Wettlauf mit dem Tod
von
Wilhelm Hünermann
An einem bitterkalten Märztag des Jahres 1880 macht sich Pater Georges
Ducot von dem am Makenziestrom gelegenen Fort Norman auf den Weg zu
einem fünf Tagereisen entfernten Lager der Hundelenden, dessen
Häuptling Kleiner Hund ihn dringend um seinen Besuch gebeten
hat.
Keuchend ziehen die vier Hunde den mit Reiseproviant für eine Woche,
dem notwendigen Altargerät, Decken und Zeltplanen beladenen Schlitten.
Alfons Koutain, ein vierzehnjähriger Indianer vom Stamm der Hasenfelle,
der seinen Herrn begleitet, hält mit scharfen Augen Ausschau nach
geknickten Baumzweigen und ähnlichen Markierungen, mit denen die
Hundelenden den Pfad zu ihrem Lager bezeichnet
haben.
Dennoch verlieren sie bei dem Schneegestöber, das bald nach ihrer
Abreise einsetzt, den Weg.
«Vielleicht täten wir besser, umzukehren», meint der Priester, der mit
seinen Schneeschuhen den Pfad vor dem Schlitten ebnet. «Hab keine
Furcht, weißer Vater!» erwidert der Junge lachend. «Ein Indianer findet
den Weg überall. Ich werde dich sicher ans Ziel bringen.» «Hoffen wir
es!» seufzt der Oblate, der Sohn eines reichen Juweliers aus Bordeaux,
der seine Heimat verließ, um in äußerster Armut das Evangelium zu
verkünden.
Nach zwei Tagen erreichen sie den Kraylon-See und verbringen die Nacht
in der Hütte eines alten indianischen Fischers. «Kehrt nach Fort Norman
zurück!» rät ihnen der erfahrene Mann besorgt «Der Schnee hat alle
Pfade verweht. Ihr würdet euch unfehlbar verirren, und die Wölfe würden
eure Gebeine nagen.» «Aber ich habe dem Kleinen Hund versprochen, zu
kommen», sagt der Priester, und da sein junger Begleiter voller
Zuversicht ist, setzen sie die Reise fort.
Der Alte hatte nur zu recht mit seiner Warnung; denn schon bald gibt es
weder Weg noch Steg in der weißen Wildnis, und von den vereinbarten
Markierungen ist nicht die winzigste Spur zu sehen. Elf Tage schleppen
sie sich hungernd und frierend durch tosenden Sturm und eisige Kälte.
Die Lebensmittel sind fast erschöpft, die Hunde haben längst schon die
letzten gedörrten Fische verzehrt. Der Priester wirft ihnen schließlich
einen Ledersack zum Fraße vor, den sie gierig zerreißen.
Am anderen Morgen verenden drei der Tiere in ihren Riemen. Die beiden
Wanderer bergen den Schlitten in einem Versteck, lassen selbst die
Altargeräte und die Zeltdecken zurück, da Alfons immer wieder
versichert, man müsse sich ganz in der Nähe des gesuchten Lagers
befinden. Mit dem spärlichen Rest des Proviantes stapfen sie weiter
durch den verschneiten Wald. Fido, der letzte der Hunde, trottet,
winselnd vor Hunger und Kälte, neben ihnen her.
Am Nachmittag stoßen sie auf einen ausgetretenen Pfad, aber der Schnee
fällt so dicht, daß bald wiederum jede Spur verschwindet, so sehr auch
der junge Indianer danach ausspäht. Vergebens horchen sie nach
Hundegebell und Kindergeschrei, den sicheren Zeichen eines
Indianerlagers. Der Wind hat sich gelegt, der Wald liegt in starrem,
eisigem Schweigen. Gegen Sonnenuntergang finden sie endlich den
gesuchten Lagerplatz. Aber er ist leer. Keine Seele blieb
zurück.
«Sie sind fort! Seit langem schon fort!» stammelt der Junge, auf die
dicke Schneeschicht deutend, die die verkohlten Reste der Feuerstelle
bedeckt. «Der Hunger trieb sie fort. Sie haben nichts zurück-gelassen.»
«Was fangen wir jetzt an?» stöhnt der Pater. «Wir haben noch zwei Pfund
Pemmikan und ein Pfund Mehl. Das ist alles.»
«Wir können nicht zurück! Der Weg ist zu weit!» antwortet der Indianer. «Wir müssen sie finden!»
«Morgen ist Ostern», sagt der Priester. «Beten wir zum Auferstandenen,
er möge uns den Weg weisen!» «Gut, Vater!» Der Bursche kniet sich neben
dem Oblaten in den Schnee und fleht mit ihm zum Herrn über Leben und
Tod.
«Wir wollen umkehren», entschließt sich Pater Ducot, als er sich
erhebt. «Wir gehen zum Schlitten zurück. Da werde ich die heilige Messe
feiern und dir den Leib des Herrn reichen. Dann werden wir sterben.»
«Du hast recht, Vater», nickt der Junge. «Die Hundelenden sind schon zu
weit. Wir holen sie nicht mehr ein. Kehren wir also um, und alles soll
sein, wie du gesagt hast!»
In der Nacht noch machen sie sich auf den Weg. Es hat aufgehört zu
schneien. Der Himmel ist voll von leuchtenden Sternen. Ein paar Stunden
nach Mitternacht erreichen sie das Versteck. Sie sind so müde, daß sie
trotz ihres Hungers nicht einmal das letzte Stück Fleisch verzehren
können. Sie essen eine der beiden aus Renntiertalg hergestellten
Altarkerzen. Nach einem kurzen Gebet rollen sie sich in ihre Decken
ein. «Morgen werden wir Fido töten und essen», sagt der Priester, bevor
der Knabe an seiner Seite einschläft.
Er selbst findet trotz seiner Erschöpfung keine Ruhe. Er zweifelt nicht
mehr daran, daß er sterben muß, und ist bereit, sich in Gottes Willen
zu ergeben. Aber daß er den tapferen, kleinen Indianer mit in den Tod
nimmt, erfüllt ihn mit bitterem Leid. Verzweifelt klammert er seine
Hände um das Missionskreuz und schreit mit stummen Lippen zu Gott um
Rettung. Dann sinkt er in tiefen Schlaf.
Als er erwacht, steht schon die Sonne am Himmel. Der Knabe ist dabei,
ein Feuer zu entzünden. «Soll ich wirklich den Hund
töten ?» fragt er den Priester. «Es bleibt uns nichts anderes übrig!»
Pater Ducot wendet sich ab, als sein Begleiter die Axt gegen das treue
Tier hebt. Viel ist nicht dran an dem ausgehungerten Fido, und der
Junge weigert sich, auch nur einen Bissen von dem Mahl zu nehmen, das
er für seinen Herrn zubereitet. Es würde gegen die uralten Sitten
seines Stammes verstoßen, wollte er das Fleisch eines Hundes essen. So
überläßt ihm der Priester sein Stück Pemmikan, während er selbst ein
wenig von dem Hundebraten genießt.
Mit dem Altargerät und ein paar Decken beladen, torkeln sie weiter
durch den verschneiten Wald. Am Abend gönnen sie sich zu Ehren der
Auferstehung des Herrn ein Festmahl, für das sie die letzten Reste
ihres Proviantes opfern und sogar das Mehl in die Brühe geben. Zum
Nachtisch verzehren sie die zweite Altarkerze. Dann singen sie alle
Osterlieder, die sie kennen, und laut hallt durch den tiefverschneiten
Wald das Alleluja.
Nach dreistündiger Wanderung erspäht Alfons am anderen Morgen in einer
Tannenlichtung einen Wolf, der seine Beute mit gierigen Zähnen
zerreißt. Es gelingt ihnen, die Bestie zu verscheuchen, und zu ihrer
Freude finden sie die Reste einer Renntierhaut, die der Wolf ihnen von
seinem Fraß übrig ließ.
Drei Tage leben sie davon. Dann ist auch das letzte Stücklein verzehrt.
Aber noch einmal ist ihnen das Schicksal gnädig. Der Indianer entdeckt
unter dem Schnee eine mit gefrorenem Blut gefüllte Renntierblase, die
Jäger vom Stamm der Hasenfelle zurückgelassen haben. Das Gefundene
reicht für einen weiteren Tag. Eine kleine Büchse mit Heilsalbe, die
der Priester in seinen Taschen entdeckt, muß für den folgenden Tag als
Nahrung genügen.
Am Freitagabend erreichen sie endlich, völlig erschöpft und halb
verhungert, den Kraylon-See, doch finden sie zu ihrer grenzenlosen
Enttäuschung die Fischerhütte verlassen. Während der Priester
verzweifelt zu Gott um Hilfe fleht, stößt der Knabe plötzlich einen
lauten Schrei aus. «Ich höre Hundegebell!» In aller Hast
schnallen sie ihre Schneeschuhe an, stürmen der kläffenden Meute
entgegen, und bald erreichen sie den Fischer, der mit drei erlegten
Renntieren zurückkehrt.
Nun hat alle Not ein Ende. Der Fischer bewirtet seine Gäste reichlich
in seiner Hütte, und als sie schließlich weiterziehen, versieht er sie
mit einem großen Stück Fleisch.
Am Abend des Weißen Sonntags langen sie todmüde in der Missionsstation
Sainte Therese im Fort Norman an. Sie haben mit Gottes wunderbarer
Hilfe den Wettlauf mit dem Tod gewonnen. Die Hundelenden, die er bei
jener furchtbaren Wanderung vergebens suchte, erfreuen sich in den
folgenden Jahren noch oft der treuen Fürsorge ihres weißen
Vaters.
An einem der ersten Adventstage des Jahres 1886 läßt Pater Ducot den
Kleinen Hund wissen, er erwarte ihn und seinen Stamm zum Weihnachtsfest
im Fort Norman. So gut er es vermag, schmückt er die kleine Kapelle mit
Tannengrün und Lampions. Aber wie groß ist sein Erstaunen, als der
Häuptling mit seinen Hundelenden schon Mitte Dezember
eintrifft.
«Wie freue ich mich, euch zu sehen!» ruft der Missionar, seine Christen
mit offenen Armen empfangend. «Aber ihr seid eine volle Woche zu früh
gekommen.» «Man hat uns gesagt, morgen sei die Nacht des Gebetes!» «Sie
ist erst in acht Tagen.» «Aber wir müssen doch übermorgen wieder
zurück», sagt der Häuptling erschrocken. «Länger reichen unsere Vorräte
nicht. Halte die Nacht des großen Gebetes also schon morgen!» «Das geht
nicht! Ich kann Weihnachten nicht mitten im Advent feiern. Der Papst
wäre unzufrieden mit mir.»
Die armen Rothäute lassen die Köpfe hängen. Kleiner Hund überlegt
angestrengt, dann sagt er: «Höre mich an, Vater! Du bist Priester, und
ein Priester ist wie der liebe Gott. Was er will, das kann er. Wenn du
also willst, kannst du die Nacht des Gebetes mit uns feiern, auch wenn
es noch nicht der rechte Tag ist. Wir sind weit hergekommen. Wir sind
alle gekommen. Warum willst du uns widerstehen?»
Eine Weile noch zögert der Missionar. Wo in der Welt geschah es, daß
ein Priester mitten im Advent Weihnachten feierte? Aber was soll er
tun? Unmöglich kann er die Hundelenden bis zum Festtag bewirten. Er ist
selbst viel zu arm dazu. Soll er sie fortschicken, ohne sie die große
Freude erleben zu lassen; die zu finden sie gekommen sind?
Mitleidig schaut er die armen Menschen an, deren Gesichter die
schmerzliche Enttäuschung deutlich genug zeigen. Das Wort des Herrn
fällt ihm ein: «Mich erbarmt des Volkes!» In diesem Augenblick faßt er
einen Entschluß, wie ihn nur ein Missionar am äußersten Ende der Welt
zu fassen vermag. «Gut also!» sagt er. «Schlagt euer Lager auf! Morgen
werdet ihr beichten, und um Mitternacht werden wir gemeinsam die Nacht
des Gebetes feiern.» Ein Freudenschrei ist die Antwort.
Am folgenden Tag bekennen die Rothäute demütig ihre Sünden, können es
dann kaum erwarten, bis um Mitternacht das Missionsglöcklein läutet und
sie in die arme Kapelle ziehen dürfen, deren Altar mehr als zwanzig
Kerzen umstrahlen. Nie haben sie, die sich wie beglückte Kinder bei den
Händen fassen, einen solchen Glanz gesehen.
Atemlos lauschen sie dem Priester, der ihnen die Frohbotschaft der
Geburt des Herrn verkündet. Dann singen sie, umstrahlt vom heiligen
Licht, in ihrer Sprache das Lied: «Geboren ist das göttliche Kind».
Während der heiligen Messe empfangen alle mit tiefer Rührung den Leib
des Herrn. Drei Stunden währt die erhabene Feier, aber sie hätte noch
viel länger dauern können, ohne daß einer der Rothäute vom Platz
gewichen wäre.
Als sie einige Stunden später wieder in die Tiefe ihrer Wälder ziehen,
sagt Kleiner Hund: «Ich hab's ja gewußt. Ein Priester ist wie der liebe
Gott. Er kann alles, was er will.»
Einundvierzig Jahre bleibt Pater Ducot der Apostel der Indianer im
Hohen Norden Kanadas. Als er sich, erschöpft von aller Mühsal, auf den
Wunsch seines Bischofs ins Hospital von Fort Simpson zurückzieht,
erlöst ihn bald der Tod von einem Heimweh nach den Menschen, denen er
ein Leben lang gedient. Am Fest der Himmelfahrt Mariens 1916 holt der
Herr seinen treuen und rastlosen Diener in die ewige Ruhe heim.
(aus: "Geschichte der Weltmission" 1. Bd., Luzern/München 1960, S. 194 ff.)
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