DER HEILIGE HERMENEGILD
von
Eugen Golla
Der ostgermanische Stamm der Westgoten nahm im vierten Jahrhundert das
arianische Christentum an, plünderte im Jahre 410 im Zuge der
Völkerwanderung Rom und suchte alsdann in Gallien neue Wohnsitze, von
wo die Westgoten, von den Franken verdrängt, schließlich in Spanien ein
Reich gründen konnten.
Der tapferste und erfolgreichste unter den westgotischen Königen
Spaniens war Leovigild (569-586), dem es gelang, seine Herrschaft fast
über ganz Spanien auszubreiten. Er hatte zwei Söhne, Hermenegild und
Reccared. Dem etwa 550 geborenen Hermenegild flößte möglicherweise
seine schon früh verstorbene Mutter, eine Tochter des byzantinischen
Statthalters, eine eifrige Katholikin, Liebe zum Glauben ein. Er
heiratete eine fränkische Prinzessin, Ingunde, die sich trotz ihres
jugendlichen Alters vollkommen bewußt war, daß ihr in dieser Mischehe
schwere Prüfungen und bitteres Leid bevorstehen würden. Vorerst schien
aber alles gut zu gehen, da Hermenegilds Stiefmutter Soswinda, eine
fanatische Arianerin, ihr freundlich entgegenkam. Aber bald zeigte sie
ihr wahres Gesicht: sie versuchte ihre Schwiegertochter zu überreden,
sich nochmals, und zwar arianisch taufen zu lassen. Als sich Ingunde
weigerte, packte sie diese bei den Haaren und warf sie in ein
arianisches Taufbecken.
König Leovigild litt unter diesen Verhältnissen so sehr, daß er sich
entschloß, Hermenegild vom Hofe zu entfernen, indem er ihn zum
Statthalter eines Gebietes mit Sevilla als Hauptstadt ernannte. Im
Jahre darauf berief Leovigild ein arianisches Konzil nach Toledo, das
den Katholiken den Religionswechsel durch den Verzicht auf die
arianische Wiedertaufe, die als besonders schimpflich empfunden wurde,
erleichtern sollte. Ja er äußerte sogar, daß Christus die gleiche
Göttlichkeit wie dem Vater zuzusprechen sei. Dennoch lastete, wenn es
auch keine blutigen Verfolgungen gab, die Anwendung verschiedener
Druckmittel auf dem Lande, um in erster Linie die Germanen (Goten und
Sueben), aber wahrscheinlich auch Romanen dem Arianismus zuzuführen.
Es war für Hermenegild eine Gnade, daß ihm sein Vater gerade Sevilla
und Andalusien als neuen Wirkungskreis zugewiesen hatte. Er lernte
nänlich dort den heiligmäßigen Erzbischof Leander von Sevilla kennen,
dem es gelang, ihn zum wahren Glauben zu bekehren. Nachden er aus der
Hand von Leander die Taufe empfangen hatte, in der er den Namen
Johannes erhielt, ohne Hermenegild abzulegen, um bald danach auch
gefirmt zu werden, schwor er öffentlich seinen Irrglauben ab. Von nun
an wurde das Verhältnis zwischen Vater und Sohn gespannter, ja nicht
viel später dachte der König darüber nach, wie er seinen Sohn
zugrunderichten könne.
Da unternahm Hermenegild etwas, was in mehrerer Hinsicht, zumindest
aber diplomatisch betrachtet, unüberlegt war: er beschloß, sich gegen
seinen Vater zu erheben und rief die Griechen - es bestand ja noch das
oströmische Reich - sowie den katholischen Adel, besonders die Sueben,
zu Hilfe. Als König Leovigild mit seiner weit größeren Truppenmacht
heranrückte, ließen ihn seine Verbündeten im Stich und Hermenegild fiel
nach der Eroberung Cordobas in die Hände seines Vaters. Nachdem dessen
Schmeichelworte und Drohungen vergeblich waren, ließ er den mutig und
standhaft seinen Glauben bekennenden Sohn in einem engen Kerker in
Fesseln legen. Wiederholt versprach er ihm die Freiheit, wenn er zum
Arianismus zurückkehre. Aber Hermenegild verriet seinen Glauben nicht.
Als das Osterfest herannahte, sandte der König einen arianischen
Bischof zwecks Spendung der Kommunion zu ihm. Als er sich aber weiter
hartnäckig weigerte, eins solch sakrilegisches Sakrament zu empfangen,
überlieferte ihn sein zornerfüllter Vater dem Henker, der ihm mit einem
Beil den Kopf vom Rumpfe abhieb. Dies geschah am Karsamstag, dem 13.
April 585 zu Tarragona. König Leovigild bereute zwar bald danach
das Verbrechen, aber er vermochte sich nicht dazu entschließen,
katholisch zu werdem. Kurze Zeit darauf starb er. Es folgte ihm sein
jüngerer Sohn Reccared auf den Thron, der in seinem Märtyrerbruder ein
Vorbild sah und kurze Zeit darauf auch katholisch wurde. Bereits 589
verkündete er auf dem Konzil von Toledo die Konversion eines großen
Teiles der Goten ohne ernstlichen Widerstand.
Leider erlitt der Katholizismus 711 durch den siegreichen Vorstoß der
Araber, dem die Herrschaft der Westgoten zum Opfer fiel, schwere
Verluste. Zwar wird von Wundern, die sich am Grabe Her-menegilds, das
sich in Sevilla befindet, berichtet. Dennoch wurde Hermenegilds
Verhalten gegen-über seinem Vater, seine kriegerische
Auseinandersetzung mi ihm sowie sein Bündnis mit den Byzantinern von
vielen trotz seines Martyriums verurteilt. Der hl. Gregor der Große
sieht aber in der Bekehrung Reccareds sowie vieler anderer einen Beweis
für die Heiligkeit Hermenegilds. Andere vertraten wenigstens die
Ansicht, daß der heiligmäßige Bischof Leander von Sevilla den Krieg
gegen Leovigild nicht mißbilligt habe, oder daß Hermenegild durch
seinen Tod den Frevel, gegen seinen Vater die Waffen erhoben zu haben,
sühnte. Der berühmteste Geschichtsschreiber der Franken, Gregor von
Tours, schrieb aber, daß der unselige sich nicht bewußt war, daß das
Gottesgericht dem be-vorstehe, der gegen seinen Vater, obgleich einen
Ketzer, kämpfen wollte. Der hl. Isidor, einer der Lehrmeister
mittelalterlicher Bildung schreckte nicht davor zurück, ihn als einen
Rebellen und Tyrannen zu bezeichnen.
Die entscheidende Änderung in der Einstellung zu Hermenegild erfolgte
erst nach dem Untergang des Oströmischen Reiches. Nachdem tausend Jahre
seit Hermenegilds Martertod vergangen waren, gestattete Papst Sixtus V.
auf Veranlassung von König Philipp lI. von Spanien seine Verehrung im
ganzen Land. Papst Urban VIII. (1623-44) dehnte das Fest auf die
Gesamtkirche aus. Er, ein begabter Dichter, verfaßte sogar die Hymnen
des Breviers für den Festtag, den die Kirche an Hermenegilds Todestag,
dem 13. April, begeht. Die Hymnen sind allerdings im Stile der
nach-tridentinischen Dichtungen, einem pomphaften Barock, verfaßt, dem
die herbe Innerlichkeit der hynnischen Dichtung des Mittelalters fremd
ist.
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Benützte Literatur:
Gams, Pius Bonifatius: "Die Kirchengeschichte von Spanien" Band II/1 u. 2, Graz 1956.
Jedin, Hubert: "Handbuch der Kirchengeschichte" Bd. 2, Freiburg 1975.
Mans, Peter: "Die Heiligen in ihrer Zeit“, 1. Band, Mainz 1966.
Rosenberg, Hans: "Die Hymnen des Breviers", Bd. 1 u. 2, Freiburg 1923/24
Stadler, Joh. Ev.: “Vollständiges Heiligenlexikon in alphabetischer Ordnung", Bd. 2, Augsburg l861.
"Vies des Saints", Band 4, Paris 1946. |