Da die Gesamtheit des
Menschengeschlechts in den Stammeltern zu Fall gekommen war, wollte der
barmherzige Gott dem nach seinem Ebenbild geschaffenen Geschöpfe durch
seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus zu Hilfe kommen. Diese
Erneuerung unserer Natur sollte mit unserem Wesen in Zusammenhang
stehen! Außerdem sollte uns diese zweite Erschaffung mit noch größeren
Vorzügen ausstatten, als sie uns durch die eigentliche zuteil geworden
waren. Glücklich wäre gewesen, was Gott gebildet hatte, wäre es nicht
von Ihm abgefallen. Aber noch glücklicher ist das, was Gott erneuert
hat, wenn es in ihm verbleibt. Etwas Großes war es, von Christus die
Ebenbildlichkeit empfangen zu haben, aber mehr noch ist es, mit
Christus gleichen Wesens zu sein. Hat doch Der unsere Natur zu seiner
eigenen gemacht, der das Maß seiner Gaben ganz nach Belieben verteilt
und nie dem Wandel der Veränderlichkeit unterworfen ist, der weder
unser Wesen in seinem, noch sein Wesen in unserem aufgehen lassen
wollte. Er hat unsere Natur zu seiner eigenen gemacht, der Gottheit und
Menschheit so in einer Person miteinander vereinte, daß Schwachheit und
Kraft verteilt waren, und weder das Fleisch durch die Gottheit
unverletzbar werden konnte, noch die Gottheit durch das Fleisch
leidensfähig. Er hat unsere Natur zu der seinen gemacht, der als
Sprößling unseres Geschlechts zwar die Art des gemeinsamen Stammes treu
bewahrte, aber die Befleckung der auf alle Menschen übergehenden
Erbsünde von sich ausschloß. Schwachheit und Sterblichkeit, die nicht
selbst Sünde, sondern nur Strafen für die Sünde waren, hat der Erlöser
der Welt auf sich genommen, um den Tod erleiden zu können und sie in
den Dienst der Sühne zu stellen. Was also bei allen anderen Menschen
eine Vererbung des Fluches war, das ist bei Christus eine
geheimnisvolle Wirkung seiner Liebe: Frei von Schuld bot er sich dem
grausamsten aller Gläubiger dar. ) Er duldete es, daß die dem Satan
diestbaren Hände der Juden sein unbefleckt empfangenes Fleisch ans
Kreuz schlugen. Gerade deshalb aber wollte es, daß sein Leib bis zu
seiner Auterstehung sterblich sein sollte, damit für jene, die an ihn
glauben, weder eine Verfolgung unüberwindlich, noch der Tod schrecklich
wäre. Sollten sie doch ebensowenig zweifeln an der Gemeinschaft der
Herrlichkeit, wie sie nicht zweiIeln sollten an der Gemeinschaft der
Natur!
Wenn wir also, Geliebteste, das, was wir mit dem Munde bekennen, auch
in unserem Herzen unwandelbar festhalten, dann nehmen wir teil am
Krenze, am Tode und am Begräbnis Christi, dann auch an seiner
Auferstehung am dritten Tage. In diesem Sinne sagt der Apostel: "Wenn
ihr auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus zur
Rechten Gottes thront! Auf das, was oben ist, richtet euere Gedanken,
nicht auf das, was auf Erden ist! Denn ihr seid gestorben, und euer
Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer
Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr mit ihm erscheinen in
Herrlichkeit." ) Damit aber die Gläubigen erkennen, wie es ihnen
möglich ist, alle irdische Lust zu meiden und sich zu himmlicher
Weisheit emporzuschwingen, verheißt uns der Herr seinen Beistand mit
den Worten: "Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!"
) Nicht ohne Grund hatte der Heilige Geist durch den Mund des Isaias
gesprochen: "Siehe, die Jungfrau wird empfalgen und einen Sohn gebären,
und man wird ihm den Namen Emanuel geben, was verdolmetscht heißt: Gott
mit uns!" ) So erfüllt also Jesus ganz, was sein Name sagt. Er, der in
den Himmel aufgefahren ist verläßt die nicht, die er an Kindes Statt
aufgenommen hat. Und obwohl er zur Rechten des Vaters sitzt, ist er
doch auch bei allen, die zu seinem Leibe gehören. Von oben herab stärkt
uns der zur Geduld, der uns nach oben zur Herrlichkeit einladet.
Darum sollen wir auch nicht inmitten dieser eitlen Welt zu eitlen Toren
werden oder, wenn uns ein Unglück trifft, verzagen; denn auf der einen
Seite umschmeichelt uns trügerische Lust und auf der anderen erhebt
sich immer drohender Mühe und Sorge! Nein, "da die Erde voll der Huld
des Herrn ist", ) steht uns überall Christus mit seinem Siege zur
Seite. So erfüllen sich seine Worte: "Seid getrost: Ich habe die Welt
überwunden! ) Mögen wir also zu kämpfen haben gegen die
Liebedienerei der Welt oder gegen die Begierden unseres Fleisches oder
gegen die spitzen Pfeile der Irrgläubigen, immer sei das Kreuz des
Herrn unsere Waff! Wenn wir "den Sauerteig der alten Bosheit" )
von uns fernhalten, dann feiern wir beständig Ostern. Inmitten aller
Wechselfälle dieses Lebens, die so reich an den verschiedensten Leiden
sind, müssen wir uns die Mahnung des Apostels vor Augen halten, der uns
mit den Worten unterweist: "Die Gesinnung sollt ihr haben, die auch
Christus Jesus hatte, der es, da er in Gottes Gestalt war, nicht für
einen Raub hielt? Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte,
indem er Knechtsgestalt annahm und so den Menschen gleich wurde und im
Äußeren als Mensch befunden ward. Erniedrigt hat er sich selbst, indem
er gehorsam war bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Darum hat ihn
auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen
steht, damit in Namen Jesu die Knie aller sich beugen im Himmel, auf
Erden und unter der Erde, damit jede Zunge bekenne, daß der Herr Jesus
Christus in der Herrlichkeit Gottes, des Vaters, ist." ) Das heißt:
Wenn ihr das Geheimnis der großen Liebe des Herrn richtig erfaßt und
euch vergegenwärtigt, was der eingeborene Sohn Gottes für die Erlösung
der Menschen getan hat, dann müßt ihr dieselbe Gesinnung haben, von der
Christus Jesus erfüllt war, dessen Erniedrigung kein Reicher verachten
und kein Vornehmer geringschätzen darf. Vermag sich doch keines
Menschen Glück zu solcher Höhe zu erhoben, daß er etwas Beschämendes
darin erblicken dürfte, daß es Gott, der stets Gott blieb, nicht unter
seiner Würde hielt, zum Knechte zu werden.
Nehmt euch die Taten des Herrn zum Vorbild! Liebet, was er geliebt hat,
und ihr werdet Gottes Gnade in euch finden! Sehet in ihm voll Freude
euere eigene Natur! Christus wurde arm, ohne seinen Reichtum
einzubüßen. Er erniedrigte sich, ohne seine Herrlichkeit zu verringern,
und erlitt den Tod, ohne seine Ewigkeit zu verlieren. Auch ihr müßt
darum auf denselben Pfaden wandeln und in dieselben Fußstapfen treten,
auch ihr müßt das Irdische verachten, um des Himmelreiches teilhaftig
zu werden. Wer das Kreuz auf sich nimmt, der muß seine Begierden
ertöten, seinen Lastern absterben, alle Eitelkeit meiden und jede
falsche Lehre von sich weisen. Wenn auch kein Lüstling, kein Schwelger,
kein Hoffärtiger und kein Geiziger das Ostern des Herrn feiern kann, so
hat doch niemand weniger Anteil an diesem Feste als ein Irrgläubiger,
namentlich jener, der hinsichtlich der Menschwerdung des Wortes einer
falschen Meinung huldigt, indem er entweder die göttliche Natur nicht
voll und ganz anerkennt oder in dem Fleische nur einen Scheinleib
sieht. ) Der Sohn Gottes ist wahrer Gott, der alles, was dem Uter eigen
ist, vom Vater hat. Für ihn gibt es weder Anfang noch Zeit, weder
Wechsel noch Veränderlichkeit. Er ist weder von dem "Einen Gott"
getrennt noch von dem "Allmächtigen" verschieden. Seit Ewigkeit ist er
der eingeborene Sohn seines ewigen Vaters. Darum unterscheidet auch der
Christ, der an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist glaubt, in
dem Wesen des "Einen Gottes" keine Abstufungen der Einheit, wie er
umgekehrt auch nicht die "Dreiheit" zu einer Person verschmelzt. Es
genügt aber nicht, an dem Sohn Gottes nur die Wesenheit des Vaters zu
erkennen, wenn wir nicht auch daran festhalten, daß er trotz Wahrung
seiner Natur unsersgleichen ist. Jene Selbstäußerung, die er sich für
die Erlösung der Menschheit auferlegt, war eine Anordnung seiner
Barmherzigkeit, nicht aber eine Enteignung der Macht. Da nach dem
ewigen Ratschlusse Gottes "kein anderer Name unter dem Himmel den
Menschen gegeben ist, um selig werden zu können, ) nahm der Unsichtbare
unsere sichtbare Natur an, und wurde der, für den es keine Zeit gibt,
zu einem zeitlichen, und der, für den es keine Leiden gibt, zu einem
leidensfähigen Wesen. Dies geschah, nicht um die Kraft des Herrn in
unserer Schwäche aufgehen zu las-sen, sondern damit sich unsere
Schwachheit in unvergängliche Stärke verwandeln könnte.
Deshalb wird auch das Fest, das wir "Pascha" nennen, im Hebräischen mit
dem Namen "Phase", das heißt "Übergang" bezeichnet, wie dies der
Evangelist in folgenden Worten bestätigt: "Vor dem Osterfeste, da Jesus
wußte, daß seine Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater
hinüberzugehen, ) etc." In welch anderer Natur aber als in der
unsrigen hätte dieses "Hinübergehen" stattfinden können, da ja der
Vater mit dem Sohne und der Sohn mit dem Vater unzertrennlich
ver-bunden war? Weil nun "Wort" und "Fleisch" eine Person bilden, gibt
es keine Trennung zwischen dem, der unsere Natur angenommen hat, und
dem, was angenommen worden ist. Aus diesem Grunde nennt auch der
Apostel in seinem bereits angeführten Ausspruche: "Darum hat ihn auch
Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen steht, )
diese ehrenvolle Erhebung (des Fleisches) einen Zuwachs an Ehre für
den, der es erhob. Beziehen sich doch die erwähnten Worte auf die
Erhebung der angenommenen menschlichen Natur; denn wie die Gottheit vom
Leibe während seines Leidens nicht geschieden war, so sollte auch
umgekehrt der Leib an der Herrlichkeit Gottes ewig Anteil haben. Allen,
die an ihn glauben, hat der Herr selbst den Weg zu diesem unsagbar
großen Gnadengeschenk erschlossen, indem er unmittelbar vor seinem
Leiden nicht nur für seine Apostel und Jünger, sondern auch für die
gesamte Kirchc betete: "Aber nicht für diese allein bitte ich dich,
sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben, damit alle
eins seien, - wie du, Vater, in mir und ich in dir -, damit auch sie in
uns eins sind." )
An dieser Einheit können die keinen Anteil haben, die an das
Ostergeheimnis in seiner vollen Bedeutung nicht glauben, die also
dieses heilbringende Geheimnis bekämpfen und dadurch von der Osterfeier
ausgeschlossen sind. Da sie im Widerspruch stehen mit dem Evangelium
und dem christlichen Glaubensbekenntnisse, können sie dieses Fest nicht
mit uns begehen. Und wenn sie sich auch den Namen eines Christen
anmaßen, so werden sie doch von allen zurückgewiesen, für die Christus
das Oberhaupt ist. Ihr dagegen könnt bei dieser Feier mit Fug und Recht
frohlocken und euch frommer Freude weiben, da ihr nichts Falsches in
die wahre Lehre eindringen laßt. ) Ihr zweifelt weder an der Geburt
Christi dem Fleische nach, noch an seinem Leiden und Sterben, noch an
seiner leiblichen Auferstehung. Ihr glaubt, daß Christus, ohne
irgendwie von der Gottheit getrennt zu sein, wahrhaft im Schoße der
Jungfrau empfangen wurde und wahrhaft am Stamme des Kreuzes hing. Ihr
haltet daran fest, daß sein Leib wahrhaft im Grabe ruhte, daß er
wahrhaft in Herrlichkeit auferstand und wahrhaft zur Rechten des Vaters
thront: "Und von diesem Throne erwarten wir auch", wie der Apostel
sagt, "den Heiland, unseren Herrn Jesus Christus, der unseren niedrigen
Leib umgestalten wird, damit er dem herrlichen Leibe dessen ähnlich
werde", ) der mit dem Vater und dem Heiligen Geiste lebt und waltet in
Ewigkeit. Amen.
(bereits erschienen in EINSICHT 3. Jahrgang, Nr. 1 (April 1973), 1-4)
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