
verherrlicht, den Vater auf Erden verherrlichen würde.
6. Aber diese Vorherbestimmung in seiner Verherrlichung, wodurch ihn
der Vater verklärte, hat er durch das, was er beifügte, noch deutlicher
dargetan: "Mit der Herrlichkeit, die ich, bevor die Welt war, bei Dir
hatte". Die Reihenfolge der Worte ist diese: "die ich bei Dir hatte,
ehe die Welt war". Darauf zielt ab, wenn er sagt: "Und jetzt
verherrliche mich", d.h. wie damals, so auch jetzt; wie damals durch
die Vorherbestimmung, so auch jetzt durch die Vollbringung; tue in der
Welt, was bei Dir schon vor der Welt gewesen war; tue zu seiner Zeit,
was Du vor aller Zeit festgesetzt hast. Dies glaubten nun freilich
einige so verstehen zu müssen, als würde die menschliche Natur, welche
vom Worte angenommen wurde, in das Wort verwandelt und der Mensch in
Gott umgeändert werden, oder vielmehr, wenn wir ihre Meinung genauer
besehen, als würde der Mensch in Gott untergehen. Denn niemand wird
sagen, daß infolge dieser Veränderung des Menschen das Wort Gottes
entweder verdoppelt oder vergrößert werde, so daß entweder zwei seien,
was einer war, oder größer sei, was kleiner war. Wenn nun aber, nach
der Veränderung und Verwandlung der menschlichen Natur in das Wort, das
Wort Gottes nach Größe und Beschaffenheit das sein wird, was es war, wo
ist der Mensch, wenn er nicht untergeht?
7. Allein zu dieser Meinung, die, wie ich wohl sehe, mit der Wahrheit
durchaus nicht übereinstimmt, zwingt uns nichts, wenn wir nur bei den
Worten des Sohnes: "Und jetzt verherrliche mich Du, Vater, bei Dir
selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war",
an die Vorherbestimmung der Verklärung der menschlichen Natur in ihm
denken, die, vorher sterblich, als eine unsterbliche beim Vater sein
sollte, und es sei, ehe die Welt war, in der Vorherbestimmung das schon
geschehen gewesen, was seinerzeit auch in der Welt geschehen sollte.
Denn wenn der Apostel von uns gesagt hat: "Wie er uns in ihm erwählt
hat vor Grundlegung der Welt" (Eph. 1, 4), warum sollte es dann der
Wahrheit entgegen sein, daß der Vater unser Haupt damals verherrlichte,
da er uns in ihm erwählte, damit wir seine Glieder wären? Denn so sind
wir erwählt, wie er verherrlicht, weil, ehe die Welt war, weder wir
waren noch auch selbst der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der
Mensch Christus Jesus (1 Tim. 2, 5). Aber der, welcher durch ihn als
sein Wort auch "was sein wird, gemacht hat" und "das Nichtseiende ruft,
wie das was ist" (Röm. 4, 17), Gott der Vater, hat ihn in der Tat,
sofern er Mensch ist als Mittler zwischen Gott und den Menschen, vor
Grundlegung der Welt für uns verherrlicht, wenn er damals auch uns in
ihm erwählt hat. Denn was sagt der Apo-stel? "Wir wissen aber, daß
denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, welche gemäß
dem Ratschluß berufen sind. Denn die er vorherwußte, die hat er auch
vorherbestimmt, gleichförmig zu werden dem Bilde seines Sohnes, damit
er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern; die er aber
vorherbestimmte, die hat er auch berufen" (Röm. 8, 28-30).
8. Es müßte denn nur sein, daß wir Bedenken tragen, ihn vorherbestimmt
zu nennen, weil der Apostel nur von uns gesagt zu haben scheint, daß
wir gleichförmig seinem Bilde werden. Als ob einer im gewissenhaften
Hinblick auf die Glaubensregel den Sohn Gottes als vorherbestimmt
leugnen wollte, der ihn als Mensch nicht leugnen kann. Mit Recht
allerdings wird er nicht als vorherbestimmt bezeichnet, sofern er das
Wort Gottes, Gott bei Gott ist. Denn wozu sollte er in dieser Beziehung
vorherbestimmt werden, da er schon war, was er war, ohne Anfang und
ohne Ende ewig? Das aber mußte vorherbestimmt werden, was noch nicht
war, damit es so zu seiner Zeit eintrete, wie sein Eintreten vor aller
Zeit vorherbestimmt war. Wer also den Sohn Gottes als vorherbestimmt
leugnet, der leugnet ebendenselben als Sohn des Menschen. Allein wegen
der Streitsüchtigen laßt uns auch darüber den Apostel im Anfang seiner
Schreiben hören. Denn im ersten seiner Briefe, der an die Römer
gerichtet ist, liest man, und zwar gleich im Anfang desselben: "Paulus,
Diener Jesu Christi, berufener Apostel, ausgesondert für das Evangelium
Gottes, das er vorher verheißen hatte durch seine Propheten in den
heiligen Schriften von seinem Sohne, der ihm aus dem Samen Davids
geworden ist nach dem Fleische, der vorherbestimmt ist zum Sohne Gottes
in Kraft nach dem Geiste der Heili-gung aus der Auferstehung von den
Toten" (Röm. 1, 1-4). Gemäß dieser Vorherbestimmung also ist er auch
verherrlicht worden, ehe die Welt war, damit seine Verherrlichung sei
aus der Auferstehung von den Toten beim Vater, zu dessen Rechten er
sitzt. Da er also sah, daß die Zeit seiner vorherbestimmten
Verherrlichung bereits gekommen sei, so daß jetzt auch in der
Ausführung geschehen sollte, was in der Vorherbestimmung schon
geschehen war, betete er und sprach: "Und jetzt verherrliche mich Du,
Vater, bei Dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, ehe
die Welt war", als würde er sagen: Es ist Zeit, daß ich die
Herrlichkeit, welche ich bei Dir hatte, d.h. welche ich bei Dir in
Deiner Vorherbestimmung hatte, auch im Leben zu Deiner Rechten habe.
Allein weil die Besprechung dieser Frage uns lange hinhielt, soll das
Folgende in einer andern Rede behandelt werden.
("Bibliothek der Kirchenväter" Bd. 19, Kempten und München 1914, S. 245-257.)
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