56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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Ausgabe Nr. 9 Monat November 2004
Widerstand? - Fehl(er)anzeige!


Ausgabe Nr. 11 Monat Dezember 2004
Die Allerheiligste Dreifaltigkeit


Ausgabe Nr. 4 Monat April 2004
Joseph Görres


Ausgabe Nr. 6 Monat Oktober 2005
Ein terminologisches Dilemma


Ausgabe Nr. 7 Monat Dezember 2005
Unfreundliche Betrachtungen


Ausgabe Nr. 11 Monat december 2005
The Holy Trinity


Ausgabe Nr. 11 Monat december 2005
La Sainte Trinité


Ausgabe Nr. 1 Monat Februar 2006
Am Scheideweg


Ausgabe Nr. 1 Monat April 1971
Einige präzise Fragen an Herrn Professor Schmaus


Ausgabe Nr. 2 Monat Mai 1971
WAHNSINN


Ausgabe Nr. 2 Monat März 2003
Orthodoxie und europäische Identität


Ausgabe Nr. 3 Monat April 2003
Die Irrtümer des Johannes Rothkranz


Ausgabe Nr. 1 Monat März 2002
Buchbesprechung


Ausgabe Nr. 3 Monat Mai 2002
Welche Bedeutung hat der Kanon 1366 § 2 des CIC


Ausgabe Nr. 4 Monat Juli 2002
AN DIE PRIESTER


Ausgabe Nr. 1 Monat April 2000
Der heilige Anselm von Canterbury


Ausgabe Nr. 2 Monat Juni 2000
Der selige Oliver Plunket


Ausgabe Nr. 6 Monat Dezember 2000
Linientreue Zwerge


Ausgabe Nr. 6 Monat Dezember 2000
MITTEILUNGEN DER REDAKTION (dt/espa)


Ausgabe Nr. 7 Monat Oktober 1971
FRIEDRICH HEINRICH JACOBIS


Ausgabe Nr. 3 Monat August 1999
Warum die Einsicht Ecône unterstützt


Ausgabe Nr. 5 Monat Dezember 1999
MITTEILUNGEN DER REDAKTION


Ausgabe Nr. 2 Monat Juni 1998
ERWIDERUNG AUF DIE STELLUNGNAHME VON DR. E. HELLER


Ausgabe Nr. 5 Monat Dezember 1998
MITTEILUNGEN DER REDAKTION


Ausgabe Nr. 1 Monat April 1997
Buchbesprechungen


Ausgabe Nr. 3 Monat Juli 1997
Buchbesprechungen


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SEKTIERERTUM ALS VORGABE


Ausgabe Nr. 4 Monat Dezember 1993
DER HL. ALBERTUS MAGNUS


Ausgabe Nr. 5 Monat Februar 1994
ZUM PROBLEM DER ERFORDERLICHEN INTENTION BEI DER SAKRAMENTENSPENDUNG


Ausgabe Nr. 4 Monat November 1996
VERSINKT DER KATHOLISCHE WIDERSTAND... (Anmerkungen)


Ausgabe Nr. 5 Monat Dezember 1996
Buchbesprechungen


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WELCHE PHILOSOPHIE? - Einleitung


Ausgabe Nr. 2 Monat Juli 1995
WELCHE PHILOSOPHIE? -Fortsetzung


Ausgabe Nr. 4 Monat Dezember 1995
NUR NOCH AUSLAUFMODELL?


Ausgabe Nr. 5 Monat März, Doppelnr. 5-6 1996
WELCHE PHILOSOPHIE? 2. Teil


Ausgabe Nr. 13 Monat June 2011
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Ausgabe Nr. 5 Monat Dezember 1984
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Ausgabe Nr. 1 Monat Mai 1980
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Ausgabe Nr. 1 Monat Mai 1980
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Ausgabe Nr. 3 Monat September 1979
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Ausgabe Nr. 7 Monat April 1980
JOHANNES PAUL II.


Ausgabe Nr. 7 Monat April 1980
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Ausgabe Nr. 11 Monat Februar 2007
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E sarete come Dio (Gn. 3, 5)


Ausgabe Nr. 13 Monat June 2011
Al crocevia


Ausgabe Nr. 3 Monat Sptember 2011
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Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
DIE THEORIE DER INTERPERSONALITÄT IM SPÄTWERK J.G. FICHTES


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Einleitung


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel I


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel II


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
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Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 1


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 2


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 3


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 4


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 5


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
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Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 7


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 8


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel III, Forts. 9


Ausgabe Nr. 20 Monat Mai 2012
Kapitel IV


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Ausgabe Nr. 4 Monat Juni 2020
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Cómo se puede conocer a Cristo como Hijo de Dios: nuevas consideraciones


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Seelsorgerliches Wirken von P. Michael Mutter


Ausgabe Nr. 5 Monat November 2025
Herr und Knecht


Ausgabe Nr. 3 Monat Mai 2026
Welche Philosophie? Thomas oder Fichte?


FRIEDRICH HEINRICH JACOBIS
 
FRIEDRICH HEINRICH JACOBIS "ALLWILL" UND
FEDOR MICHAILOVIC DOSTOEVSKYS "DÄMONEN"


von
Univ.-Prof. Dr.Reinhard Lauth, München

Es geht mir im Folgenden nicht darum, eine literarische Abhängigkeit nachzuweisen, es geht mir darum, aufzuzeigen, daß Jacobi in der Gestalt seines Allwill - soweit ich sehen kann - zum ersten Male in der Weltliteratur ein durch die Moderne geschaffenes Problem gestellt und damit eine Thematik von aktuellster weltgeschichtlicher Bedeutung eingeführt hat, die von Dostoevsky erneut erschaut und durch die Art, wie er sie behandelt, zu ihrem innerlogischen Abschluß gebracht worden ist.

Fichte weist in seiner "Wissenschaftslehre von 1804" auf einen Grundzug hin, der unserem Zeitalter spezifisch eigentümlich sei: Das Denken und Leben sei in ihm nicht nur historisch, sondern symbolisch geworden; zu einem wirklichen Leben und Denken aber komme es fast gar nicht mehr. Während in der historischen Haltung "das ganze Leben zur fremden Geschichte verblaßt ist", versucht das symbolische Leben und Denken zwei einander kontradiktorisch gegenüberstehende Weisen zugleich zu behaupten. "Wessen (man) sie auch beschuldige, so ist die Antwort bereit: "ja, das gilt wohl von Andern" nicht aber von uns;" und sie haben insofern recht, als sie neben der getadelten Denkweise auch die andere, ihr gegenüberstehende, historisch kennen; und wenn man bei dieser sie angegriffen hätte, in dieselbe, welche sie jetzt abläugnen, sich geflüchtet haben würden."

Als Fichte diese Einstellung stigmatisierte, war ihm bekannt, daß Jacobi schon Jahrzehnte zuvor in der Gestalt seines Allwill einen Menschen gezeichnet hatte, der nicht nur ein derartiger Symbolist ist, sondern es bewußt, aus einer Grundmaxime heraus, sein will.

Allwill, das ist, wie schon der Name besagt, ein Mensch, der alles sein will, alles leben und vertreten will, was ihm beliebt. Er überläßt sich bewußt "seiner guten Natur, welche verlangt, daß (er) jede Fähigkeit in (sich) erwachen, jede Kraft der Menschheit in (sich) rege werden lasse." "Er wagt sein Alles an die Erreichung jedes Zwecks", urteilt Silly von ihm. "Wer ihm abgewönne, gewönne ihm nie weniger als sein Leben ab. Clemens nennt ihn einen Besessenen, dem es fast in keinem Falle gestattet sey willkührlich zu handele. - Ein furchtbarer Charakter! - Und wie täuschend da, wo er das Schöne und Gute sich aus Lust zu eigen macht!" "Eduard!", schreibt Luzie ihm, "ein sehr außerordentlicher Mensch sind Sie wahrlich. Wer Sie durchaus kennt, dem muß es oft wunderbar vorkommen, daß Sie nicht ein Engel an Tugend, oder ein Satan an Laster geworden sind. Die Ungereimtheit Ihres Wesens widersteht allem Begriff. Unbändige Sinnlichkeit und stoischer Hang; weibische Zärtlichkeit, der äußerste Leichtsinn - und der kälteste Muth und die festeste Treue; Tigers= Sinn - und Lammes=Herz; allgegenwärtig - und nirgend wo; alles - und nie etwas."

Jacobi hat es in "Eduard Allwills Briefsammlung" unternommen, uns die Genese eines solchen Menschen zu zeigen. Er hat es gewagt als ein Mann, dessen Überzeugung von Jugend auf war, "daß seine Seele nicht in seinem Blute, oder ein bloßer Athem seyn möchte, der dahin fährt, und der "den bloßen gemeinen Lebenstrieb" soweit hinter sich ließ, daß er leben wollte "wegen einer anderen Liebe", über die keine seiner mächtigen Leidenschaften je die Oberhand gewinnen konnte. Sein ganzes Trachten ging darauf, diese höhere Liebe "zu rechtfertigen", denn "ohne diese Liebe schien es ihm unerträglich zu leben, auch nur Einen Tag." "So geschah es, daß er philosophische Absicht, Nachdenken, Beobachtung in Situationen und Augenblicke brachte, wo sie äußerst selten angetroffen werden." Unter den "zum Theil (wie ihn däuchte) nicht genug bemerkten, zum Theil noch nicht genug verglichenen Thatsachen" stieß er hierbei auf den Typus des Allwill, den er darstellend sichtbar machen wollte.

"Was nun diese Menschengattung angeht (...), so führen schon die vorzüglichen Anlagen, die bey ihr vorausgesetzt werden müssen, die Gefahr ihres Mißbrauchs mit sich.(...) Jedes Uebermaß von Kräften reizt zu irgend einer Art von Gewaltthätigkeit und Unterdrückung. Hiezu kommt bey den Allwillen, daß ihren vorzüglichen Gaben eine besonders zarte und lebhafte Sinnlichkeit, eine große Gewalt des Affects, und eine ungemeine Energie der Einbildungskraft zum Grunde liegt, (... wobei) die Einbildungskraft der Allwille vornehmlich eine Einbildungskraft des Affects, und weniger als bey andern Menschen ein freyeres Geistes=Vermögen ist. Die Mischung dieser Grundeigenschaften ist in keinem Einzelnen dieselbe; und so haben auch in jedem Einzelnen der Verstand, die Besonnenheit und der Wille ihre eigene Art und Weise. Man kann aber ohne Gefahr annehmen bey dieser Gattung, daß wo der hellere Kopf ist, auch ein höherer Grad der Ruchlosigkeit sich einstellen werde. Bey der Helle des Kopfs wird der Uebergang von der Empfindung zur Reflexion; zur Beschauung und Wiederbeschauung - mit Beyhülfe des Gedächtnisses - immer schneller, mannigfaltiger, gegenseitiger, durchgreifender, umfassender; bis endlich Anschauung, Betrachtung und Empfindung jeder Art, von der zur größten Fertigkeit gediehenen Selbstbesinnung, Geistesgegenwärtigkeit und inneren Sammlung, welche die Helden dieser Gattung, selbst in der ärgsten Beklemmung der Leidenschaft, nie ganz verläßt, unaufhörlich nur verschlungen werden, und für sich keine Gewalt und natürliche Rechte mehr haben. Der ganze (Mensch, seinem sittlichen Theile nach, ist Poesie geworden; und es kann dahin mit ihm kommen, daß er alle Wahrheit verliert, und keine ehrliche Faser an ihm bleibt. Die Vollkommenheit dieses Zustandes ist ein eigentlicher Mysticismus der Gesetzesfeindschaft und ein Quietismus der Unsittlichkeit."

Es begann bei Allwill mit der Hingabe an seine eigene, zensurlos als edel angenommene Natur. "Jedes Wesen ersprießt in seiner eigenen Natur", sagte er sich. "Was ist zuverlässiger, als das Herz des edel gebornen?" Das "Wesen (der Natur) ist Unschuld, und wenn wir annehmen, was sie uns nach Zeit und Umständen in die Ohren raunt, werden wir uns so wohl befinden, als irgend jemand unter dem Monde." *)

Er empfindet "alles Schöne so lethaft, daß jeder Eindruck davon (ihn) berauscht, (ihn) für die Zeit alle weitere Besinnung raubt." "Gutes Mädchen", warnt Luzie, "das sage ich nicht, daß er dich nicht liebt. Er liebt dich gewiß; mit mehr Wahrheit vielleicht, als kein anderer Mensch dich lieben könnte, liebt gerade alles wahrhaft Schätzbare an dir, gerade das, worin deine gutgeschaffene Seele ihre artgemessenste Thätigkeit, ihre eigenste Wonne, fühlt. Nicht wahr, das fühlst du, das sichert dich, daß er dich innig liebt, wie du dich selbst, und wie du ihn liebst; und du hast Recht so an ihn zu glauben; dein ist seine ganze Liebe. Aber, armes Kind! Allwill liebt nie anders; er ist immer seinem Gegenstande ganz; morgen vielleicht - dem Ehrgeitz; einem vortrefflichen Manne; einer Kunst; vielleicht - einer neuen Geliebten. - Sieh, dieser Allwill - der Unglückliche! muß unstät und flüchtig seyn; er ist verflucht auf Erden aber gezeichnet mit dem Finger Gottes, daß kein Mensch Hand an ihn zu legen wagt." "Das Glück ein ganzes Herz zu besitzen - wie sollten (die Allwille) das schätzen können, da ihr Herz nie einen Augenblick ganz,*) nie ein Gefühl des Herzens bey ihnen lauter ist? (...) Keine Empfindung ist ihnen in dem Grade lieb, daß sie nicht durch ekelhafte Vermischungen sie trübten, ihr Bild entweihten." "Wenn ich nur etwas wüßte, das der Natur mehr entgegen wäre, als jene Unmäßigkeit, welche alle Bedürfnisse vervielfältiget und unendlichen Mangel schafft, mit seinen unendlichen Nöthen, - Angst, Schmerz, Gewalithätigkeit, Betrug, Arglist und Tücke. - (Es braucht) nur einen flüchtigen Blick auf die Welt    - was in ihr alles so verdirbt, daß wir sie böse, nennen müssen! - Es ist offenbar nur jene Ungenügsamkeit, jenes blinde Ringen nach Allem, jenes Scheidekünsteln an den Dingen, um die Form von dem Stoff, die Wirkung: von der Ursache abzulösen; um zu widernatürlichen Bedürfnissen widernatürliche Mittel zu erfinden, (...) Dafür zu predigen, die Theorie der Unmäßigkeit, des Lasters als die einzige Philosophie des Lebens, als den einzigen Weg zur Glückseligkeit, ja zur höchsten Vortrefflichkeit, anzupreisen: das wäre, däucht mich, doch wohl das unsinnigste Beginnen, das sich erdenken ließe, und das böseste!" Indem man alles miteinander haben will, kommt man endlich zu Forderungen wie: "die leichtfertige Dirne soll auch die hohen Reize, alle Tugenden, die Liebe eines frommen Mädchen; und das fromme Mädchen wieder, die schnöden Annehmlichkeiten, die ganze Thorheit der leichtfertigen Dirne besitzen (...). Und das heißt denn doch Eines Sinnes seyn mit der Natur! - Allwill! Sie, eines Sinnes mit Natur? Sie, der immerwährend die echtesten Bande der Natur auflöset; wahre, reine Verhältnisse zerstört, um erträumte, schimärische an die Stelle zu setzen".

Ein Allwill hat selbstverständlich die sittlichen Bindungen abgeworfen: "Mir ekelt gar zu sehr, wenn ich mich als so ein Bildchen sittlicher Heiligkeit, das ich werden soll, betrachte." Ich wurde, schreibt er Luzie, "früh genug mit Strenge angewiesen, wie ich etwas (...) gut, und nur dies Etwas so finden müsse; gefüllt bis oben an mit erkünsteltem, erzwungenem Glauben; verwirrt in meinem ganzen Wesen durch gewaltsarne Verknüpfung unzusammenhängender Begriffe; hingewiesen, hingestoßen zu einer durchaus schiefen, ganz erlogenen Existenz." Auch die Frauen habe man nicht gelassen, "wie die Natur sie beliebt hat", sondern sie "zu Engeln martern und versuchen (...) wollen". Er aber sei zu seinem Glück ziemlich bald innegeworden, wie es im Grunde mit seinen Unsterblichen beschaffen sei, und seitdem verlange es ihn nach "Weibern für diese Erde; und nicht für den Mond". "Deswegen ist es mir ein unerträglicher Gedanke, von eben belobten Göttinnen irgendeine anzubeten; ihr in ganzem Ernste zu Füßen zu liegen." "Zecht man nicht oft beym Wachslichte fröhlicher, als man im höchsten Sonnenglanze tafelt?" Mit dieser Einstellung muß Unschuld ihm "etwas so unnützes, so nichtswürdiges scheinen (...); daß der Göttliche - Unschuld verspottet; (...) Unschuld mit Füßen tritt; über sie hin, erhaben, seine Bahn nimmt."

Jacobi läßt denselben Allwill im Felde der Erkenntnis mit frivoler Absicht sich widersprechende Thesen vertreten und mit diesem Widerspruch seine um Einsicht bemühte Cousine Clärchen experimentierend verunsichern, nicht ohne es dabei auf ihre weibliche Zuneigung abgesehen zu haben.***)

Durch "das müßige Sammeln von Empfindungen" und von "Wisserey ohne Wissen", durch das ungereimte "Bestreben, Empfindungen - zu empfinden", Konzeptionen zu konzipieren, geht Allwill der unmittelbare Bezug zur Wirklichkeit verloren, zumal ja entgegengesetzte Gefühle und Konzeptionen gleicherweise wahr sein sollen. Folgerichtig will Allwill nichts von unverbrüchlichen Grundsätzen und aus diesen folgenden Taten wissen. Wer bindende Gesetze anerkennt, dessen Handeln führt, so meint er, wenn sein gegenwärtiges Gefühl mit seinen Grundsätzen in Konflikt gerät, entweder zur Heuchelei, er umgeht dann das Gesetz und verdreht es, oder es führt zu einer Art Maschinenwesen, wo er "immer nur (blindlings oder sehend - wie es kommt) seinem ehemaligen Willen [gehorcht], aber jetzt keinen eigenen Willen mehr [hat], (...) sich hinfort nie weiter über sich selbst empor schwingen[kann]." Allwill ist deshalb der Mann, der sich Ausnahmen gestattet, "Lizenzen hoher Poesie", wie Jacobi sie anderswo einmal genannt hat.

Führt dieser reflektierte Symbolismus dazu, daß sein Vertreter ihn endlich auf das letztbestimmende Prinzip seines Lebens ausdehnt, so muß es mit ihm dahin kommen, "daß er alle Wahrheit verliert". Dann wird das Prinzip seines Wesens der Widerspruch; das aber heißt: er muß sein Wesen verlieren. Diesen Vorgang hat uns, wie ich im folgenden darlegen werde, Dostoevsky an Stavrogin gezeigt.

Jacobi wollte in seinem "Allwill" aber nicht nur die Entwicklung dieses modernen Menschen sichtbar machen, er wollte auch darstellen, in welcher Weise durch einen solchen Menschen das Verhältnis zur Frau verändert ist. Allwill ist von einem Kranz von Frauen umgeben, in denen sich die Ausstrahlungen seiner Persönlichkeit brechen. Gleich in den ersten Briefen wird ihm mit Silly das Bild vollkommener weiblicher Treue entgegengestellt, einer Treue, die durch das Martyrium ihres sie verzehrenden Lebens nach Verlust von Mann und Kind hindurch erstrahlt.****) Neben Silly stellt der Dichter uns in Amalia die durch ihren Gatten und ihre Kinder ganz erfüllte glückliche Frau und Mutter vor. Aber anders als Puschkins Tatjana und Goethes Lotte verbindet diese beiden Frauen keine weibliche Beziehung mit Allwill. Das Mädchen, das Allwill liebt, ist Luzie, aber diese hat ihn durchschaut und stirbt an dem zerbrochenen Verhältnis. Wie es zu ihrer Verbindung mit Allwill kommen konnte, erklären einige Worte Sillys: "Was ich von ihm erfahre, (...) macht rnich zittern für Unheil. Der unbändige Mensch mag dabey ein wackerer Junge seyn, und es mit andern gewöhnlich besser meinen, als mit sich selbst: aber dadurch wird er nur gefährlicher; das gibt ihm die offene, unschuldige Miene, wogegen kein Rath ist, worauf man ihm die Hand von ferne reicht, sich ihm anschlingt, und Gemeinschaft mit ihm macht. Erst hintennach wird man gewahr, (...) wie wohlfeil er seine Haut bietet, und folglich die seines Genossen mit.... Nun ein Mädchen, das seines Weges käme - diesem auszuweichen - wie wäre es möglich? So werd unsere Luzie hingewagt, so ging uns das süße Geschöpf verloren; denn sie stirbt, Kinder, und ihr Tod ist dieser Allwill!" Aber sie stirbt anders als Gretchen, sie durchschaut seine Unwahrhaftigkeit und versagt sich dem Manne. "Es kam eine Stunde, da fühlte ich, daß ich wohl einst Dich würde verachten müssen. Es ergriff mich wie ein tiefes Schrecken, und ich entfloh. Ich war entflohen, und kam zurück mit verhülltem Angesicht. Alle meine Liebe zu Dir hatte sich in heiße Sorge um Dich verwandelt. Verborgen kam ich zurück (...), um Dich nie zu lassen. Ich sey von Schwärmerey; ich sey an der Einbildung gestorben, wird es heißen.- Nun ja!"

Allwill, deckt Jacobi an seinem Verhältnis zu Luzie auf, entsetzt das Mädchen ihrer eigentlichen Bestimmung, ihres natürlichen Verhältnisses; er macht sie aller Haltung für ihr folgendes Leben verlustig. Denn wenn Luzie auch erkennt, daß er "ohnmächtig zur Liebe" und ihrer unwürdig ist, so bleibt sie doch als Weib durch ihre Hingabe an ihn gebunden. "Wenn Du das Gräßliche - die unaussprechliche Schmach des Gefühls ahnden könntest: - ich - Dein! Du - nicht Mein! Verloren zu seyn, ganz verloren an einen andern... Unser eigenes Selbst entflohen aus uns - entflohen aus Ihm... Gar kein Daseyn mehr! Man ist verschwunden unter den Lebendigen; getilget mit Schande aus ihrer Zahl - Elend ohne Maß, ohne Namen!" Ihre weibliche Natur ist durch diese Beziehung verloren; nur die reinmenschliche Sittlichkeit und Religion ist ihr geblieben. Im Gegensatz zu SilIy ist sie keine Martyrerin der Unschuld, sondern eine Vewirrung, vor der sie, sie erkennend, zurückschreckte, als es zu spät war. Der Gedanke: "Liebe kann vielleicht ihn retten; kann vielleicht zuerst in seinem Herzen den Geschmack an Lauterkeit und Unschuld wieder rege machen" - Unschuld und ihrer ewigen Wonne, die ja auch er "auf dem Wege der Verstockung" sucht, - gibt zwar der Sterbenden Trost, stellt aber keine reale Möglichkeit mehr für Allwill dar.

Jacobi hatte vorhergesagt: "es kann dahin mit ihm kommen, daß er alle Wahrheit verliert". Dostoevsky stellt uns in Nikolai Vsevolodovic Stavrogin dieses systematische Ende des reflektierten Symbolisten vor. Dostoevsky kannte wohl den "Allwill" nicht; er hatte Prinz Heinz und Hamlet und vor allem Evgenj Onegin im Auge, als er seine Romangestalt schuf. Aber wenn man Onegin einen unreflektierten Symbolisten nennen muß, so ist der konsequente bewußte Symbolismus in Stavrogin Fleisch geworden.

Auch Stavrogin besitzt eine große, überschüssige Kraft. "In den Versuchen für mich selbst und in den Versuchen nach außen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie auch früher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als grenzenlos", schreibt er in seinem letzten Brief an Darja. Bezeichnenderweise fügt er hinzu: "Aber wozu diese Kraft gebrauchen - das ist es, was ich nie eingesehen habe". Trotz seiner angeborenen "tierischen Sinnlichkeit" bleibt er stets Herr seiner selbst, wenn er will. Er ist überzeugt, daß er trotz seiner Leidenschaften sein ganzes Leben hätte als Mönch verbringen können. Lebjadkin nennt ihn einmal unter Anspielung auf seinen Vornamen einen "Wundertäter, bei dem nichts unmöglich ist". Auch die Namen Vsevolodovic und Allwill erinnern in seltsamer Weise an einander. Stavrogin ist auch bei nüchterner Vernunft: "Ich werde nie meine Vernunft verlieren können und nie in dem Maße an eine Idee glauben können wie [Kirillov]". Aber Stavrogin stellt sich zugleich bewußt gegen die Vernunft: "Man muß in Wirklichkeit ein großer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft standhalten zu können". Schatow sagt ihm ins Gesicht: "Ich weiß auch nicht, warum das Böse häßlich und das Gute schön ist; aber ich weiß, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und verlorengeht bei solchen Herrschaften, wie Stavrogin und seinesgleichen. ... Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll, schändlich und gemein? Gerade weil hier die Schmach und Gemeinheit schon an Genialität grenzte. O, Sie schlendern nicht bloß so am Rande? Sie stürzen sich dreist kopfüber in den Abgrund hinab.[...] Die Herausforderung an die gesunde Vernunft, die hierin lag, war schon gar zu verführerisch, Stavrogin und eine häßliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krüppelig ist!" Stavrogin ist schon nicht mehr nur ein unstäter abstrakter Mensch und grenzenloser Träumer wie Onegin "Das Böse in ihm ist [...] kalt und ruhig, wenn ich mich so ausdrücken darf, vernünftig - und somit das Abscheulichste, das Furchtbarste, das es Überhaupt geben kann."

Aber eben mit voller Vernunft dürstet er unersättlich nach Gegensätzen. "Er stürzt sich in ungeheure Abweichungen und Experimente." So gibt er einem Schatov und einem Kirillov zur gleichen Zeit entgegengesetzte Ideen, die ihn selbst beschäftigen, ein, um mit Neugierde zu verfolgen, was aus diesen Überzeugungen wird. Aus einer müßigen Laune heraus verfaßt er ein Gesetzbuch für die Revolution. Es ist ja übrigens klar, daß die von ihm ausgedachten Positionen (der revolutionäre Sozialismus; die Menschgottlehre Kirillovs; der Glaube an Volk und Boden, ohne Glauben an Gott, Schatovs) nur einseitige Abstraktionen aus dem reflektierten Symbolismus sind, die als solche immer von ihrer wirklichen Herkunft abhängig bleiben und keine gangbaren Lösungen darstellen. Sie sind durch die Position, aus der sie abgelöst sind, immer schon in ihren Voraussetzungen überholt. Stavrogin findet "keinen Schönheitsunterschied zwischen irgendeinem wollüstigen tierischen Streich und gleichviel welcher Heldentat, und wäre es auch das Opfer des Lebens". In seiner Beichte schildert er den Moment, in dem er den Sinn für Gut und Böse endgültig verlor. Es war, nachdem das von ihm verführte kleine Mädchen sich erhängt hatte. "In diesem Augenblick traf auf mich das jüdische Sprichwort zu: "Den eigenen Gestank riecht man nicht". Obwohl ich in meinem Innern fühlte, daß ich ein Schuft war, schämte ich mich nämlich dessen nicht. [...] Während ich damals beim Tee saß und plauderte, formulierte ich für mich selbst zum erstenmal im Leben mit aller Strenge die Erkenntnis, für mich gebe es weder Gut noch Böse, ich hätte nicht nur das Gefühl für diesen Unterschied verloren, sondern es gebe Gut und Böse überhaupt nicht (das war mir angenehm) und dies sei nichts weiter als ein Vorurteil; ich erkannte auch, daß ich imstande bin, mich von jedem Vorurteil frei zu halten, daß ich aber verloren bin, wenn ich diese Freiheit erlangt habe."

Da der reflektierte Symbolismus damit sein innerstes Zentrum erreicht hat, kann Stavrogin nichts mehr ganz sein und kann nichts mehr für ihn heilig sein. "Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch früher immer, eine gute Tat zu begehen wünschen und empfinde Vergnügen dabei; daneben aber will ich auch Böses und empfinde dabei gleichfalls Vergnügen. Aber dieses wie jenes Gefühl ist [..., um meinen Grundwillen zu bestimmen,] immer zu klein und flach.[...] Meine Wünsche sind viel zu wenig stark", bekennt er Darja Pavlovna. Er hat jede sein Leben bestimmende Überzeugung und Überzeugungsfähigkeit verloren. "Stavrogin, wenn er glaubt, so glaubt er nicht, daß er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, daß er nicht glaubt."

Dostoevsky zeigt uns ihn bei dem letzten Anlauf, durch eine äußerste Tat noch eine sittliche Umkehr in seinem Leben zu vollziehen. Er will vor der Öffentlichkeit gestehen, daß er Marja Timofeevna geheiratet und das kleine Mädchen mißbraucht und in den Tod getrieben trat. Aber eben hier setzt die höchste Versuchung ein, der er auch erliegt. Er reflektiert darauf, auch diesen Akt noch zu einer Realisation höchsten Zynismusses und Spottes zu mißbrauchen. Dostoevsky nennt diese Stimmung "sittliche Wollust", das meint: Wollust am Mißbrauch einer sittlichen Handlung. "Einst sah ich mir die lahme Marja Timofeevna Lebjadkina an, die in den Ecken herumkroch und damals noch nicht verrückt, sondern nur eine einfache Idiotin war. Sie war insgeheim sinnlos in mich verliebt (wie die Unsern in Erfahrung gebracht hatten) und ich beschloß plötzlich, sie zu heiraten. Der Gedanke an die Hochzeit eines Stavrogin mit einem solch traurigen Geschöpf ließ meine Nerven vibrieren. Etwas Schauerlicheres war nicht auszudenken. Und auf jeden Fall heiratete ich nicht nur wegen 'einer Wette auf Wein nach einem betrunkenen Mittagessen'." Es war "Lust zum Spott über das Leben", was ihn bewegte. Später, in der Schweiz, erlebte Stavrogin einen neuen Ausbruch rasender Leidenschaft. "Ich hatte den wütenden Wunsch nach einer neuen Schandtat, nämlich nach Bigamie (ich bin schon verheiratet), obwohl "ich jene, die ich begehrte [,Lisa], nicht liebte und [wußte], daß ich niemals lieben könne." Auch der Plan, seine Heirat mit Marja bekannt zu machen, reizt ihn um des Vergnügens willen, die Gesellschaft zu verhöhnen und ihr gegenüber seinen grenzenlosen Hochmut auszulassen. Seine Beichte, selbst sein Selbstmord werden ihm zu Möglichkeiten, die Hochherzigkeit nur zu spielen und dabei "sittliche Wollus" zu genießen.

Auch durch Stavrogin sind, ebenso wie durch Allwill, eine ganze Reihe von Frauen konstelliert. Schatovs Frau erwartet nach einem Verhältnis mit ihm ein Kind, das Kind des Betrugs an Schatov. Zu derselben Zeit wartet die Schwester Schatovs, "die Leibeigene Daschka", wie Stavrogin sie einmal Marja Timofeevna gegenüber bezeichnet, mit einer Liebe, die alles, auch die furchtbarsten Verbrechen in Kauf zu nehmen gewillt ist, auf ihn, und er nennt sie ironisch seine "Krankenschwester".

Inzwischen reizt er die romantische Lisa und zerstört deren Leben um einer einzigen Liebesnacht willen, und das, weil er wie Onegin ein "geistiger Lakai" geblieben ist und ihm das Urteil des "vornehmen Fräuleins" nicht gleichgültig blieb. Das geheimnisvollste Verhältnis aber verbindet ihn mit Marja Timofeevna, die er nicht nur aus "sittlicher Wollust" geheiratet hat, sondern noch auch mit einer noch treuherzig gebliebenen Seite seines Wesens achtet.

In den "Dämonen" gibt es keine SilIy und keine Tatjana. Dostoevsky hat in seiner Puschkin-Rede ausgesprochen, daß er in Puschkins Tatjana das Ideal der Frau verwirklicht sah. Sie will dem alten General, den sie, nachdem Onegin ihrer unglücklichen Liebe zu ihm alle Hoffnung genommen hatte, geheiratet hat, auch ewig die Treue halten. "Treu diesem alten General, den sie nicht lieben kann, da sie ja Onegin liebt, und den sie nur genommen hat, weil '"die Mutter sie weinend beschwor"! In ihrer verletzten, wunden Seele war damals doch weder Hoffnung, noch ein Lichtblick, sondern nichts als Verzweiflung? So also, treu diesem General? Ja, treu diesem [...] ehrlichen Menschen, der sie liebt, der sie achtet und stolz auf sie ist. Mag auch die Mutter sie beschworen und angefleht haben, aber sie, Tatjana selbst, und keine andere hat das Jawort gegeben, sie, sie selbst hat ihm Treue geschworen. Mag sie ihn auch aus Verzweiflung genommen haben, jetzt ist er ihr Gatte, und ihr Treubruch [...] würde sie umbringen. Und kann denn ein Mensch sein Glück auf dem Unglück eines anderen aufbauen? [...] Konnte Tatjana in ihrer Reinheit und Vornehmheit und mit ihrem von eigenem Leid wehen Herzen sich überhaupt anders entschließen? Nein!"

Wenn es in den "Dämonen" keine Tatjana gibt, so hat das seinen ganz bestimmten Grund. Jacobi ließ Silly in keiner fraulichen Beziehung zu Allwill stehen, weil sie sonst gleich Luzie mit ihrem ganzen Selbst an ihn hingegeben und verloren gewesen wäre. Dostoevsky hat den gleichen Grund. Alle Frauen, die den reflektierten Symbolisten Stavrogin lieben, sind durch diese Liebe verloren. Dennoch gibt es nach Dostoevsky eine reine Antwort auf diese dämonische Haltung, aber sie ist nur im Wahnsinn möglich. Marja Timofeevna sieht, was den andern verborgen bleibt, daß Stavrogin sich selbst gemordet hat und nicht mehr er selbst ist. "Hast Du ihn getötet oder nicht, gestehe?" fragt sie ihn. "Änlich bist Du ihm, ja, sehr ähnlich, vielleicht bist Du auch verwandt mit ihm [...] Nur ist meiner ein lichter Falke und ein Fürst, Du aber bist eine Eule und ein Krämer. Wenn meiner will, so beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor Gott nicht! [...] Würde sich doch mein Falke meiner nie vor einem vornehmen Fräulein geschämt haben! Machte mich doch schon der Gedanke glücklich, in diesen ganzen fünf Jahren, daß mein Falke dort irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut. Sag, Usurpator, hast Du viel genommen? Hast wohl für großes Geld eingewilligt?[...] Fort, Usurpator! Ich bin meines Fürsten Frau und fürchte mich nicht vor Deinem Messer! [...] Grischka Otrepev anathema! (Der falsche Demetrius wurde verflucht!)"

Das Kind, das Marja Timofeevna zur Welt gebracht hat, war es ein Knabe oder ein Mädchen, lebendig oder tot, ist es ein Traum oder Wirklichkeit? Dostoevsky läßt das im Halbdunkel, weil dieses Kind nur ein Unbestimmtes zwischen beidem sein kann. "Hast Du denn eines gehabt?" fragt sie Schatov. "Wie denn nicht! Ein kleines, rosiges, mit so winzigen Fingerchen, und all mein Leid ist nur, daß ich nicht mehr weiß, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war.[...] Als ich es damals gebar, da wickelte ich es gleich in Batist und Spitzen und band es mit rosa Bändchen zu und bettete es auf Blumen und sprach ein Gebet über ihm und trug das Ungetaufte, und trage es durch den Wald und fürchte mich in dem Walde, denn ich habe Angst und weine, und am meisten weine ich darüber, daß ich geboren habe und doch den Mann nicht kenne." "Vielleicht kennst Du ihn doch?" fragt Schatov vorsichtig. "Drollig bist Du, Schatuschka, mit Deiner Vernunft. Vielleicht, vielleicht hatte ich ihn auch... Aber was liegt daran, wenn es doch ebenso ist, als wenn ich keinen hatte..? Da hast Du nun ein unschweres Rätsel, nun rat einmal!" antwortete sie lächelnd. "Wohin hast Du denn das Kind getragen?" "In den Teich habe ich es getragen", seufzte sie." "Ich werde wohl vor ihm in etwas sehr Großem schuldig sein", sagt sie wie zu sich selbst. "Nur weiß ich nicht, worin ich schuldig sein könnte, und das ist nun mein ewiges Leid. Immer und immer, diese ganzen fünf Jahre, habe ich Tag und Nacht gebangt, daß ich vor ihm in etwas schuldig sein könnte. Und da bete ich denn lange und bete und denke immer an meine große Schuld vor ihm."

Das Kind ist der Schluß der Liebe zwischen Mann und Frau. Nach einer alten chassidischen Lehre wird aus jeder gemeinsamen Tat ein Engel geschaffen. Aber nur dann ist er eine ganze Person, wenn der Schaffende kann und will. Wer nun kann, und will nicht, schafft nur den Leib eines Engels, ohne Seele. "Deine Sinne, Deine Begierden sind Dir zu mächtig", ruft Luzie Allwill zu. "Und da sie eine so bequeme täuschende Hülle an Deiner schönen Phantasie haben, wirst Du nie sie für das erkennen, was sie sind. Auch die Bedürfnisse Deiner Sinne, die Täuschungen Deiner Sinne -  glaube mir, Allwill - [...] es sind Mörder! Hieher und daher wird es Dir immer gräßlicher in die Ohren gellen: Mörder! - Meuchelmörder!"

Eine im Wahnsinn Entrückte, deren Verhältnis zu Stavrogin zwischen Traum und Wirklichkeit hängen bleibt, wirft ein ebensolches Kind, Knabe oder Mädchen, lebendig oder tot geboren, dessen Vater sie nicht kennt, und der jedenfalls für sie ist, als wenn sie ihn nicht zum Mann gehabt hätte, in den Teich. Die vollendete Reflexionssymbolik Stavrogins endet mit dem Mord der weiblichen Natur, die er zwischen Realität und Irrealität gekreuzigt hat und die sich der wesenlos gewordenen Vernunft nur noch durch den Wahnsinn ins Heile entziehen kann.

Beide Dichter, Jacobi und Dostoevsky, haben mit ihren Schöpfungen des Allwill und des Stavrogin eine Prophetie für unsere Zeit gegeben. Die sich selbst zerstörende Vernunft der modernen Welt kann zwar die ursprüngliche natürliche Gewißheit nicht töten, aber sie treibt sie in den Wahnsinn. Das gemeinsame Kind dieser Vernunft, die keine absolute Position mehr beläßt und Gott selber zum Gegenstand "sittlicher Wollust" zu machen versucht, mit dem in den Wahnsinn gestoßenen Leben kann nur noch das armselige Wesen sein, das Maria, die Gottesfürchtige, im Tode geschmückt hat und durch den Dornwald trägt, um es den Wassern zu übergeben.

Anmerkungen:
*) Die Zeitgenossen haben hierin einen Hinweis auf Goethe gesehen. Vergl. zum Beispiel den Brief Anton Matthias Sprickmanns an Amalie Fürstin von Gallitzin von Ende 1779: "Bewahre mich Gott dafür, daß ich Göthens That (cf. die "Kreuzigung" des "Woldemar") in meinem Herzen jemals natürlich finde! - ich kann mir nur leicht vorstellen, wie Göthe, das heißt, wie ein Mensch, der sich's zum Grundsatz gemacht hat, jeder Laune jedes Augenblicks, wie sie aufwallt, zu folgen, der nie über sich wacht, keine Herrschaft über sich hat, weil er keine hat haben wollen und so immer tiefer in Sclaverei seiner Sinnlichkeit oder Phantasie herabgesunken ist, - wie so ein Mensch so was thun konnte! und daß daher bei ihm, wie Sie mir aus dem Herzen schreiben, sein Betragen gegen Jacobi von einer minder schlechten Seite kann betrachtet werden, als von der Seite eines kaltblütigen boshaften Vorsatzes, ihn zu beschimpfen. Und nun muß ich noch eins hinzusetzen, um in diesem Punkt nichts auf dem Herzen zu behalten, um Ihnen mit offener Aufrichtigkeit von dieser Seite alles zu sagen. / Ich setze voraus: es war von Göthe That eines Augenblicks, - nicht prämeditirte That, denn sonst gebe ich freilich alles auf! / Da dünkt mich dieses: / Ein Mann wie Jacobi, der Göthe kannte, so ganz gefaßt und dargestellt hat in seinem Allwill, und der diesen - diesen Göthe dennoch liebte, sich von ihm seinen Busenfreund nennen ließ, ihn wieder so nannte (das hat er wenigstens bei mir gethan, nachdem Allwill schon gedruckt war) so ein Mann hätte Göthen um dieser ?hat willen nicht aufgeben müssen. O Mich dünkt, nachdem Allwills Brief geschrieben und beantwortet war' da hätte Jacobi als Freund von Göthe fordern müssen entweder Untersuchung und Beantwortung oder Aufgebung seines abscheulichen Grundsatzes und wenn Göthe dann sich gesträubt hätte, dann oder da wärs Zeit gewesen zu brechen1 ihn aufzugeben. Aber darnach ihn noch lieben, noch Freund nennen und dann um dieser That willen erst - das dünkt mich weder ganz philosophisch, noch für Jacobi groß genug. Da find ich oder da komm ich auf Vermuthung kleinerer Gefühle von Beleidigung oder beleidigter Autorliebe." (Vergl. "Der Kreis von Münster" herausgeg. v. S.Sudholf, 1.Teil, 1.Hälfte, S. 58)
**) Das steht nicht im Gegensatz zu der vorhergehenden Aussage "Dein ist seine ganze Liebe". Die Gansheit liegt im momentanen Aufgehen in Trieb und Gefübl. "Nie einen Augenblick ganz" ist Allwill, weil er in seinem Grundwollan nie etwas unverbrüchlich annimmt.
***) Entsprechend gibt Stavrogin Kirillov und Schatov zur gleichen Zeit sich widersprechende Ideen ein, um mittels dieses Experiments herauszufinden, was aus ihnen wird.
****) Silly hat sich ihrem Manne nicht nur bis zu dem Zeitpunkt verbunden, da der Tod sie scheidet, sondern auf immer.

 
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