56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. Brief an besorgte Christen
2. Den Westen zu Tode gebären
3. Warum die Einsicht Ecône unterstützt
4. Das Jahrhundert des Aases
5. Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
6. Der letzte Tag
7. Aus den geistlichen Ansprachen
8. Der hl. Joseph von Calasanza
9. Die Kruzifixe
10. Vom hl. Papst Pius X.
11. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
12. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
 
Die Berufung  des Matthäus
des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes


- NACH DEN VISIONEN DER GOTTSELIGEN

ANNA KATHARINA EMMERICH -

Jesus aber ging einen Weg am Seeufer rechts ab mit den Jüngern, so daß sie in einiger Entfernung von Matthäi Haus vorüberkamen. Von diesem Weg lenkte aber ein Seitenpfad nach der Zollstätte des Matthäus; und da Jesus sich dahin wendete, blieben die Jünger scheu stehen. Als Matthäus, vor dessen Zollhaus Knechte und Zöllner mit allerlei Waren beschäftigt waren, Jesus und die Jünger von der Anhöhe zu ihm kommen sah, schämte er sich und zog sich in seine Hütte zurück. Jesus aber nahte und rief ihm über den Weg. Da kam Matthäus eilends heraus, warf sich vor Jesus auf sein Angesicht nieder und sagte, er habe sich nicht würdig geglaubt, daß Jesus mit ihm rede. Jesus aber sagte ihm: "Matthäus stehe auf und folge mir nach!" Und Matthäus stand auf und sagte, daß er alles sogleich mit Freuden verlassen und ihm folgen wolle. Er ging nun mit Jesus auf den Weg, wo die Jünger standen. Diese grüßten ihn und reichten ihm die Hände; besonders waren Thaddäus, Simon und Jakobus der Kleinere froh, denn sie waren vom Vater Alphäus her Brüder, der vor seiner Ehe mit Maria Kleophä Tochter den Matthäus mit einer früheren Frau gehabt hatte. Matthäus wollte, daß alle seine Gäste sein sollten. Jesus sagte ihm aber, daß sie morgen zu ihm kommen wollten, und so gingen sie weiter.   

Matthäus eilte nach seinem Hause zurück, welches eine Viertelstunde vom See an einer Bucht der Anhöhe liegt. Das Flüßchen, das von Gerasa in den See läuft, fließt nahe dabei vorüber. Es hat Aussicht auf den See und auf das Feld. Matthäus setzte gleich einen guten Mann von Petri Schiff an seine Stelle, das Amt bis zur näheren Anordnung zu verwalten. Er war verheiratet und hatte vier Kinder. Er sagte seiner Frau freudig das Glück, das ihm widerfahren, und wie er alles verlassen und Jesu ganz folgen wolle, worüber auch sie voll Freude war. Hierauf befahl er ihr, die Mahlzeit auf morgen zu bereiten und beschäftigte sich selbst mit den Einladungen und Anordnungen dazu. Matthäus war schier so alt wie Petrus und hätte wohl seines jüngeren Halbbruders Joses Barsabas Vater sein können. Er war ein schwerer, starkknochiger Mann mit schwarzem Bart und Haar. Seit er Jesus auf dem Weg nach Sidon kennengelernt, hatte er die Johannestaufe empfangen und sein ganzes Leben nach der größten Gewissenhaftigkeit eingerichtet.   

Tags darauf kam Jesus gegen Mittag mit den Jüngern zu Matthäi Haus zurück, wo viele eingeladene Zöllner versammelt waren. Unterwegs schlossen sich ihm einige Pharisäer und Johannesjünger an, die aber nicht mit in das Haus, sondern draußen mit den Jüngern im Garten umhergingen und ihnen sagten: "Wie könnt ihr es dulden, daß er sich immer mit Sündern und Zöllnern so vertraut macht?" Da antworteten diese: "Sagt es ihm selber!" Die Pharisäer aber erwiderten: "Mit einem Menschen, der immer recht haben will, kann man nicht sprechen."   

Matthäus empfing Jesus und die Seinigen gar liebevoll und demütig und wusch ihnen die Füße. Seine Halbbrüder umarmten ihn herzlich. Er brachte Jesu sein Weib und seine Kinder. Jesus sprach mit ihr und segnete die Kinder; hernach erschienen die Kinder nicht mehr. Ich habe mich oft gewundert, daß die Kinder, wenn er sie gesegnet hatte, gewöhnlich nicht mehr zum Vorschein kamen. Ich sah aber, daß Jesus saß und Matthäus vor ihm kniete, und daß Jesus ihm die Hand auflegte, ihn segnete und belehrende Worte dabei sprach. Matthäus hatte sonst Levi geheißen und erhielt jetzt den Namen Matthäus. Es war eine große Mahlzeit an einer ins Kreuz gestellten Tafel in offener Halle. Jesus saß von den Zöllnern umgeben; man stand in Zwischenräumen auf und besprach sich und saß wieder nieder bei neuen Gerichten. Es kamen vorübergehende arme Reisende heran, denen die Jünger Speise mitteilten. Es führte hier die Straße zur Überfuhr vorüber. Dazwischen nahten die Pharisäer den Jüngern, und es traten die Reden und Widerreden ein, welche im Evangelium des heiligen Lukas 5, 30-39 stehen. Sie sprachen aber hauptsächlich vom Fasten, weil am Abend bei strengen Juden ein Fasttag eintrat wegen der Verbrennung der Bücher Jeremiä durch König Joachim und auch deshalb, weil es bei den Juden in Judäa besonders nicht gewöhnlich war, auf dem Wege Früchte abzupflücken, was Jesus seinen Jüngern erlaubte. Als Jesus die Antworten gab, lag er zu Tisch mit den Zöllnern; die Jünger aber, an welche die Reden der Pharisäer gingen, standen und wandelten umher. Jesus wendete das Haupt und antwortete.

Als Jesus am folgenden Morgen an den See ging, von dem die Wohnung des Matthäus eine Viertelstunde entfernt lag, waren Petrus und Andreas im Begriff, in den See hinauszufahren und ihre Netze auszuwerfen. Jesus aber rief ihnen zu: "Kommt und folget mir! Ich will euch zu Menschenfischern machen." Sie ließen sogleich ihre Arbeit, legten das Schiff an und kamen ans Ufer. Jesus aber ging noch eine Strecke weiter am Ufer zu des Zebedäus' Schiff, der mit seinen Söhnen, Jakobus und Johannes die Netze auf dem Schiff in Ordnung brachte. Er rief auch ihnen, zu kommen, und sie kamen gleich ans Land. Zebedäus blieb mit den Knechten im Schiffe.   

Nun sendete sie Jesus in das Gebirge mit dem Befehle, die dort gelagerten Heiden, welche es verlangen würden, zu taufen. Er hatte sie gestern und vorgestern schon vorbereitet.

Jesus hatte die Fischer schon früher von ihrem Geschäft förmlich abberufen; doch waren sie mit seinem Willen immer wieder dahin zurückgekehrt. So lange sie nicht selber lehrten, war es auch nicht nötig, daß sie ununterbrochen mit ihm zogen; auch war ihre Schiffahrt und ihr Verkehr mit den heidnischen Karawanen dem Aufenthalt Jesu in Kapharnaum sehr nützlich. Als sie nach den vorigen Ostern längere Zeit hindurch mit Jesus gewesen waren, hatten sie wohl da und dort schon gelehrt und selbst geheilt; doch war das letztere ihnen nicht immer gelungen aus Mangel an Glauben. Sie hatten auch Verfolgung schon erlitten; denn in Gennabris waren sie gebunden vor die Pharisäer geführt und gefangengehalten worden. Sie hatten damals auch von Jesus die Vollmacht empfangen, das Wasser zur Taufe zu segnen. Er hatte ihnen diese Vollmacht nicht durch Handauflegung, sondern mit einer Segnung gegeben.   

Petrus hatte nicht bloß mit der Schiffahrt zu tun, sondern besaß auch Feldwirtschaft und Vieh; darum wurde es ihm schwerer als den anderen, von seinem Hauswesen sich loszumachen. Dazu kam noch das Gefühl seiner Unwürdigkeit und seines vermeintlichen Unvermögens zum Lehren, was ihm die Trennung noch mehr erschwerte. Sein Haus vor Kapharnaum war groß und lang und mit einem Hof und Seitengebäuden, Hallen und Schuppen umgeben. Der vorüberfließende Bach von Kapharnaum war zu einem hübschen Teich gestaut, worin Fische bewahrt wurden. Umher waren Rasenplätze, auf welchen gebleicht und Netze ausgespannt wurden.   

Andreas war schon länger und mehr vom Geschäft getrennt. Jakobus und Johannes kehrten bis jetzt auch immer wieder zu ihren Eltern zurück.   

Da die Evangelien den umständlichen Lebenswandel Jesu mit den Jüngern nicht enthalten sollten, sondern nur einen kurzen Auszug, so wurde dieses Abberufen der Fischer von ihren Schiffen und vom vorgehabten Fischzuge zum Fischen der Menschen, als den ganzen Beruf des heiligen Petrus, Andreas, Johannes und Jakobus umfassend, an den Anfang hingesetzt; manche Wunder, Parabeln und Lehren Jesu aber als eine Beispielsammlung danach, ohne eine bestimmte Ordnung der Zeit.

Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes zogen nach dem Lagerplatz der Heiden, wo Andreas taufte. Aus dem Bache wurde Wasser in einem Becken gebracht; die Täuflinge schlossen einen Kreis und knieten nieder mit vor der Brust gekreuzten Händen. In dem Kreise standen auch Knaben von drei bis sechs Jahren. Petrus hielt das Becken, und Andreas sprengte mit der Hand schöpfend dreimal drei Täuflingen über das Haupt und sprach die Taufworte; die andern Jünger gingen von außen herum und legten ihnen die Hände auf. An die Stelle der Getauften traten immer wieder neue ein. Es wurden dazwischen Pausen gemacht, und die Jünger erzählten die ihnen schon gangbaren Parabeln, sprachen von Jesus, seinen Lehren und Wundern und erklärten den Heiden, was sie noch nicht von den Gesetzen und Verheißungen Gottes wußten. Petrus konnte besonders eifrig und mit vieler Aktion erzählen; auch Johannes und Jakobus sprachen sehr schön. Jesus lehrte in einem andern Tale, und bei ihm taufte Saturnin.   

Als alle am Abend wieder in des Matthäus Haus zusammen kamen, waren hier noch sehr viele Menschen, welche Jesus drängten; deswegen bestieg er mit den zwölf Aposteln und Saturnin das Schiff Petri und befahl ihnen, gegen Tiberias zu fahren, welche Richtung über die ganze Breite des Sees führt. Es schien, als wolle Jesus von dem Andrange der Leute ausruhen, denn er war sehr ermüdet. Er lag in der mittleren Terrasse der stufenförmigen Umgebung des Mastbaumes in einem der Behälter, wo die Wächter gewöhnlich liegen, und war eingeschlafen, so müde war er. Die Rudernden standen über ihm. Man konnte von diesen Ruhestellen frei heraussehen, und oben war man bedeckt. Es war ganz still und schön, als sie abfuhren.

Sie waren ungefähr mitten auf dem See, als ein heftiges Ungewitter entstand. Es war mir seltsam, daß der Himmel ganz schwarz war und man doch die Sterne sehen konnte. Es war ein schrecklicher Wind, und die Wellen schlugen ins Schiff; das Segel hatten sie herabgelassen. Ich sah auch oft einen lichten Schein über das bewegte Wasser hinfliegen; es muß geblitzt haben. Die Gefahr wurde immer größer, die Jünger waren in großer Angst, weckten Jesus und sagten: "Meister, bekümmerst du dich nicht um uns? Wir gehen zugrunde!" Da richtete sich Jesus auf, schaute hinaus und sagte ruhig und ernst, als rede er mit dem Sturme: "Schweige! Verstumme!" Da ward eine plötzliche Stille, alle erschraken und fragten einander flüsternd: "Wer ist er, daß er den Wellen gebieten kann?" Er aber verwies ihnen ihren geringen Glauben, daß sie sich gefürchtet hätten und befahl ihnen, gen Chorazin zurückzufahren, so heißt die Gegend von Matthäi Zollstätte wegen der Stadt Chorazin, wie jenseits die Gegend von Kapharnaum bis gegen Gischala Genezareth genannt ist. Des Zebedäus' Schiff kehrte auch mit zurück; ein anderes mit Überfahrenden fuhr nach Kapharnaum.

(aus: "Das arme Leben unseres Herrn Jesu Christi" nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustinerin des Klosters Agnetenberg zu Dülmen, Aschaffenburg (Pattloch) 1971, S. 306 ff.)
 
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