Warum Gott Mensch wurde
- Ein Zweifel, den ich dem Herrn über die in den letzten Kapiteln
enthaltene Lehre vortrug und dessen Beantwortung 1) -
von
Maria von Agreda 2)
Über die in den letzten beiden Kapiteln enthaltenen Geheimnisse und
Lehren ist mir ein Zweifel aufgestiegen, veranlaßt durch die
Meinungsverschiedenheiten, die ich schon öfters von gelehrten Män-nern
gehört habe. Der Zweifel ist folgender: Wenn der erste Zweck und
Beweggrund der Mensch-werdung des ewigen Wortes der war, daß der
Gottmensch der Erstgeborene und das Haupt aller Ge-schöpfe sei und daß
mittels des Gottmenschen die göttlichen Eigenschaften und
Vollkommenheiten in einer der Gnade und Glorie entsprechenden Weise den
Auserwählten mitgeteilt werden, und wenn das genugtuende Leiden und
Sterben des Gottmenschen im Ratschlusse Gottes der sekundäre und
untergeordnete Zweck war - wenn, sage ich, dieses die Wahrheit ist,
warum gibt es dann in der Kir-che so verschiedene Ansichten über diesen
Punkt? Und warum ist die entgegengesetzte Ansicht, daß nämlich das
ewige Wort haupt sächlich zu dem Zwecke vom Himmel auf die Erde
herabgestiegen sei, um durch sein heiligstes Leiden und Sterben die
Menschen zu erlösen, sogar die
allgemeinere?
Diesen Zweifel habe ich in Demut dem Herrn vorgetragen, und Seine
göttliche Majestät würdigte sich, mir darauf zu antworten. Der Herr
verlieh mir nämlich eine klare Erkenntnis und ein sehr großes Licht,
worin ich viele Geheimnisse erkannte und verstand; ich kann dieselben
aber nicht vollkommen erklären, weil die Worte, die der Herr an mich
richtete, gar vieles in sich schließen und bedeuten. Der Herr sprach zu
mir: «Meine Braut, meine Taube, höre! Als dein Vater und Lehrmei-ster
will Ich deinen Zweifel beantworten und in deiner Unwissenheit dich
belehren. Wisse, daß der hauptsächliche und eigentliche Zweck meines
Ratschlusses, die in der Person des Wortes mit der menschlichen Natur
persönlich vereinigte Gottheit mitzuteilen, kein anderer war als die
Verherrlichung, welche sowohl für Meinen Namen als auch für die Meiner
Gnade fähigen Geschöpfe aus dieser Mitteilung hervorgehen sollte. Daß
dieser Ratschluß in der Menschwerdung ausgeführt worden wäre, auch wenn
der erste Mensch nicht gesündigt hätte, ist nicht zu bezweifeln; denn
es war ein ausdrücklicher und im wesentlichen bedingungsloser
Ratschluß.
Mein Wille, der in erster Linie darauf ging, Mich der mit dem Worte
geeinten Menschheit des Erlösers und insbesondere Seiner menschlichen
Seele mitzuteilen, mußte wirksam sein; denn so entsprach es meiner
Heiligkeit und der Gerechtigkeit meiner Werke. Und wenn auch dieser
Ratschluß der letzte war der Ausführung nach, so war er doch der erste
der Intention oder Meinung nach. Und wenn Ich zögerte, meinen
Eingeborenen in die Welt zu senden, so geschah dies deshalb, weil ich
Ihm zuvor in der Welt eine auserlesene, heilige Gemeinschaft von
Gerechten stiften wollte, welche unter Voraussetzung des allgemeinen
Sündenfalles doch gleichsam Rosen unter den Dornen der übrigen Sünder
sein sollten. Nachdem aber der Fall des Menschengeschlechts tatsächlich
erfolgt war, beschloß Ich durch ein ausdrückliches Dekret, daß das Wort
in leidensfähiger, sterblicher Gestalt (Natur) auf Erden erscheinen
solle, um Sein Volk, dessen Haupt Es war, zu erlösen. Damit wollte Ich,
daß meine unendliche Liebe zu den Menschen um so mehr geoffenbart und
erkannt, und Meiner heiligsten Gerechtigkeit die schuldige Genugtuung
geleistet würde. Wie jener, der zuerst gesündigt hat, ein Mensch, und
zwar dem natürlichen Sein nach der erste Mensch war, so sollte auch der
Erlöser ein Mensch, und zwar der erste Mensch der Würde nach sein (1
Kor 15, 21).
Ich wollte auch, daß die Menschen hierin die Schwere der Sünde erkennen
sollten und daß die Liebe aller Seelen eine ungeteilte sei, da ihr
Schöpfer, ihr Lebendigmacher, ihr Erlöser und ihr einstiger Richter ein
und derselbe ist. Ja, ich wollte die Menschen zur Dankbarkeit und
Gegenliebe gleichsam nötigen, indem Ich sie nicht so bestrafe, wie Ich
die abtrünnigen Engel bestraft; denn diesen habe Ich keine Gnadenfrist
mehr gewährt, dem Menschen aber habe Ich verziehen, habe auf ihn
gewartet und ihm ein passendes Heilmittel gegeben, indem Ich die
Strenge Meiner Gerechtigkeit an Meinem eingeborenen Sohne zeigte, die
Milde Meiner großen Barmherzigkeit aber dem Menschen zuwendete.»
«Damit du aber Meine Antwort auf deine Frage besser verstehst, mußt du
bedenken, daß, obwohl es in Meinen Ratschlüssen keine zeitliche
Aufeinanderfolge gibt, Ich auch im Wirken und Erkennen keiner Zeit
bedarf. Und darum haben diejenigen recht, welche sagen, das Wort sei
Fleisch geworden, um die Welt zu erlösen, obwohl anderseits auch
diejenigen recht haben, welche behaupten, das Wort wäre Mensch geworden
auch ohne den Sündenfall, wenn nur beides im rechten Sinne verstan-den
wird. Hätte Adam nicht gesündigt, so wäre das Wort in jener Gestalt vom
Himmel herabgekommen, die dem Stande der Unschuld entsprochen hätte. Da
nun aber Adam sündigte, so kam der zweite Ratschluß zur Ausführung,
wonach das Wort in leidensfähiger Gestalt erscheinen mußte; denn die
Sünde vorausgesetzt, war es angemessen, daß der Gottmensch die Erlösung
in der Weise vollbrachte, wie Er sie wirklich vollbracht hat. Und da du
zu wissen begehrst, wie das Geheimnis der Menschwerdung geschehen wäre,
im Falle der Mensch den Stand der Unschuld bewahrt hätte, so wisse, daß
die heiligste Menschheit der Wesenheit nach dieselbe gewesen wäre. Es
hätte aber mein Eingeborener die Gabe der Leidensunfähigkeit und
Unsterblichkeit besessen und hätte in der Weise mit den Menschen gelebt
und verkehrt, wie Er es getan hat nach Seiner Auferstehung bis zur
Himmelfahrt. Die Geheimnisse des Glaubens und die Sakramente würden
allen Menschen bekannt geworden sein; der Erlöser hätte Seine
Herrlichkeit, die Er, im sterblichen Fleische lebend, nur einmal
offenbarte, oftmals geoffenbart. Er hätte das, was er im Stande der
Sterblichkeit nur vor drei Aposteln gezeigt und gewirkt hat (Mt 17, 2),
im Stande der Unsterblichkeit den Augen aller Menschen enthüllt. Alle
Erdenpilger hätten Meinen Eingeborenen in großer Herrlichkeit geschaut,
in Seinem Umgange Trost gefunden und würden, weil sündenlos, Seinen
göttlichen Gnadenwirkungen kein Hindernis entgegengesetzt haben. Allein
die Sünde hat alles dieses verhindert und vereitelt, und der Erlöser
mußte um ihretwillen im Stande der Leidensfähigkeit und Sterblichkeit
auf Erden erscheinen.»
«Daß über diese und andere Geheimnisse in meiner Kirche verschiedene
Meinungen bestehen, hat seinen Grund darin, daß Ich einzelnen Lehrern
über diese, anderen über jene Geheimnisse Licht und Verständnis
mitteile, weil die Sterblichen unfähig sind, das Licht in seiner ganzen
Fülle zu empfangen. Ja, es wäre nicht einmal gut, jemand, der noch auf
Erden pilgert, die vollständige Erkenntnis aller Dinge mitzuteilen.
Empfangen ja doch sogar die Seligen im Himmel das Licht nur in Teilen,
je nach dem Maß der Verdienste eines jeden und nach dem Grade seiner
Glorie, sowie nach der Anordnung Meiner Vorsehung. Die Fülle des
Lichtes gebührte nur der menschlichen Seele Meines Eingeborenen und im
Verhältnisse auch Seiner Mutter; die übrigen Menschen aber empfangen es
weder ganz noch auch mit solcher Klarheit, daß sie sich über alle Dinge
vergewissern könnten; und darum erwerben sie sich die Erkenntnis durch
mühsames Studium der Wissenschaften. Allerdings sind in den Heiligen
Schriften zahllose Offenbarungswahrheiten enthalten; weil Ich aber die
Menschen meist im natürlichen Licht der Vernunft belasse und nur
bisweilen ihnen übernatürliche Erleuchtung mitteile, so kommt es, daß
die Geheimnisse nach verschiedener Seite aufgefaßt und daß die Heiligen
Schriften in mehrfachem Sinne erklärt und verstanden werden, indem ein
jeder seinem Urteil und seiner Auffassung folgt, und bei vielen ist die
Absicht gut. Das Licht und die Wahrheit ist freilich nur eine, aber die
Auffassung und Anwendung derselben ist nach der Verschiedenheit der
Urteile und Neigungen verschieden. Auch hat der eine diese, der andere
wieder andere Lehrer, und so entstehen unter ihnen die Kontroversen
oder Streitfragen.»
«Daß nun jene Meinung, wonach das ewige Wort hauptsächlich zu dem Zweck
vom Himmel herabgestiegen ist, um die Welt zu erlösen, die allgemeinere
ist, dies hat unter anderem seinen Grund darin, weil das Geheimnis und
die Werke der Erlösung bekannter und offenkundiger sind, da sie
tatsächlich ausgeführt und in der Heiligen Schrift unzählige Male
besprochen sind. Jenes Dekret dagegen, wonach der Erlöser im Stande der
Leidensunfähigkeit erscheinen sollte, kam weder zur Ausführung noch war
es unbedingt und ausdrücklich gefaßt worden; und darum blieb alles
verborgen, was sich auf jenen Zustand bezieht, und niemand kann es mit
Sicherheit wissen, es sei denn, daß Ich ihm über jenen Ratschluß und
über Unsere sich darin offenbarende Liebe zum Menschengeschlecht
besonderes Licht und geeignete Offenbarungen mitteile.
Die Erkenntnis dieser Geheimnisse würde zwar für die Menschen ein
starker Antrieb sein, wenn sie dieselben betrachten und beherzigen
wollten; allein der Ratschluß und die Werke der Erlösung sind mächtiger
und wirksamer, sie zur Erkenntnis und zur schuldigen Erwiderung Meiner
unermeßlichen Liebe zu bewegen und hinzuziehen, und dies ist eben der
Zweck meiner Werke. Darum ist es auch eine Fügung Meiner Vorsehung, daß
die letztgenannten Beweggründe und Geheimnisse dem Verständnis näher
liegen und häufiger Gegenstand der Betrachtung sind, weil es eben so
gut und heilsam ist.»
«Überdies mußt du bedenken, daß ein und dasselbe Werk gar wohl zwei
Endzwecke haben kann, indem nämlich der eine davon bedingterweise
beabsichtigt wird. Dies war aber der Fall im Werk der Menschwerdung,
welches in der Weise beschlossen war, daß, wenn der Mensch nicht
sündigte, das ewige Wort in nicht leidensfähiger Gestalt erscheine; daß
Es aber im Stande der Leidensfähigkeit und Sterblichkeit erscheine,
wenn der Mensch sündigte. Der Ratschluß der Menschwerdung wäre also in
keinem Falle unausgeführt geblieben. Ich will, daß die Geheimnisse der
Erlösung erkannt, verehrt und unablässig betrachtet werden, damit die
Menschen dadurch zur schuldigen Dankbarkeit und Gegenliebe angetrieben
werden. Ich will aber in gleicher Weise, daß die Menschen das
menschgewordene Wort als ihr Haupt und als das Endziel anerkennen, für
welches das ganze übrige Menschengeschlecht erschaffen wurde. Denn
nächst Meiner eigenen Güte war Er, der Gottmensch, für Mich der
vorzüglichste Beweggrund, allen Geschöpfen das Dasein zu geben. Darum
sind alle schuldig, Ihm ehrfurchtsvoll zu dienen, nicht bloß deshalb,
weil Er das Menschengeschlecht erlöst hat, sondern auch deshalb, weil
das Menschengeschlecht um Seinetwillen erschaffen
ward.»
«Ferner sollst du wissen, meine Braut, daß die
Meinungsverschiedenheiten unter den Lehrern und Meistern, wonach die
einen das Wahre, andere aber ihrer natürlichen Einsicht gemäß
Zweifelhaftes behaupten, eine Zulassung und Fügung Meiner Vorsehung
ist. Ich lasse auch zu, daß einzelne etwas behaupten, was in der Tat
nicht so ist, ohne daß es deswegen der tiefen Wahrheit des Glaubens, in
welcher alle Gläubigen übereinstimmen, schon widerspräche. Zuweilen
lasse Ich auch zu, daß einzelne nach ihrer Erkenntnis solches als wahr
behaupten, was nur im Bereich der Möglichkeit liegt. Diese
Verschiedenheit dient dazu, daß der Wahrheit und dem Lichte um so
eifriger nachgeforscht und daß infolgedessen die verborgenen
Geheimnisse des Glaubens mehr beleuchtet werden. Denn der Zweifel ist
dem Verstand ein Ansporn, die Wahrheit zu suchen; in dieser Hinsicht
haben also die Meinungsverschiedenheiten der Gottesgelehrten eine
gerechte und heilige Ursache.»
«Noch einen anderen Zweck haben die Kontroversen, nämlich den, daß man
aus den mühevollen Studien großer, vollkommener Gelehrter und Weisen
erkenne, daß es in Meiner Kirche eine Wissenschaft gibt, welche dem
Menschen eine weit höhere Weisheit mitteilt als die Weltweisen sie
besitzen, und daß es über allen einen höchsten 'Lehrmeister der Weisen'
(Weish 7, 15) gibt, und dieser bin Ich, der Ich allein alles weiß und
alles fasse, alles messe und abwäge, ohne selber ermessen oder erfaßt
werden zu können. Die Menschen sollen erfahren, daß, wenn sie Meine
Gerichte und Zeugnisse auch noch so sorgfältig erforschen, sie doch
niemals dieselben erreichen können (ebend. 9, 13), wenn nicht Ich ihnen
Erkenntnis und Licht verleihe, der Ich der Anfang und der Urheber aller
Weisheit und Wissenschaft bin (ibd. 32, 8). Aus dieser Erkenntnis
sollen - das ist mein Wille - die Menschen bewogen werden, Mich ewig zu
loben, zu preisen, zu bekennen, zu verherrlichen und Meine Herrschaft
anzuerkennen.»
«Auch ist es Mein Wille, daß die heiligen Lehrer durch ihre redliche,
lobenswerte und heilige Anstrengung sich viele Gnaden und Erleuchtungen
und eine höhere Stufe der Seligkeit verdienen; daß ferner die Wahrheit
mehr und mehr enthüllt und geläutert werde, je mehr man sich dem
Urquell der Wahrheit nähert, und daß die Menschen durch demütige
Erforschung der Geheimnisse und der wunderbaren Werke Meiner Rechten
dazu gelangen, an deren Früchten teilzunehmen und 'das Brot des
Verstandes' (Sir 15, 3) und der Erkenntnis Meiner Heiligen Schriften zu
genießen. Mit großer Vorsicht habe Ich über die Lehrmeister des
Glaubens gewacht, wenn auch ihre Ansichten und Meinungen gar weit
auseinandergingen und sehr verschiedenen Zwecken dienten. Denn zuweilen
gereicht es zu Meiner größeren Ehre und Verherrlichung, daß sie sich
gegenseitig widersprechen und einander bekämpfen, manchmal dient es
anderen, irdischen Zwecken. In diesem Wettstreit ist ihre Absicht und
ihr Verhalten stets ein verschiedenes gewesen und ist es noch. Dennoch
habe ich ihnen Meine Leitung und Führung, Mein Licht und Meinen Schutz
in der Weise zugewendet, daß die Wahrheit in vielen Dingen erforscht
und erkannt, die Erkenntnis Meiner Vollkommenheiten und Meiner
wunderbaren Werke gar sehr verbreitet und die Heilige Schrift in so
tiefsinniger Weise ausgelegt wurde, daß es mir zum größten Wohlgefallen
gereichte. Darum hat auch die Hölle in unglaublichem Neid und Ingrimm,
zumal in unseren gegenwärtigen Zeiten, den Thron der Bosheit
aufgeschlagen, um die Wahrheit zu bekämpfen. Sich anmaßend, die
Gewässer des Jordans verschlucken zu können, sucht sie das Licht des
heiligen Glaubens zu verdunkeln, indem sie durch böse Menschen Unkraut
unter den Weizen sät (Mt 13, 25).
Doch die Kirche mit ihren Lehren steht unerschütterlich fest, und,
mögen auch die katholischen Christen in anderer Hinsicht noch so blind
und in tausendfaches Elend verwickelt sein, so leuchtet ihnen doch das
Licht und die Wahrheit des Glaubens in hellstem Glanze. Zu diesem Glück
rufe Ich zwar alle mit väterlicher Liebe, doch der Auserwählten, die
Meinem Rufe entsprechen wollen, sind es nur wenige (ebend. 2,14).»
«Du sollst endlich auch wissen, Meine Braut: Obschon meine Vorsehung es
so fügt, daß unter den Gottesgelehrten Meinungsverschiedenheiten
vorkommen, damit Meine Zeugnisse sorgfältiger erforscht und der tiefe
Sinn der Heiligen Schriften durch gottgefälliges, fleißiges Studium und
Nachdenken den Menschen auf Erden mehr und mehr erschlossen werde, so
würden Mir die Gottesgelehrten doch ein großes Wohlgefallen bereiten
und einen angenehmen Dienst erweisen, wenn sie die Hoffart, die
Eifersucht, den Ehrgeiz und andere Leidenschaften und Laster, welche
gern die Folge solcher Streitigkeiten sind, aus dem Herzen verbannen
und allen bösen Samen, der bei solchen Gelegenheiten ausgestreut wird,
vertilgen würden. Ich reiße jetzt den bösen Samen nicht aus, damit
nicht der Weizen mit dem Unkraut ausgerissen werde (Mt 13,
29).»
Alles dieses und noch vieles mehr, das ich nicht sagen kann, hat der
Allerhöchste Mir geantwortet. Ewig sei Seine höchste Majestät dafür
gepriesen, daß Er Sich würdigte, meine Unwissenheit zu belehren und
meinen Wunsch auf so vollkommene Weise und mit so großer Barmherzigkeit
zu erfüllen, und daß Er die Niedrigkeit einer unwissenden, ganz und gar
unnützen Jungfrau nicht verschmähte! Alle seligen Geister und alle
Gerechten auf Erden mögen ihm dafür ohne Ende Lob und Dank darbringen!
(aus: Maria von Agreda: "Leben der Jungfrau und
Gottesmutter Maria", Bd. 1, aus dem Spanischen übersetzt, hrsg. vom
Albert-Magnus-Verein, Gosheim 1978, S. 121-129)
Anmerkungen:
1) Die Frage, warum Gott Mensch wurde, hatte auch schon
explizit Anselm von Canterbury gestellt: "Cur Deus homo?" und sie in
dem Sinne beantwortet, daß eine Satisfaktion nach dem Sündenfall der
ersten Menschen nur durch die Offenbarung des Gottes-Sohnes und seinen
Sühnetod geleistet werden könne. Die freie Offenbarung Gottes aus Liebe
gegenüber den Menschen, um ihnen Seine Liebe zu zeigen, war dem hl.
Anselm verborgen geblieben.
Wir greifen dieses Problem auf, um in einer Zeit, in der die
Menschwerdung des Gottes-Sohnes ex- und implizit selbst von denen
geleugnet wird, die eigentlich von Amts wegen diesen Glaubensgrundsatz
verteidigen sollten, diese Glaubenswahrheit von einem besonderen Aspekt
her - dem einer Offenbarungsträgerin, der Maria von Agreda -
darzustellen.
2) Maria von Agreda (Klostername: Maria de Jesu), * 2.4.1602 zu
Agreda/Spanien; + 24.5.1665 ebd. Seit 1627 Äbtissin des Klosters v. der
Unbefleckten Empfängnis. Sie führte ein unglaublich strenges
Ordensleben. Sie genoß außerordentliche Gnaden Gottes: außer Visionen
der Bilokation verfügte sie auch über die "eingegossene Wissenschaft".
Berühmt wurde sie durch die Visionen über das Leben der Gottesmutter,
die sie auf Befehl ihres Beichtvaters zwischen 1650 und 1665
aufzeichnete: "Geistl. Stadt Gottes"("Mystica Ciudad de Dios"), die
1670 in Madrid erschienen. Der 1673 eingeleitete Seligsprechnungsprozeß
ruht nach dem Einspruch Frankreichs seit 1774 (wegen der von Maria
behaupteten Auffassung von der Unbefleckten Empfängnis Mariä - eine
Lehre, die inzwischen von der Kirche dogmatisiert wurde) und wurde noch
nicht abgeschlossen.
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