56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. ZWEI PREDIGTEN ÜBER DAS LEIDEN DES HERRN
2. Über die Familie
3. Kurze Antwort auf eine Anfrage zum Sedisvakanzproblem
4. Den Zwang beenden
5. Über die Geheimnisse des Lebens Jesu Christi
6. Der heilige Anselm von Canterbury
7. Ein Held der Caritas
8. Die Ikone
9. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
10. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
ZWEI PREDIGTEN ÜBER DAS LEIDEN DES HERRN
 
ZWEI PREDIGTEN ÜBER DAS LEIDEN DES HERRN
- Sermo LII und LIII -


vom
hl. Leo d.Gr., Papst von 440-461

Geliebteste! 1)

1. Das Geheimnis des Leidens, das unser Herr Jesus, der Sohn Gottes, für die Erlösung der Menschheit auf sich nahm und durch welches er seinem Versprechen gemäß, nachdem er erhöht war, alles an sich zog, ist uns im Evangelium so ausführlich und anschaulich erzählt, daß die verlesenen Worte auf fromme und gottesfürchtige Hörer denselben Eindruck machen, als ob sie den Hergang mit eigenen Augen gesehen hätten. Da nun die Darstellung der Heiligen Schrift unbestreitbare Glaubwürdigkeit besitzt, so müssen wir mit Hilfe des Herrn darnach streben, auch mit unserem Geiste klar zu erfassen, womit uns die Geschichte bekannt gemacht hat. Denn seit jenem ersten und allgemeinen Sündenfalle, demzufolge "durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod, und so der Tod auf alle Menschen überging weil alle in jenem gesündigt haben" (Röm. 5,12), könnte niemand der schrecklichen Herrschaft des Satans entgehen und niemand die Bande seiner grausamen Gefangenschaft von sich streifen, könnte keiner mehr den Weg zur Verzeihung finden oder den Pfad, der ihn zum Leben zurückführt, wenn sich nicht der mit seinem göttlichen Vater gleich ewige und wesensgleiche Sohn Gottes dazu herabließe, auch des "Menschen Sohn" zu sein, wenn er nicht käme, "zu suchen und selig zu machen, was verloren war." (Luc. 19, 10) So sollte also durch unseren Herrn Jesus Christus die "Auferstehung" von den Toten kommen, wie durch Adam der "Tod" gekommen war. Wenn nun auch nach dem unerforschlichen Ratschluß der göttlichen Weisheit erst in jüngstvergangenen Tagen, "das Wort Fleisch geworden ist" (Joh. 1, 14), so war doch die Geburt der uns das Heil bescherenden Jungfrau nicht bloß für die Geschlechter der letzten Zeit von Nutzen. Nein, auch den früheren Jahrhunderten gereichte sie zum Segen. Die Gesamtheit derer, die im Altertum den wahren Gott verehrten, die ganze Schar der Heiligen verflossener Zeiten, sie alle lebten vielmehr in diesem Glauben und fanden durch ihn Gottes Wohlgefallen. Nur die Erlösung unseres Herrn Jesus Christus brachte den Patriarchen und Propheten und allen sonstigen Frommen Rettung und Rechtfertigung. Der erwarteten durch zahlreiche Weissagungen und Vorbilder verheißenen Erlösung entsprach also auch ihre gnadenreiche Verwirklichung.  

2. So wollen wir uns denn, Geliebteste, die schwache menschliche Natur des Herrn auf seinem ganzen Leidenswege nicht etwa so vorstellen, daß wir glauben, es habe ihr göttliche Macht gefehlt. Andererseits aber wollen wir uns die Natur (formam) des eingebornen Sohnes Gottes, der ebenso ewig wie der Vater ist und die gleiche Wesenheit wie dieser selbst besitzt, auch nicht so denken, daß wir für Schein halten, was uns der Gottheit unwürdig dünkt. Um es kurz zu sagen: Beide Naturen gehören zu dem einen Christus. In ihm ist weder das "Wort" vom Menschen geschieden, noch der Mensch vom "Worte". Und da seine Hoheit unangetastet blieb, verschmähte er auch nicht unsere Niedrigkeit. Nicht den geringsten Schaden brachte es der "leidensunfähigen" Natur, daß sie sich mit der "leidensfähigen" vereinen mußte. Das ganze Erlösungsgeheimnis, an dessen Verwirklichung Gottheit und Menschheit zugleich Anteil haben, ward ersonnen von der Barmherzigkeit und vollendet von der Liebe. Denn solche Fesseln hielten uns gefangen, daß wir nur durch solche Hilfe befreit werden konnten. So ist also die Erniedrigung der Gottheit unsere Erhöhung.

So groß mußte der Preis sein, damit wir erlöst würden, so groß das Opfer, damit wir gesundeten. Wie könnte denn die Sünde den Weg zur Gerechtigkeit und Erdennot den Pfad zum Glücke wiederfinden, wenn nicht der Gerechte zu den Ungerechten und der Selige zu den Unseligen herniederstiege?

3. Darum dürfen wir uns auch nicht, Geliebteste, des Kreuzes Christi schämen, das er auf Grund göttlichen Ratschlusses, nicht aber wegen einer persönlichen Schuld auf sich nahm. Obgleich nämlich der Herr Jesus unserer schwachen Natur nach wirklich gelitten hat und auch wirklich gestorben ist, so entsagte er doch nicht in dem Grade seiner Herrlichkeit, daß er während seines an Beschimpfungen so reichen Leidens von seinem göttlichen Wirken gar keinen Gebrauch gemacht hätte. Versetzen wir uns in den Garten Gethsemani! Der gottlose Judas warf da das Schafskleid ab und zeigte jetzt seine wilde Wolfsnatur, indem er sein furchtbares Verbrechen unter dem Schein des Friedens begann und mit einem Kusse, der grausamer war als jede Waffe, das Zeichen gab, das Christus verraten sollte. Ein wütender Volkshaufen, der sich der Abteilung bewaffneter Soldaten angeschlos-sen hatte, um den Herrn gefangenzunehmen, vermochte bei seiner Verblendung trotz aller Fackeln und Laternen das "wahre Licht" (Joh. 1,9) nicht zu erkennen. Da fragte der Herr, der nach dem Zeugnisse des Evangelisten Johannes die tobende Menge lieber erwarten als vor ihr fliehen wollte, ohne noch entdeckt zu sein, wen sie suchten. Und als jene antworteten: "Jesus", fuhr er fort: "Ich bin es" (Joh. 18,4) Und dieses Wort traf die aus den rohesten Gesellen zusammengewürfelte Rotte wie ein vernichtender Blitzstrahl, so daß der ganze unbändige, wilde und Furcht einflößende Haufe zurückwich und zu Boden stürzte. Was half da alle Verschwörung seiner grausamen Feinde, was all die Wut seiner erbitterten Gegner, was das Aufgebot bewaffneter Knechte? Der Herr spricht: "Ich bin es" (Joh. 18,4), und die ganze Horde der Gottlosen stürzt auf dieses Wort hin zu Boden. Wie gewaltig muß da erst seine Macht sein, wenn er in Glanz und Herrlichkeit kommen wird, um zu richten, da er schon als armseliger Mensch, der gerichtet werden sollte, so Großes vermocht hat!                         

4. Da jedoch der Herr wußte, was für die Durchführung des übernommenen Erlösungsgeheimnisses geeigneter war, so beharrte er nicht darauf, seine Macht noch weiter fühlen zu lassen. Er gestattete vielmehr seinen Feinden, ihre frevelhafte Absicht zu verwirklichen; denn nie und nimmer würden sie es vermocht haben, ihn festhalten zu lassen. Allein wer könnte gerettet werden, wenn Christus seine Gefangennahme verhindert hätte? Denn auch der heilige Petrus, der dem Herrn mit allzu leidenschaftlicher Ergebenheit anhing und aus glühender und heiliger Liebe zu seinem Meister gegen die gewaltsam vorgehenden Verfolger erbittert war, erhob sein Schwert gegen einen Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab, als dieser zu ungestüm vordrang. Allein Jesus duldet es nicht länger, daß der eifernde Apostel in seiner frommen Erregung noch weiter geht. Er befiehlt ihm, das Schwert in die Scheide zu stecken, und läßt es nicht zu, daß man ihn mit bewaffneter Hand gegen die Gottlosen verteidigt. Stünde es doch im Widerspruche mit dem geheimen Plane unserer Erlösung, wenn sich der nicht ergreifen lassen wollte, der gekommen war, um für alle zu sterben. Auch sollte der Triumph des siegreichen Kreuzes nicht hinausgeschoben werden, weil sonst die Herrschaft des Satans noch länger angehalten und die Knechtschaft der Menschen noch länger gedauert hätte. So erlaubt also der Herr seinen Feinden, ihre Wut an ihm zu kühlen. Aber dennoch verschmäht er es nicht, auch solchen Menschen seine göttliche Natur zu offenbaren. Fügt ja die Hand Christi dem entstellten Haupte das Ohr wieder an, das infolge der Lostrennung bereits abgestorben war und sich mit dem lebenden Körper nicht mehr hätte verbinden lassen. So gibt er dem die richtige Gestalt zurück, was er selbst einst gestaltet hatte. Und augenblicklich gehorcht das Fleisch dem Befehle seines Schöpfers.

5. Diese beiden Taten sind also ein Ausfluß göttlicher Kraft. Wenn aber der Herr seine Macht und Majestät zurückhält und seinen Verfolgern Gewalt über sich gibt, so geschieht dies nach jenem Willen, durch den er uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat. An der Ausführung dieses Willens ist aber auch der Vater beteiligt, "der seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle geopfert hat". Verfolgen doch Vater und Sohn, entsprechend ihrer gleichen göttlichen Natur, auch die gleichen Ziele. Daß diese aber verwirklicht wurden, dafür schulden wir euch, o Juden, und dir, o Judas, nicht den geringsten Dank, wenngleich euere Gottlosigkeit - freilich ohne daß ihr es wolltet - unserer Erlösung diente und durch euch vollendet wurde, "was Gottes Hand und Ratschluß festgesetzt hatten". Darum bringt uns der Tod Christi Befreiung, während er gegen euch als Kläger auftritt. Und mit Recht habt ihr allein an dem keinen Anteil, was ihr allen rauben wolltet. Dennoch ist unser Heiland so gütig, daß auch ihr Verzeihung finden könnt, wenn ihr nur an Christus als an den Sohn Gottes glaubt und euch dadurch von der Bosheit derer lossagt, die ihren Vater mordeten. Nicht umsonst betete der Herr am Kreuze: "Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun". Selbst dir, o Judas, wäre diese Gnade nicht vorenthalten worden, hättest du zu jener Buße deine Zuflucht genommen, die dir den Weg zu Christus zeigte, statt zu der, die dich dazu aufstachelte, zum Strick zu greifen. In deinen Worten: "Ich habe gesündigt, weil ich unschuldiges Blut verriet," zeigte sich, daß du noch immer in deinem schändlichen Unglauben verharrtest. So hieltest du selbst noch in deinen letzten Todesnöten Jesu nur für einen Menschen, wie wir sind, nicht aber für Gott und Gottes Sohn. Und doch hättest du dir seine Erbarmung erflehen können, wärest du nicht zum Leugner seiner Allmacht geworden.

Mit diesen Worten, denen ihr, Geliebteste, voll Andacht gelauscht habt, soll es für heute genug sein, damit euch nicht bei längeren Ausführungen Ermüdung beschleicht. Was aber an Vollständigkeit fehlt, das versprechen wir, euch am Mittwoch mit Hilfe des Herrn vorzutragen. Denn er, der uns diese Predigt eingab, wird uns sicherlich auch ihre Fortsetzung finden lassen. Durch unseren Herrn Jesus Christus, dem Ehre und Herrlichkeit eigen ist in Ewigkeit. Amen.

(Fortsetzung und Schluß der vorausgehenden Rede)

1. Um unser Wort einzulösen, wollen wir euch mit dem Beistande des Herrn die versprochene Fortsetzung unserer Predigt über sein Leiden und Sterben geben. Sicherlich werdet ihr mich dabei durch euere Gebete unterstützen; denn euch allen frommt es, wenn ihr an mir einen treubesorgten Hirten habt .Stellen wir doch die ganze uns verliehene Kraft in den Dienst eurer Erbauung. - Der Erlöser der Welt war also durch den verruchten und verabscheuungswürdigen Handel des Judas seinen Verfolgern, den Juden, ausgeliefert worden. Unter gotteslästerlichen Hohnreden hatte man ihn, die verkörperte Sanftmut, zur Richtstätte geführt. Und dann kreuzigte man mit ihm zwei Räuber, indem auf beiden Seiten Schandpfähle errichtet wurden. Von diesen Räubern wird plötzlich der eine zum Bekenner Christi, obwohl er bis zu diesem Augenblick seinem Genossen in allem glich, und er ein Wegelagerer und gewohnheitsmäßiger Mörder war und die Strafe des Kreuzes wohl verdiente. Mitten unter den furchtbarsten körperlichen und seelischen Qualen, die durch des Todes Pein und Nähe noch gesteigert wurden, rief er, durch ein Wunder bekehrt und umgewandelt: "Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst." Auf wessen Mahnungen ist ein solcher Glaube zurückzuführen? Wer hat ihn gelehrt, welcher Prediger ihn entzündet? Jener Räuber hatte nicht die früher gewirkten Wunder gesehen, auch wurden jetzt keine Kranken mehr geheilt, keine Blinden mehr sehend gemacht und keine Toten mehr zum Leben auferweckt. Auch gehörte noch der Zukunft an, was bald geschehen sollte. Und doch bekennt er den als Herrn und König, den er die gleiche Strafe erleiden sieht. Diese Gnade ging eben von dem aus, der auf jenen Glauben auch die Antwort gab; denn Jesus sprach zu ihm: "Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein". Eine solche Verheißung übersteigt das Vermögen eines bloßen Menschen. Aus ihr spricht nicht so sehr der Gekreuzigte als vielmehr jener, der in Macht und Herrlichkeit thront. Von jenem hohen Throne aus, auf dem der Schuldbrief des Menschen getilgt wird, erhält auch der Glaube (des Schächers) seinen Lohn. Ist ja die göttliche Natur des Herrn nicht von der knechtischen geschieden, indem selbst inmitten der Todesqualen sowohl die "unverletzbare Gottheit" als auch der "leidensfähige Mensch" Eigenart und Einheit wahrten.

2. Um unser Hoffen (auf Erlösung) zu betsätigen, kam noch das Zeugnis der ganzen Schöpfung hinzu. Als nämlich Christus seinen Geist aufgab, erbebten alle Elemente Und da die Sonne ihren Glanz verdunkelte, so hüllte sich zu ungewöhnlicher Stunde der Tag in Finsternis. Die durch gewaltige Erschütterungen wankend gewordene Erde verlor ihre Festigkeit, und das harte Felsgestein barst und spaltete sich. Im Tempel zerriß der Vorhang, der nicht länger mehr die Geheimnisse des Alten Bundes verbergen sollte. Die Gräber öffneten sich, und viele Heilige, die gestorben waren, kehrten zum Leben zurück, um dadurch im voraus den Glauben an die Auferstehung zu festigen. Himmel und Erde gaben also gegen euch, ihr Juden, ihr Verdammungsurteil ab. Die Sonne versagte euch ihren Dienst und entzog euch ihr Licht. Alle Elemente sagten sich von euch los. Indem also die (sonst so) willfährige Schöpfung von ihren Gesetzen abwich, gab sie euch eure Verirrung und Verblendung deutlich zu erkennen. Und da ihr schriet: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder", so ist euch mit Recht dadurch vergolten worden, daß die Gesamtheit der gläubigen Heiden erhielt, was der gottlose Teil eueres Volkes verscherzt hat.

3.  Gerade wir, für die, Geliebteste, unser gekreuzigter Herr Jesus weder ein "Ärgernis" noch eine "Torheit", sondern "Gottes Kraft" und "Gottes Weisheit" ist, gerade wir, so sage ich, die wir als "geistiger Samen Abrahams" nicht Kinder eines in Knechtschaft schmachtenden Geschlechtes, sondern Kinder eines wiedergeborenen, zur Freiheit geführten Volkes sind, die "eine starke Hand und ein ausgestreckter Arm" aus dem Lande der ägyptischen Gewaltherrschaft geleitete, und  für die sich Christus, das wahre und unbefleckte Lamm, zum Opfer brachte, gerade wir sollen also das wunderbare Geheimnis des uns die Erlösung bringenden Osterfestes freudig begrüßen und uns erneuern, indem wir den zum Vorbild nehmen, der unsere gebrechliche Natur zur seinigen machte! Erheben wir uns zu dem, der seine Herrlichkeit in unserem armseligen aus Staub gebildeten Menschen verkörperte. Und damit wir würdig werden an seiner Auferstehung teilzunehmen, so wollen wir gleich ihm in allem Geduld und Demut üben. Haben wir doch zur Fahne eines gewaltigen Kriegsherrn geschworen und die Verpflichtungen eines schweren Dienstes auf uns genommen. Wer Christus nachfolgen will, der darf nicht vom Wege seines Königs abweichen. Und wer nach der Ewigkeit trachtet, für den geziemt es sich nicht, am Irdischen zu hängen. Und weil das kostbare Blut Christi unser Kaufpreis ist, so laßt uns Gott verherrlichen und ihn in unserem Leibe tragen, damit wir es verdienen, zu dem einzugehen, was der Gläubigen harrt! Durch unseren Herrn Jesus Christus, dem Ehre und Herrlichkeit eigen ist, in Ewigkeit.  Amen.

Anmerkung:
1) Die (neunzehn) Passionspredigten wurden insgesamt am Palmsonntag, am Karmittwoch oder am Karfreitag gehalten, wahrscheinlich in den Jahren 441-449.
 
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