56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. Brief an besorgte Christen
2. Den Westen zu Tode gebären
3. Warum die Einsicht Ecône unterstützt
4. Das Jahrhundert des Aases
5. Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
6. Der letzte Tag
7. Aus den geistlichen Ansprachen
8. Der hl. Joseph von Calasanza
9. Die Kruzifixe
10. Vom hl. Papst Pius X.
11. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
12. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
Brief an besorgte Christen
 
Aktion:
Brief an besorgte Christen

Vorwort der Redaktion:

In Heft XXVIII/6 vom Februar 1999, S. 159 ff., hatte ich Ihnen, verehrte Leser, das Konzept eines "Briefes an besorgte Christen" vorgelegt mit der Bitte, dazu Stellung zu nehmen. Sie haben uns gesagt und geschrieben, "was Ihnen nicht gefällt, was zu unklar oder zu wenig deutlich dargestellt ist". Für die eingegangenen Vorschläge möchte ich mich bei allen Einsendern herzlich bedanken. Wir haben ergänzt, umformuliert und stellenweise gekürzt, sicherlich noch zu wenig. Aber eine möglichst präzise und übersichtliche Darstellung unseres Anliegens bedarf auch einer gewissen Ausführlichkeit. Heute stellen wir diesen "Brief" erneut auf den Prüfstand und erwarten nochmals Ihr Urteil; im voraus herzlichen Dank dafür.
E. Heller
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Vor knapp zwei Jahr sorgte eine Bemerkung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Prof. Karl Lehmann, unter den Katholiken hierzulande für einige Aufregung. In einem Vortrag vor der Luther-Gesellschaft in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 6.11.97 hatte er Luther mehrfach und ohne Einschränkung als "gemeinsamen Lehrer" bezeichnet, obwohl dieser doch von der Kirche im Jahr 1521 als Ketzer verurteilt worden war.

Hatte Lehmann damit seine Kompetenzen überschritten? Kann ein Bischof die Entscheidung der höchsten Autorität einfach ignorieren? Handelt es sich bei Lehmanns Urteil um eine nötige Revision des Luther-Bildes durch den Repräsentanten des deutschen Episkopats, weil Luthers Zensurierung im Lichte neuerer historischer Forschung als überholt, als ungerechtfertigt anzusehen ist? Hatte sich das Lehramt also geirrt? Stellte diese Beurteilung lediglich eine häretische Entgleisung des Mainzer Bischofs dar, wie der renommierte, inzwischen verstorbene Prof. Bäumer diese Bemerkung bewertet hatte? Oder handelte es sich vielleicht um einen 'Versuchsballon', mit dem Lehmann testen wollte, wie die angeblich katholische Öffentlichkeit auf seine Beurteilung eines Häretikers als Kirchenlehrer reagieren würde, also um eine bewußte Provokation?

Diese Zeilen richten sich an katholische Christen, die die kirchlichen Entwicklungen der letzten dreißig Jahre mit großer Sorge beobachten und die die vielen Neuerungen nach dem II. Vatikanum kei-neswegs als wahre Reformen begrüßen, sondern in ihnen eher eine schleichende Gefahr für den christlichen Glauben sehen. Sie gelten auch jenen, die durch offizielle Verlautbarungen der Amtskirche in ihrer Glaubensüberzeugung oder ihrem religiösen Empfinden verunsichert sind und die eine verläßliche Antwort aus dem katholischen Glauben heraus suchen. Darüber hinaus sollen aber auch all jene angesprochen werden, die zwischen dem allgemeinen Glaubens- und Werteverfall in unserer Gesellschaft und dem schrittweisen Vordringen a-christlicher, ja direkt a-theistischer Positionen einen Zusammenhang vermuten. Unlängst propagierte der Schriftsteller Martin Walser bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandles in der Frankfurter Paulskirche unter der Anwesenheit der gesamten deutschen Polit-Prominenz sogar eine vom Christentum befreite, post-christliche Ära.

Wir wenden uns an Sie, um Ihnen Kriterien und theologisch fundierte Argumente zu liefern, die Ihnen helfen sollen, die angebotenen Konzepte und kirchlichen Aktivitäten zu durchschauen. Unter Berufung auf kirchliche Lehrentscheidungen wollen wir zeigen, was gilt und was nicht gilt, was katholische Glaubenswahrheit und was Häresie ist. Diese theologisch-geistige Selbständigkeit soll Sie - allen modernen Trends zum Trotz - in die Lage versetzen, die drängenden Lebensfragen zu beantworten und Ihr Leben als katholischer Christ klarer und eindeutiger zu gestalten. Die angebotenen Argumentationshilfen basieren auf der Lehr-Tradition der Kirche. Tradition bedeutet, das weitergeben und weiterleben, was wir von Christus unverändert über die Apostel durch die Kirche empfangen haben, um danach uns und diese Welt, in der wir leben, zu gestalten. Sie ist Quelle der göttlichen Offenbarung.

Es ist klar, daß die Kirche nur dann ihrem Auftrag treu ist, wenn sie die empfangenen Lehren unverfälscht weitergibt. Es kann nicht sein, daß sie unter Beanspruchung ihrer Lehrautorität heute das Gegenteil von dem lehrt, was sie gestern als verbindlich definiert hat. Eine solche Methode würde nicht nur in einer absoluten Relativität der Lehre münden, sondern auch die Lehrautorität als solche aufheben. Und hier haben Sie gleich die Kriterien für die Beurteilung für das eingangs wiedergegebene Lehmann-Zitat: indem er die Lehrautorität früherer Entscheidungen aufhebt, untergräbt er zugleich seine eigene. Wenn Sie genauer aufmerken, stellen Sie fest, daß sich solche Aussagen, die vom definierten Glauben abweichen, von sog. Amtsinhabern häufen. Wir werden heute Zeugen einer Revolution von oben. Diejenigen, die vorgeben, Hüter des Glaubens zu sein, verraten ihn.

Dieser Prozeß setzte - sichtbar für die allgemeine Öffentlichkeit - auf dem II. Vatikanum ein, das für die nachfolgenden sog. Reformen die Weichen stellte. Es pries diese im Sinne des von Johannes XXIII. geforderten "aggiornamentos" (aufgrund dessen 'Inspiration' eines "neuen Pfingstens") als notwendige Anpassungen an die moderne Zeit. In Wirklichkeit aber tangierten die Konzilsentscheidungen bereits frühere Lehrentscheidungen und liefen auf eine geschickte Zerstörung der kath. Kirche hinauslief. So heißt es z.B. in "Lumen gentium", 16. Kap.: "Der Heilswille umfaßt aber auch die, die den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barrmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird". Nicht nur, daß der Islam die Gottheit Christi, die Dreifaltigkeit, die Erlösung des Menschen am Kreuz und die Sendung des Hl. Geistes leugnet, sondern Christus sagt ausdrücklich: "Niemand kommt zum Vater außer durch mich!" (Jo 14,6). Über die Offenbarung Gottes heißt es in den Bestimmungen des I. Vatikanums, 2. Kap.: "Doch hat es seiner Weisheit und Güte gefallen, auf einem anderen, und zwar übernatürlichen Weg sich selbst und die ewigen Beschlüsse seines Willens dem Menschengeschlecht zu offenbaren.(...) 'Zuletzt hat er in diesen Tagen zu uns in seinem Sohn gesprochen' (Hbr. 1,1)".

Welchen Wirbel machte man nicht um die Liturgiereform! Mit ihr sollte die unmittelbare Anteilnahme der Gläubigen geweckt werden... sagte man. In Wirklichkeit hat sie die Liturgie zu einem Happening degradiert und die Kirchen geleert. Erhellend ist in diesem Zusammenhang, was Kard. Ratzinger, selbst ein dezidierter Vertreter der Konzils-Kirche, über diese Liturgiereform geschrieben hat. Nach ihm war das Resultat der Reform Pauls VI. "in seiner konkreten Verwirklichung keine Neubelebung, sondern eine Verwüstung" (Vorwort zu Gamber "Die Liturgiereform" Le Barroux 1992, S. 6). In seiner neuesten Publikation ("Mein Leben, Erinnerungen 1927-1997" Rom 1997) äußert sich Ratzinger noch deutlicher: "Ich bin überzeugt, daß die kirchliche Krise, in der wir uns heute befinden, zum großen Teil vom Zusammenbruch der Liturgie herrührt. Ich war bestürzt über die Ächtung des alten Missale, zumal es eine solche Entwicklung noch nie in der Liturgiegeschichte gegeben hatte." Es ist bezeichnend, daß diese vernichtenden Zeilen mit großem Schweigen von den Modernisten übergangen werden.

Wir sind bei dieser allgemeinen negativen Charakterisierung nicht stehen geblieben. Die im N.O.M. enthaltenen Verfälschungen wurden früh entdeckt, gegen seine Einführung hat sich weltweit schon früh ein zwar kleiner, aber konsequenter Widerstand gebildet. Ich weise hier nur auf die "Kurze kritische Untersuchung" über den Novus Ordo Missae der beiden Kardinäle Ottaviani und Bacci hin, die ihm massive theologische Irrtümer bescheinigen. Unsere theologische Analyse deckte sich weitgehend mit denen der beiden Kardinäle, geht aber über diese noch hinaus. Das Resultat: wegen gravierender dogmatischer Irrtümer und textlicher Verfälschungen (u.a. Verfälschungen der Wandlungsworte, Veränderung der Meßintention - früher hieß es z.B. im Liedkopf der Meßgesänge: "nach der Wandlung", heute: "nach dem Einsetzungsbericht", d.h. eine Konsekration ist gar nicht mehr intendiert) kann mit dieser Liturgie kein gültiges Meßopfer gefeiert werden. (Deswegen wird in unseren Zentren nach wie vor nur der von Pius V. kodifizierte Meßritus benutzt.) Und da dieser neue Ordo, der von Paul VI. promulgiert und von seinen Nachfolgern übernommen wurde, als verbindlich für die Weltkirche vorgeschrieben wurde, muß man davon ausgehen, daß das Feiern der hl. Messe fast erloschen ist. Man stelle sich die geistigen Folgen vor: die Ader, durch die bisher Gottes Gnadenströme die Menschen heiligte, ihnen religiösen und geistigen Halt gab, ist durchtrennt, die täglichen Opfer, mit denen bisher die Welt entsühnt wurde, finden nicht mehr statt. Und das Fehlen von Gottes Gegenwart und Seiner Gnadenströme in unserer Welt wird täglich spürbarer.

Häresien haben Konsequenzen für die Amtsinhaber. Es ist z.B. völlig undenkbar, daß ein Papst als Stellvertreter Christi auf Erden leugnen dürfte, daß dieser Gottes Sohn ist. Er würde dadurch vom Glauben abfallen und ipso facto auch sein Amt verlieren. Wie soll man aber die Aussagen Johannes Pauls II. verstehen, wenn er mit dem II. Vatikanum davon redet, Christen, Juden und Muslime beten den gleichen Gott an. Diese Gleichsetzung bedeutet nicht nur die Leugnung der Einzigartigkeit der Offenbarung Gottes "in seinem Sohn" (Hbr. 1,1), sondern implizit auch die der Trinität.

Das von Johannes XXIII. angekündigte "Aggiornamento", der von Paul VI. und Johannes Paul II. gepredigte Ökumenismus, der inzwischen selbst von Teilen der Orthodoxie als Häresie verurteilt wird, haben zu einer Glaubensnivellierung bzw. in ihrem Gefolge auch Kulturnivellierung geführt, durch die bekenntnis-spezifische Glaubenspositionen bei vielen auf ein allgemeines religiöses Gefühl oder eine unbestimmte Gottesidee reduziert wurden.

Dem Abweichen vom wahren Glauben entsprechen Fehlpositionen im gesellschaftspolitischen Bereich. Dies aufzuzeigen, war ein Verdienst Donoso Cortés. In seiner Denkschrift an Kard. Fornari schrieb er schon 1852: "Sein Stolz hat dem Menschan von heute zwei Sätze zugeflüstert und beide hat er geglaubt, nämlich, daß er keinen Makel habe und daß er Gott nicht benötige; daß er stark sei und daß er schön sei. Deswegen sehen wir ihn auf seine Macht so eingebildet und in seine Schönheit so verliebt." Diejenigen, die zunächst den Ökumenismus und jetzt den Synkretismus forcieren, favorisieren als Teil ihres politischen Programms auch die multikulturelle Gesellschaft um jeden Preis.

Man kann einwenden, eine solche Position sei 'fundamentalistisch', rigoros, ja intolerant. Sie ist es! Die lebendige Wahrheit duldet keine Zweideutigkeit, sie ist eindeutig. Keiner würde als Rigorist verketzert, wenn er behauptet, daß drei und drei 6 ist und jede andere Lösung ausscheidet. Nur im Bereich der göttlichen Offenbarung soll es anders sein, soll bei den einzelnen Glaubenssätzen Wahlfreiheit bestehen: Die Menschwerdung des Gottes Sohnes wird angenommen, aber seine Allmacht abgelehnt, sein Leidensweg akzeptiert, aber seine Auferstehung dem Bereich der Fabel zugeordnet. Es wird immer wieder betont, daß sich die Menschen nach religiösen Inhalten sehnen - ein Sehnen meistens nach unverbindlichen Ideen, die nichts kosten dürfen, besonders keine Anstrengungen, Entscheidungen oder Opfer. Entweder man nimmt die Offenbarung Gottes ganz an, mit all ihren Lehren und Geboten, oder nicht! Denn wenn man auch nur einen Baustein aus dem gesamten Lehrsystem entfernt, stürzt das gesamte Gebäude ein.

Wenn Sie über diese Sachverhalte, die jeder von uns in der einen oder anderen Form sicherlich schon einmal erfahren mußte, gründlich nachdenken, verstehen Sie auch, warum es zu der allgemein beklagten Auflösung des geistigen Lebens und der äußeren Ordnung kommen konnte. Festzuhalten sind

- ein anhaltender Glaubensschwund - nur noch etwa 17% der Christen in Deutschland glauben an einen persönlichen Gott, 16% der Katholiken leugnen seine Existenz,
- ein massiver Werteverfall - nichts gilt mehr,
- ein rasanter Anstieg der Kriminalität, besonders bei Jugendlichen,
- eine große geistige Leere bei der heutigen Jugend, aber auch bei vielen Erwachsenen, die sich zu Recht verlassen und verraten fühlen, die Ersatz in Drogen oder in Sekten suchen,
- das immer häufigere Zerbrechen von Ehen - Kinder, die aus diesen Ehen hervorgehen, sind häufig sozial geschädigt,
- die Zunahme von Gleichgültigkeit, Egoismus, Streit und Kriegen weltweit.

Um das Desaster, das sich bei uns ganz offensichtlich abzeichnet, schlaglichtartig zu beleuchten, wähle ich einen Punkt, der moral-theologisch für jedermann eindeutig durchschaut werden kann: Frau Rita Süßmuth, ehemalige Bundestagspräsidentin und sog. Vorzeige-Katholikin hat sich für die Abtreibung eingesetzt und der angeblich katholische Alt-Bundeskanzler Kohl stimmte bei der Neu-fassung des § 218 StGB im Bundestag für sie - beide wären vor dem Konzil dafür exkommuniziert worden. Die offizielle katholische Kirche bleibt auch weiterhin durch die Ausstellung des Beratungsscheines - mit und ohne Zusatz - in die staatliche Abtreibungsmaschinerie involviert.

Die Reformer hatten die Mitmenschlichkeit gepredigt, um die Gottesliebe zu unterdrücken. Inzwischen ist konsequenterweise auch die Nächstenliebe erkaltet. Der Durst, die Sehnsucht nach dem Absoluten, nach der Verankerung in Gottes Liebe und Barmherzigkeit ist erloschen, das Streben nach einem gottgewollten Leben, nach Heiligkeit in Vergessenheit geraten.

Neben ähnlichen Gruppierungen auf der ganzen Welt hat sich der Freundeskreis der Una Voce als Selbsthilfegruppe von Klerikern und Laien gebildet, nachdem auf dem II. Vatikanum und in seinem Gefolge immer klarer wurde, daß die Konzilstexte und die als Reformen ausgegebenen Veränderungen Sätze enthielten, die mit der bisherigen Lehre der Kirche unvereinbar waren. Wir haben in den 60iger und zu Beginn der 70iger Jahre begonnen, die Reformen des II. Vatikanums auf den Prüfstand zu stellen, im Licht des unverkürzten Glaubens, um zunächst selbst zu einem einsichtigen und eigenständigen Urteil zu gelangen. Seit den 70iger Jahren erscheint unsere Zeitschrift EINSICHT, in der wir die Ergebnisse unserer Untersuchungen veröffentlichen, welche wir Ihnen gerne zukommen lassen. Wenn Sie unsere Sorgen teilen und darüber hinaus Auskünfte über kirchliche bzw. theologische Probleme benötigen, wenden Sie sich bitte an uns.

Wir sind weder Traditionalisten noch Progressisten oder Modernisten, sondern wir wollen schlicht integrale, katholische Christen sein. Wir wollen einen Wiederaufbau der Kirche als Heilsinstitution und eine geistige Erneuerung in und aus dem wahren christlichen Glauben.
 
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