Unter Perlfischern, Parias, Kopfjägern und Menschenfressern
- der hl. Franz Xaver -
von
Wilhelm Hünermann
Am 6. Mai 1542 läuft die «Coulam», ein portugiesisches Handelsschiff,
in den Hafen von Goa ein. Mit donnernden Salutschüssen, dröhnendem
Glockenhall und klingendem Spiel begrüßt die goldene Stadt, die Herrin
des Morgenlandes, den neuen Vizekönig Dom Affonso de Souza, der in
seidenem Prachtgewand an Land schreitet. Am Quai drängt sich eine
ungeheure Menschenmenge, Weiße, Braune und Schwarze, Perser, Araber,
Hindus, Portugiesen, den Stellvertreter des portugiesischen Königs, den
neuen Herrn des Orients, zu sehen.
Kaum einer beachtet den schmächtigen, von Not und Entbehrung
gezeichneten Priester, der in seiner geflickten Soutane, ein kleines
Bündel in der Hand, im Schwarm der Reisenden das Fallreep hinabsteigt,
und doch ist Francisco de Yasu y Xavier, einer der ersten Gefährten des
heiligen Ignatius von Loyola, ausgezogen, eine Welt für Christus zu
erobern.
Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit der baskische Edelmann in
Lissabon an Bord der Galione Santiago ging, um als päpstlicher Legat
das Gottesreich im fernen Indien zu befestigen und den Völkern des
Ostens die Frohbotschaft zu verkünden. Eine entsetzliche Fahrt liegt
hinter ihm. Siebenhundert Menschen schifften sich mit ihm ein, der
Gouverneur de Souza mit seinem Beamtenstab, reiche Kaufleute, Soldaten,
afrikanische Sklaven, Abenteurer und Glücksritter, deportierte
Verbrecher, Menschen, die nichts zu verlieren hatten und alles zu
gewinnen hofften.
Zu Hunderten kauerten die Erbarmungswerten, mehr tot als lebendig, auf
dem Deck, von der Hitze gedörrt, halb verhungert, vor Durst
verschmachtend, mit elenden, verfaulenden Lumpen bekleidet. Die
Hungerrationen an gesalzenem Fleisch, getrocknetem Fisch und hartem
Zwieback wimmelten von Maden; das Wasser, das man einmal am Tag den
Reisenden zuteilte, schützte kaum vor dem Verdursten und war so faul
und stinkend, daß man es durch ein Tuch filtrieren mußte, um es
genießen zu können. Während die Vornehmen und Reichen im Zwischendeck
einigermaßen erträglich untergebracht und die Mannschaften in ihren
Verschlägen wie Heringe in einer Tonne zusammengepfercht waren, mußte
das gewöhnliche Volk bei Tag und Nacht an Deck bleiben, versengt von
der Glut der Sonne, jämmerlich frierend in der nächtlichen Kälte, ohne
Schutz gegen die mächtigen Brecher, die das Schiff bei stürmischem
Wetter überspülten, von Ungeziefer zerfressen, von schweren Krankheiten
heimgesucht.
Franz Xaver selbst lernte alle Schrecken dieser Höllenreise kennen.
Monate lang litt er an der Seekrankheit, Fieber loderte in seinen Adern
bei der kochenden Hitze, den Regenschauern in der Todeszone an der
Guineaküste, wo eine Windstille das Schiff vierzig Tage hindurch
gefangen hielt. Aber immer wieder raffte er sich auf, stand den Kranken
und Sterbenden bei, bettelte bei den Wohlhabenden um Brot und Kleider
für die Armen, tröstete die Verzweifelnden, sprach das letzte Gebet
über die Toten, die man in das nasse Grab des Ozeans bettete. Seiner
unermüdlichen Sorge schrieb es der Schiffsarzt zu, daß nur
einundvierzig Menschen auf der entsetzlichen Reise starben.
Noch einmal griff der Tod nach der Galione, als man in fürchterlichem
Unwetter das «Cabo de Todos os Tormentos - das Kap aller Stürme»,
umschiffte, dem die Seefahrer den Namen «Kap der guten Hoffnung» gaben,
als könnte die freundliche Bezeichnung vor den Tücken dieses
gefährlichsten Kaps der Welt schützen.
Im August 1541 ging die Santiago endlich an der Küste der Koralleninsel
Mozambique vor Anker. Im Hospital pflegte Franz die Siechen, wurde aber
selbst bald so krank, daß ihn der Arzt neunmal zur Ader lassen mußte.
Drei Tage war er bewußtlos, wälzte sich auf seinem Lager in wildem
Fieber. Sobald er sich wieder auf den Beinen halten konnte, schleppte
er sich erneut zu den Kranken, trat sogar, immer noch heftig fiebernd,
sein Bett an einen sterbenden Matrosen ab, während er sich selbst auf
das Brett einer alten Geschützlafette niederlegte. Sechs Monate blieb
Franz Xaver auf dieser Koralleninsel, bis er endlich im Februar 1542
mit dem Gouverneur und vielen anderen Reisenden an Bord der «Coulam»
ging, die ihn nach dreimonatiger Fahrt nach Goa brachte.
Der erste Weg führt ihn zur Kathedrale. Mühsam zwängt er sich durch die
Straßen, vorbei an Elefanten und heiligen Kühen, Sänften und Wagen,
Lastenträgern, schwitzenden Negersklaven, Soldaten, Händlern,
Eingeborenen und Portugiesen, bis er endlich durch das Tor der
herrlichen Kirche tritt und demütig sein Knie beugt vor dem
goldfunkelnden Hochaltar.
Den zweiten Besuch macht er dem Bischof Juan de Albuquerque, einem
frommen und seeleneifrigen Franziskaner, zeigt ihm sein
Beglaubigungsschreiben als Apostolischer Legat, erklärt aber, er wolle
sich ihm ganz unterordnen. Bewegt schließt ihn der Oberhirt in die Arme
und sagt: «Ich weiß wohl, Pater, wer Sie sind und wen Seine Heiligkeit
und der König von Portugal geschickt haben. Ich hoffe, Sie werden Gott
viele und gute Dienste leisten.»
Gleich nach seiner Ankunft schreibt Franz Xaver an seine Ordensgenossen
daheim mit heller Begeisterung: «Goa ist ganz von Christen bevölkert.
Wir müssen Gott dem Herrn sehr dankbar sein, daß der Name Christi auf
diesem fernen Boden und unter diesen Massen von Ungläubigen so herrlich
erblüht ist!» Aber bald erkennt er, welches Elend sich hinter dem Glanz
der goldenen Stadt verbirgt.
Ganz in der Nähe der Kathedrale ist der Sklavenmarkt, und tief
erschüttert sieht der Jesuit, wie grausam arme Kaffern und Hindus für
den Judaslohn von dreißig Silberlingen verschachert werden. Dieselben
Herren, die sich am Sonntag in kostbaren Sänften zur Kirche tragen
lassen, behandeln ihre Sklaven schlimmer als das Vieh, zählen an den
Perlen ihres Rosenkranzes die Peitschenhiebe, mit denen sie das
geringste Versehen bestrafen.
Goa, das stolze Rom des Ostens, ist in Wirklichkeit eine Kloake aller
erdenklichen Laster, ein «Pfuhl voll Fäulnis», wie es der
portugiesische Dichter Camoens nennt, der zehn Jahre nach Franz Xaver
als Soldat in die Stadt kommt. Was Wunder, daß bei so himmelschreiendem
Ärgernis das Christentum unter den Eingeborenen, die sich für einen Hut
oder ein Hemd taufen lassen, nur geringe Wurzeln schlägt!
Im Spital, das nach Albuquerque, dem Eroberer von Goa, benannt ist,
nimmt Franz Xaver Wohnung. Sein Lager wählt er auf dem Boden neben dem
Bett eines Schwerkranken, dessen leisestes Stöhnen ihn zu neuer
Hilfeleistung aufweckt. Er besucht die Gefängnisse der Stadt,
schmutzige, stinkende Kerkerlöcher, in denen Sklaven, Hindus und
Galeerensträflinge in unbeschreiblichem Elend zusammengepfercht sind.
Jeden Sonntag wandert er zum Spital des heiligen Lazarus vor den Toren
der Stadt, um unter den Aussätzigen das heilige Opfer zu feiern und
«seinen guten und lieben Freunden», wie er die Leprosen nennt, in ihrer
entsetzlichen Not den Trost der heiligen Religion zu
bringen.
An den Vormittagen zieht er, ein Glöcklein schwingend, durch die
Straßen von Goa, ruft Kinder und Erwachsene, Eingeborene und Schwarze
zum Unterricht in die Kirche. Mit großer Klugheit weiß er die Menschen,
deren Seelen er retten will, für sich zu gewinnen. Mit den Kaufleuten
spricht er von ihren Geschäften, mit den Seeleuten unterhält er sich
über nautische und astronomische Fragen, mit den Offizieren über
militärische Probleme. Ist er bei einem reichen Mann zu Gast, preist er
die Feinheit der vorgesetzten Gerichte, läßt sogar den Koch kommen und
spricht ihm seine Anerkennung aus. Trotz aller Liebenswürdigkeit aber,
die er jedermann erweist, sagt er manch ernstes Wort, das zur Umkehr
des Herzens mahnt.
Selbst in die berüchtigsten Hafenkneipen wagt er sich, setzt sich zu
den Matrosen und schaut ihnen anscheinend mit größtem Interesse beim
Kartenspiel zu. Einem armen Teufel, der dabei seine ganze Habe verloren
hat, steckt er ein paar Geldstücke zu, damit er aufs neue sein Glück
versuche. Auf solche Art gewinnt er das Zutrauen der rauhen Gesellen,
und manch einer, mit dem er zuvor am Wirtshaustisch gesessen, kommt
bald darauf zum Beichtstuhl, um dem leutseligen Pater seine Sünden zu
bekennen. Wo er aber offenbares Unrecht sieht, wo Menschenwürde mit
Füßen getreten wird, spart der sonst so liebenswürdige Mann nicht mit
heftigen Vorwürfen, und als seine Mahnung nur taube Ohren findet,
schreibt er an König Johann III. von Portugal: «Wenn Sie Ihren Beamten
nicht mit Ketten, Kerker und Gütereinziehung drohen und diese Drohung
auch wirklich ausführen, sind all Ihre Befehle zur Förderung des
Christentum in Indien vergebens. Es ist eine Qual, geduldig mitansehen
zu müssen, wie Ihre Kapitäne und sonstigen Beamten die Neubekehrten
mißhandeln.»
Fünf Monate blieb Franz Xaver in Goa; dann schiffte er sich abermals
ein, um den Paravern, den Perlfischern am Kap Komorin, im äußersten
Süden Indiens, die Frohbotschaft zu bringen. Nichts nimmt er mit als
sein Brevier, seine Meßgeräte, einen Sonnenschirm und ein Stück Leder,
um seine Schuhe flicken zu können. In Manaped geht er an Land. Von
einem Dolmetscher begleitet, wandert er in glühender Hitze oder vom
Monsunregen völlig durchnäßt, von Ort zu Ort durch die trostlose
Sandwüste, um in den kümmerlichen Oasen die armen Perlfischer
aufzusuchen, die mit den Holzfällern und Wasserträgern zur letzten
Stufe der Sudra, der niedrigsten Kaste, gehören. Tiefer stehen nur noch
die Parias, die Unberührbaren.
Nur mit einem Messer und einem Netz versehen, tauchen die Hindus zu den
Austernbänken im Golf von Manar, bleiben Minuten unter Wasser, bis sie
endlich mit keuchenden Lungen wieder in ihre Boote klettern. Oft genug
kämpfen sie in der nassen Tiefe mit Haien um ihr Leben; aber auch, wer
den gierigen Räubern entgeht, stirbt meist schon in frühem Alter an den
Folgen eines Lungenleidens. Die portugiesischen
Kaufleute aber, für die sie die kostbaren Schätze des Meeres bergen,
beuten sie so schamlos aus, daß ihnen nur das Allernotwendigste bleibt,
ihr Dasein zu fristen. Ein wenig Reis und Fisch ist ihre kümmerliche
Nahrung.
Diesen armen Menschen verkündet Franz Xaver die Herrlichkeit der
christlichen Religion, weit kostbarer als die schönste Perle, die sie
aus der Tiefe des Meeres holen. Verzweifelt müht er sich, das Tamul,
die Sprache der Eingeborenen, zu erlernen, aber fürs erste ist er auf
die Hilfe des Dolmetschers angewiesen, der ihn oft selbst nicht
versteht, weil er das Portugiesische nur ungenügend beherrscht. Die
Sprache seiner großen apostolischen Liebe aber begreifen die Hindus
bald. Vor allem die Kinder gewinnen ihn lieb und umdrängen ihn oft in
solchen Schwärmen, daß er kaum Zeit findet, in Ruhe sein Brevier zu
beten.
Die Einfalt der Leute bringt ihn oft fast zur Verzweiflung; aber mit
himmlischer Geduld erklärt er ihnen immer wieder die Wahrheiten des
Glaubens, spricht ihnen stets aufs neue die zehn Gebote, das Credo, das
Vaterunser und Ave Maria vor, die er selbst unter tausend Mühen in der
schrecklichen Tamulsprache erlernte, bis sie endlich alles auswendig
wissen. Am gelehrigsten zeigen sich beim Unterricht die Kinder. Laut
singen sie in den Dorfgassen die heiligen Gebete, stoßen, ihren Eifer
zu beweisen, die scheußlichen Götzenbilder um und zertrampeln sie
wütend am Boden.
Sobald Franz Xaver die Eingeborenen genügend unterrichtet glaubt, tauft
er sie und zieht ins nächste Dorf weiter, um dort sein Bekehrungswerk
neu zu beginnen. Viele hundert Kilometer schleppt er sich über den
glühenden Sand, ausgedörrt von der erbarmungslosen Hitze, in Wolken
roten Staubes eingehüllt, der jeden Atemzug zu Qual macht, von giftigen
Fliegen und Moskitos gequält, vor Durst verschmachtend. Kein Baum, kein
Strauch bietet ihm Schutz bei Nacht, wenn er sich, in seinen Mantel
gehüllt, zu kurzem Schlummer niederlegt, immer wieder aufgeschreckt vom
Geheul der Schakale, vom Geraschel riesiger Ratten, vom Gekreisch der
Hundskopfaffen. Im ersten Morgengrauen aber macht er sich wieder auf,
hastet weiter durch den glühenden Sand, durch den roten Staub, der ihm
in die Augen beißt, nur von dem einen großen Wunsch erfüllt, Seelen für
das Reich Gottes zu gewinnen.
Noch schrecklicher sind solche Wanderungen, wenn der Monsunregen das
Land in einen einzigen großen Morast verwandelt und der Fuß bei jedem
Schritt im zähen Schlamm stecken bleibt. Oft findet er kein trockenes
Fleckchen, auf das er sich betten könnte, wenn die Nacht hereinbricht.
Tagelang hat er nicht einen Bissen zu essen, und glücklich kann er sich
schätzen, wenn er in einer schmutzigen Eingeborenenhütte ein wenig Reis
und Fisch erhält.
In den Städten macht er die erste Bekanntschaft mit den Brahmanen, die
in ihren Pagoden Vishnu und zahlreichen anderen Götzen dienen. Beim
ersten Morgengrauen wird vor den Tempeln getrommelt und geblasen, dann
öffnen sich die Tore, man zündet die Lampen an, bereitet das Essen für
die Götzendiener. Nach dem Morgenmahl begibt sich der Oberpriester mit
großem Gefolge in die Hauptkapelle, wo die Gottheit auf ihrem Lager
ruht, zündet das Kampferlicht an, bietet ihr Früchte und Betelnüsse
dar, weckt sie mit höflicher Gebärde aus dem Schlummer und trägt sie
dann in kostbarer Sänfte in den Tempelsaal. Im Schein von Fackeln und
Lampen wird der Götze mit Öl und Sandpaste gesalbt, dann setzt man ihm
Reis, Brot, Curry und Früchte als Opferspeise vor. Immer neue
Prozessionen ziehen tanzend und singend durch das Tempeltor, bringen
dem Gott ihre Opfer dar, bis er endlich seine Abendmahlzeit erhält und
mit Lichtern und Musik zur Ruhe gebettet wird. Erst gegen Mitternacht
werden die Tore geschlossen.
Im großen Tempel der Hafenstadt Tiruchendur disputiert der Missionar
tagelang mit den Brahmanen, läßt sich von ihnen über ihre religiösen
Vorstellungen berichten. Zu seinem Erstaunen findet er unter allerlei
törichten Legenden Spuren uralten Menschheitsglaubens. So erfährt er,
daß Vishnu einst einem frommen Hindu namens Manu eine Sündflut
vorhergesagt und ihm befohlen hatte, eine Arche zu bauen, die er selbst
in Gestalt eines Fisches durch die brausenden Wasser zog, bis sie auf
einem Berg in Kashmir landete.
Ein andermal verwandelt sich der Gott in eine Schildkröte und stützt
mit seinem Rückenpanzer die wankende Erde. Dann wieder kämpft er als
Bär gegen die Dämonen der Finsternis und holt das Wasser aus der Erde.
Mit Hilfe des Affenhäuptlings Hanuman und seiner Herde besiegt Vishnu
die bösen Geister. In jedem indischen Dorf steht das mit Öl und Ocker
beschmierte Bild des heiligen Oberaffen, der Vishnu im Kampf
unterstützt.
Franz Xaver hält die Brahmanen für gerissene Gauner, die das dumme Volk
betrügen, um sich selbst mit den Opfergaben die Bäuche zu füllen. Tief
erschüttert es ihn, als sie ihm auf seine Frage nach den Hauptgeboten
ihrer Religion antworten: «Du darfst keine Rinder töten, weil sich in
ihnen die Gottheit offenbart, und mußt den Hütern der Pagoden eifrig
Almosen geben!» Mit heiligem Eifer erklärt Franz Xaver den kahl
geschorenen Brahmanen, die ihn in ihren weißen Muslingewändern, den
Dreizack ihrer Gottheit auf der Stirn, neugierig umringen, die
Geheimnisse des christlichen Glaubens. Immer wieder unterbrechen sie
ihn, der seine Lehre mühsam in der Tamilsprache vorträgt, mit allerlei
Fragen. Sie wollen wissen, ob der Gott der Christen schwarz oder weiß
sei, ob die Seele mit dem Leibe sterbe, wo sie nach dem Tode
hinausfahre.
Es scheint dem großen Missionar, als befriedigten sie seine Antworten
völlig. Als er sie aber auffordert, sich zu bekehren und taufen zu
lassen, erwidern sie ihm mit entwaffnender Offenheit, das sei
unmöglich, da sie dann ja ihren Lebensunterhalt verlören. Ein Sannyasi,
ein brahmanischer Einsied-ler, der eine berühmte Klosterschule besucht
hat und nicht so ungebildet ist wie die meisten Hindupriester,
berichtet ihm von einer uralten Sanskritschrift, die treffliche Gebote
und herrliche Gebete enthalte. Der Missionar beginnt etwas von der
religiösen Inbrunst indischer Gottsucher zu ahnen, die sich so sehr von
den grotesken Albernheiten des Volkskults unterscheidet. Zum erstenmal
hört er das Wort Bhakti, das ihm der Eremit als die höchste auf Gott
gerichtete Liebe erklärt. Staunend vernimmt er, daß der Mönch an einen
einzigen persönlichen Gott glaubt; dem er in kindlicher Ehrfurcht
dient; um so weniger aber begreift er, daß er diesen Glauben als sein
Geheimnis vor allem Volk verbirgt.
Tief bewegt ihn die religiöse Tiefe alter hinduistischer Loblieder,
«stotras» genannt. Ehrfürchtig lauscht er, als der Alte mit großer
Andacht betet: «Herr, schau zu mir herab! Nichts vermag ich von selbst.
Wo kann ich hin ? Wem kann ich meine Sorge anvertrauen? Manchmal wandte
ich mich von dir und griff nach den Dingen dieser Welt. Du aber bist
der Born des Erbarmens! Wende dein Antlitz nicht von mir! Als ich nach
der Welt trachtete, fehlten mir die Augen des Glaubens, um dich sehen
zu können. Du aber bist der Allesschauende. Ich bin nur eine
Opferspende, vor deine Füße hingeworfen. Schaue zunächst dich selbst an
und entsinne dich deiner Barmherzigkeit und Macht; dann wirf deinen
Blick auf mich und gebiete über deinen Sklaven und Leibeigenen! Denn
der Name des Herrn ist eine sichere Zuflucht. Wer ihn ergreift, ist
gerettet. Herr, deine Wege erquicken mein Herz. O Gott des Erbarmens,
tu mit mir nach deinem Willen! - Om cirii naraina noma! - Ich bete dich
immerfort an, o Gott, mit deiner Gnade und
Hilfe!»
«Ein Christ könnte nicht besser beten», sagt Franz Xaver ergriffen. «So
sprich auch zu mir von deinem Glauben!» bittet der Sannyasi. «Ich
verspreche dir, deine Lehre als ein heiliges Geheimnis zu bewahren, so
wie ich mein Wissen um das eine große Geistwesen vor den Götzenanbetern
verbarg.» «Nein, nein», erwidert der Missionar, «das Licht der
Wahrheit darf nicht unter dem Scheffel stehen, hat doch der Herr seine
Jünger beauftragt, das, was er ihnen im Geheimen anvertraute, von den
Dächern zu verkünden.» Dann erklärt er ihm das Glaubensbekenntnis und
die zehn Gebote, spricht ihm langsam und feierlich das Vaterunser vor,
das der Eremit tief ergriffen anhört und Wort für Wort auf ein Papier
schreibt.
«Deine Lehre enthält große Weisheit, und dein Gebet ist über die Maßen
schön», sagt der Einsiedler, als Franz Xaver geendet hat. «Sehnlichst
wünsche ich, tiefer in die Mysterien deiner erhabenen Religion
eingeführt zu werden.»
An den folgenden Tagen setzt der Jesuit seinen Unterricht fort, und
schließlich bittet der Sannyasi um die Taufe. Als er aber seinen Wunsch
mit der Bedingung verbindet, sein Übertritt zum Christentum müsse ein
strenges Geheimnis bleiben, weigert sich Franz Xaver, seinem Verlangen
nachzukommen.
«Ich werde dich erst taufen, wenn du mir versprichst, deinen Glauben
öffentlich zu bekennen. Auch bitte ich dich von ganzem Herzen, deine
armen, unwissenden Landsleute zu dem einzigen Gott, dem du dienst,
beten zu lehren.» «Nie werde ich solches tun», schüttelt der Alte den
Kopf. «Der Glaube, den ich im Kloster Vyasaraya erlernte, ist nur für
die Erleuchteten und nicht für das gewöhnliche Volk bestimmt. Ein
heiliger Eid schließt meine Lippen.» Traurig scheidet Franz Xaver von
dem Einsiedler; doch nimmt er die Hoffnung mit, Gott möge dem weisen
Mann eines Tages die Gnade voller Bekehrung schenken.
Länger als ein Jahr trägt Franz Xaver ganz allein die Last des
Apostolates unter den armen Perlfischern; aber immer dringender braucht
er Helfer für sein riesiges Missionsgebiet. So reist er, von ein paar
Paraverbuben begleitet, die er im Seminar unterbringen will, nach Goa
und bittet den Bischof um Mitarbeiter. Sein Ordensgenosse Francisco
Mansilhas, ein spanischer und ein indischer Weltpriester und ein
verarmter portugiesischer Adeliger wagen mit ihm die Fahrt zum Kap
Komorin. Einige der tüchtigsten und eifrigsten Paraver erzieht er
überdies zu Katechisten, die ihre Landsleute in den bekehrten Dörfern
weiter unterrichten und taufen und überdies den neuen Missionaren als
Dolmetscher dienen sollen. So vervielfacht sich sein großes Werk, und
schon entstehen im ganzen Küstenstrich blühende Gemeinden, als die
jungen Christen ihre erste furchtbare Feuerprobe zu bestehen haben.
Die Badagas, ein räuberisches Volk aus dem Norden, reiten auf ihren
schnellen Araberpferden ins Land der Paraver, überfallen die armen
Perlfischer, die sie als Christen für Parteigänger der verhaßten
Portugiesen ansehen, brennen ihre Dörfer nieder, hauen die Einwohner
zusammen und schleppen Hunderte als Gefangene mit sich fort. Wer sich
vor den wilden Reitern retten kann, flüchtet auf die benachbarten
Felseninseln, wo er jedoch entsetzliche Not leidet und vor Hunger und
Durst schier verschmachtet.
Von Manapad aus kommt Franz Xaver den Flüchtlingen zu Hilfe und bringt
ihnen bei stürmischer Nacht auf zwanzig Barken die notwendigsten
Lebensmittel. Immer wieder wandert er von Ort'zu Ort, 'sammelt Nahrung
und Kleidung für seine bedrängten Kinder, wagt sich aufs neue in
schwankendem Boot auf die von den wilden Monsunwinden aufgewühlte See,
den Geängstigten beizustehen. Er geht sogar ins Lager der höllischen
Reiter, hält ihnen mit ernsten Worten ihre Freveltaten vor und bewegt
sie schließlich zum Abzug.
Trotz aller Bedrängnis denkt der heilige Gottesstürmer an neue
Eroberungen. Einen indischen Diakon schickt er nach Ceylon, um den
Kareas, einer niedrigen Fischerkaste, die Frohbotschaft zu verkünden.
In kurzer Zeit bekehrt der Sendbote auf der Insel Manar mehr als
tausend Hindus. Aber auch hier folgt die Feuertaufe nur zu bald der
Wassertaufe. Der Radscha Sankily von Jaffna über-fällt, von den
Hindupriestern aufgehetzt, mit fünftausend Reitern die Neubekehrten,
metzelt sie, da sie sich standhaft weigern, ihrem Glauben abzuschwören,
mit brutaler Grausamkeit nieder, ohne selbst Kinder und Säuglinge zu
schonen. Nur wenige entkommen dem Morden über die Adamsbrücke nach
Indien.
Tief erschüttert erfährt Franz Xaver von dem grausigen Blutbad; aber
zugleich erfüllt ihn die Treue der jungen Christen mit heiliger
Bewunderung. Er selbst setzt in jener drangvollen Zeit seine
apostolischen Wanderungen in Südindien fort, schleppt sich im
hundertfach geflickten Talar, dem ärmsten Bettler gleich, durch die
Durststeppen und Sanddünen, durch Dschungel und Urwald um das Kap
herum, der Westküste entlang, verkündet das Evangelium den Parias, den
von allen verachteten und ausgestoßenen Unberührbaren, die in
unglaublichem Elend in ihren Einöden hausen, und auch hier bekehrt er
Tausende zur milden Religion des Christentums, die keinen Unterschied
zwischen den Menschen höherer und niederer Kasten kennt.
Dann treibt es ihn weiter nach Osten. Nach stürmischer Seefahrt
erreicht er im September 1545 die Hafenstadt Malakka, wo er dem
Völkergemisch aus Portugiesen, Malaien, Chinesen, Birmanen und
Äthiopiern predigt. Wieder schwingt der schmächtige, von Rheumatismus
und Fieber gequälte, von den Strapazen der entbehrungsvollen Reise
ausgezehrte Jesuit sein Glöcklein in den Straßen, ruft Kinder und
Erwachsene, Heiden, Christen und Mohammedaner zum Unterricht in die
Kirche, führt einen erbitterten Kampf gegen die tausend Laster der
großen Hafenstadt, ringt um jede einzelne Seele mit unbeschreiblicher
Zähigkeit und Geduld.
Aber weiter drängt es den rastlosen Missionar. Am Neujahrstag 1546 geht
er an Bord einer malaischen Prau, segelt durch die Sundasee zu den
Molukken, den Gewürzinseln am Rand des Pazifiks, landet im Februar in
Amboina, wo es schon ein paar christliche Dörfer gibt, die aber seit
langem des Seelsorgers entbehren.
Im Höllenbrand des Äquators zieht er von Ort zu Ort, befestigt die
Christen im Glauben, verkündet Heiden und Mohammedanern das Evangelium,
wagt sich schließlich selbst zu den berüchtigten Kopfjägern und
Menschenfressern auf die Moro-Inseln, obschon ihn seine Freunde unter
Tränen beschwören, auf die gefährliche Reise in ein Land zu verzichten,
wo eine Familie der anderen den alten Vater zum Festmahl gibt. Nicht
einmal das Serum, das man ihm zum Schutz gegen die Giftpfeile der
Wilden aufdrängen will, nimmt er an, setzt er doch alle Hoffnung allein
auf Gott, in dessen Vaterhand er sich geborgen weiß. Als man ihm ein
Schiff für die Überfahrt verweigert, erklärt er: «So werde ich eben
hinüberschwimmen.»
Auf einem Ruderboot erreicht er endlich das ersehnte Ziel. Drei Monate
bleibt er auf den berüchtigten Inseln, wandert mit blutenden Füßen über
die heiße vulkanische Erde, durch Dschungel und Urwald, von Fieber und
schmerzlichem Gliederreißen gequält, von Moskitos, Termiten, giftigen
Spinnen und Skorpionen gepeinigt, von wilden Tieren und den Giftpfeilen
der Eingeborenen bedroht.
Aber gerade auf diesen todbringenden Inseln erzielt er eine reiche
Ernte. Wieder werden die Kinder, die er mit zauberhafter Gewalt an sich
zieht, seine besten Helfer. Durch sie lernen auch die Erwachsenen die
gereimten malaischen Katechismusverse und Gebete, die er mit
unsäglicher Mühe schon in Malakka verfaßt hat, und bald singen die
Arbeiter auf den Reisfeldern, die Fischer in ihren Kähnen mit lauter
Stimme das Credo, die Gebote, die Werke der Barmherzigkeit, das
Vaterunser, das Ave Maria und viele andere Gebete. Nirgendwo findet
Franz Xaver solchen Trost wie auf jenen berüchtigten Inseln, denen er
den Namen gibt: «Inseln der Hoffnung auf Gott».
Die Sorge um seine Neupflanzungen, die Sehnsucht nach seinen armen
Perlfischern und Parias treiben ihn 1547 nach Indien zurück. In seiner
Begleitung reist ein gelbhäutiger, schlitzäugiger Japaner namens
Yajiro, den er in Malakka kennengelernt hat. Der junge Mann hatte in
seiner Heimat einen Mord begangen und flüchtete auf ein portugiesisches
Schiff, das ihn nach Malakka brachte. Von Gewissensqualen und bitterer
Reue gepeinigt, klagte er dem großen Missionar seine Not, ließ sich von
ihm in der christlichen Religion unterweisen, die auch der größten
Schuld Vergebung verheißt, und nahm schließlich die Taufe an unter dem
Namen «Paul vom heiligen Glauben». Von ihm hört Franz Xaver zum
erstenmal von dem großen Inselreich im Osten, dem Land der aufgehenden
Sonne, und sogleich erfaßt den rastlosen Gottesstürmer das glühende
Verlangen, auch in jener fernen Welt die Frohbotschaft zu verkünden.
Mit Hilfe des Japaners macht er sich unverzüglich an das Studium der
japanischen Sprache, und ungeduldig wartet er auf eine Gelegenheit zur
Überfahrt in den Fernen Osten.
Zwei Jahre noch bleibt er jedoch in Indien, befestigt die jungen
Christen im Glauben, zieht auf endlosen Wegen mehr als tausend
Kilometer die West- und Ostküste entlang, ermutigt seine Mitbrüder in
ihrer apostolischen Arbeit und geht schließlich am 24. Juni 1549 an
Bord einer chinesischen Dschunke, die ihn nach abenteuerlicher Fahrt,
ständig von Stürmen, Felsriffen und Piraten bedroht, sieben Wochen
später in Kagoshima, der Heimat des Japaners «Paul vom heiligen
Glauben» an Land bringt. Das Ziel seiner Sehnsucht ist erreicht.
(aus: Hünermann, Wilhelm: "Geschichte der Weltmission" 2. Bd., Luzern/München 1960, S. 29 ff.) |