PREDIGT ÜBER DIE HIMMERLFAHRT DES HERRN
vom
hl. Leo d.Gr., Papst von 440-461
Geliebteste!
1. Unsere geheimnisvolle Erlösung, die der Schöpfer des Weltalls um den
Preis seines Blutes erkauft hat, vollzog sich vom Tage seiner Geburt
bis zum Ende seines Leidens durch gewollte Erniedrigung. Mögen auch an
der Knechtsgestalt des Herrn gar viele Anzeichen seines göttlichen
Wesens glänzend zutage getreten sein, so diente doch sein Wirken in
jener Zeit vor allem dazu, die Wahrheit der angenommenen menschlichen
Natur zu beweisen. Erst als nach seinem Leiden die Bande des Todes
gesprengt waren, der auf seinem Zuge durch die Welt auch den seine
Macht fühlen ließ, der die Sünde nicht kannte (vgl. Weish. 2,24), ging
die Schwachheit über in Kraft, die Sterblichkeit in ewiges Leben und
die Schmach in Herrlichkeit. Diese führte unser Herr Jesus Christus
vielen klar und deutlich vor Augen (vgl. 2 Kor. 5,2 ), bis er den
Triumph seines Sieges, den er über den Tod errungen hatte, auch durch
seinen Einzug in den Himmel feierte. Wie wir am Osterfeste Ursache
hatten, uns über die Auferstehung des Herrn zu freuen, so gibt uns auch
jetzt wieder seine Himmelfahrt dazu Anlaß. Heute begehen und feiern wir
ja mit Recht den Tag, an dem Christus unsere niedrige Natur über alle
himmlischen Heerscharen, über alle Chöre der Engel und all ihre
erhabenen Mächte auf den Thron seines Vaters emporhob.
Unserer Festigung, unserer Förderung diente diese
Aufeinanderfolge der Taten des Herrn: Sollte sich doch die Wirksamkeit
der göttlichen Gnade in noch wunderbarerem Lichte offenbaren, wenn dem
Blicke des Menschen entzogen wird, was notwendig Ehrfurcht erwecken
muß, und trotzdem der Glaube nicht versagt, die Hoffnung nicht wankt
und die Liebe nicht erkaltet. Denn darin zeigt sich die Stärke großer
Geister, darin die Erleuchtung gläubiger Seelen, daß sie bereitwillig
für wahr halten, was sie nicht mit körperlichem Auge sehen, daß sie
dorthin ihr Sehnen richten, wohin ihr Blick nicht zu dringen vermag.
Wie könnte aber dieser fromme Sinn in unserem Herzen entstehen oder
jemand Rechtfertigung durch den Glauben finden (vgl. Gal. 2,16), wenn
unser Heil nur auf dem beruhte, was sich unseren leiblichen Augen
darbietet? Darum sprach auch der Herr zu jenem Manne, der an der
Auferstehung Christi zu zweifeln schien, wenn er nicht an dem Leibe
Jesu selber die Wundmale seines Leidens durch Beschauen und Betasten
als wahr befunden hätte: "Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt;
selig sind diejenigen, die nicht gesehen und doch geglaubt haben."
(Vgl. Joh. 20,25 ff.)
2. Damit wir nun, Geliebteste, dieser Seligkeit
teilhaftig werden könnten, ist unser Herr Jesus Christus am vierzigsten
Tage nach seiner Auferstehung vor den Augen seiner Jünger in den Himmel
erhoben worden (Vgl. Mark. 16,19), nachdem er alle Anordnungen
getroffen hatte, welche die Verkündigung des Evangeliums und die
Gnadengeheimnisse des Neuen Bundes erheischten. Er hörte auf,
leibhaftig unter uns zu weilen, da er zur Rechten des Vaters bleiben
wollte, bis die Zeiten vorrübergegangen wären, die Gott im voraus für
die Mehrung der Kinder der Kirche fest gesetzt hatte, bis er in
demselben Fleische, in dem er auf gefahren war, wieder kommen würde, um
Gericht zu halten über die Lebenden und Toten (vgl. 2 Tim.4,1 ). Was
also an unserem Erlöser sichtbar war, ist übergegangen in die
Sakramente. Damit unser Glaube verdienstlicher und fester würde, ist an
die Stelle der "sinnlichen Wahrnehmung" die "Lehre" getreten, deren
gewichtigem Worte die von himmlischen Strahlen erleuchteten Herzen der
Gläubigen folgen sollen.
3. Diesen Glauben, der durch die Himmelfahrt des
Herrn vermehrt und durch die Sendung des Heiligen Geistes gekräftigt
wurde, vermochten weder Fesseln noch Kerkerstrafen, weder Verbannung
noch Aushungerung, weder Verbrennung noch Zerfleischung durch
wildeTiere, noch die von seinen Verfolgern angeordneten ausgesucht
grausamen Todesarten zu erschüttern. Auf der ganzen Welt wetteiferten
Männer und Frauen, unmündige Knaben und zarte Mädchen, für diesen
Glauben ihr Blut zu vergießen. Dieser Glaube hat böse Geister gebannt
(vgl. Apg. 19,12), Krankheiten geheilt und Gestorbene zum Leben erweckt
(vgl. ebd. 20,10). Darum wurden auch die heiligen Apostel, die
angesichts des furchtbaren Leidens des Herrn in Verwirrung geraten
waren und auch seine tatsächliche Auferstehung nicht ohne Vorbehalt
vernommen hatten (vgl. Mark. 16,11; Luk. 24,11), obwohl sie doch durch
so viele Wunder gestärkt und durch so viele Predigten belehrt worden
waren, erst durch seine Himmelfahrt so in ihrem Glauben
gefördert, daß für sie alles, was ihnen vorher Furcht eingeflößt hatte,
nunmehr ein Grund zur Freude wurde. All ihre Blicke waren jetzt zu dem
emporgerichtet, der als Gott zur Rechten des Vaters thront (vgl. Eph.
1,20). Nicht mehr hinderte sie die Schranke ihres leiblichen Auges, den
in ihrem Geiste zu schauen, der sich weder durch sein Herniedersteigen
zur Erde vom Vater entfernt, noch durch seinen Aufstieg zum Himmel von
seinen Jüngern getrennt hatte.
4. Als der Menschensohn, der Sohn Gottes, zur
Herrlichkeit der Majestät desVaters zurückkehrte, zeigte er sich,
Geliebteste, in größerem und überirdischerem Glanze. In wunderbarer
Weise begann jetzt der als Gott uns näher zu sein, der als Mensch sich
weiter von uns entfernt hatte. Jetzt begann auch der Glaube, dem ein
tieferer Einblick zuteil geworden war, die mit demVater wesensgleiche
Natur tes Sohnes besser zu erkennen. Von nun an bedurfte es nicht mehr
der leiblichen Berührung jener Wesenheit in Christus, durch die dieser
kleiner ist als der Vater (vgl. Joh. 14,28); denn, wenn auch die
menschliche Natur des nunmehr verklärten Leibes bestehen blieb, so
wurden doch die Gläubigen jetzt dazu aufgefordert, den
eingeborenen Sohn Gottes, der seinem Vater gleich ist, nicht mit den
Händen, sondern mit dem Geiste zu fassen.
Aus diesem Grunde sprach auch der Herr nach seiner Auferstehung zu
Maria Magdalena, die die Kirche verkörpert, als sie auf ihn zueilte, um
ihn zu berühren: "Taste mich nicht an; denn noch bin ich nicht
aufgefahren zu meinem Vater!" (Ebd. 20,17) Das heißt: "Ich will nicht,
daß du zu mir im Fleische kommst, und auch nicht, daß du mich mit den
Sinnen des Körpers erkennst. Zu Erhabenerem behalte ich dich vor und
Größeres bereite ich dir. Wenn ich zu meinem Vater aufgefahren bin,
wird deine Berührung erst eine vollkommenere und richtigere sein, da du
dann fassen wirst, was du nicht betastest, und glauben, was du nicht
siehst."
Während nun die Jünger voll staunender Verwunderung dem in den Himmel
auffahrenden Herrn nachblickten, erschienen vor ihnen in wunderbar
glänzenden Gewändern zwei Engel, die also zu ihnen sprachen: "Ihr
Männer von Galiläa, was stehet ihr da und schauet gen Himmel? Dieser
Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird
ebenso wiederkommen, wie ihr ihn in den Himmel habt eingehen sehen."
(Apg. 1,11) Durch diese Worte wurden alle Kinder der Kirche belehrt zu
glauben, daß Jesus Christus in demselben Fleische, in dem er
aufgefahren war, sichtbar wiederkommen wird.
Auch sollte dadurch jeder Zweifel benommen werden, daß dem alles
untertan ist, dem schon bei Beginn seiner Menschwerdung die Engel
dienstbar waren! Wie nämlich ein Engel der seligsten Jungfrau die
Empfängnis Christi vom Heiligen Geiste verhieß (vgl. Luk. 1,26 ff.), so
machten auch himmlische Chöre den Hirten die Geburt des Heilandes aus
einer Jungfrau kund (vgl ebd. 2,9ff.). Wie überirdische Boten zuerst
bezeugten, daß Jesus von den Toten auferstanden sei (vgl. u.a. Matth.
28,2ff) so erklärten auch dienende Engel, daß er in seinem Fleische
wiederkommen werde, um die Welt zu richten. Daraus sollen wir erkennen,
welch gewaltige Mächte dem künftigen Richter zur Seite stehen werden,
wenn schon so große Mächte ihm in dem Augenbkicke dienten, wo er selbst
dem Gerichte entgegenging!
5. Laßt uns also, Geliebteste, in geistiger Weise
jubeln und frohlocken, laßt uns in angemessenem Danke gegen Gott unsere
Freude suchen und den ungetrübten Blick unseres Inneren zu jenen Höhen
erheben, in denen Christus thront! Unsere für den Himmel bestimmten
Seelen sollen nicht irdische Wünsche in die Tiefe ziehen! Die zur
Ewigkeit Berufenen soll nicht die Vergänglichkeit in Bande schlagen!
Die auf dem Weg der Wahrheit Wandelnden sollen nicht gleisnerische
Lockungen in ihrem Vorwärtsschreiten hemmenl In der Erkenntnis, nur ein
Fremdling in diesem Erdentale zu sein, soll der Gläubige diese
Zeitlichkeit durchwandern! Und wenn uns auch auf diesem Wege gar
manches verfiihrerisch erscheint, so sollen wir doch nicht sündhaft
darnach haschen, sondern tapfer daran vorübergehen!
Eine solch gottgefällige Entsagung legt uns der hochselige Apostel
Petrus ans Herz. Der liebevollen Sorge entsprechend, die er seit seiner
dreimaligen Beteuerung seiner Liebe zum Herrn für die zu weidenden
Schäflein Christi empfindet, ruft er uns die eindringlichen Worte zu:
"Geliebteste, ich beschwöre euch als Fremdlinge und Pilger, euch zu
enthalten von fleischlichen Gelüsten, die wider die Seele streiten."
(Vgl. Petr. 2,11) Für wen anders aber kämpfen die Gelüste des Fleisches
als für den Teufel, dem es Freude macht, die nach dem Himmel
trachtenden Seelen durch den Reiz vergänglicher Güter zu bestricken und
sie der Wohnsitze zu berauben, aus denen er selbst verstoßen wurde?"
(Vgl. Srm.48,2; 2 Petr. 2,4)
Jeder Gläubige muß gegen seine Nachstellungen auf weiser Hut sein, um
den Schlingen seines Feindes entgehen zu können. Nichts aber ist,
Geliebteste, wirksamer gegen des Satans List und Tücke als mildreiches
Erbarmen und freigebige Liebe, durch die jede Sünde entweder gemieden
oder doch siegreich bezwungen wird. Allein diese herrlichen Tugenden
erlangt man nicht eher, als bis man vernichtet hat, was ihnen
widerstreitet. Was aber steht so im Gegensatz zur Barmherzigkeit und
zur werktätigen Liebe als der Geiz, aus dessen Wurzel alle Übel
emporkeimen? Wird dieser nicht in seinen ersten Trieben ertötet, so
müssen notwendigerweise aus dem Herzen dessen, in dem dieses Unkraut
wuchert, weit eher die Dornen und Disteln der Laster, als
irgendwelche Keime wahrer Tugend hervorsprießen. Laßt uns also,
Geliebteste, den Kampf gegen dieses so verderbliche Übel aufnehmen!
Befleißigen wir uns der christlichen Liebe (vgl. 1 Kor. 14,1), ohne die
keine Tugend ihren Glanz entfalten kann, damit wir auf diesem Wege
liebevollen Erbarmens, auf dem Christus zu uns herniedergestiegen ist,
auch unserseits zu ihm emporsteigen können, zu ihm, dem mit dem Vater
und dem Heiligen Geiste Ehre und Herrlichkeit eigen ist in Ewigkeit!
Amen.
(Leo d.Gr., Sermo 74 in: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.55, München 1927, S. 207 ff.)
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