PASSAMAHL
- NACH DEN VISIONEN DER GOTTSELIGEN
ANNA KATHARINA EMMERICH -
Jesus war tags darauf nicht im Tempel, sondern in Bethanien. Ich dachte
noch, als sich so viele Krämer wieder im Tempel vorgedrungen hatten,
wenn er jetzt da wäre, es würde ihnen übel gehen. Nachmittags wurden im
Tempel die Osterlämmer geschlachtet. Es geschah dieses mit
unbeschreiblicher Ordnung und Fertigkeit. Jeder trug sein Osterlamm auf
den Schultern herbei. Alle standen sehr ordentlich, und jeder hatte
Raum genug. Es waren drei Höfe um den Altar, wo sie stehen konnten;
zwischen dem Altar und Tempel stand kein Volk. Vor den Schlachtenden
waren Geländer und Ge-stelle mit Bequemlichkeiten; sie standen jedoch
so dicht, daß das Blut des einen Lammes den Schlächter des anderen
bespritzte; ihre Kleider waren alle voll Blut. Die Priester standen in
vielen Reihen bis zum Altar, und die vollen und leeren Blutbecken
liefen von Hand zu Hand. Ehe die Israeliten die Lämmer ausweideten,
stießen und kneteten sie dieselben auf eine eigene Art, so daß sie die
Eingeweide, wobei der Nächststehende beim Halten des Lammes behilflich
war, mit einem Griff leicht herausrissen. Das Hautabziehen ging sehr
schnell, sie lösten die Haut etwas ab und befestigten sie an einen
runden Stock, den sie bei sich hatten, hängten das Lamm um ihren Hals
vor die Brust und drehten dann den Stock mit den beiden Händen um, auf
welchen das Fell sich aufrollte. Gegen Abend war man mit dem Schlachten
fertig. Ich sah einen blutroten Abendhimmel.
Lazarus, Obed und Saturnin schlachteten die drei Lämmer, welche Jesus
und seine Freunde aßen. Die Mahlzeit war im Hause des Lazarus am Berg
Sion. Es ist dieses ein großes Gebäude mit zwei Flügeln. Im Saal, wo
sie aßen, war auch der Bratofen; doch ganz anders als der Herd im
Cönaculum. Er war mehr in die Höhe, so wie die Herde in Annas und
Marias Haus zu Kana. In der aufrecht führenden dicken Mauer waren
Löcher, worin man das Lamm stellte, von oben herab. Es war aus gespannt
mit Holz, wie gekreuzigt. Der Saal war schön geschmückt, und es aßen
die drei Parteien an einer Tafel, welche mir auffallend ganz in
Kreuzgestalt aufgestellt war. Lazarus saß oben am kurzen Kreuzende, wo
auch viele Schüsseln mit bitteren Kräutern standen. Die Osterlämmer
standen wie hier verzeichnet ist, und die einzelnen Namen stehen nach
einzeln benannten Sitzen. Um Jesus her standen Verwandte und Jünger aus
Galiläa, um Obed und Lazarus die Jerusalemischen Jünger, um Saturnin
die Johannesjünger. Alle zusammen waren mehr als dreißig.
Es war dieses Ostermahl auf andere Weise als das letzte Ostermahl Jesu.
Es war mehr jüdisch. Alle hatten hier Stäbe in der Hand, waren
aufgeschürzt und aßen sehr geschwind; dort hatte Jesus zwei Stäbe
kreuzweis. Sie sangen auch Psalmen und aßen stehend sehr geschwind das
Osterlamm ganz auf. Später lagen sie zu Tisch. Es war aber doch etwas
anders, als wie es die Juden aßen. Jesus legte ihnen alles aus, und sie
ließen allerlei zugesetzte pharisäische Gebräuche weg. Jesus zerlegte
die drei Lämmer und diente zu Tische. Er sagte, daß er dieses jetzt als
ein Diener tue. Hernach waren sie noch bis in die Nacht zusammen und
sangen und beteten.
Es war heute so still und schauerlich in Jerusalem. Die Juden, welche
nicht schlachteten, hielten sich in den Häusern, die alle mit grünem,
dunklem Laubwerk geschmückt waren. Die ungeheuer vielen Menschen waren
nach dem Schlachten so sehr im Innern der Häuser beschäftigt, und alles
hielt sich so still, daß es mir einen ganz betrübten Eindruck machte.
Ich sah heute auch, wo alle die Osterlämmer für die vielen Fremden,
welche teils vor den Toren lagerten, gebraten wurden. Es waren vor und
auch innerhalb der Stadt an gewissen Plätzen ganze lange, breite,
niedere Mauern errichtet, so daß man oben darauf gehen konnte. In
diesen Mauern war Ofen an Ofen. In gewissen Entfernungen wohnte ein
Aufseher, der auf alles acht gab, und bei dem man das Nötige um ein
Geringes haben konnte. Bei solchen Öfen kochten und brieten auch
Reisende und Fremde zu andern Festen und Zeiten. - Das Verbrennen des
Fettes des Osterlammes dauerte bis in die Nacht im Tempel, dann wurde
nach der ersten Nachtwache der Altar gereinigt und sehr früh die Tore
wieder geöffnet.
Jesus und seine Jünger hatten die Nacht meist mit Gebet und mit wenigem
Schlaf in Lazari Haus am Berge Sion zugebracht; die galiläischen Jünger
schliefen in angebauten Räumen. Als der Tag an-brach, gingen sie schon
nach dem Tempel hinaus, der mit vielen Lampen erleuchtet war. Es zogen
schon von allen Seiten her Leute mit ihren Opfern hinauf. Jesus mit
seinen Jüngern war in einem Vorhof und lehrte. Wiederum stand eine
Menge von Krämern bis dicht an den Vorhof der Betenden und Weiber, sie
waren kaum ein paar Schritte vom betenden Volke. Als aber noch mehrere
heranzogen, wies Jesus sie zurück und befahl den Dastehenden, zu
weichen. Sie widersetzten sich und riefen die Wächter in der Nähe um
Hilfe, und diese zeigten es dem Synedrium an, weil sie aus sich selbst
es nicht wagten. Jesus befahl den Krämern, zu weichen; und da sie frech
trotzten, zog er aus seinem Gewande einen von Binsen oder dünnen Weiden
gedrehten Strick hervor, schob einen Ring daran zurück, wodurch die
eine Hälfte sich in eine Menge Fäden, wie eine Geißel, auflöste. So
drang er gegen die Krämer an, stieß die Tische um, trieb die
Widerspenstigen vor sich her; die Jünger gingen an beiden Seiten vor
ihm her und drängten und schoben alles hinweg.
Nun kamen eine Menge Priester aus dem Synedrium und stellten ihn zur
Rede: wer ihm ein Recht dazu gebe, hier so zu verfahren? Er sagte
ihnen, wenn gleich das Heiligtum vom Tempel gewichen sei und er seinem
Untergang entgegen gehe, so sei er doch ein geweihter Ort und das Gebet
so vieler Gerechten sei zu ihm gewendet; er sei kein Ort des Wuchers,
des Betrugs und niedrigen Handelgetümmels. Da sie ihn auf die Rede,
sein Vater habe es ihm befohlen, fragten, wer sein Vater sei, erwiderte
er: er habe jetzt keine Zeit, dieses zu erklären und sie verstünden es
auch nicht, und somit wendete er sich von ihnen und fuhr fort, die
Krämer zu vertreiben.
Es waren aber auch zwei Scharen von Soldaten angekommen, und die
Priester wagten nichts gegen Jesus, denn sie schämten sich selbst der
Unordnung; auch war viel Volk versammelt, das dem Propheten recht gab,
so daß die Soldaten selbst Hand mit anlegen mußten, die Krämer-Tische
wegzuschaffen und die umgestoßenen Tische und Waren wegzuräumen. So
schafften Jesus und die Jünger die Krämer bis vor den äußersten Vorhof
hinaus; diejenigen aber, welche bescheiden waren und mit Tauben,
kleinen Broten und andern Erquickungen in den Mauer-Zellen des Vorhofs
nötig waren, ließ Jesus dastehen. Er ging hierauf mit den Seinigen in
den Vorhof Israels. Es mochte dieses unge-fähr 7 bis 8 Uhr morgens
geschehen sein.
Am Abend dieses Tages zog eine Art Prozession in das Tal Kidron, die
Erstlings-Garbe abzuschneiden. Da Jesus an einem späteren Tage im
Vorhofe des Tempels ungefähr zehn Lahme und Stumme heilte, erregte
dieses ein großes Aufsehen; denn die Geheilten erfüllten alles mit
ihrem Jubel. Man stellte ihn abermals zur Rede; er aber antwortete sehr
scharf, und das Volk war sehr begeistert für ihn. Er hörte nach dem
Gottesdienst der Lehre in einer Halle des Tempels mit den Jüngern zu.
Man lehrte über ein Buch Mosis. Er machte öfters Einwürfe, denn es war
hier eine Art Schule, wo man disputieren konnte, und alle brachte er
zum Schweigen und gab eine ganz verschiedene Auslegung.
Jesus war in allen diesen Tagen schier gar nicht bei seiner Mutter, die
immer bei Maria Markus den ganzen Tag in Sorgen, Tränen und Gebet wegen
des Aufsehens war, das er machte. Den Sabbat hielt Jesus bei Lazarus in
Bethanien, wohin er nach dem Lärm, den seine Heilung im Tempel
verursachte, sich zurückgezogen. Nach dem Sabbat aber suchten die
Pharisäer Jesus im Hause der Maria Markus in Jerusalem, um ihn
einzuziehen. Sie fanden ihn aber nicht, sondern seine Mutter und andere
heilige Frauen und geboten diesen, als seinen Anhängerinnen, mit harten
Worten, die Stadt zu verlassen. Da wurden die Mutter Jesu und die
andern Frauen sehr betrübt und eilten weinend nach Bethanien zu Martha.
Maria trat weinend in die Stube, wo Martha bei ihrer kranken Schwester,
der stillen Maria, war, welche wieder ganz im äußeren Leben war und
alles, was sie sonst im Geiste gesehen hatte, nun zur Wirklichkeit
werden sah. Sie konnte ihre Betrübnis nicht mehr ertragen und starb in
der Gegenwart Mariä, Maria Kleophä, Marthas und der anderen
Frauen.
Nikodemus kam in diesen Tagen durch des Lazarus Vermittlung trotz der
ausgesprochenen Verfolgung zu Jesus, der die Nacht hindurch neben ihm
an der Erde liegend lehrte. Vor Tagesanbruch ging Jesus mit Nikodemus
nach Jerusalem in des Lazarus Haus am Sion. Hier kam auch Joseph von
Arimathäa zu ihm. Er sprach mit ihnen, und sie demütigten sich vor ihm
und erklärten, daß sie wohl erkennten, wie er mehr als ein Mensch sei,
und sie gelobten, ihm zu dienen treu bis ans Ende. Jesus aber gebot
ihnen Zurückhaltung. Sie baten ihn, er möge sie in der Liebe erhalten.
Danach kamen noch alle Jünger, die das Pascha mit ihm gegessen hatten.
Er gab ihnen Lehren und Befehle für die nächste Zukunft. Sie reichten
sich die Hände und weinten und trockneten die Tränen mit der schmalen
Halsbahn, welche sie auch um das Haupt hüllten.
(aus: "Das arme Leben unseres Herrn Jesu Christi" nach den Gesichten
der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustinerin des Klosters
Agnetenberg zu Dülmen, Aschaffenburg (Pattloch) 1971, S. 149 ff.)
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