56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. Brief an besorgte Christen
2. Den Westen zu Tode gebären
3. Warum die Einsicht Ecône unterstützt
4. Das Jahrhundert des Aases
5. Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
6. Der letzte Tag
7. Aus den geistlichen Ansprachen
8. Der hl. Joseph von Calasanza
9. Die Kruzifixe
10. Vom hl. Papst Pius X.
11. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
12. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
Aus den geistlichen Ansprachen
 
Aus den geistlichen Ansprachen

von
Gregor dem Sinait (1255-1346)


BELEHRUNGEN ÜBER DIE GOTTVERSENKUNG UND DAS GEBET

Beharrlichkeit in der Gottversenkung
Trotz der Unbequemlichkeit bleibe beharrlich längere Zeit auf deinem Schemel sitzen, dann erst strecke dich auf deinem Lager aus, aber nur selten, so nebenbei, um dich zu entspannen. Du wirst geduldig sitzend ausharren wegen des Wortes: »Sie verharrten im Gebete« (Apg. 1, 14). Aus Bequemlichkeit oder wegen des fühlbaren Schmerzes, den der ununterbrochene Gebetsruf aus der Tiefe des Gemütes dir verursacht, darfst du nicht eilen, dich zu erheben. Der Prophet sagt: »Es wird uns angst und bange werden wie einer Gebärenden« (Jer. 6,24). Bist du von Angst und Weh bedrückt, so sammle deinen Geist in deinem Gemüte: und wenn du Jesus Christus zur Hilfe rufst, wird er sogleich aufgeheitert. Trotzdem die Schultern und der Kopf schmerzen, hältst du in deinem glühenden Verlangen, in der Tiefe deines Gemütes den Herrn zu suchen, aus.

Wie soll man beten?
Die Väter geben den Rat, daß die einen die ganze Zeit beten, die anderen die halbe Zeit, was in Anbetracht der Schwäche des Geistes viel leichter ist. »Niemand kann sagen, Jesus ist der Herr, außer im Heiligen Geiste« (I. Kor. 12,3). Ein kleines Kind kann nur stammeln und die einzelnen Worte noch nicht bilden. Es ist nicht angebracht, die Gebetsrufe, um der Trägheit nachzugeben, zu wechseln, sondern um der Beharrlichkeit wegen. Einige Väter belehren uns weiter, den Gebetsruf entweder mündlich oder im Geiste zu sprechen. Ich rate das eine und das andere; denn bald wird der Geist, bald werden die Lippen müde. Man bete also nach beiden Arten, mit dem Geiste und mit den Lippen. Doch spreche man den Gebetsruf langsam aus und ohne Aufregung, damit weder die Stimme verschwendet wird noch die Ergriffenheit und Achtsamkeit des Geistes verwehen. Eines Tages wird der Geist beherrscht sein, er macht Fortschritte und empfängt die Kraft des Heiligen Geistes, um sich ganz innig in das Gebet zu versenken. Dann wird es keines Wortes mehr bedürfen, ja, der Geist wird zum Worte unfähig sein und er wird seine Freude daran haben, ausschließlich und vollkommen das geistige Gebet zu üben.

Wie man seinen Geist beherrschen lernt
Keiner, das wisse, kann aus eigener Kraft seinen Geist beherrschen, wenn der Heilige Geist ihn nicht zuerst beherrscht: denn unser Geist ist ohne Beherrschung. Nicht als wenn er es von Natur aus wäre, sondern die Erbsünde hat ihn mit einer Anlage zur Zuchtlosigkeit belasset. Die Übertretungen der Gebote Gottes haben uns von ihm getrennt. Wir verloren dadurch zugleieh das feine geistige Gespür nach Gott. Der Geist, der von Gott getrennt war, wurde irregeführt und läßt sich jetzt unaufhörlich gefangennehmen. Nur durch die Unterwerfung unter Gott und durch Anschluß an ihn kann er wieder Ruhe finden und sich mit Gott freudig vereinen. Wenn der Mensch Gott ständig und beharrlich bittet, täglich ihm seine Sünden bekennt, dann erhält er Verzeihung. Die Beherrschung des Atems, das Schweigen bringen den Geist aber nur teilweise in Zucht; denn immer wieder ist er von neuem zerstreut. Was überraschend auf die Gebetsübungen hereinbricht, kommt gerade von dem, der ihn beherrschen und bewachen soll. Es kann vorkommen, daß der Geist auf das Gebet gerichtet unerschütterlich im Gemüte bleibt, trotzdem die schweifende Einbildungskraft sich mit einer anderen Sache beschäftigt. Sie gehorcht nämlich nur denen, die im Heiligen Geiste zur Vollkommenheit herangereift sind und in Christus Jesus die Leidenschaftslosigkeit erlangt haben.

(aus "Kleine Philokalie - Belehrungen der Mönchsväter der Ostkirche über das Gebet" Einsiedeln 1956, S.158 ff. - Gregor stammte aus Kleinasien und trat zuerst auf der Insel Cypern in ein Kloser ein. Dann zog er auf die Halbinsel Sinai, wo er in strenger Askese lebte. Später kam er auf den heiligen Berg Athos. Dort setzte er sich unter den Mönchen für die Wiedererweckung des »geistigcn Gebetes« ein. Später mußte er wegen Streitigkeiten, die um die Gebetsmethoden entstanden, flüchten. Er ging auf eine lange Wanderschaft und kam zuletzt nach Bulgarien, wo er ein Kloster gründete, in dem er endlich Ruhe fand. Hier starb er.)

***

Aus dem Leben des Wüstenvaters Agathon

berichtet von
Nicephorus, dem Einsiedler aus dem 13. Jahrhundert

Ein Bruder fragte den Abt Agathon: »Vater, sage uns, was ist von beiden das Bessere, die körperliche Arbeit oder die Wachsamkeit über das Innere?«
Agathon antwortete: »Der Mensch gleicht einem Baume. Die körperlichen Arbeiten bilden seine Blätter, Wachsamkeit über sein Inneres ist die Frucht. Jeder Baum aber, so steht geschrieben, der keine guten Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« Es folgt daraus, daß unser Abmühen Früchte bringen muß. Darum bestrebt euch, die Wachsamkeit zu üben. Doch auch der angenehme Schatten der Blätter ist nötig, darum pflegt die körperliche Arbeit. Beachtet, was unser Heiliger über diejenigen sagt, welche den Geist nicht bewachen. Die sich nicht über das tätige Leben erheben können, denen ruft er zu: »Jeder Baum, der keine Früchte bringt, d.h. der nicht über seinen Geist wacht und der nur Blätter trägt, d h. wer nur ein tätiges Leben führt, der wird ausgehauen und ins Feuer geworfen.« Mein Vater, ein furchtbares Wort.

(aus "Kleine Philokalie - Belehrungen der Mönchsväter der Ostkirche über das Gebet" Einsiedeln 1956, S. 125 f.)

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