56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. Brief an besorgte Christen
2. Den Westen zu Tode gebären
3. Warum die Einsicht Ecône unterstützt
4. Das Jahrhundert des Aases
5. Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
6. Der letzte Tag
7. Aus den geistlichen Ansprachen
8. Der hl. Joseph von Calasanza
9. Die Kruzifixe
10. Vom hl. Papst Pius X.
11. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
12. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
Das Jahrhundert des Aases
 
Das Jahrhundert des Aases

von
Leon Bloy

"Beati mortui" ("glücklich die Toten" - Offb. 14,13), hat in Patmos eine Stimme vom Himmel gerufen. Derselbe Heilige Geist, der die Seligkeit der Toten kundtut, will auch, daß man für sie bete, und dies wird in der furchterweckenden Totenliturgie anbefohlen. Ist für ein menschliches Wesen irgend etwas ebenso wichtig wie das Totsein? Gibt es einen Zustand, der liebenswerter wäre, beneidenswerter, erstrebenswerter, köstlicher, geistiger, göttlicher, schauereinflößender als der Zustand eines Toten, eines wahren Toten, den man in die Erde legt und der schon vor Gott erschienen ist, um gerichtet zu werden? Denn nun ist es doch zu Ende mit den alltäglichen Zufälligkeiten, mit den Verpfichtungen der Welt gegenüber und mit der Weisheit der Dummköpfe.

Es kommt nur darauf an, zu wissen, ob man im Herrn gestorben ist. Man ist vom Absoluten verschluckt. Man ist absolut glücklich oder absolut unglücklich, und man weiß es absolut. Was ist da noch Gemeinsames zwischen einer solchen Seinsform, in der alles groß ist, und der elenden Hinfälligkeit der modernen Kunstgriffe, sich mit dem Nichtseienden zu verbünden. Ach, wieviel eher kommt der Name Aas doch den Passagieren des neunzehnten Jahrhunderts zu, und wie paßt dieses stinkende Jahrhundert zu ihrem Schiff! Erinnert ihr euch an das grauenvolle Bild, das Edgar Poe ersonnen hat: Schiffbrüchige begegnen mitten auf dem Ozean einem Sohiff, das für sie die Rettung bedeuten würde, aber die Mannschaft dieses Schiffes ist verwest, und die Pest zieht hinter ihr her? Es wird nicht gesagt, ob jene Leute im Herrn gestorben sind. Man erfährt nichts darüber, man verzichtet sogar auf jede Mutmaßung.

Die Verfaulten des neunzehnten Jahrhunderts, die das zwanzigste Jahrhundert zum Ersticken bringen werden — wenn das Feuer nicht dazwischenkommt —, sind nicht so namenlos wie jene aus der Geschichte des dämonengejagten Dichters. Jeder von uns hat diese fürchterlichen Reisenden nur zu gut kennengelernt, und wir werden nicht fertig, ihre Geschichte zu erzählen. Aber wozu? Schon seit sehr langem fehlt mir der Schwung, und ich frage mich, welche Hilfe euch ein so mutlos gewordener Auskehrer bieten könnte? Vor etwa zwanzig Jahren glaubte ich, man könne, ich will nicht sagen reinigen, aber wenigstens etwas säubern. Heute suche ich voll Bitterkeit ein armes Abbild Gottes, das sich ebenso vollständig geirrt hätte. Offen gesagt, es ist zuviel Dreck, selbst für zwei, selbst für zweihunderttausend.

Ich komme auf das Wort Aas zurück, das nicht gerade fein und dessen Lieblichkeit bestreitbar ist und das nur selten in katholischen Salons zur Anwendung gelangt; aber es ist das einzige, was meinen Gedankengang auszudrücken vermag. Kann mir denn einer ein anderes Wort nennen, das mir dazu dienen könnte, die Abscheulichkeiten hier genau genug zu bezeichnen und ihnen gerecht zu werden?

Die kleine Zahl lebendiger Seelen, denen das Blut Jesu noch etwas bedeutet, steht einer unbegreiflich großen Menge gegenüber, die bis heute nicht vorstellbar war. Es ist "die Schar, die niemand zählen kann, aus den Völkern, die vor dem Throne stehen, vor dem Angesicht des Lammes, angetan in weiße Kleider und mit Palmen in den Händen". (Offb. 7,9) Diese Völker sind die modernen Katholiken.

Endlos schreiten sie über die Wiese dahin, die vor dem Himmelstor liegt. Und dann wird man plötzlich gewahr, daß die Vögel aus den Wolken herabfallen, daß die Blumen verdorren, daß alles bei ihrem Vorübergehen stirbt, daß schließlich eine Schleimspur von Fäulnis sich hinter ihnen herzieht, und wenn man sie anrührt, scheint man auf ewig angesteckt zu sein wie Philoktet. Das ist die Prozession des Aases. Ich frage noch einmal, gibt es denn ein anderes Wort dafür? Dieser Greuel gehört dem neunzehnten Jahrhundert an. In anderen Zeitläuften fiel man offen und ehrlich vom Glauben ab. Man war unbefangen und entschlossen ein Abtrünniger. Man empfing den Leib Christi und ging dann hin, ihn ohne viel Feilschen zu verkaufen, wie man einem Armen zu Hilfe gekommen wäre. Das war, kurz gesagt, ein sauberes Geschäft, und man war mit schöner Freimütigkeit ein Judas. Heute ist das ganz anders; aber bevor ich fortfahre, bitte ich euch und jene, die mich einmal lesen werden, steht mir bei mit euren Gebeten.

Seit zwanzig Jahren wiederhole ich es in jeder meiner Schriften. Noch nie hat es etwas so Hassenswertes, so ganz und gar Fluchwürdiges gegeben wie das zeitgenössische katholische Kirchenvolk — wenigstens in Frankreich und in Belgien, und ich versage mir die Frage, was wohl das Feuer vom Himmel mit größerer Sicherheit herabrufen könnte. Wenn eine Tatsache bekannt und unerklär-bar ist, so jene, daß Gott dies alles zuläßt. Das ist eine ausgemachte Sache. Ich will hier nicht von dem Blutschweiß reden oder von irgend einem anderen Geheimnis der Passion; das alles glaube ich schon in meiner Kindheit gesehen zu haben, als eine alte Verwandte, die mich auf ihrem Schoß ein-wiegte, zu mir sagte: "Wenn du nicht artig bist, spucken dir die Juden ins Gesicht." Ich will auch nichts anderes ins Gedächtnis zurückrufen, was in Gethsemane Furcht erregte aber nicht vergessen soll der erstaunliche Hohn sein, die unverzeihliche und beispiellose Lästerung, mit welcher der schmutzige Apostel das Zeichen zum Beginn der göttlichen Qualen gibt: "Osculetur me osculo oris sui." (Hohelied 1,1)

Um es bei dieser Gelegenheit beiläufig zu sagen, wann wird denn der Bibelausleger, der unvergleichliche Erklärer kommen, durch den wir endlich erfahren werden, daß das Hohelied Salomonis einfach eine vorweggenommene Erzählung der Passion ist, einige dreißig Generationen vor den vier Evangelien? Noch einmal also, Gott läßt das alles zu — nur eines nicht. "Non patietur vos tentari supra id quod potestis" (Kor. 10,13). Alles, aber nicht dies eine: "Gott läßt es nicht zu, daß ihr über eure Kräfte versucht werdet." Nun, man könnte glauben, daß wir so weit sind, und zwar schon seit langem. Es ist niederschmetternd.

Ich erkläre im Namen einer ganz kleinen Gruppe von Menschen, die Gott lieben und entschlossen sind, wenn es sein muß, für ihn zu sterben, daß der Anblick der modernen Katholiken eine Versuchung ist, die über unsere Kräfte geht. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß meine Kräfte sehr abgenommen haben. Ich werde jetzt vierundfünfzig Jahre alt, und seit wenigstens dreißig Jahren sehe ich die Katholiken die übelsten Schmutzereien begehen. Ich will gern, daß diese Schweine meine Brüder seien oder wenigstens meine Vettern, da ich, wie sie, katholisch bin und verpflichtet, demselben Hirten zu gehorchen, der ohne Zweifel ein verlorener Sohn ist; aber wie sollte man nicht aufspringen, nicht entsetzliche Schreie ausstoßen?...

Ich lebe oder, richtiger gesagt, ich vegetiere schmerzlich und wunderbarerweise hier in Dänemark, ohne Möglichkeit, zu entrinnen, unter unheilbaren Protestanten, die etwa dreihundert Jahre lang von keinem Licht mehr getroffen wurden, seit ihre Nation, ohne eine Sekunde zu zögern, auf die Stimme eines davongelaufenen Mönches sich in einem Massenaufstand erhoben hat, um Jesus Christus zu verleugnen. Die Schwächung der Vernunft bei diesen armen Menschen ist eines der erschreckendsten Wunder der göttlichen Gerechtigkeit. Ihre Unwissenheit übersteigt alles, was man sich vorstellen kann. Sie sind so weit, nicht ein einziges umfassendes Gedankenbild mehr formen zu können und ausschließlich in abgegriffenen Gemeinplätzen zu leben, die sie ihren Kindern hinterlassen, als seien es Neuheiten. Finsternis über Gräbern.

Aber die Katholiken! Geschöpfe, die groß geworden und erzogen sind im Licht, keinen Augenblick im unklaren darüber gelassen, daß sie in einem erschreckenden Stand der Bevorrechteten leben; sie können gar nicht immer nur dem Irrtum begegnen, so sehr hat die Gemeinschaft, in der sie leben — mag sie zerstört sein, wie sie ist —, noch göttliche Einheit bewahren können! Geistige Wesen, in die gleich den Schalen der von Gott Eingeladenen nur der starke Wein der wahren Lehre unvermischt gegossen wurde!... Diese Wesen, sage ich, sind freiwillig in die finsteren Räume hinabgestiegen, noch tiefer als die Häretiker und die Ungläubigen, angetan mit dem Geschmeide des Hochzeitsfestes, um dort entsetzliche Götzenbilder verliebt zu küssen!

Feigherzigkeit, Geiz, Dummheit, Grausamkeit. Nicht lieben, nicht geben, nicht sehen, nicht begrei-fen, und, so viel man kann, Leiden verursachen! Genau das Gegenteil des "Nolite conformari huic saeculo" ("Machet euch nicht gleichförmig diesem Jahrhundert" - Röm. 12,2). Die Verachtung dieses Gebotes ist unzweifelhaft das Vollendetste an Unseligkeit, was der menschliche Wille fertiggebracht hat, seit das Christentum verkündet wird... Ich kenne nichts, was meinen Ekel so erregt, wie über diese Elenden zu sprechen, die das LEIDEN des Heilandes noch klein erscheinen lassen, so sehr sieht es danach aus, daß sie imstande gewesen wären, es besser zu machen als die Henker von Jerusalem...

Wollt ihr, daß wir von ihren Armen sprechen, nur von ihren Armen, zu denen ich die Ehre habe zu gehören? Eines Tages begegnete mir in Paris eine Meute sehr schöner Hunde, die irgend einem schlechten Apostel gehörten, der seinen Herrn für sehr viel mehr als dreißig Silberlinge zu verkaufen verstanden hatte. Ich habe davon gesprochen, ich weiß nicht mehr wo. Ich habe der maßlosen und tiefen Empörung mit Worten Ausdruck geben müssen, der Regung eines ungeheuren Hasses, der in mir beim Anblick dieser sechzig oder achtzig Hunde aufstieg, die täglich das Brot von sechzig oder achtzig Armen fraßen. Damals war ich noch sehr jung, aber schon sehr vom Hunger gepeinigt, und ich erinnere mich recht genau, daß ich mich vergeblich bemühte, der Armen Geduld zu begreifen, der man derartige Herausforderungen zumuten konnte, und daß ich mit knirschenden Zähnen nach Hause kam. Ach, ich weiß es wohl, daß der Reichtum der entsetzlichste Bannfluch ist, daß den Verdammten, die ihn zum Schaden der schmerzgepeinigten Glieder Jesu Christi besitzen, unfaßbare Qualen verheißen sind, und daß jemand ihnen die Behausung des Heulens und des Entsetzens frei hält. Ja, sicherlich ist diese biblische Gewißheit erquickend für jene, die in dieser Welt leiden. Aber wenn man über das gegenseitige Aufeinanderbezogensein der Schmerzen nachsinnt und sich bewußt macht, daß zum Beispiel ein kleines Kind in einem eisigen Zimmer von Hunger gequält werden muß, damit eine entzückende Christin nicht der Lust an einer erlesenen Mahlzeit vor einem warmen Ofen beraubt ist; ja dann wird es einem schon etwas lang, zu warten, und wie verstehe ich es, daß die Verzweifelten sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen suchen!

Ich habe zuweilen geglaubt, jene Meute, die mich in meiner Erinnerung verfolgt, sei eines der schmerzhaften Bilder, die sich durch den Traumgrund meines Lebens ziehen, und ich habe mir gesagt, dieses wilde Rudel sei auf eine besondere Weise - viel genauer, als man glauben könnte - dazu da, den Armen zu jagen. Schrecklicher Alpdruck! Hört ihr das Konzert in dem festlichen Palast, die Musik, die Instrumente der Freude und der Liebe, welche die Menschen glauben machen, daß ihr Paradies nicht verloren ist! Nun, für mich ist das immer die Fanfare zum Loslassen der Meute, das Signal zur Parforcejagd. Gilt es heute mir? Gilt es meinem Bruder? Und wie sollen wir uns verteidigen?

Aber jene Grausamen, deren laute Freude den Armen in Angstschweiß versetzt, sind immerhin Katholiken, Christen wie er, nicht wahr? Und alles, was das Zeichen Gottes auf Erden trägt, die Kreuze am Wegesrand, die frommen Bilder der alten Zeiten, der Turm einer schlichten Kirche am Horizont, die Toten, die auf dem Friedhof ruhen und ihre Hände in den Gräbern falten, selbst die Tiere, die über die Bosheit des Menschen in Erstaunen geraten und aussehen, als ob sie Kain in den stillen Seen ihrer Augen ertränken wollen;... alles verwendet sich doch für den Armen, und alles verwendet sich vergebens. Die Heiligen, die Engel richten nichts aus; selbst die Gottesmutter wird schroff abgewiesen; und der Jäger verfolgt sein Opfer ohne den blutüberströmten Heiland auch nur bemerkt zu haben, der herbeigeeilt ist und ihm seinen Leib darbietet!...

Ich bin mit diesem Versuch eines Gleichnisses nicht zufrieden, es vermittelt nur schlecht den Eindruck dessen, was ich denke, und vor allem dessen, was ich fühle. Aber was tut es? Vom Absoluten her, das mein Standort ist, kann ich im Reichen, und vor allem im katholischen Reichen, unmöglich etwas anderes sehen als den Verfolger und Verschlinger des Armen. So spricht auch der Heilige Geist von ihm, und es ist genau dieselbe Schau, auf welche die kümmerliche Wissenschaft hinzielt, die man Nationalökonomie hat nennen wollen.

Es ist für die Vernunft unerträglich, daß der eine Mensch mit Reichtümern vollgestopft geboren wird und der andere auf dem Grunde einer Dunggrube. Das Wort Gottes ist aus Widerwillen gegen diese Welt in einen Stall herabgekommen, die Kinder wissen es, und alle Klügeleien der Dämonen werden an dem Mysterium nichts ändern, daß die Freude des Reichen zum LEBENSMARK den Schmerz des Armen hat. Wenn man das nicht versteht, ist man ein Dummkopf in Zeit und Ewigkeit. - Ein Dummkopf in Ewigkeit!

Ach, wenn die modernen Reichen noch echte Heiden wären, erklärte Götzendiener! es wäre nichts dagegen zu sagen. Ihre oberste Pflicht wäre dann offenbar, die Schwachen zu vernichten, und die der Schwachen wäre es ihrerseits, die Reichen umzubringen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Aber sie wollen ja trotz allem Katholiken sein, und was für Katholiken! Sie maßen sich an, ihre Götzen noch in den anbetungswürdigen heiligen Wunden zu verstecken ! ...

Und ihr wollt, daß ich sie nicht als Aas bezeichne!

(aus: Mon journal II)

 
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