Über das hohepriesterliche Gebet Jesu
vom
hl. Augustinus
- 107. Vortrag über das Evangelium des hl. Johannes -
Über die Stelle: "Ich bitte für sie", bis dahin: "Damit sie meine Freude voll-kommen in sich haben". Joh. 17, 9—13.
1. Als der Herr von denen, die er schon zu Jüngern hatte, zum Vater
redete, sagte er unter anderm auch dies: "Ich bitte für sie; nicht für
die Welt bitte ich, sondern für diejenigen, die Du mir gegeben hast".
Unter "Welt" will er hier jene verstanden wissen, die nach der
Begierlichkeit der Welt leben und nicht an jener Gnade teilnehmen,
durch die sie von ihm aus der Welt erwählt werden. Also nicht für die
Welt, sondern für diejenigen, die der Vater ihm gegeben, sagt er, bitte
er; denn dadurch, daß der Vater sie ihm schon gegeben hat, ist es
geschehen, daß sie nicht zu der Welt gehören, für die er nicht bittet.
2. Dann fügt er bei: "Weil sie Dein sind". Denn der Vater hat nicht,
weil er sie dem Sohne gab, die verloren, welche er gab, da ja der Sohn
noch weiter sagt: "Und all das Meine ist Dein, und das Deine ist mein".
Hieraus erhellt klar, wie dem eingeborenen Sohne alles gehört, was dem
Vater gehört; darum natürlich, weil auch er Gott ist und aus dem Vater
als gleich mit dem Vater geboren ist; nicht so, wie zu dem einen von
zwei Söhnen, dem älteren nämlich, gesagt worden ist: "Du bist immer bei
mir, und all das Meine ist Dein" (Luk. 15, 31). Denn letzteres ist
gesagt von allen unterhalb der hei-ligen, vernünftigen Kreatur
stehenden Geschöpfen, die jedenfalls der Kirche untergeben sind (vgl. 1
Kor. 3, 22 f.), und in dieser Gesamtkirche sind auch jene zwei Söhne zu
denken, der ältere und der jüngere, mit allen heiligen Engeln, denen
wir gleich sein werden im Reiche Christi und Gottes (Matth. 22, 30)
ersteres aber: "Und all das Meine ist Dein, und das Deine ist mein",
ist so gesagt, daß hierunter auch die vernünftige Kreatur ist, die nur
Gott untergeben ist, damit hinwieder ihr alles, was unter ihr steht,
untergeben sei. Diese also würde, da sie Gott dem Vater gehört, nicht
zugleich auch dem Sohne gehören, wenn er dem Vater nicht gleich wäre;
sie meinte er ja, als er sagte: "Nicht für die Welt bitte ich, sondern
für diejenigen, die Du mir gegeben hast; denn sie sind Dein, und all
das Meine ist Dein, und das Deine ist mein". Es ist auch nicht recht,
daß die Heiligen, von welchen er dies sprach, irgendeinem andern
angehören als demjenigen, von dem sie erschaffen und geheiligt sind,
und darum muß auch alles, was ihnen gehört, notwendig dem gehören, dem
auch sie selbst gehören. Da sie also sowohl dem Vater wie dem Sohn
gehören, so beweisen sie damit, daß jene gleich sind, welchen sie auf
gleiche Weise gehören. Was er aber sagt, als er vom Heiligen Geist
redete: "Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er
wird von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden" (Joh. 16, 15), hat
er von dem gesagt, was zur Gottheit des Vaters gehört, worin er ihm
gleich ist, indem er alles mitbesitzt. Denn nicht sollte der Heilige
Geist von einer Kreatur, welche dem Vater und Sohne unterworfen ist,
das nehmen, was er mit den Worten bezeichnet: "Von dem Meinigen wird er
nehmen", sondern selbstverständlich vom Vater, von dem der Heilige
Geist ausgeht und von dem auch der Sohn geboren ist.
3. "Und ich bin in ihnen verherrlicht", sagt er. Jetzt spricht er von
seiner Verherrlichung, als wäre sie schon geschehen, während sie doch
erst eintreten sollte; früher aber verlangte er vom Vater, daß sie
geschehen möge. Allein ob es dieselbe Verherrlichung sei, von der er
gesagt hatte: "Und jetzt verherrliche mich Du, Vater, bei Dir selbst
mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war" (Joh.
17, 1,5), ist allerdings noch fraglich. Denn wenn "bei Dir", wie dann
"in ihnen"? Etwa dadurch, daß ihnen gerade das bekannt wird, und durch
sie allen, die ihnen als seinen Zeugen glauben? Wir können in der Tat
die Auffassung haben, der Herr habe gesagt, er sei in ihnen
verherrlicht; denn indem er sagt, es sei schon geschehen, zeigt er, es
sei schon vorherbestimmt gewesen, und er wollte für gewiß angesehen
wissen, was geschehen wird.
4. "Und ich bin", sagt er, "nicht mehr in der Welt, und diese sind in
der Welt". Wenn man eben die Stunde, in welcher er redete, ins Auge
faßt, dann waren beide noch in der Welt, nämlich sowohl er wie jene,
von welchen er dies sagte; denn wir können und sollen dies nicht nach
dem Fortschritt des Herzens und der Lebensführung nehmen, so daß er
meint, jene seien deshalb noch in der Welt, weil sie noch eine
weltliche Gesinnung haben, er selbst aber sei nicht mehr in der Welt,
weil er eine göttliche Gesinnung hat. Es steht nämlich hier nur ein
Wort, und dies gestattet uns durchaus nicht, es so zu verstehen; denn
er sagt nicht: Und ich bin nicht in der Welt, sondern: "Ich bin nicht
mehr in der Welt", und dadurch zeigt er an, er sei in der Welt gewesen,
sei aber nicht mehr in ihr. Ist es uns nun etwa gestattet anzunehmen,
er sei einmal weltlich gesinnt gewesen und, befreit von diesem Irrtum,
sei er es nicht mehr? Wer möchte eine so gottlose Auffassung vertreten?
Es bleibt also nur übrig, daß er insofern, als er früher selbst auch in
der Welt war, sagte, er sei nicht mehr in ihr, mit körperlicher
Gegenwart natürlich, indem er nämlich auf seine bald, ihre aber später
erfolgende Abwesenheit von der Welt dadurch hinwies, daß er sagte, er
sei nicht mehr hier, jene aber seien hier, während allerdings sowohl er
als auch jene noch hier waren. So hat er nämlich gesprochen, als Mensch
sich Menschen anpassend, wie es die menschliche Ausdrucksweise mit sich
bringt. Oder sagen wir nicht täglich: Er ist nicht mehr hier, von
einem, der demnächst zu scheiden im Begriffe steht? Und ganz besonders
pflegt man so von Sterbenden zu reden. Dennoch hat auch der Herr,
gleichsam voraus-sehend, was die Leser bedenklich machen könnte,
beigefügt: "Und ich komme zu Dir", indem er so gewissermaßen erklärte,
warum er gesagt habe: "Ich bin nicht mehr in der Welt".
5. Er empfiehlt sie also dem Vater, die er durch körperliche
Abwesenheit verlassen will, indem er spricht: "Heiliger Vater, erhalte
sie in Deinem Namen, die Du mir gegeben hast". Als Mensch nämlich
bittet er Gott für seine Jünger, die er von Gott empfing. Aber gib
acht, was folgt: "Damit sie", sagt er, "eins seien, wie auch wir". Er
sagt nicht: damit sie mit uns eins seien, oder: damit sie und wir eins
seien, wie wir eins sind, sondern er sagt: "Damit sie eins seien, wie
auch wir". Sie freilich sollen in ihrer Natur eins sein, wie auch wir
in unserer Natur eins sind. Dies würde er ohne Zweifel nicht in
Wahrheit sagen, wenn er es nicht insofern sagen würde, als er seiner
Gottheit nach von derselben Natur ist wie auch der Vater - in diesem
Sinne sagt er anderswo: "Ich und der Vater sind eins" (Joh. 10, 30) -;
nicht insofern, als er auch Mensch ist - in diesem Sinne sagt er: "Der
Vater ist größer als ich" (Joh. 14, 28)). Aber weil Gott und der Mensch
eine und dieselbe Person ist, so denken wir uns den Menschen darin, daß
er betet, denken uns aber Gott darin, daß er und jener, welchen er
bittet, eins sind. Aber es ist noch im folgenden eine Stelle, wo
darüber einläßlicher zu handeln ist.
6. Hier aber fährt er fort: "Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in
Deinem Namen". Da ich, sagt er, zu Dir komme, bewahre Du sie in Deinem
Namen, in dem ich sie, als ich bei ihnen war, selbst auch bewahrte. Im
Namen des Vaters bewahrte seine Jünger der Sohn als Mensch, da er bei
ihnen in menschlicher Gegenwart weilte, aber auch der Vater bewahrte im
Namen des Sohnes die, deren Bitten im Namen des Sohnes er erhörte. Zu
diesen nämlich hatte derselbe Sohn gesagt: "Wahrlich, wahrlich, ich
sage euch: Wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bittet, so wird
er es euch geben" (Joh. 16, 23). Das dürfen wir jedoch nicht so
fleischlich nehmen, als ob uns der Vater und der Sohn abwechselnd
bewahrten, indem bei unserer Bewachung beide in der Wache sich ablösen,
gleich als würde der eine kommen und der andere gehen; denn zugleich
behüten uns der Vater und der Sohn und der Heilige Geist, der eine
wahre und selige Gott. Aber die Schrift erhebt uns nicht, wenn sie
nicht zu uns herabsteigt, wie das fleischgewordene Wort herabgestiegen
ist, um zu erheben, nicht gefallen ist, um liegen zu bleiben. Wenn wir
den Herabsteigenden kennen gelernt haben, so stehen wir auf mit dem
Erhebenden, und kommen wir zur Einsicht, daß er, wenn er so redet, die
Personen unterscheidet, nicht die Naturen trennt. Als daher der Sohn in
körperlicher Gegenwart seine Jünger bewahrte, wartete nicht der Vater,
um dem weggehenden Sohne in der Bewachung nachzufolgen, sondern beide
bewahrten sie durch geistige Macht; und als der Sohn ihnen seine
körperliche Gegenwart entzog, hielt er mit dem Vater geistige Wache.
Denn auch als der Sohn als Mensch sie zur Bewachung empfing, entzog er
sie nicht der väterlichen Obhut, und als der Vater sie dem Sohne zur
Bewachung gab, gab er sie nicht ohne den, dem er sie gab, sondern er
gab sie dem Sohne als Menschen, aber natürlich nicht ohne denselben
Sohn, sofern er Gott ist.
7. Der Sohn fährt fort und sagt: "Die Du mir gegeben hast, habe ich
bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren gegangen als der Sohn des
Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde". Sohn des Verderbens wird
der Verräter Christi genannt, der zum Verderben vorher bestimmt war
gemäß der Schrift, welche von ihm vornehmlich im hundertachten Psalm
prophezeit.
8. "Jetzt aber", sagt er, "komme ich zu Dir, und dies rede ich in der
Welt, damit sie meine Freude vollkommen in sich haben". Siehe, er sagt,
daß er in der Welt rede, er, der kurz vorher gesagt hatte: "Ich bin
nicht mehr in der Welt". Warum er letzteres gesagt, haben wir dort
erklärt oder vielmehr, wir haben gezeigt, wie er es selbst erklärt
habe. Also weil er noch nicht weggegangen war, war er noch hier, und
weil er bald weggehen sollte, war er gewissermaßen nicht mehr hier. Was
aber dies für eine Freude sei, von welcher er sagt: "Damit sie meine
Freude vollkommen in sich haben", ist schon vorher ausgedrückt, wo er
sagt: "Damit sie eins seien, wie auch wir". Von dieser seiner Freude,
d.h. von der ihnen verliehenen Freude, sagt er, sie solle in ihnen
vollkommen werden; deshalb, versichert er, habe er in der Welt geredet.
Das ist jener Friede und jene Seligkeit in der künftigen Welt, zu deren
Erlangung man mäßig, gerecht und fromm leben muß in dieser Welt.
("Bibliothek der Kirchenväter" Bd. 19, Kempten und München 1914, S. 266 ff)
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